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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Antonia Becker

Vielleicht fühlt sich Liebe so an

Roman

K+S digital

 

 

 

 

Sascha Langner lag auf dem Sofa und hörte ihrem Atem zu. Sie spürte, wie ihr Herz klopfte. Es klopfte zu schnell. Manchmal stolperte es kurz. Die Lichterkette am Weihnachtsbaum zuckte wie eine Warnblinkanlage. Der Fernseher lief noch. Der Tölzer Knabenchor sang Süßer die Glocken nie klingen. Darauf hatte die Mutter bestanden. Weihnachtslieder mussten sein, unter allen Umständen.

Sie nahm die Fernbedienung und schaltete aus. Ruhe. Balsamische Ruhe. Sie schloss die Augen und rechnete nach, wie viele Bilder es sein müssten. Zehn ungefähr. Vielleicht sollte sie doch noch in den Keller gehen und sie entwickeln.

Wie lange sie auf dem Sofa gelegen hatte, wusste Sascha nicht. Sie musste eingedöst sein. Jemand klingelte an der Haustür. Sie fuhr zusammen und sah gähnend auf die Uhr. Sie hatte keine Lust aufzumachen. Wer sollte das schon sein, am Heiligen Abend nach elf? Wahrscheinlich nur wieder einer, der zu Christina wollte. Einer von diesen Typen, die in Jogginganzügen aus Ballonseide steckten und nicht in ganzen Sätzen sprechen konnten. An jedem Sonntagmorgen kam ein anderer aus Christinas Zimmer und wollte ins Bad. Sascha hielt nicht viel von den Schwachköpfen, mit denen Christina in die Kiste stieg. Aber für Christinas Ego bedeuteten sie unglaublich viel. Und so führten sie sich auch auf, fand Sascha.

Sie war müde, kam aber nicht hoch, um ins Bett zu gehen. Sie blieb auf dem Sofa liegen und beobachtete das Blinken des Weihnachtsbaums. Er war aus Plastik. Eigentlich ein Wunder, dass es überhaupt einen gab in ihrer Familie.

Sie nahm die Kamera vom Tisch und machte noch ein Foto von ihm. Vielleicht sollte sie wieder auf Polaroid umsteigen. Dann hätte sie die Bilder sofort. Aber sie wäre um den Effekt beim Entwickeln geprellt, den Moment, in dem der ganze Kram in der Entwicklerflüssigkeit langsam und gespenstisch Konturen annahm. Der Moment, in dem die Realität sich in ein Standbild verwandelte, in dem die Wirklichkeit einfror und irreal wurde. In diesem Moment verspürte sie jedes Mal eine tiefe Ruhe und Befriedigung. Von da an hatte sie mit alledem nichts mehr zu tun. Die Fotos sammelte sie in einem Schuhkarton unter dem Bett.

Immer wenn der Familienstress wieder überhandnahm und sie diesen Druck im Magen spürte, machte sie Fotos. Heute war es mal wieder so weit gewesen. Kai hatte beim Essen die ganze Zeit ohne zu blinzeln in den Fernseher gestarrt und sich mechanisch eine Gabel nach der anderen eingefahren. Irgendwas stimmte mit ihm nicht und keiner wusste, was. Seit er acht war, sprach er nicht mehr. Nur manchmal noch mit Sascha. Er war jetzt elf.

»Hey, Idiot«, sagte Christina, nahm eine leere Chipstüte und ließ sie mit einem lauten Knall platzen.

Kai fuhr zusammen und stach sich mit der Gabel in die Backe. Das Bockwürstchen fiel auf den Boden, und seine Backe blutete.

»Ey, der erschreckt sich echt bei jedem Scheiß!« Christina lachte. Ihr Lachen klang grell und krank. Kai hielt sich die Ohren zu.

»Lass es sein, du selten dämliche Kuh!« Sie versuchte Christina die Chipstüte aus der Hand zu reißen und stieß dabei eine Weinflasche um. Christina hielt die Tüte fest, lachte weiter und strampelte mit den Beinen.

»Lass ihn verdammt noch mal endlich in Ruhe!« Sascha sprang auf und packte mit der rechten Hand Christinas Arm, mit der anderen riss sie ihr die Tüte aus der Hand.

»Aua, autsch, du tust mir weh!«, schrie Christina.

»Hör auf, Sascha, hör auf damit, lass Christina!« Die Mutter sprach leise japsend, als hätte sie was am Herzen oder Asthma.

Sascha ließ Christinas Arm los. Christina rieb sich ihr Handgelenk. Sie grinste.

Sascha nahm die Kamera und machte ein Foto von ihr.

»Bleib so, Baby, ja genau so – du hast ein Grinsen wie Jack Nicholson.«

Christina zeigte ihr den Mittelfinger.

Kai stand auf und ging in sein Zimmer. Dort spielte er Pacman. Wie immer.

»Hör auf mit dieser dämlichen Fotografiererei!« Jetzt konnte die Mutter wieder richtig laut schreien und musste nicht mehr japsen.

