cover

FRAUEN IM SINN

 

logo

Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Leslie Larson

Turbulenzen

Roman

 

 

Aus dem Englischen
von Andrea Krug

K+S digital

Für Carla

»Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.«

Novalis

Dienstag, 19. November

1

Wylie machte sein Auge wieder zu schaffen. Sein Auge und das Handgelenk, das er sich vierzig Jahre zuvor gebrochen hatte, als er während der Fahrt hinten vom Pick-up seines Vaters gefallen war. Er war elf gewesen. Jetzt schmerzte es, wann immer sich Regen ankündigte. Wie ein gottverdammtes Barometer. Er presste eine Limette über einem Bombay Tonic aus und ließ den Blick über die Abfertigungshalle schweifen, wo der Strom der morgendlichen Geschäftsreisenden allmählich nachließ. Die Schlange an der Sicherheitskontrolle hatte sich nahezu aufgelöst. Er sah zu, wie sich ein massiger Mann, dessen grauer Geschäftsanzug ihn wie einen Elefanten aussehen ließ, unbeholfen bückte, seine Schuhe auszog und den Metalldetektor passierte. Die Sicherheitsbeamten in ihren khakifarbenen Uniformen und Latexhandschuhen standen plaudernd hinter den Röntgengeräten und stapelten Plastikkörbe ineinander, während sie auf den nächsten Ansturm von Passagieren warteten. Wylie servierte dem Gast seinen Drink, nahm das Geld entgegen und tippte die Summe in die Kasse. Von seinem Platz hinter der Theke hatte er einen guten Blick auf die Reisenden, die von den Ticketschaltern herbeiströmten und den Pavillon durchquerten, in dem sich seine Bar befand, zusammen mit einem See’s Süßwarenstand, dem Espresso-Ausschank unter dem großen Schirm, einem Zeitungs- und Souvenirladen, der La Paz Cantina und einem Geschäft, in dem man Mitbringsel für Hunde kaufen konnte. Am anderen Ende zwängten sich die Passagiere durch das Nadelöhr der Sicherheitskontrolle, wurden durch Metalldetektoren geschleust und an der anderen Seite wieder ausgespien, wo sie ihre Habseligkeiten zusammenklaubten und zu den Gates verschwanden.

Wylies Augenlid flatterte und zuckte, als sei ein Käfer unter der Haut gefangen. Stress, dachte er, obwohl ihm kein Grund einfiel, warum er nervös sein sollte. Eine magere Frau mit viel zu dunklem Teint bestellte einen Screwdriver. Wylie zählte die Eiswürfel, während er sie in das Glas fallen ließ, kein gutes Zeichen. Nicht fünf, nicht neun. Sieben. Sonst konnte wer weiß was geschehen. Er fügte einen weiteren hinzu, acht, sich selbst zum Trotz. Um das Syndrom kurzzuschließen. Doch kurz bevor er den Drink servierte, fischte er ihn wieder heraus. Wenn das Unheil hereinbrach, sollte sein letzter Gedanke nicht sein: Ich hätte es bei sieben belassen sollen. Bitteschön, sagte er sich.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Pavillons saßen Menschen auf Reihen von schwarzen Plastiksitzen und warteten auf das Auftauchen der eintreffenden Passagiere aus den Ankunftsgates. Um diese Zeit, kurz vor zehn Uhr morgens, waren die Sitzreihen nahezu leer. Die Geschäftsreisenden mit ihren akkuraten Anzügen und dem üppig aufgetragenen Eau de Cologne, gelegentlich ein Fleckchen getrocknetes Blut auf den frischrasierten Gesichtern, waren bereits auf dem Weg nach San Francisco oder New York. In Kürze würden Familien mit quengelnden Kindern hereinkommen, zusammen mit Menschen, die auf dem Weg zu einer Hochzeit oder einer Beerdigung oder in die Flitterwochen waren, und mit ausländischen Touristen, die heimflogen, nachdem sie Disneyland, Hollywood und den Pazifik gesehen hatten. Die Sitzreihen würden sich mit Menschen füllen, die Zeitung lasen und ihre Kinder ruhig zu halten suchten, während sie warteten und jedes Mal nervös aufblickten, wenn ein neuer Strom von Ankömmlingen mit Koffern und Kinderwagen eintraf.

»Kann ich einen Drink kriegen?«, rief ein dürres weißes Kerlchen, dessen Kopfform an eine Glühbirne erinnerte. Er pochte mit seinem Geld auf die Theke – eines von Wylies Lieblingsärgernissen.

»Sie wünschen?«, fragte Wylie mit gleichmütiger Stimme und legte eine Cocktailserviette vor ihn hin.

»Einen Dewar’s on the Rocks.«

Im Fernseher über der Bar hieß es in der Wettervorhersage, dass sich von Süden her ein Sturm näherte. Er würde am späten Abend eintreffen. Das erklärte Wylies Handgelenk, nicht aber sein Auge. Nicht dass man dieser Tage einen Grund brauchte, um nervös zu sein. Nirgends war man sicher – weder bei McDonald’s noch bei Safeway noch in seinem eigenen Zuhause. Weder auf der Arbeit noch im Auto noch in der Schule, und ganz gewiss nicht am Flughafen. Die Erde konnte sich aufbäumen und spalten. Ein Flugzeug konnte in diesem Augenblick auf sie zusteuern und genau hier in der Bar in einem Feuerball explodieren. Ein Durchgeknallter konnte Amok laufen und die Menschen mit einer Automatikwaffe niedermähen. Die einzige Zeit, in der du dich entspannen konntest, die einzige Zeit, in der du nicht befürchten musstest, verstümmelt oder getötet zu werden, dachte Wylie, während er den Scotch über das Eis goss, war, wenn du bereits tot warst.

»Sechs fünfzig«, sagte er, als er den Drink servierte.

»Ich habe keinen Doppelten bestellt«, entgegnete Glühbirne.

Wylie biss die Zähne zusammen. »Das ist ein einfacher.«

Der Typ machte ein großes Gewese darum, seine Brieftasche aus der hinteren Hosentasche hervorzuholen und die Scheine nach der passenden Summe durchzublättern. Als er das Geld endlich auf die Theke legte, klingelte das Telefon.

Wylie nahm das Geld. Der Tag ließ nichts Gutes hoffen.

Er ging ans Telefon. Er rechnete mit der Servicefirma des Flughafenbetreibers, die anrief, um ihm zu sagen, dass ein Elektriker käme, um die flackernde Birne der Lampe über der Kasse auszutauschen, oder mit der Managerin des Barbetreibers, für den er arbeitete, die wissen wollte, ob er eine zusätzliche Schicht übernehmen könnte. Er war überrascht, Carolyns Stimme zu hören.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er besorgt. Sie hatte ihn noch nie zuvor bei der Arbeit angerufen. Er sah sein Haus in Flammen, die Hunde überfahren.

»Jaja. Es ist alles in Ordnung, Wylie. Tut mir leid, dass ich dich bei der Arbeit störe, aber hör mal …«

»Was gibt’s denn?«, unterbrach er sie. Kaum war die Sorge verflogen, war er genervt. Sie hatten ihre Gepflogenheiten.

»Also, hör zu. Ich möchte gern mit dir sprechen.« Carolyn klang unsicher.

