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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Manuela Kuck

Liebe Lügen

Roman

K+S digital

1 Lisa

Der Raum war völlig überheizt. Ich strich mir über die Stirn. Schweiß sammelte sich unter meinen Achseln und würde in Kürze große nasse und weithin sichtbare Flecken hinterlassen. Da ich meine beste Bluse trug und zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen war, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen.

Verstohlen ließ ich den Blick über die anderen fünf Bewerberinnen schweifen, um erleichtert festzustellen, dass sie ähnlich mitgenommen aussahen wie ich. Vielleicht testen die gleich noch unsere Saunatauglichkeit, dachte ich – immerhin ging es um einen Job im Hotelgewerbe. Ich wusste, dass der alberne Gedanke lediglich Ausdruck meiner zunehmenden Nervosität war, denn meine Chance auf die Stelle betrug zwar rein rechnerisch 16,67 Prozent, tendierte aber eigentlich gegen Null. Höchstens.

Es grenzte schon an ein Wunder, dass ich überhaupt in die Gesprächsendrunde gekommen war, und meine Einladung war wohl hauptsächlich dem Umstand zu verdanken, dass ich ganz gut um den heißen Brei herumzureden vermochte, wenn es darum ging, Lücken im Lebenslauf zu rechtfertigen. Hätte ich in dem Laden was zu sagen, wäre ich jedenfalls kaum auf den Gedanken gekommen, jemanden wie mich für einen Job als Assistentin der Geschäftsführerin ins Auge zu fassen. Ich hatte zwar schon in zig Branchen gearbeitet und kaufmännische Grundlagen vorzuweisen, meine Computerkenntnisse und mein Englisch waren auch recht gut, und rhetorisch hielt ich mich ganz wacker – besonders am Telefon –, aber um in der Nähe der Wahrheit zu bleiben: Das war es dann auch schon.

Mein berufliches Durchhaltevermögen ließ sich unter anderem daran ablesen, dass in den letzten Jahren schätzungsweise alle drei bis sechs Monate ein neuer Arbeitgeber auf der Liste meiner Beschäftigungsverhältnisse stand, eingerahmt von zwischenzeitlichen Leerphasen, die ich vollmundig als freiberufliche und Fortbildungszeiten umschrieb. Was für ein Geschwafel. Ich hatte mich mit irgendwelchen Jobs über Wasser gehalten, während ich von einer Sinn- und Lebenskrise in die nächste getaumelt war und nicht mal meinen Liebeskummer auf die Reihe bekommen hatte. Immerhin: Zwischen meinem 32. und 35. Lebensjahr war es mir gelungen, mit dem Rauchen aufzuhören, ein Friedensabkommen mit meiner Mutter zu schließen, das länger als drei Wochen andauerte, und nach sechs vergeblichen Versuchen endlich einen Bonsai am Leben zu erhalten.

Ich hatte schon in Kneipen, Cafés und Bars, aber noch nie in einem Hotel gearbeitet, geschweige denn als Assistentin irgendeiner Geschäftsführung, und hätte ich mich vorab ausreichend informiert, wäre mir klargewesen, dass ich mich nicht in einer miesen, abseits gelegenen Bruchbude bewarb, die mit ihrer Ausschreibung ein bisschen dick auftrug, während sie sich gerade eben über Jugendherbergsniveau halten konnte, sondern dass meine Unterlagen auf den eleganten Tisch eines exquisiten Hotels mit ausgereiftem Konzept in bester Lage Unter den Linden geflattert waren, wo irgendjemand an verantwortlicher Stelle aus mir unerfindlichen Gründen davon beeindruckt gewesen war. Nun, das würde ich in Kürze korrigieren können.

Eine kleine pummelige Frau im Hosenanzug betrat den Raum, senkte den Blick über die schwarzen Ränder ihrer Hornbrille hinweg und rief zwei Mitkonkurrentinnen gleichzeitig auf – für die Stelle kam nur eine Frau in Frage, weil das Hotelangebot ausschließlich für weibliche Gäste konzipiert war und auch nur Frauen beschäftigte, was zweifelsohne mit ein Grund für mein Interesse gewesen war. Die beiden kehrten nach schätzungsweise sieben Minuten zurück, und ihre betretenen Mienen konnten nur eines bedeuten: Meine Chancen waren, wenn auch nur rein rechnerisch, auf 25 Prozent gestiegen. Was auch immer sie falsch gemacht hatten – es war schnell gegangen.

Die nächsten beiden Frauen verschwanden – sie erwischte es nach zirka zehn Minuten. Mein Puls stieg, während meine Schweißflecken sich in Richtung Ellenbogen auszubreiten begannen. Mein Name fiel in einem Atemzug mit dem einer anderen Frau. Hatte ich schon erwähnt, dass ich dringend einen Job brauchte? Mit der Miete in Rückstand war? Schulden hatte? Und kaum noch Freundinnen, die ich anpumpen konnte?