Sascha machte noch ein Foto. Diesmal von der Mutter.

»Hör endlich auf, diese schwachsinnigen Fotos zu machen!«, schrie die Mutter, und die Adern an ihrem Hals schwollen an. »Ich kann das nicht mehr ertragen! Du machst mich krank. Du bringst mich noch ins Grab!«

Sascha drückte lächelnd immer wieder auf den Auslöser. Die Mutter versuchte ihr die Kamera wegzureißen.

»Schönen Abend noch.« Christina stand auf.

Die Mutter hielt inne und musterte Christina. »So willst du am Heiligen Abend vor die Tür?«

Christina drehte sich um. »Was heißt ›so‹?«

Sie trug einen pinkfarbenen Ballonrock zu schwarzen Netzstrümpfen. Ihre Füße steckten in Cowboystiefeln. Ihre blonden Haare waren in alle Richtungen geföhnt und mit Haarlack fixiert.

»Was willst du mir sagen, hä? Wie sehe ich aus?«

Die Mutter winkte ab.

»Billig«, sagte Sascha grinsend.

Christina holte tief Luft. »Du sagst mir, wie ich aussehe?«, schrie sie. »Du!?«

Es war bemerkenswert, fand Sascha, wie schnell Christina aus der Haut fuhr, wenn es um ihr Äußeres ging. Beim Austeilen war sie nämlich nicht zimperlich.

»Ausgerechnet du, wo du rumrennst wie ’n abgefuckter Hausbesetzerpunk? Und dazu noch wie ein Kerl?«

Sascha trug in diesen Jahren meist Lederjacken und Springerstiefel, dazu schwarze Metallica-T-Shirts und zerrissene Jeans. Mit ihren Haaren machte sie gar nichts mehr, sie hingen ihr ins Gesicht. Der Friseur hatte beim letzten Mal so lange an ihrem Kopf herumgefriemelt, bis sie den Laden mit einer lächerlichen Föhnfrisur wieder verlassen hatte. Nie wieder, hatte sie sich geschworen. Nie wieder!

»Da hat Christina allerdings recht.« Die Mutter piekste ein Stück Bockwurst auf ihre Gabel und wendete es in Senf. Dann schob sie Kartoffelsalat darüber und steckte die Gabel in den Mund. Beim Kauen stand ihre Unterlippe immer leicht vor, so dass sie ein wenig beleidigt aussah.

Sascha stöhnte auf. In dem Punkt waren sich die beiden mal wieder einig.

»Geh wenigstens zum Friseur«, sagte die Mutter.

Sascha machte noch ein Foto. Immer die gleiche Leier.

»Wenn ich in solchen T-Shirt-Säcken rumrennen würde, würde mich auch kein Typ angucken«, sagte Christina.

»Halt doch die Fresse!« Sascha legte die Kamera weg. Es war genug für heute.

Christina warf den Kopf in den Nacken und ging.

Das war der Mutter alles zu viel. Sie ging ins Bett. Manchmal stand sie auch gar nicht erst auf. Gründe dafür gab es genug. Ihr Leben war eine einzige Enttäuschung.

Sascha stand auf und klopfte an Kais Zimmertür. Es kam keine Antwort. Sie öffnete die Tür.

»Kai«, sagte sie leise, und er sah kurz auf.

»Darf ich?«

Kai antwortete nicht. Aber er war einverstanden. Wäre er nicht einverstanden gewesen, hätte er einen Wutanfall gekriegt.

Sascha kniete sich hin und machte ein Foto von ihm. Im Seitenprofil. Das machte sie seit drei Jahren. Inzwischen hatte sie fast vierzig Bilder. Alle gleich, nur die Kleidung wechselte und die Haarlänge. Sie wurden immer länger. Er ließ sie auch nicht mehr abschneiden. Er könne es nicht ertragen, wenn der Friseur so nahe kommt, sagte er einmal. Der letzte Friseur, bei dem er war, hatte ihn angezeigt, weil Kai nach ihm geschlagen hatte. Danach ging er nicht mehr zum Haareschneiden. Kai starrte auf den Bildschirm und machte die Pacman-Geräusche nach.

»Hey, Kai«, sagte Sascha und hatte auf einmal einen Kloß im Hals. »Frohe Weihnachten!«

Kai gab keine Antwort. Aber er hörte kurz auf, die Geräusche nachzuahmen.

Es klingelte wieder, jetzt dreimal hintereinander. Sascha seufzte und stand vom Sofa auf, um die Tür zu öffnen.

Es war Katja. Sie sagte nichts, blieb einfach im dunklen Hausflur stehen.

Sascha sagte auch nichts. Was hätte sie sagen sollen? Katja hatte ein fettes Veilchen und dunkelrote Augenlider, Nase und Mund waren blutverschmiert. Ihr Alter war Saisontrinker und über die Feiertage war er wieder fällig und zerlegte alles, was ihm unter die Hände kam. Auch seine Tochter, wenn es sein musste.

»Komm rein«, sagte Sascha, und Katja ging an ihr vorbei. In der Diele blieb sie unschlüssig stehen.