Eine Flug-Crew eilte vorüber wie ein Schwarm Amseln. Die Bar füllte sich. Vor einigen Minuten war das Amber Ale prustend zur Neige gegangen. Das Spülbecken war voller benutzter Gläser, und an den Tischen drüben bei dem großen Fernsehbildschirm warteten sie auf Bedienung.

»Hör zu, Carolyn, kann ich dich in ein paar Minuten zurückrufen?«, fragte Wylie. »Hier ist gerade der Bär los.«

»Klar«, erwiderte sie. »Kein Problem.«

»Ich muss ein bisschen was aufholen. Ich ruf dich gleich zurück.«

Er räumte die leeren Gläser von der Theke und tauchte sie in das dampfende Wasser in der Spüle aus rostfreiem Stahl. Er füllte den Stapel Cocktailservietten auf und die Schalen mit Oliven, Limettenschnitzen und Maraschinokirschen. Er mochte das fluoreszierende Licht des Flughafens, das leise Surren der Konservenluft, den schreiend lila und goldfarben gemusterten Teppich. Draußen kämpfte sich die Sonne durch die Wolken. Fahles, milchiges Licht strömte durch die großen Fenster herein, verwandelte die vorübereilenden Menschen in Silhouetten und ließ die grellen Röhren an der Decke und die Anzeigetafeln, die Ankunfts- und Abflugszeiten verkündeten, verblassen. Zeitungen und Pappbecher sammelten sich auf den schwarzen Plastiksitzen im Wartebereich. Große Flugzeuge drückten ihre Nasen an die Fluggastbrücken; Tankschläuche hingen wie Nabelschnüre von ihren Bäuchen.

»Einen Ketel One!«, rief ein Mann, der wie ein Profi-Basketballspieler aussah. Er trug protzige Diamantohrstecker und jede Menge Goldkettchen. Sein Kumpel stand ihm in nichts nach. Er bestellte einen Cosmopolitan.

Wylie machte ein halbes Dutzend möglicher Todesfallen aus, während er die Drinks zubereitete. Die unbeaufsichtigte Sporttasche an der Wand, das Paket auf dem Stuhl neben der Glasvitrine, in der sich die Brezeln unter der Wärmelampe drehten, den Typ mit dem übergroßen Mantel, der sich verstohlen umsah, die Hände in den Taschen vergraben. Unterdessen nahmen sie den Fluggästen Nagelknipser, Taschenmesser und Pinzetten ab. Welch ein Witz. Die Leute hatten ja keine Ahnung, wie es war, sich immer zweimal zu überlegen, bevor man etwas anfasste, bevor man den Fuß hob und wieder absetzte. Es war dreißig Jahre her, seit Wylie in Vietnam gewesen war, aber er sah sich immer noch nach versteckten Bomben um, hielt immer noch nach Tretminen Ausschau. Die Leute wussten nicht, wie es war, sich ständig zu fragen, ob man seine Beine verlieren würde, seine Eier, sein Leben. Wylie hatte miterlebt, wie ein Neunzehnjähriger aus Tulsa, Oklahoma, auf eine Springmine trat, einen zweifachen Salto drehte wie ein Akrobat und anschließend in der Astgabel eines Baumes landete.

Eine kleine Frau mit Strähnchen im Haar nahm an der Ecke der Bar Platz, wo sich Hot Dogs auf metallenen Rollen drehten. Anfang dreißig, schätzte Wylie. Lackierte Fingernägel, ebenmäßige Züge. Eine kleine Narbe auf der Oberlippe. Sie ließ den Blick über die Flaschen hinter ihm schweifen, musterte die Zapfhähne.

Wylie nickte grüßend, wischte über die Theke und legte eine Cocktailserviette vor sie hin. »Was darf’s sein?«, fragte er.

»Ist das Bier alles vom Fass?«

»Ja. Aber das Amber Ale ist gerade alle.«

Sie betupfte beide Mundwinkel mit der Fingerspitze, als wolle sie etwas fortwischen. Wylie wartete geduldig, die Hände hinter dem Rücken. Er überlegte, ob er sich ihren Ausweis zeigen lassen sollte. Früher – ach, was. Aber dies war der Flughafen. Alles nach Vorschrift. Wer hätte gedacht, dass er hier enden würde?

»Ich glaube, ich nehme eine Margarita. On the rocks, ohne Salz. Und einen Tequila extra.«

»Können Sie sich bitte ausweisen?«

Sie verdrehte die Augen und wühlte in einer übergroßen Handtasche. Sie war zwölf Jahre über dem Mindestalter. Hieß Emily mit Vornamen. Wylie dankte ihr und gab ihr den Führerschein zurück.

Sie sah zu, wie er den Tequila einschenkte, dann den Cocktail. Er stellte sich vor, was sie sah: einen glattrasierten Typ von durchschnittlicher Größe mit pockennarbigem Gesicht und leichtem Bauchansatz, dessen braunes Haar – er trug es heutzutage ein bisschen länger, als Reverenz an seine Vergangenheit – an den Schläfen grau wurde.

»Normalerweise trinke ich nicht«, sagte sie, als er die Gläser vor sie hinstellte. »Aber ich hab Angst vorm Fliegen.«

Er nickte. Das erlebte er andauernd. Machos, deren Puls im Nacken raste wie ein wildgewordenes Kaninchen. Damen der gehobenen Gesellschaft, die den Chardonnay runterschütteten wie Wasser. Kurze, die einer nach dem anderen gekippt wurden. Menschen, die von der Bar fortstolperten, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen.

»Ihre Chancen stehen gut«, sagte er.

»Ich weiß. Es ist albern.« Sie trank den Kurzen zuerst, eine knappe Kippbewegung des Handgelenks, als nähme sie einen Schluck Hustensaft. »Wylie?« Sie wies auf sein Namensschild. »Wie der Kojote?«

»Wie bitte?« Er hatte nicht die Angewohnheit, mit den Gästen zu plaudern.

»Der Kojote. Aus dem Road-Runner-Cartoon, wissen Sie. Wile E. Coyote.«

Sie war gesprächig. So war das, wenn die Leute Angst hatten, das war ihm nicht neu.

»Ach so. Wylie ist mein Nachname. Hat sich so eingebürgert.«

»Wie ist Ihr Vorname?«

»Tom. Thomas. Aber so nennt mich niemand. Nur meine Familie. Sie nennen mich Tommy.«

Sein Augenlid zuckte. Er fragte sich, ob er mal einen Arzt aufsuchen sollte. Die Frau lächelte ihn an und griff nach ihrer Margarita. Manchmal fiel es ihm schwer, nicht zu vergessen, dass er in den mittleren Jahren war, einundfünfzig, um genau zu sein, und dass Frauen wie diese vermutlich allenfalls einen Vater in ihm sahen, wenn überhaupt. Er nahm den Lappen und ging zur Kasse hinüber.

»Ich bin auf dem Weg nach Denver, um meine Nichte zu besuchen!«, rief die Frau. Der Alkohol zeigte offensichtlich Wirkung. »Die Tochter meines Bruders. Sie ist das erste Enkelkind in unserer Familie.«

»Wie schön.«

»Ich hoffe bloß, dass es dort nicht schneit. Oder einen Sturm gibt. Turbulenzen, Sie wissen schon. Das überlebe ich nicht.«

»Ach wo, kein Grund zur Sorge.«

Ein weiterer Gast nahm am anderen Ende der Bar Platz. Glattrasiert, mit sehr kurzem Haar. Seine Haut sah gespannt aus, als würde sie platzen, wenn man mit einer Gabel hineinstach. Wahrscheinlich beim Militär oder vielleicht bei der Polizei.