Gemeinsam mit mir erhob sich ein blondgelocktes feengleiches Wesen mit zwei Meter langen grazilen Beinen von seinem Platz, das ein zauberhaftes Lächeln aufsetzte, kaum dass wir in ein holzgetäfeltes Büro geführt worden waren, an dessen Tür Geschäftsführerin stand. Der Grundriss war größer als der meiner ersten eigenen Wohnung. Die Fee bewegte sich mit beneidenswerter Selbstsicherheit, war schätzungsweise zehn Jahre jünger als ich bei einem gleichzeitigen Berufserfahrungsvorsprung von zwanzig Jahren und hatte zu allem Überfluss auch noch eine angenehme Stimme. Und natürlich keine Schweißflecken – weder unter den Achseln noch anderswo, sofern ich das bei oberflächlicher Sichtung beurteilen konnte. Darüber hinaus war die Frau selbstverständlich perfekt geschminkt. Ich war schon immer heilfroh, wenn es mir gelang, Wimperntusche ausschließlich, gleichmäßig und präzise an den dafür vorgesehenen Stellen aufzutragen, und sie rauschte hier rein, als gelte es, mit ihrem Teint bei der Oscar-Verleihung eine gute Figur zu machen – was ihr bestimmt gelungen wäre. Einen Moment lang haderte ich mit dem Umstand, dass ausgerechnet ich gemeinsam mit der wohl chancenreichsten und schönsten Frau in die Höhle der Löwin gerufen wurde, dann konzentrierte ich mich auf die Frau hinter dem eleganten Mahagoni-Schreibtisch.

Der Vergleich mit der kompromisslosen Wildheit einer Großkatze war gar nicht so verkehrt. Amelie Rupert hatte in der Tat etwas von einem Raubtier, und ihre Ausstrahlung ließ mich sofort erschaudern. Gletscherblauer Blick, der mit dem tiefblauen Blazer, an dessen Revers das goldene Emblem des Hotels mit ihrem in schwungvoller Schrift eingravierten Namen angebracht war, vor dem Hintergrund einer gediegenen Büroausstattung perfekt harmonierte. Dunkles mittellanges Haar, das ihr Gesicht umschmeichelte und garantiert noch nie etwas von Cut & Go gehört hatte. Unbewegte Miene, die selten von einem Lächeln aufgehellt wurde – so vermutete ich jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Ihr Alter ließ sich schwer schätzen, vielleicht vierzig, vielleicht fünfzig. Es schien völlig nebensächlich. Sie fasste erst die Fee, dann mich ins Auge, scannte uns sekundenlang, was nicht besonders angenehm war, und ließ uns dann auf den beiden Stühlen vor ihrem Schreibtisch Platz nehmen. Ihre Stimme war tief und volltönend. Sie sprach leise, als ginge sie selbstverständlich davon aus, dass man ihr andächtig und aufmerksam lauschte, womit sie ohne Zweifel richtig lag.

Die Fee war zuerst an der Reihe. Elegant schlug sie ein Bein über das andere, bedankte sich artig und wohlartikuliert für die Einladung, um dann in geschliffenen Wendungen von ihren letzten beiden Anstellungen zu berichten, eine davon in einem großen Hotel in Spanien. Ich verdrehte innerlich die Augen und überlegte, ob ich einfach aufstehen und gehen sollte. Ich war größenwahnsinnig, wenn ich auch nur die geringste Hoffnung hegte, hier den Hauch einer Chance zu haben, und lächerlich machen wollte ich mich weder vor der Fee noch vor dieser eisblauen Lady. Garantiert hatte sich niemand von meinen Bewerbungsunterlagen blenden lassen – allein die Mutmaßung grenzte schon an Unverschämtheit, wie mir inzwischen klar war. Wahrscheinlicher war, dass meine Einladung zum Vorstellungsgespräch lediglich aufgrund einer simplen Verwechslung zustande gekommen war. Das könnte ich doch als Aufhänger benutzen. So was passierte schließlich in den besten Häusern.

Die Fee erzählte gerade en detail von ihrer fundierten Ausbildung, als Amelie Rupert eine Hand hob, um ihre Schilderung mit bestimmter Geste zu unterbrechen, was ich ihr hoch anrechnete. Fast wäre mir ein erleichterter Seufzer entglitten.