»Im Bad sind Waschlappen, du musst das kühlen.« Sascha vermied es, Katja anzusehen. Ihr niedliches Gesicht war so verwüstet. Katja tat alles, um wie Madonna auszusehen. Trug fingerlose Handschuhe aus schwarzer Spitze, ein aufgemaltes Muttermal über der Oberlippe, in die Haare verknotete Tücher und lauter Ketten mit Kreuzen um den Hals. Madonna war ihr besseres Ich.

Sascha kannte Katja vom Spielplatz, wo sie als Kinder gespielt hatten und später als Teenager mit den anderen abhingen, die auch nicht so recht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten.

Katja ging ins Bad und Sascha suchte im Eisfach nach Eiswürfeln. Sie fand nur tiefgefrorenen Wirsing. Im Kühlschrank stand Klarer. Sie gab Katja den Wirsing und die Flasche. Alkohol desinfiziert. Vielleicht auch die Seele, hoffte Sascha. Katja nahm einen großen Schluck und wischte sich den Mund ab.

»Lass uns fernsehen«, sagte sie, und sie sahen die ganze Nacht fern. Bis Herr Langner von der Nachtschicht kam. Er fragte nicht, warum Katja da war.

»Frohe Weihnachten«, sagte er nur und sah um Katja herum. Seine Art von Höflichkeit. Er machte die Lichter am Weihnachtsbaum aus. »Abtreten.« Mit ausgestreckter Hand forderte er die Fernbedienung, ließ sich in den Sessel vor der Glotze fallen und öffnete mit einem leisen Zischen ein Pils.

Sascha stand auf, gab ihm die Fernbedienung und ging in ihr Zimmer. Katja folgte ihr.

Im Bett hörte sie Katjas Atem und roch den fremden Geruch, den ihre Sachen verströmten. Nach Weichspüler, ziemlich aufdringlich. Und dann war da auf einmal das Gefühl, sie festhalten zu müssen, damit sie sich nicht aufgab. Ein überwältigendes Verlangen, ihr irgendwie nah zu sein, irgendwie diesen ganzen beschissenen Abend aus ihrem Kopf zu löschen. Doch sie wusste nicht wie. Sie sah Katja an, wie sie dalag, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, ihre Brüste zeichneten sich unter dem T-Shirt ab.

»Was ist?«, fragte Katja.

»Nichts«, sagte Sascha.

Katja kicherte und zog ihr die Decke weg.

»Du guckst genau wie Dominik!«

»Hm«, sagte Sascha. Das war nicht sehr schmeichelhaft. Dominik war Katjas Freund. Sascha hielt ihn nicht gerade für den Hellsten.

»Komm her, wenn du deine Decke wiederhaben willst.«

Es sah aus, als müsse es weh tun, wenn Katja lachte.

Sascha grinste und zerrte an der Bettdecke.

»Bist du sicher?«

Katja nickte und zog sie zu sich. Ganz dicht. Bis Sascha über ihr lag und ihre Brüste spürte. Katjas geschwollenes Gesicht sah furchtbar aus. Aber das durfte Sascha sie jetzt nicht merken lassen.

»Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du irgendwie Ähnlichkeit mit Madonna hast?«, fragte Sascha und kam sich ein wenig schäbig vor – aber es war keine Taktik. Sie hatte wirklich das Gefühl, sie müsse Katja daran erinnern, wer sie war, trotz des buntgefleckten Wahnsinns, den ihr Alter ihr ins Gesicht gedroschen hatte.

Katja wurde rot vor Glück, senkte ihre blauroten Augenlider und sagte leise: »Nein – niemand.« Sie sog Saschas Frage auf wie etwas Süßes, das man ganz langsam auf der Zunge zergehen lässt und von dem man niemandem was abgeben will.

Sascha schob vorsichtig Katjas T-Shirt hoch, und für einen Moment war das Gefühl von Isolation und Hoffnungslosigkeit, das wie eine klebrige Fettschicht über diesem Weihnachtsabend lag, verschwunden. Katja zog ihren Slip aus. Vielleicht würde sie die Fotos gar nicht entwickeln, dachte Sascha, und dann dachte sie gar nichts mehr.

Später lag sie neben Katja und konnte nicht einschlafen. Sie fühlte sich merkwürdig leer. Aber nicht schlecht. Wie nach einer starken Betäubung.

»Wenn wir jeden Stammgast einfach rauswerfen, können wir nächste Woche zumachen«, sagte Monski, als Katja sie fragte, weshalb bei der Eröffnung der Frauenbar Marlene ein Mann am Tresen saß. Er war um die Sechzig und trank schweigend sein Bier.

»Hier im Kiez ist die weibliche Kundschaft nicht so zahlreich. Den haben wir vom Vorbesitzer übernommen – was meinst du, was der an Umsatz bringt«, flüsterte Monski ihr zu.

»Aber wenigstens heute bei der Eröffnung hätte er wegbleiben können«, erwiderte Katja.

Beate zuckte mit den Schultern.