Wylie legte eine Serviette vor ihn. »Was darf’s sein?«

Der Typ war viel zu sehr damit beschäftigt, die Frau zu taxieren, um Wylie anzusehen. Sie abzuchecken. Immer dasselbe. »Was möchten Sie trinken?«, fragte Wylie mit Nachdruck.

Der Typ musterte Wylie rasch. Schätzte ihn ein und hakte ihn ab. Wahrscheinlich hatte die Arbeitsuniform großen Anteil daran, dachte Wylie – die schwarzen Hosen und das lehmfarbene Poloshirt mit dem Schriftzug Top Hat Enterprises über der Brusttasche. Der Typ konnte nicht wissen, dass Wylie zwei Jahre als Infanterist in Vietnam hinter sich hatte, dass er das College besucht und sogar einen Abschluss in Politikwissenschaft gemacht hatte. Er wusste nicht, dass Wylie nach einem kurzen Intermezzo bei einer kleinen Zeitung in Bakersfield nach San Francisco getrampt war, Flower Power und so, und dass er im obersten Stockwerk eines abbruchreifen viktorianischen Hauses am Alamo Square gewohnt hatte. Er wusste nicht, dass Wylie in einigen der besten Rock 'n' Roll-Bars an der Westküste gearbeitet, dass er die heißesten Nummern gesehen hatte, dass er zweimal verheiratet gewesen und geschieden worden war. Er ahnte nicht, dass Wylie Slide-Gitarre spielen, ein Holzrahmenhaus bauen und perfekt Lachs räuchern konnte. Er hatte keine Ahnung, dass es sieben Jahre her war, seit ein Tropfen Alkohol oder eine stärkere Droge als Aspirin über Wylies Lippen gekommen war. Er wusste es nicht, und es interessierte ihn auch nicht. Er sah nichts als einen Mann mit schlechter Haut und einem aussichtslosen Job, der seine besten Jahre hinter sich hatte.

»JB mit Eis«, bestellte der Typ, den Blick unverwandt auf die Frau gerichtet. »Wie geht’s, wie steht’s?«, rief er zu ihr hinüber, während Wylie Eis in sein Glas füllte.

»Gut«, antwortete sie gelangweilt.

Ausnahmsweise war Wylie froh über die Dosierkappe auf der Flasche. Der Kerl würde nicht einen Tropfen mehr kriegen als nötig. Als er ihm den Drink servierte, erschien ein älteres Paar – ein schwarzer Mann mit einem weißen Haarkranz und eine weiße Frau mit Überbiss und dicken Brillengläsern. Einen Wodka Tonic für ihn, eine Bloody Mary für sie. Als Wylie ihnen ihre Drinks servierte, warteten bereits drei weitere Gäste.

So war es am Flughafen. Die Leute kamen und gingen. Die Menschen mit Flugangst, die Möchtegern-Schauspielerinnen, die ewigen Verlierer. Kokser, die sich gerade den letzten Cent ihres Gehalts durch die Nase gezogen hatten. Geschäftsleute, die nach Abschluss eines großen Deals heimwankten. Pärchen, die sich auf Konferenzen begegneten, die Nacht zusammen verbrachten und – benommen und mit geröteten Augen – ein letztes Glas miteinander tranken, bevor sie zu ihren Familien heimkehrten.

Früher, in den anderen Bars, hatte es Stammgäste gegeben, Menschen, deren Lebensgeschichten er kannte, die lachten und weinten und ihm den Schädel einzuschlagen drohten, wenn er ihnen nicht noch einen letzten Drink einschenkte. Hier waren die Gäste – mit wenigen Ausnahmen – immer neu. Aus Florida, Mexiko oder China. Die Anonymität war wohltuend. Wylie arbeitete von sieben Uhr morgens bis nachmittags um drei; er war noch vor dem Feierabendverkehr auf dem Heimweg, hinauf in die Hügel, wo sein schiefes Haus mit dem Pfefferbaum davor und den beiden Hunden auf der Veranda auf ihn wartete. So war es leichter, jetzt, da er nicht mehr trank.

Er wischte über die Theke und rückte die Barhocker zurecht. Er musste Carolyn zurückrufen, aber aus irgendeinem Grund scheute er davor zurück. Er vergewisserte sich, dass genug Wechselgeld in der Kasse war. Sie war nicht der Typ Frau, der ohne guten Grund anrief. Er machte sich daran, die Saftflaschen aufzufüllen und gelobte sich, sie zurückzurufen, sobald er damit fertig war. Doch dann kamen zwei Managertypen, nahmen Platz und bestellten Chivas on the Rocks. Wylie wünschte, er könnte das Gefühl drohenden Unheils abschütteln.

Er gab gerade Eis in ein Glas, als auf der anderen Seite der Theke etwas mit lautem Krachen explodierte. Er machte einen Satz. Das Glas fiel ihm aus der Hand und zersprang auf dem Boden. Da war es – das, worauf er gewartet hatte. Gäste schnellten herum. Jemand keuchte auf. Ein heißer Adrenalinstoß durchpulste Wylies Körper. Schwarze und weiße Blitze blendeten ihn. Er zwang sich zu atmen, dem Drang zu widerstehen, sich hinter dem Tresen zu Boden zu werfen und den Kopf mit den Händen zu schützen. Er rannte, knirschende Glassplitter unter den Füßen. Kam hinter dem Tresen hervor und rannte an der Brezelvitrine vorbei in die Lounge, in der sich die Fluggäste, die eine Fernsehsendung auf dem großen Bildschirm verfolgten, nach ihm umdrehten, als er in die Ecke hinüberschoss, aus der der Lärm gekommen war.

Sieben, acht junge Leute in roten T-Shirts standen über etwas gebeugt da. Wylie schob sie auseinander. »Was zum Teufel geht hier vor?«, schrie er.

Ein großer junger Bursche mit Akne lachte. »Das war bloß ein Barhocker, Mann«, sagte er. »Da war zu viel Gepäck drauf, und dann ist er umgekippt.«

Wylie sah nach unten. Da war er, der Übeltäter. Chromgestell, roter Vinylsitz. Ein Barhocker, nichts weiter. Die verdammten Dinger machten einen Höllenlärm, wenn sie umkippten. Wie ein Maschinengewehr. Oder eine explodierende Bombe.

Wylie riss ihn hoch und stellte ihn wieder hin. Er kickte das Gepäck aus dem Weg und baute sich vor dem Pickelgesicht auf. Eines, was er von seinem Vater geerbt hatte, war sein Jähzorn. Früher hätte er erst zugeschlagen und dann Fragen gestellt, aber das hier war der Flughafen, und er wandelte auf dem Pfad der Tugend.