»Er stört doch nicht.« Monski und Beate waren da ganz pragmatisch.

»Na ja, im Grunde nicht.«

Anscheinend wollte er auch mit niemandem sprechen, sondern einfach nur in seiner Stammkneipe sitzen und trinken, egal ob die jetzt Bergmannseck hieß oder Frauenbar Marlene.

»Im Zweifelsfall sagen wir einfach, er ist ein Transmann – dann stört das keine«, meinte Monski und kicherte.

»Früher habt ihr das aber anders gesehen, wenn ich mich richtig erinnere«, sagte Katja.

Monski und Beate waren die ersten Lesben gewesen, die Katja kennengelernt hatte, als sie anfing, auf Frauenpartys zu gehen.

Monski winkte ab. »Das ist lange her. Man muss sehen, wo man bleibt. Du hast dich ja auch verändert.«

Katja zog sich schon lange nicht mehr wie Madonna an, auch wenn sie immer noch dieselbe kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen hatte.

»Schade eigentlich, dass du das ganze Zeug nicht mehr trägst«, hatte Sascha vor einigen Jahren mal zu ihr gesagt und sie verträumt angesehen.

»Quatsch«, hatte Katja geantwortet. »Du rennst ja auch nicht mehr rum wie mit sechzehn.«

»Trotzdem«, hatte Sascha gesagt. »In den komischen Cargohosen siehst du aus wie die Nase von den Guano Apes.«

»Nasić«, hatte Katja sie verbessert. »Nasić, verdammt noch mal.«

Sandra Nasić war viel cooler als Madonna, aber Saschas Frauengeschmack war manchmal etwas seltsam. Erst neulich hatte sie sich fast den Hals verrenkt, als sie an einem Plakat mit Gwen Stefani vorbeigefahren waren.

Apropos Sascha. Sie hätte mitkommen sollen, dachte Katja wütend. Immer hatte sie dumme Ausreden parat, wenn sie mit zu Katjas Freundinnen sollte.

Dabei hatten Monski, die eigentlich Monika Pilarski hieß, und ihre Frau Beate sich solche Mühe gegeben mit der Eröffnung. Sie hatten ein Regenbogenschild über der Tür befestigt, rosa Tüll an die vom Vorbesitzer übernommene Eichentheke getackert und bunte Einweihungscocktails gemixt, die an diesem Abend umsonst waren.

Beim Frühstück hatte sie Sascha gefragt, ob sie am Abend zur Einweihung der Frauenbar Marlene mitkomme. Schließlich waren Monski und Beate bei jedem Auswärtsspiel von Saschas Eishockeymannschaft dabei. Sie war ihnen also etwas schuldig. Doch Sascha hatte nur den Kopf geschüttelt mit diesem dünnen, gequälten Lächeln, das Katja immer so sauer machte und das Sascha in der letzten Zeit immer häufiger aufsetzte. Dabei zog sie eine Augenbraue hoch und lächelte mit nur einem Mundwinkel. Als sei es für sie nicht zumutbar, einen Abend mit Monski und Beate in deren neuer Kneipe zu verbringen. Sascha hatte etwas von einem Termin mit Arne gemurmelt, irgendwas von Holland, Rennstrecke Zandvoort und dass sie bis Montag weg sein würde. In der letzten Zeit war Sascha ziemlich oft weg. Und hatte Arne ihnen am Freitag nicht ein schönes Wochenende gewünscht, als sie Sascha im Laden abgeholt hatte? Katja konnte sich nicht mehr genau erinnern.

Monski drehte die Musik lauter. Marianne Rosenberg. Die Gäste schunkelten und johlten: »Marleeeen – eine von uns beiden muss nun geh’n …«

»Wo hast du deine bessere Hälfte gelassen?«, rief Monski.

Katja winkte ab. »Ich bin die bessere Hälfte.«

Monski lachte laut und heiser und stellte Katja einen pinkfarbenen Cocktail vor die Nase.

»Pink Lady – hau weg, Schätzchen!«

Katja nippte daran. Das Zeug schmeckte scheußlich. Aber das lag wahrscheinlich daran, dass ihr an diesem Tag nichts richtig schmeckte. Als Sascha am Morgen ging, war sie mit einem merkwürdigen nervösen Gefühl in der Küche zurückgeblieben. Schon der Kaffee hatte ihr nicht mehr geschmeckt. Das Gefühl hatte den ganzen Tag über nicht nachgelassen und war zum Abend hin eher noch stärker geworden.

Eine Mischung aus Rauch, Alkohol, billigem Parfüm und Schweiß staute sich in der Kneipe. Obwohl alle Fenster und Türen geöffnet waren, kam kein Luftzug herein. Dieser Samstag sollte der heißeste Tag des Jahres werden, hatte die Wettervorhersage am Abend zuvor verkündet. Und sie hatte recht behalten. Auf Katjas Oberlippe bildete sich ein feiner Film aus winzigen Schweißperlen. Als sie nach dem Cocktailglas greifen wollte, zitterte ihre Hand. Sie bekam kaum Luft, und das merkwürdige nervöse Gefühl schien sich unter ihrem Brustbein zu einem festen Klumpen zu verdichten. Katja versuchte tief durchzuatmen. Es ging nicht. Stattdessen begann ihr Herz immer schneller zu klopfen.

Melanie Peppels wartete, bis der Spielautomat die letzten Münzen ausgespuckt hatte, dann stand sie auf und setzte sich neben Katja an den Tresen. Sie hatte Katja schon eine Weile beobachtet. Sie sah eigenartig blass aus, fand Peppels.

»Alles klar bei dir?«

Katja nickte.

»Was ist denn eigentlich mit dem Typen da hinten am Tresen? Soll ich dem mal Bescheid sagen?«, fragte Peppels. »Wie kommt der hier rein?«

Monski wischte die Theke ab und sah Katja durchdringend an. »Ist ein Transmann«, sagte sie.

»Echt?«, meinte Peppels.

Monski schien von einem besonders hartnäckigen Schmutzfleck auf dem Tresen in Anspruch genommen zu sein. Sie nickte und konzentrierte sich darauf, den Fleck zu entfernen.

»Wo ist eigentlich Elvis?«, fragte Katja, um abzulenken.

Peppels sah sich suchend um. Vorhin hatte sie ihn noch schnarchen hören – er konnte also nicht weit sein.

Sie stieß einen Pfiff aus. In einer Ecke polterte etwas, dann entdeckte sie Elvis’ liebenswertes faltiges Gesicht. Er trottete behäbig in ihre Richtung. Wenn ihm jemand im Weg stand, wartete er geduldig, bis er weiter konnte. Wenn ihm jemand den Kopf tätschelte, ließ er es regungslos geschehen. Elvis wusste, wie er sich in Kneipen zu verhalten hatte. Peppels lächelte zärtlich. Elvis war ihre englische Bulldogge. Er hatte einen Überbiss und Gewichtsprobleme, aber er war ihr Baby. Nur mit Elvis ergab das Leben Sinn.

»Lass mal noch ’n Pils rüberwachsen«, rief sie Monski zu. »Und frisches Wasser für Elvis.«

»Ich hab so Herzrasen«, sagte Katja unvermittelt.

Peppels sah sie besorgt an. Wenn Katja so etwas sagte, dann war definitiv was nicht in Ordnung. Katja Saarbach war kein Typ, der leicht schlappmachte. Die Lage war ernst. Da war Peppels ganz sicher.

»Wollen wir gehen?«

Katja nickte.

Zu Hause legte Katja sich aufs Sofa, ohne ihre Schuhe auszuziehen. Sie presste beide Handflächen auf ihren Brustkorb und schloss die Augen. Ihr Atem ging flach und schnell.

»Soll ich einen Arzt rufen?«

Katja schüttelte den Kopf.

»Kannst du das Fenster aufmachen? Vielleicht hilft frische Luft.«

Peppels öffnete die Balkontür und beobachtete Katja aufmerksam. Sie war noch blasser geworden. Alarmierend blass.

»Wenn Sascha hier wäre«, sagte Katja, »dann würde es besser.«

»So ’n Quatsch. Wieso sollte es dann besser werden? Was soll Sascha denn machen? Mehr als einen Arzt rufen oder dich ins Krankenhaus fahren kann sie auch nicht.«

»Sascha soll herkommen.«

Peppels sah Katja ratlos an.

»Bring mir mein Handy«, sagte Katja. »Es ist in meiner Jackentasche.«

»Du willst sie anrufen?«

Katja nickte.

»Es ist fünf Uhr durch. Was, wenn sie nicht kommt?«

»Sie wird kommen.«

Einige Stunden später öffnete Lynn Jakobs in einer kleinen Pension an der holländischen Nordseeküste die Augen und wusste für einen Moment nicht, wo sie war. Sie sah sich im Zimmer um. An den Wänden vergilbte Rosentapeten, über dem alten Messingbett ein Ölschinken aus den Sechzigern mit einer üppigen Zigeunerin. An der Wand gegenüber ein scheußlicher dunkelbrauner Schleiflackschrank aus den dreißiger Jahren. Zusammengewürfelte alte Möbel, kein Teil passte zum anderen. Sie war an der Nordsee, erinnerte sie sich, in einem Urlaubsort mit Souvenirläden voller Wasserbälle und buntem Kram, mit Sand in den Gehsteigrillen, Strandcafés, Pommes-Wagen und Fischbuden an jeder Ecke. Sie hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Nichts Alarmierendes, nur ein leises Unbehagen. Ein sanfter Missklang, von dem sie nicht wusste, ob er in ihr war oder außen. Vielleicht lag es an der Temperatur, die über Nacht kaum gesunken war. Vielleicht an dem Laken, das an ihrem verschwitzten Körper klebte.

Sie tastete über die andere Betthälfte, ohne die Augen zu öffnen. Aber da war niemand. Nur eine flache Mulde.

»Sascha?« Ihre eigene Stimme kam ihr gedämpft vor, als hätte sie Wasser in den Ohren.