»Tut mir leid, Mann«, sagte der Junge, dem alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Er hob die Hände und trat ein paar Schritte zurück. »Es war ein Missgeschick.«

»Liebe Güte, nun mach mal halblang«, meinte eine der smarten jungen Frauen der Gruppe. »Ein Barhocker ist umgekippt, Mann. Wo ist das Problem?«

Wylie holte tief Luft. Die Leute an den umstehenden Tischen starrten ihn an. Seine Hände zitterten. Die junge Frau hatte recht, er musste sich zusammennehmen. »Also schön«, sagte er, hob eine Fototasche auf und hielt sie dem Jungen hin. »Gib in Zukunft besser Acht.« Er bemühte sich, seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen, die Muskeln in Nacken und Schultern zu entspannen. Er ließ den Kopf kreisen. »Na dann …«, murmelte er.

Er spürte die Augen aller auf sich, als er zu seiner Bar zurückkehrte.

»Kann ich zahlen?«, sagte die Frau, die Angst vorm Fliegen hatte, als Wylie die Splitter des zerbrochenen Glases zusammenkehrte. Sie hielt ihm einen Zwanziger hin.

Ihrem Bewunderer war es gelungen, sich auf den Barhocker neben sie zu mogeln. »Darf ich Ihnen noch einen ausgeben?«, bat er.

Sie blickte Wylie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Wie wär’s mit einem für unterwegs – falls der Flug unruhig wird.«

»Was hätten Sie gern?«, fragte Wylie mit einem Lächeln.

»Einen Tequila.«

Er schenkte ihr den teuersten ein. Der Blödmann zahlte ja. Sie kippte ihn runter, schulterte ihre Tasche und ging.

»Noch einen«, sagte der Typ und klopfte an sein Glas.

Auf dem Sportkanal wurde ein Golfturnier der Damen angekündigt. Amber Ale, rief Wylie sich in Erinnerung. Er musste nach unten gehen und ein neues Fass anschließen, bevor der Mittagsandrang begann. Er brachte die leeren Flaschen fort und machte eine Liste dessen, was nachbestellt werden musste. Als ihm keine weitere Ausflucht mehr einfiel, wählte er Carolyns Nummer.

»Kannst du heute Abend zu mir kommen?«, fragte sie.

Jetzt ist es soweit, dachte er. Das »Wohin soll das mit uns führen?«-Gespräch. Er hatte gehofft, dass es mit ihr anders sein würde. Was ihm an ihr gefiel, war ihre Unabhängigkeit, die Tatsache, dass sie mit dem bestehenden Arrangement genauso glücklich zu sein schien wie er. Sie führte ihr eigenes Leben. Ihr Geschäft florierte – sie restaurierte Möbel, die sie bei Garagenverkäufen und auf Flohmärkten fand. Sie beizte sie ab, lackierte sie neu, polsterte sie auf und verkaufte sie dann für gutes Geld an Leute aus West-Hollywood und Santa Monica.

»Tja, heute ist Dienstag«, erwiderte er. »Wir sind doch eigentlich für morgen verabredet. Kann es nicht so lange warten?«

Sie räusperte sich.

»Ist auch wirklich alles in Ordnung?«, platzte er heraus, in den Fängen der alten Angst. Voller Panik, etwas getan zu haben, an das er sich nicht erinnern konnte, einen Filmriss zu haben und gleich von Dingen zu erfahren, die er getan und gesagt hatte, Dinge, die er nicht glauben konnte. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass er das nicht mehr tat, dass die Zeiten vorbei waren. Heutzutage gab es keine Überraschungen mehr.

»Es ist alles in Ordnung. Ich möchte bloß mit dir sprechen. Ich muss dir etwas erzählen.«

»Lieber Himmel. Das klingt übel.« Wylie stöhnte und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Erzähl schon.«

»Nein, jetzt nicht. Mach dir keine Sorgen. Komm einfach vorbei, ja? Es ist keine große Sache. Aber komm, ja?«

»Heute Abend?«

Er warf einen raschen Blick über die Bar. Gäste funkelten ihn an und pochten mit dem Geld auf den Tresen.

»Ja, wenn’s geht.«

»Okay, ich komme. So gegen sieben?«

»Ja, prima.«

»Okay. Hör mal, ich hab zu tun. Eine Menge durstiger Reisender warten hier und gucken mich finster an. Wir sehen uns heute Abend.«

»Okay, bis dann.«

Irgendetwas in ihrer Stimme ließ sein Herz schneller schlagen, wie in dem Sekundenbruchteil, bevor dir jemand mit dem Auto hinten drauf fährt.

»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«

»Kommt drauf an«, erwiderte sie und lachte. »Kommt drauf an.«

2

Während Wylie ein neues Fass Amber Ale anschloss, stieg Rudy Cullen in eine 737, die soeben von Orlando gekommen war, und machte sich in der Business Class an die Arbeit, sammelte Zeitschriften ein, Decken und was nicht alles. Er ächzte, als er sich bückte und einen warnenden Stich im Rücken verspürte. Lieber Gott, lass ihn nicht wieder rausspringen, dachte er, als er seinen birnenförmigen Leib in die dritte Reihe quetschte und nach den zusammengeknüllten Servietten und leeren Erdnusspackungen griff, die zwischen die Sitze geklemmt waren. Seine kleinen, weichen Hände schwitzten in den Latexhandschuhen. In der nächsten Reihe hatte jemand drei zerdrückte Plastikgläser in die Tasche der Rückenlehne gestopft. Wer immer auf dem Fensterplatz gesessen hatte, hatte gekaute Kaugummikügelchen in ein Papiertaschentuch gewickelt und zwischen Armlehne und Kabinenwand gequetscht. Rudy grub sie aus. Er zwinkerte mit seinen farblosen Wimpern und bürstete Krümel von den Sitzen; dann stöhnte er, als er sich bückte, um einen Haufen Zeitungen vom Boden aufzuheben. Irgendjemand hatte eine fusselige graue Socke liegenlassen. Mannomann, die Dinge, die er in seinem Job in all den Jahren gefunden hatte – benutzte Kondome, abgeschnittene Zehennägel, vollgeschissene Windeln. Die Menschen waren Schweine, zweifellos.

Dennoch war die Arbeit in den Fliegern prima. Rudy hatte Flugzeuge schon immer geliebt. Als Kind war er vom Modellbau besessen gewesen: Bomber, Kampfjäger, Transportflugzeuge, Passagiermaschinen. Unzählige Stunden hatte er damit verbracht, mit größtmöglicher Sorgfalt maßstabsgetreue Segelflieger aus Balsaholz und Papier zusammenzubauen. Er hatte sie an die Decke des Zimmers gehängt, das er sich mit seinem älteren Bruder teilte. Gleich nach der Highschool war er zur Navy gegangen in der Hoffnung, Pilot zu werden, aber statt ihn zum Flieger auszubilden, hatten sie ihn auf einen Stützpunkt in Virginia geschickt, wo er die Regale in der Verpflegungsausgabe auffüllen musste. So lief das immer bei ihm. Er hatte eben kein Glück im Leben.

Durch eines der Fenster beobachtete er, wie ein vollbeladener Gepäckkarren über das Rollfeld davonschnurrte. Nach der Navy war seine Chance auf eine Pilotenlaufbahn noch weiter gesunken, und jetzt, mit siebenunddreißig, war sie in so weite Ferne gerückt, dass sie nur noch ein Pünktchen am Horizont schien. Draußen rollte eine L-1011 zum Terminal wie ein prächtiger Vogel. Es versetzte Rudy einen Stich, als er die winzigen Gestalten der Piloten im Cockpit ausmachte. Selbst auf die Entfernung konnte er ihre weißen Hemden erkennen, die schwarzen Epauletten ihrer Uniform. Egal wie – er würde seine Fluglizenz bekommen, das schwor er sich. Und wenn es nur ein kleines Privatflugzeug war – er würde fliegen lernen. Irgendwann, irgendwie. Das schwor er sich.