Auftauchen!, befahl sie sich und blinzelte. Hinsehen! Ihre Augen brannten.

Sie hatten Rotwein getrunken am Abend zuvor am Strand. Zu viel, wie sich jetzt herausstellte.

»Sascha?« Wieder keine Antwort.

Lynn rieb sich die Schläfen und sah sich um. Sie hätten nicht den billigen Fusel nehmen sollen, dachte sie. Sie hatte Kopfschmerzen. Irgendwas schien sich seit dem Vorabend verändert zu haben in diesem Raum. Am Abend war ihr die Pension noch romantisch vorgekommen. Jetzt bei Tageslicht verstand sie nicht mehr, warum. Das Doppelzimmer wirkte eher wie eine Absteige. Von der Tür zum Bad blätterte der Lack, aus der Nasszelle strömte feuchter Geruch.

Es klopfte an der Zimmertür. Lynn zog eilig ihr T-Shirt über, setzte sich und versuchte ihre Haare einigermaßen zu ordnen, aber da schob die Wirtin schon einen Teewagen herein. Darauf Kaffee, Toast, Wurst und Marmelade – für eine Person.

»Frühstück, Mevrouw«, sagte sie freundlich, schien die schlafschwere Luft im Raum nicht zu bemerken, nicht die Weinflasche auf dem Nachttisch und auch nicht, dass geraucht worden war, was eigentlich nicht gestattet war.

Lynn blieb verlegen im Bett sitzen und sah zu, wie die Wirtin den quietschenden Teewagen zu einem kleinen schwarzen Nierentisch schob, der zwischen zwei hohen Fenstern an der Wand stand. Die Frau trug eine fliederfarbene Häkeljacke über einem weißen Kittel. Darunter sah ein brauner Rocksaum hervor. Lynn wusste nicht, wann sie zum letzten Mal eine Frau im Kittel gesehen hatte. Hier war eine Zeitreise im Übernachtungspreis inbegriffen.

»Gut geschlafen?«, fragte die Wirtin mit niederländischem Akzent. Sie öffnete die bodenlangen Samtvorhänge. Staub tanzte im Sonnenlicht.

»Ihre Begleitung war heute Morgen schon bei mir und hat bezahlt.«

Es dauerte eine Weile, bis sich die einzelnen Worte in Lynns Kopf zu einer Information zusammenfügten.

»Sie hat schon bezahlt?«

Die alte Frau sah sie betreten an. Für einen Moment schien sie etwas sagen zu wollen, nickte dann aber nur und zog die Vorhänge glatt.

»Wieso …?«

Lynn sah die Wirtin ungläubig an. Doch die zuckte nur lächelnd die Schultern.

»Um zwölf müssen Sie bitte geräumt haben.«

Lynn sah auf die Uhr, in zwei Stunden müsste sie hier weg sein.

Wo war Sascha hin? Wieso hatte sie ihr nichts gesagt? Nach alldem? Und bezahlt hatte sie auch noch. Was sollte das?

Sie beobachtete den verstaubten Kronleuchter in der Mitte des Raumes und sorgte sich, dass er ihr auf den Kopf fallen könnte, wenn sie aufstand. Also blieb sie erst mal liegen.

Sie suchte auf dem Nachttisch nach ihrem Handy, fand es schließlich in ihrem Schuh und sah voller Hoffnung aufs Display. Aber da war nichts. Nur die Anzeige eines halbleeren Akkus. Nicht mal eine SMS – nicht mal eine lächerliche, läppische SMS.

Lynn seufzte und stand nun doch auf, zum Teufel mit dem Kronleuchter, dachte sie, schlimmer konnte es nicht mehr werden, was sollte der ihr schon noch anhaben können?

Sie zog den Teewagen ans Bett. Das Wägelchen klapperte, und seine Räder quietschten. Es wollte nicht so recht über den dicken Teppich. Sie zog fester, und beinahe wäre alles heruntergerutscht. Was für ein albernes Möbel, dachte Lynn wütend, so sinnlos wie Zuckerzangen und Eierwärmer.

Vielleicht half das Einpersonenfrühstück wenigstens gegen die Kopfschmerzen. Aber der Toast war zu weich und die Wurst zu rosa. An dem Kaffee nippte sie nur. Danach ging sie ins Bad und riskierte einen vorsichtigen Blick in den halbblinden Spiegel. Sie stöhnte auf und sah schnell wieder weg. Sie war geschminkt eingeschlafen und als Clownmädchen mit verwischten schwarzen Augen und ausgefranstem rotem Mund wieder aufgewacht. Es fehlte nur noch die rote Plastiknase. Lächerlich. Einfach lächerlich. Sie rieb ihr Gesicht mit Nivea ein und wischte die Make-up-Reste mit Klopapier ab.

Sie hätte nicht so viel trinken sollen. Lynn fühlte sich, als sei sie am Abend zuvor jemand anderes gewesen. Eine Frau, die keine Zweifel kannte, frei von klebrigen Bindungswünschen, souverän, offen, unabhängig. Sascha sollte sie bloß nicht für gewöhnlich halten, für stereotyp und spießig.