Bis dahin verbrachte er zumindest jeden Tag bei den Flugzeugen. In den Flugzeugen. Er schob seinen Putzwagen in die Economy Class. Er liebte den Geruch von Flugzeugbenzin und die Kraft des angedockten Fliegers. Er sorgte mit dafür, dass die Maschinen im Topzustand waren, ebenso wie die Crews, die die Pantry auffüllten und die Bordtoiletten putzten oder die Jungs unten auf dem Rollfeld, die Kopfhörer trugen und Knieschoner, während sie den Flieger auftankten und entluden und das Fahrwerk überprüften. Während er durch die Kabine ging, stellte er sich vor, wo das Flugzeug gewesen war. Die Höhe, die es erreicht hatte, die Fluggeschwindigkeit, die Meilen, die es zurückgelegt hatte. Er, Rudy, war Teil davon. Bodenpersonal, Fluggesellschaft, antwortete er immer, wenn er gefragt wurde, wie er seinen Lebensunterhalt verdiente.

Am vorderen Einstieg der Maschine erklang Geschepper. Rudy blickte hoch und sah, wie Latasha McCain ihren Putzwagen an Bord schob.

»Hallo!«, rief sie träge. Sie warf ihm kaum einen Blick zu.

»Guten Morgen, Latasha!«, rief er. Er winkte ihr zu, aber sie quetschte sich schon in die erste Reihe, besprühte die Armlehnen und rieb sie ab. Sie legte die Gurte ordentlich zurecht und überprüfte, ob die Taschen an den Rückenlehnen das Flugmagazin, die Sicherheitshinweise und die Spucktüten enthielten.

Rudy war plötzlich verdrossen. Trotzdem zwang er sich, sie zu fragen: »Und – wie geht’s dir heute?«

»Ganz gut«, murmelte Latasha. Sie sah ihn immer noch nicht an.

Nun, er hatte es zumindest versucht, dachte Rudy und machte sich wieder an die Arbeit. Das Problem mit Latasha war ihre Einstellung, und leider war sie nicht die Einzige, deren Einstellung zu wünschen übrig ließ. Das traf auf sämtliche Frauen zu, die ihm unterstellt waren, seine Crew, wie er sie nannte. Für sie war das hier bloß ein Job; sie hatten die Ruhe weg, ließen sich alle Zeit der Welt. Sie machten sich keine Vorstellung von dem Aufwand, der nötig war, um diesen Riesenvogel am Fliegen zu halten. Sie wussten es nicht, und es interessierte sie auch nicht. Ob sie ein Haus putzten oder ein Kino oder ein Flugzeug – ihnen war das völlig egal. Er aber stellte sich vor, wie die Maschine über die Burgen am Rhein, die chinesische Mauer, den Eifelturm flog. Er sah die Piloten im Cockpit, das nächtliche Himmelszelt, die Fluglotsen, die das Netz der Routen überwachten, das den Globus umspannte.

»Soll ich vorne weitermachen oder hinten?«, rief Latasha. Sie warf ihm einen schiefen Blick zu, den Mund verzogen, die Augen verdreht.

Rudy biss sich auf die Lippe. Es war wichtig, seine Professionalität zu wahren. »Vorne, Latasha«, antwortete er ruhig und entschieden. »Wie immer.«

Mann, diese Leute. Sie waren eben anders, da war nichts zu machen. Schwarze und Mexikaner und Filipinos. Nicht dass er damit ein Problem gehabt hätte, überhaupt nicht, denn er mochte Menschen, egal wo sie herkamen. Er gab jedem eine Chance. War er nicht sogar mit einer Filipina verheiratet? Und trotzdem sahen sie ihn immer so komisch an. Als ob er das nicht merkte. Kicherten hinter seinem Rücken und warfen sich Blicke zu. Wichen seinen Augen jedoch aus. Und dabei war es ja nicht so, als hätte er bessere Chancen gehabt – er hatte genauso angefangen wie sie, als einfache Putzhilfe. Ihm war auch nichts geschenkt worden – auch wenn sie sich das nicht vorstellen konnten.

Er stieß sich den Kopf an der Gepäckablage über Reihe 14. Das passte, denn wenn man die beiden Ziffern zusammenzählte, eins und vier, machte das fünf – seine Unglückszahl. Vierzehn war er auch gewesen, als er aus der Kleinstadt in Nevada, in der er geboren wurde, nach L.A. gekommen war. Damals hatten seine Probleme angefangen: Seine Mutter hatte wieder geheiratet, und er kam auf eine Schule, in der er sich von Anfang an als Außenseiter empfunden hatte. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Latasha. Ihr Kopf wippte auf und nieder, während sie sprühte und wischte und ihr üppiges Hinterteil in den Gang ragte. Tja, dass seine Crew ihn nicht mochte, gehörte zu seinem Job, rief er sich in Erinnerung. So war das nun mal als Vorgesetzter. Da ging es nicht darum, einen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen.

»Hey, hey! Guck sich einer das an!«, rief Latasha, mehr an den hinteren Teil des Flugzeugs gewandt als an Rudy. Sie hielt eine Rolle Geldscheine hoch, die sie unter einem der Sitze gefunden hatte, und zählte die Scheine. »Drei Dollar!« Sie steckte sie sich hinter die Schürze, ohne einen weiteren Gedanken darauf zu verschwenden – als stünden sie ihr zu. Er selbst hatte auch schon Geld gefunden: Münzen, die den Leuten aus der Tasche fielen, Eindollarscheine, die bei einem Cocktail als Wechselgeld herausgegeben wurden. Manchmal einen Zehner, gelegentlich einen Zwanziger. Er gab das Geld immer ab.

»Nicht schlecht, ey, Cap’n?« Latasha grinste.

Rudy zog ein finsteres Gesicht. Er hasste diesen Spitznamen. Es war schlimm genug, wenn seine Crew ihn so nannte, aber auch andere Leute der Fluggesellschaft hatten ihn spitzgekriegt, Leute, die ihm wichtig waren, die Piloten beispielsweise. Manche von ihnen salutierten sogar, wenn sie ihm im Terminal begegneten, wie er seinen Karren mit den Putzlappen und Sprühflaschen schob. »Morgen, Cap’n«, sagten sie, ein Funkeln in den Augen.