»Ich liebe dich«, hatte Lynn dann trotzdem gesagt und verzweifelt auf dem Zipfel des Kopfkissens herumgekaut, als Sascha keine Antwort gab.

Sascha lag auf der anderen Seite des Doppelbettes und rauchte. Dabei sah sie ins Leere, als hätte sie nichts gehört.

»Du mich auch?«, fragte Lynn nach einigen Minuten.

Sascha beugte sich über sie und strich ihr langsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Schön bist du«, sagte sie.

»Ob du mich auch liebst, wollte ich wissen.«

»Liebe«, sagte Sascha gedehnt, drückte ihre Zigarette aus und stand auf. Sie öffnete das Fenster. Warme Nachtluft strömte herein, trug den salzigen Geruch des Meeres ins Zimmer. Tang und Fritten.

Lynn beobachtete den Umriss ihrer Gestalt, die sich in der Dunkelheit vor dem Fenster abhob.

»Vielleicht fühlt sich Liebe ganz anders an, als man glaubt.«

»So? Wie denn?«

»Nicht gut, sondern vielleicht eher …« Sascha beendete ihren Satz nicht. Sie setzte sich neben Lynn auf die Bettkante.

»Sondern eher was?«

»Was weiß ich …« Sascha fuhr mit den Fingern über Lynns Rücken, vom Nacken zum Steißbein.

»Das hier«, sagte sie lächelnd, »fühlt sich jedenfalls ziemlich gut an.«

Lynn duschte in der schimmeligen engen Dusche, schloss die Augen, um nichts zu sehen, und versuchte, das alles abzuspülen, den Kater, die Wut und die Ernüchterung. Aber es klappte nicht. Sie ekelte sich vor dem Duschvorhang und den schwarzen Fugen, das Wasser aus der Dusche roch muffig, als käme es aus einem alten Tank. Vielleicht war es aber auch nur Einbildung – vielleicht fühlte sich alles einfach nur schäbig an nach dieser Nacht.

Sie wickelte sich in ein Handtuch und ging zurück ins Zimmer, zerknüllte wütend die halbleere Zigarettenschachtel, die Sascha auf dem Nachttisch hatte liegenlassen, und blieb unentschlossen mitten im Raum stehen. Am liebsten hätte sie gegen den Bettpfosten getreten, aber sie tat es nicht. Sie schluckte ein paarmal. Ihre Nasenflügel begannen zu zittern. Wie bei einer weißen Maus. Schon als Kind hatte ihr Bruder Christoph sich darüber lustig gemacht. Sie war die Einzige in ihrer Familie mit hellroten Haaren und einer Haut in der Farbe von holzfreiem Papier.

Lynn, die Heulsuse.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Erst vor Wut, dann vor Selbstmitleid.

Da war es wieder. Immer wenn sie dachte, sie würde auch mal was abkriegen vom Leben, bekam sie doch nichts. Das lag wohl an ihr selbst. Sie war einfach zu nichtssagend. Früher oder später enttarnte sie sich als Langweilerin, als Frau ohne Eigenschaften, ohne Überraschungen. Dann wich das Leben vor ihr zurück.

Jetzt trat sie doch einmal kurz gegen das Bett. Zaghaft. Es war kein richtiges Treten. Mehr ein »So tun, als ob«.

Sie zog sich resigniert an und steckte ihre Haare hoch. Das T-Shirt vom Vortag fühlte sich nicht mehr wirklich frisch an; es war ihr egal. In ihren Schuhen war noch Sand. Sie warf ihre Sachen in die Reisetasche und verließ das Zimmer. Wie betäubt blieb sie in der grellen Vormittagshitze vor der Pension stehen und zögerte einen Moment, dann nahm sie noch einmal den Weg durch die Dünen zum Strand, den sie am Abend zuvor zusammen gegangen waren. Menschen mit Sonnenhüten und Badeschlappen drängten sich auf dem Hauptweg, redeten und lachten, trugen Kühltaschen und Strohmatten und wollten zum Strand und einen schönen Tag haben. Bei ihnen schien es keine Komplikationen zu geben. Für sie schien alles normal zu laufen an diesem Sommertag, an dem die Sonne stach und die Helligkeit in den Augen schmerzte.

Lynn blieb stehen und hob die Hand über die Augen, um die Menschen weiter unten am Wasser zu beobachten. Ein Kleinkind verschmierte sein Eis auf dem Handtuch der Mutter, Teenager tobten im Wasser, ein Rentner ölte seinen Bauch ein, und dem durchtrainierten Beachvolleyball-Team schien die Hitze nichts anzuhaben. Sie wusste, dass es sinnlos war, aber ihre Augen scannten alles nach Saschas Silhouette ab. Sie sah auf ihr Handy. Keine Nachricht. Sie schaltete das Telefon aus, verstaute es tief in ihrer Tasche und schlug den Weg zum Bahnhof ein.