Rudy rückte zu den Sitzen hinter den Tragflächen vor, hob einige zerknüllte Decken auf und zog ein Kissen hervor, das zwischen die Sitze gestopft war. Auch die Flugbegleiterinnen nannten ihn Cap’n. Kaum zu glauben heutzutage, aber er hatte selbst einmal daran gedacht, Flugbegleiter zu werden, hatte sogar mit der Ausbildung angefangen. Aber er hatte schon bald kapiert, dass es für den Job praktisch unabdingbar war, eine Schwuchtel zu sein, von daher war es kein Wunder, dass er nur eine Woche des zweimonatigen Kurses durchgehalten hatte. Diese Homos schwatzten und lachten mit den weiblichen Trainees, als wären sie ihresgleichen, und die Frauen schwatzten und lachten ebenso mit ihnen, als wären sie die dicksten Freundinnen. Ihn hingegen würdigten sie keines Blickes. Als wäre er die Schwuchtel. Versteh das, wer will. Na, egal. Am Ende war es alles zum Besten gewesen, denn jetzt, wo er verheiratet war und die Tochter seiner Frau großziehen musste, hätte er sowieso nicht mehr um den ganzen Globus jetten können. Er war ein Familienvater mit geregelten Arbeitszeiten, der jeden Abend zum Essen nach Hause kam.

»Hey, Rudolph! Rotnasiges Rentier! Wie geht’s?«

Rudy drehte sich zum hinteren Teil der Maschine um, wo Cage, einer der Gepäckarbeiter, die hintere Treppe heraufgekommen war.

»Wie sieht’s aus in der Putzkolonne?«, schrie Cage über den Lärm der Motoren hinweg, der vom Rollfeld heraufdröhnte. »Wie geht’s Santa Claus und seinen Elfen?«

Rudy schüttelte den Kopf und gab vor zu lachen. Cage hatte die geistige Reife eines Fünfjährigen. Rudy sah zu, wie er in ein Fach in der Pantry griff, drei Dosen Cola herausnahm, Rudy eine davon zuwarf und dann zu seinen Kumpels zurückkehrte, die das Gepäck für den nächsten Flug einluden.

Die Gepäckarbeiter waren auch so eine Verlierertruppe. Unehrlich wie der Teufel, Bummelanten, und die halbe Zeit kamen sie betrunken oder bekifft zur Arbeit oder beides. Rudy wusste Bescheid, weil er selbst auch einmal dort gearbeitet hatte. Nach sechs Wochen hatte ihm einer der Männer – der Vorarbeiter, genauer gesagt – gezeigt, wie er die Reißverschlüsse der Taschen aufzog und mit der Hand nach dem Bündel Geldscheine suchte, das mehr als genug Leute törichterweise in ihrem Gepäck versteckten. Aber Rudy hatte Prinzipien. Moralische Grundsätze. Es sprach sich schnell herum, dass er sich weigerte, Geld aus dem Gepäck zu klauen, und von dem Tag an war er seines Lebens nicht mehr sicher. Große Taschen flogen auf ihn zu, kaum dass er den Rücken kehrte. Pakete stürzten aus dem Nichts herab. Der Gipfel war gewesen, dass sie einmal die Ladeluke schlossen, als er noch drinnen war und Gepäck sicherte. Er hatte sich im Stockfinsteren die Seele aus dem Leib geschrien und an die Wand der Maschine gehämmert. Er stellte sich vor, wie er irgendwo über dem Pazifik erstickte. In letzter Minute war die Luke wieder aufgegangen, und er hatte in die lachenden Gesichter seiner Kollegen geblinzelt, die von einem blendenden Rechteck aus Licht gerahmt waren. Er war schnurstracks ins Büro gegangen und hatte um seine Versetzung gebeten.

Latasha summte, während sie langsam und bedächtig vor sich hin arbeitete, als habe sie nicht den geringsten Anlass zur Sorge. Seitdem terroristische Anschläge drohten, hatte die Fluggesellschaft das Bodenpersonal reduziert, und wenn sich die Lage nicht entspannte und die Menschen wieder mehr flogen, würden sie noch mehr Leute entlassen. Man sollte meinen, dass das jemanden wie Latasha nicht kalt ließ, aber während er sie beobachtete, sammelte sie eine Zeitschrift auf, blätterte sie durch und schob sie dann hinter ihre Schürze. Sie summte nun ein wenig lauter, als lege sie es darauf an, ihm auf die Nerven zu gehen – als wolle sie ihm zeigen, dass es ihr piepegal war, was er von ihr dachte, obwohl er ihr Boss war.

Rudy seufzte. Er war fast am hinteren Ende der Maschine angelangt. Der Tag lag vor ihm: noch ein Flieger bis zur Mittagspause, in der er sein Schinkensandwich und die Tüte Kartoffelchips essen würde, die Inez ihm an diesem Morgen eingepackt hatte. Schon bei dem Gedanken daran knurrte ihm der Magen. Dann der lange Nachmittag, gefolgt von der Fahrt nach Hause. Ihm tat das Kreuz weh, seine Schultern schmerzten. Manchmal fühlte er sich steinalt, dabei war er noch keine vierzig. Er dachte an Inez. Seine Frau. Er wiederholte ihren Namen, und eine Art innere Ruhe überkam ihn. Das erste Mal hatte er sie in der Kirche gesehen, wie sie sich mit Vanessa, die damals erst sechs gewesen war, von der Bank erhoben hatte. Es war seltsam gewesen, aber als er die beiden da stehen sah – so ernst, so still, während sie der Predigt lauschten –, hatte er sofort den freien Platz neben ihnen erblickt, der nur darauf wartete, besetzt zu werden. Er musste nichts weiter tun als hingehen. In dem Augenblick hatte er begriffen, dass er und Inez einander ergänzen konnten, dass er nicht länger ein unverheirateter Mann sein musste und sie nicht länger eine junge, unverheiratete Mutter mit einer Tochter, über die sich jeder so seine Gedanken machte. Sie konnten eine Familie sein. Und genau so war es mehr oder weniger gekommen. Er dachte an das Glück, das er in einer Maschine genau wie dieser empfunden hatte, als sie zu ihren Flitterwochen nach Hawaii geflogen waren. Es war ein Charterflug gewesen, sicher, eine Pauschalreise, und sie hatten vier Stunden in der Abflughalle warten müssen, bis die Fluglinie etwas, das sie »eine technische Störung« nannte, behoben hatte. Egal, sobald sie in der Luft gewesen waren, hatte Rudy zu den Wolken hinausgesehen, die so groß wie Schlösser waren, und gespürt, dass sein Leben endlich in die richtigen Bahnen kam – dass die Dinge sich nun zum Besten wendeten.

Und seitdem – tja … Rudy schürzte die Lippen. Er dachte an die grob verputzte Bruchbude in der Farbe alter Fleischwurst, in der er und Inez seit ihrer Heirat vor acht Jahren zur Miete wohnten. Es war nicht das, was er wollte: Gitter vor den Fenstern, schiefe Zwischenwände, ein holpriger Hinterhof. Winzig, so dass sie sich dauernd in die Quere kamen. Nicht die Gegend, in der Vanessa aufwachsen sollte – es wimmelte von Herumtreibern, die mitgehen ließen, was nicht niet- und nagelfest war. Kinder schmissen Müll durch die Gegend und machten einen Heidenlärm; am Wochenende hingen die nichtsnutzigen Kerle herum und bastelten an ihren Autos. Auch kein Ort für Inez. Inez. Rudy wurde schwer ums Herz. Seine klammen Hände juckten in den Latexhandschuhen. Inez’ Schweigen wuchs und wuchs und erfüllte die kleine Mietbude, bis er manchmal kaum noch Luft bekam. Sie brauchte ihr eigenes Haus, einen Ort, an dem sie alles genau so haben konnte, wie sie es wollte. Dann würde alles besser werden. Er gab sich Mühe, versicherte er sich, während er die Schnipsel einer Disneyworld-Postkarte aufsammelte, die jemand über den ganzen Sitz verteilt hatte. Er tat sein Bestes.