Im Zug saß ihr ein verliebtes Pärchen gegenüber, das Reiswaffeln aß. Die Frau hatte graues lockiges Haar, in das sie ein orangefarbenes Tuch geknotet hatte, und trug eine rote Brille. Der Mann war dünn und glatzköpfig und bestimmt zwanzig Jahre jünger als sie. Sie hielten sich an den Händen und waren liebevoll und zärtlich, und keiner von ihnen würde den anderen einfach sitzenlassen, dachte Lynn. So etwas passierte nur ihr.

Die beiden boten ihr eine Reiswaffel an und fragten freundlich, wohin sie denn fahre.

»Nach Hause«, sagte Lynn und zwang sich zu lächeln.

Vielleicht hatte Sascha doch recht gehabt letztes Jahr im November. Vielleicht war es wirklich keine gute Idee gewesen, sich kennenzulernen.

Der Tag im November, an dem sie Sascha zum ersten Mal begegnet war, begann für Lynn mit einer schlechten Nachricht.

»Theresa hat sich aufgehängt.« Die Stimme ihrer Mutter klang wie ein Ansagedienst, ein Weckdienst aus dem Leichenschauhaus. Lynn war nicht ganz sicher, ob das noch zu ihrem Traum gehörte oder ob sie schon wach war. Sie blickte auf den Wecker – sein rotes Display leuchtete in der Dunkelheit und sah aus wie immer. Es war halb sieben. Sie musste also schon wach sein. So früh vom Tod zu hören schlug ihr auf den Magen. Sie setzte sich auf und tastete unter dem Bett nach ihren Schlappen. Die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos leuchteten ins Zimmer.

»Sie hing auf dem Speicher. An ihren Perlonstrümpfen.«

Die Mutter kam ihr übertrieben sachlich vor, als käme es auf jedes Detail an. Lynn hatte den Eindruck, dass sie sich heimlich ein wenig wichtig vorkam, weil sie eine so ungeheuerliche Nachricht übermitteln musste.

»Sie hing auf dem Speicher?«

Ihr Mund füllte sich mit Speichel bei dieser Vorstellung. Sie schluckte und schluckte, bis es wieder nachließ. Sie wollte das nicht. Theresa sollte so etwas nicht getan haben. Nicht ihre Theresa, ihre Lieblingstante mit den glänzenden roten Haaren, deren Leben ihr immer ein wenig feiner vorgekommen war als das ihrer Eltern, die mitten in der Woche Spargel mit Schinken zum Abendbrot aß und immer nach teuren Parfums roch.

»Die Nachbarin hat sie gestern gefunden, die ist jetzt erst mal in der psychiatrischen Ambulanz.«

»Die Nachbarin?«

»Für Theresa können sie da wohl nichts mehr tun«, sagte die Mutter.

»Ich melde mich später«, murmelte Lynn und legte auf.

Am Bahnhof herrschte Chaos, irgendwo waren Leitungen gerissen, und Züge fielen aus, Leute liefen schimpfend durcheinander. Lynn stellte sich in die Schlange vor dem Informationsschalter – auf ihrem Gleis schien kein Zug mehr abzufahren. Hinter ihr stand eine Frau, die kurzatmig die Deutsche Bahn verwünschte und sich gar nicht mehr beruhigen konnte. Lynn hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Die gellende Stimme der Frau war zu viel an diesem Morgen.

Lynn nickte ihr zu und versuchte, verständnisvoll zu lächeln. Aber die Frau schrie einfach weiter. Sie würde sich nicht beruhigen, dachte Lynn und wandte sich ab.

Vor ihr stand ein junger Mann, der Kaffee aus einem Pappbecher trank und ein angenehmes Aftershave benutzt hatte. Lynn atmete tief durch, sein Duft vermischt mit frischem Kaffee hatte etwas Beruhigendes, blendete die Hektik um sie herum für einen Moment aus.

Sie musterte ihn verstohlen. Er trug eine dicke Winterjacke, darunter einen Kapuzensweater und hatte nachlässig einen groben Schal um den Hals gewickelt. Er sah aus wie jemand, der viel Sport machte.

Lynn sann manchmal darüber nach, was die Menschen so machten, wenn sie nicht gerade in vollen Regionalzügen zur Arbeit fuhren. Was sie zu Abend aßen, ob jemand auf sie wartete, wenn sie nach Hause kamen, oder ob sie alberne Geheimnisse hatten, wie einen Teddy im Bett oder Schlimmeres. Jonas hatte immer seinen alten Teddy im Bett, den er zur Einschulung bekommen hatte. Lynn ekelte sich vor dem abgewetzten Frotteetier. Als sie Jonas das erste Mal sah, hätte sie nicht gedacht, dass einer wie er mit einem Teddybären schlafen ging. Jonas studierte Betriebswirtschaft, und zwar im Zeitraffer. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, nur halb so lange zu brauchen wie die anderen, die Siebenschläfer-Studenten, wie er sie nannte. Später wurde Lynn bewusst, dass das mit dem Teddy doch irgendwie zu ihm passte.