Als er mit der letzten Reihe fertig war, richtete er sich auf und dehnte seinen steifen Rücken. Die Kabine, die ausgesehen hatte wie nach einer wilden nächtlichen Party, erschien nun wie ein frisch gereinigtes Hotelzimmer. Latasha war erst halb fertig.

»Denk dran – nächste Woche bin ich nicht da«, sagte sie, als er sich auf dem Weg hinaus an ihrem Karren vorbeizwängte.

»Das höre ich zum ersten Mal, Latasha«, entgegnete Rudy. »Davon weiß ich ja gar nichts.« Seine Crew nahm sich andauernd frei: kranke Kinder, Urlaub, Erkältungen, Operationen. Die Letzte war Imogene gewesen, eine seiner besten Arbeiterinnen; sie behauptete, an Karpaltunnelsyndrom zu leiden.

Latasha schüttelte den Kopf. Rudy wünschte, sie würde ihm in die Augen gucken. Nur ein einziges Mal. War das zu viel verlangt?

»Ich hab’s dir gesagt. Zwei oder drei Mal sogar«, widersprach Latasha. »Ich hab dir vor einem Monat gesagt, dass ich freihaben muss, und ich hab dich letzte Woche daran erinnert.« Sie schob ihre Sprühflasche in die Schürzentasche und zwängte sich zwischen zwei Sitzreihen.

»Tja, im Arbeitsplan ist nichts eingetragen«, erwiderte Rudy. Er bemühte sich, seine Stimme vernünftig klingen zu lassen. Latasha fuhr mit ihrer Arbeit fort, als sei er gar nicht da. »Du weißt ja, dass Lula nächste Woche auch nicht da ist, und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich euch die Erlaubnis gegeben habe, in derselben Woche frei zu nehmen.«

»Meine Mutter muss ins Krankenhaus!«, fauchte Latasha und sah endlich zu ihm auf. »Das steht seit einem Monat fest. Ich hab’s dir gesagt, sobald ich es erfahren habe. In der ersten Woche braucht sie Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Du wirst dir was einfallen lassen müssen.«

Rudy stolperte ein paar Schritte zurück, so geschockt war er von der Wut, die ihr ins Gesicht geschrieben stand. Was für eine Frechheit, so mit ihm zu reden! Er holte tief Luft, um ihr eine Antwort zu geben, die sich gewaschen hatte, doch gerade als er loslegen wollte, erschien sein Boss, Glenn Waller, am vorderen Eingang der Maschine.

»Rudy, könntest du einen Moment herkommen?«, sagte er und winkte ihn zum Cockpit. »Ich würde dich gern kurz sprechen.«

Rudy warf Latasha einen »Wir sprechen uns noch«-Blick zu und ging nach vorn. »Was gibt’s denn, Glenn?«, fragte er munter, als er ihn erreicht hatte. Er streifte sich die Latexhandschuhe ab und sah auf seine kleinen rosa Hände. Aus irgendeinem Grund hatte er Herzklopfen.

Waller nahm ihn beim Ellenbogen und führte ihn zur Tür und auf die Gangway hinaus. Er war ein Walross von Mann mit blasser Haut, zerknitterter Kleidung und einem buschigen Schnauzbart. Er führte Rudy in eine Ecke, in der ein zusammengeklappter Rollstuhl lehnte, und stand nun so dicht vor ihm, dass Rudy den Kaffee und die Zigaretten in seinem Atem riechen konnte.

»Hör zu, Rudy. Ich habe schlechte Nachrichten für dich.«

Rudy schnappte nach Luft. »Ist was mit meiner Frau?« Sein Herz hämmerte. Die Griffe des Rollstuhls bohrten sich in seinen Rücken.

»Nein, nein. Nichts dergleichen. Deiner Frau geht’s gut. Ich meine, soweit ich weiß, geht’s ihr gut.« Waller überlegte einen Moment und strich seinen Schnauzbart mit dem Zeigefinger in Form. Er schien einen Punkt auf Rudys Scheitel zu fixieren. »Was ich sagen wollte, ist … also …« Er räusperte sich. »Die Sache ist die, Rudy – wir müssen dich entlassen. Es ist ziemlicher Mist, und es fällt mir schwer, dir das zu sagen. Aber du weißt ja, wie die Dinge hier stehen. Die Geschäfte laufen einfach schlecht. Es tut mir leid. Ehrlich.«

Auf der gegenüberliegenden Seite der Gangway war ein schmales längliches Fenster. Die Scheibe war beschlagen. Trotzdem konnte Rudy eine Maschine ausmachen, die das Gate neben ihnen ansteuerte, und auf dem Rollfeld den Einweiser mit der Flagge. Rudy sah zu, wie das Flugzeug langsam zum Stehen kam, sah zu, wie die Gangway herangerollt wurde, der Flansch um den Einstieg wie das Maul eines Aals. In der Kabine war jetzt alles im Aufbruch begriffen, die Gurte wurden gelöst, die Gepäckablagen geöffnet.

»Wann?«, fragte Rudy, den Blick immer noch auf das Fenster geheftet.

»Tja, das ist das Problem. Es geht alles so schnell. Dieses Quartal war noch schlechter als befürchtet. Wir haben gerade Order von oben gekriegt: Wir müssen sofort Stellen abbauen. Also weißt du …«

Rudy löste den Blick. Er sah zu, wie sich Wallers Hand in die hintere Tasche seiner schlechtsitzenden grauen Hose schob, wie er einen zerdrückten Umschlag hervorzog, der sich der Wölbung seines übergroßen Hinterns angepasst hatte.

»Ich habe hier einen Scheck über zwei Wochenlöhne«, fuhr er fort. Er blickte Rudy jetzt ins Gesicht und hielt den Umschlag hoch, so dass Rudy ihn zur Kenntnis nehmen musste. »Wir kündigen dir mit einer Frist von zwei Wochen, aber du brauchst nicht mehr zu kommen. Hier ist der Scheck. Zur Überbrückung. Du kannst ihn jetzt gleich haben, aber wenn du heute Feierabend machst, dann war’s das. So hast du die Chance, dich umzugucken. Eine gute Ausgangsbasis, um dir was Neues zu suchen.«

Rudy hörte nicht viel von dem, was Waller sagte. Stattdessen musterte er dessen Gesicht; er registrierte, dass das eine Auge ganz anders geschnitten war als das andere und dass seine Schneidezähne die Farbe von Weizen hatten. Waller hielt ihm den Umschlag hin. Rudy zögerte. Er wollte ihn nicht anfassen, denn er war bestimmt noch warm von Wallers Körper, von dort, wo er sich an seinen ekelhaften Arsch geschmiegt hatte.

»Heißt das, das war’s?«, flüsterte Rudy. Seine Kehle war so ausgedörrt, dass er kaum sprechen konnte. »Heißt das, dies ist mein letzter Tag?«

Waller zupfte nervös an seinem Schnauzbart und klopfte Rudy lahm auf die Schulter. »Ich weiß, es ist hart, Kumpel. Und ohne jede Vorwarnung, ich weiß. Es tut mir wirklich leid. Aber wir haben keine andere Wahl.« Er hielt Rudy den Umschlag vor die Nase, als versuche er einen Hund mit einem Stück rohen Fleisch zu ködern. »Wir geben dir zwei Wochen zur Überbrückung, Kollege. Damit du wieder auf die Füße kommst.«

Rudy sah auf seine Füße hinunter, als befolge er eine Anweisung. Seine schwarzen Arbeitsschuhe waren an den Seiten ausgelatscht, an Zehen und Fersen abgestoßen. Ein Schnürsenkel war lose. Noch nicht auf, aber fast.

»Das kannst du nicht machen«, sagte Rudy. »Du kannst mich nicht einfach so feuern.«

Waller kaute an einem Ende seines Schnauzbarts.

»Du bist nicht gefeuert, Rudy. Du bist freigestellt. Und es tut mir leid, aber wir können. Wir müssen nur die Kündigungsfrist von zwei Wochen einhalten, und das tun wir. Noch mal: es tut mir leid.«

Wieder hielt er ihm den Umschlag vor die Nase.

Rudy starrte ihn an. In seinen Adern begann es zu flirren: erst in den Kapillaren in Fingern, Nase, Ohren, dann in den größeren Blutgefäßen, die Arme und Beine versorgten. Schließlich schwoll die Arterie, die durch die Mitte seines Leibes lief, an und pochte so heftig, dass er meinte, Nacken und Brust müssten ihm bersten. Seine Arme wurden von den Ellenbogen abwärts taub.

»Aber ich habe eine Frau! Eine Frau und eine Tochter!«, brach es aus ihm hervor. »Sie sind auf mich angewiesen. Ich bin für sie verantwortlich!«

Waller nickte, als verstünde er, der Schleimscheißer. »Ich weiß, Rudy, ich weiß. Es ist eine vertrackte Situation, wie schon gesagt …«

»Und ich bin der Vorarbeiter!«, fiel Rudy ihm ins Wort. »Ich bin länger hier als irgendjemand sonst! Was ist mit den anderen?« Er wies mit wilder Geste auf die Maschine. »Manche von denen haben gerade erst angefangen. Warum ich? Das kannst du nicht machen!« Ein Tropfen Speichel flog ihm aus dem Mund und landete an Wallers Unterlippe.

»Nun mal ganz ruhig«, sagte Waller und versuchte Rudy auf die Schulter zu klopfen. Rudy wich erbost zurück. Er keuchte, sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, sein Gesicht nahm mit jeder Sekunde einen tieferen Rotton an.

»Genau das ist doch der Punkt«, sagte Waller in beruhigendem Ton. »Es geht nicht um dich, sondern um deine Position. Wir müssen einige der Vorarbeiterposten abbauen, und deiner gehört dazu. Wir müssen die Führungsebene straffen, um Kosten zu sparen. Wir nehmen alles unter die Lupe – nur so können wir konkurrenzfähig bleiben.«

»Heißt das, dass ich mich all die Zeit abgerackert habe, um Vorarbeiter zu werden und dass das jetzt der Grund ist, aus dem ich gefeuert werde?«, schrie Rudy. »Heißt das, wenn ich immer noch eine einfache Putzkraft wäre, so wie die anderen, dann wäre alles in bester Ordnung? Dann hätte ich meinen Job noch?«

»Tja, sozusagen …«, meinte Waller.

»Du nimmst mich auf den Arm, oder?«, belferte Rudy speichelsprühend. »Das Ganze ist ein Scherz, stimmt’s?«

»Es ist kein Scherz, Rudy.«

»Die Sache stinkt zum Himmel, und das weißt du«, sagte Rudy mit leiser, drohender Stimme. Er begann allmählich zu begreifen, was da lief. Er kniff ein Auge zusammen und wies mit dem Finger wie mit einer Pistole auf Waller. »In Wahrheit ist es, weil ich weiß bin, richtig? Wenn du jemand anders feuern würdest, säße dir in Null Komma nichts die ACLU im Nacken. Diskriminierung. Du hättest einen Rechtsstreit am Hals, noch bevor du Martin Luther King sagen könntest. Aber was ist mit mir, hm? Was soll ich tun? Mich unterstützt niemand.«

»Moment mal. Nun wart mal ’ne Minute. Jetzt beruhig dich doch. Beruhig dich.« Waller legte Rudy beide Hände auf die Schultern, als wolle er ihn auf Normalmaß zurechtstutzen. Er sah sich nervös um. Hielt er nach Verstärkung Ausschau oder nach einem möglichen Fluchtweg? Rudy wusste es nicht.

»Hör zu, es gibt eine Liste für Wiedereinstellungen. Sobald der Laden wieder besser läuft, versuchen wir dich wieder einzustellen. Wenn die Wunden verheilt sind und die Leute wieder fliegen, sehen wir, was wir tun können. Frag einfach ab und zu im Büro nach.«

»Fass mich nicht an, Waller!«, fauchte Rudy und stieß Wallers Hände fort. »Warum gibst du es nicht einfach zu? Gib’s einfach zu, Waller! Ich bin derjenige, der diskriminiert wird. Warum bist du nicht ein Mal im Leben ehrlich?«

Rudy wusste kaum, wie ihm geschah. Andererseits wusste er es genau. Sein Leben lang war er missverstanden worden, hatte man ihn ungerecht behandelt. Warum sollte es diesmal anders sein?

Waller trat einen Schritt zurück, und wieder strich er mit dem Zeigefinger glättend über seinen Schnauzbart. »Weißt du was, Rudy?«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Gerade bist du einen Schritt zu weit gegangen, Kollege. Wenn du die Wahrheit wirklich wissen willst: Deine Arbeitsleistung war keineswegs in jeder Hinsicht zufriedenstellend. Es gab etliche Beschwerden von Leuten, die mit dir gearbeitet haben. Wir haben in der Vergangenheit ja schon mal mit dir darüber gesprochen. Es wäre also das Beste, wenn du jetzt diesen Scheck hier nimmst …«

»Wieso – weil ich versucht habe, meinen Job zu machen?«, kreischte Rudy. Seine Stimme überschlug sich; seine Kehle brannte. O Gott, bitte lass mich jetzt nicht in Tränen ausbrechen! »Weil ich versucht habe, den Leuten beizubringen, pünktlich zu sein und ihre Arbeit zu machen? Ist das Diskriminierung? Heißt das, Vorurteile zu hegen?«

Er war im Begriff, Waller den Scheck aus der Hand zu reißen und ihn zu zerfetzen, als er sah, dass Latasha ihn vom Eingang der Gangway aus beobachtete. Ihre Hände lagen auf dem Griff ihres Putzwagens. Ihre Augen funkelten vor Neugier, als verfolge sie eine spannende Fernsehshow, eine Sitcom.

»Ich müsste mal hier durch«, sagte Latasha, als die beiden Männer sich nach ihr umwandten. »Ich bin hier fertig. Ich muss rüber nach nebenan.«

»Kein Problem, Latasha. Wir sind auch gleich fertig.« Waller trat beiseite, um sie vorbeizulassen.

Rudys Zunge fühlte sich dick und trocken an; einen Augenblick meinte er an ihr zu ersticken. Es war keine Einbildung: Latasha feixte, als sie an ihm vorbeiging. Sie freute