»Flexibilität ist das A und O in unserer Branche«, bemerkte sie. »Es kann vorkommen, dass Sie mal in einem anderen Bereich aushelfen müssen …«

Fee winkte ab. »Aber ich bitte Sie! Ich habe überhaupt kein Problem damit, auch am Empfang eingesetzt zu werden oder bei einer Abendveranstaltung am Büfett zu stehen – um nur ein Beispiel zu nennen.«

Na klar, dachte ich, du bist rundum einsetzbar, und wenn es sein muss, putzt du nachts auch noch die Klos. Amelie Ruperts Blick streifte mich kurz, als hätte ich meinen Gedanken laut ausgesprochen. Ich bemühte mich umgehend um einen gleichmütigen Gesichtsausdruck, während sie wieder Miss Tausendschön Flexibel ansah.

»Sie können sich bestimmt vorstellen, dass Sie nicht immer pünktlich Feierabend machen können und …«

Fee lachte mit glockenklarer Stimme auf. »Natürlich nicht. Das ist doch selbstverständlich.«

Ich war ziemlich sicher, dass Amelie Rupert es nicht schätzte, in ihrem Redefluss unterbrochen zu werden, sondern selbst eine Frage mit offensichtlichem Inhalt gerne in aller Ruhe ausformulierte, um erst dann die Antwort zu hören. Nicht übereifrig werden, Fee, dachte ich. Fast unmerklich hob sich eine von Ruperts feingeschwungenen Brauen – ähnlich pointiert gelang das meines Wissens nur noch Anne Will.

»Und was sagt Ihr Freund, wenn das zwei, drei Abende hintereinander vorkommt und er bereits Kinokarten besorgt hat?«, blieb sie beim Thema.

Wieder ertönte das silbrige Glockenlachen, diesmal zirka zwei Oktaven zu hoch. Allein das wäre eigentlich Grund genug gewesen, fluchtartig den Raum zu verlassen.

»Er tauscht die Karten um oder er geht mit einem Freund«, gab Fee triumphierend zurück, und einen Moment lang sah es so aus, als würde sie in die Hände klatschen.

Natürlich, dachte ich, gar keine Frage. Männer sind ja weltumspannend dafür bekannt, in solchen Situationen grundsätzlich gelassen und rücksichtsvoll zu reagieren. Wer hätte je anderes gehört?

»Er wird nicht sauer oder ungehalten?«, verlangte die Geschäftsführerin auch bei diesem Aspekt detailliert Auskunft.

»Aber nein. Er weiß, in welcher Branche ich arbeite. Das war noch nie ein Problem.«

»Und wenn Sie Ihr freies Wochenende verschieben müssen?«

»Dann hat er auch dafür Verständnis.«

Amelie Rupert nickte langsam, während ich überlegte, ob Fee den Bogen inzwischen einfach nur maßlos überspannte, statt ein wenig Schönfärberei zu betreiben, wie es in einer solchen Situation ja durchaus angemessen war, oder ob ihr Freund tatsächlich ein Weichei mit unübersehbarer Tendenz zum Volltrottel war. Carola jedenfalls wäre ziemlich stinkig gewesen, wenn ich Verabredungen dauernd wegen des Jobs … Aber Carola war schon lange nicht mehr aktuell. Jemand anders auch nicht. Und einen Job hatte ich, wie erwähnt, schon länger nicht mehr.

»Und Ihr Freund?«

Ich brauchte eine Weile, um zu kapieren, dass die Fee plötzlich abgemeldet und ich dran war. Amelie Rupert sah mich an. Ich rang mir ein Lächeln ab.

»Es gibt keinen Freund«, sagte ich und räusperte mich.

Den eigentlich geplanten Zusatz, dass ich aufgrund diverser Umstände, deren Einzelheiten ich ihr ersparen wollte, überhaupt nicht hierhergehörte und meine letzte Liebesbeziehung mit einem Mann fünfzehn Jahre zurücklag und ich seitdem Frauen bevorzugte – was aber nicht an dem Mann lag –, verkniff ich mir. Wir befanden uns zwar in einem Frauenhotel, doch ausschweifende Schilderungen meiner persönlichen Liebesbiographie waren garantiert trotzdem nicht gefragt. Warum auch? Aber das war noch nicht alles. Amelie Rupert hatte mich im Bruchteil einer Sekunde auf dem falschen Fuß erwischt. Es war ein Moment, in dem ich am liebsten gar nichts mehr gesagt hätte, weil mir mal wieder vor Augen geführt wurde, wie wenig ich mein bisheriges Leben dazu genutzt hatte, etwas zu erreichen – wenn schon nicht privat, dann wenigstens beruflich. Ich öffnete den Mund, um wenigstens noch irgendeine allgemeine halbwegs geistreiche Bemerkung hinterherzuschieben, die es mir erlaubte, wieder Tritt zu fassen, um dann den geordneten Rückzug anzutreten, als die Rupert mir zuvorkam.

»Eine Freundin?«

Mit der Nachfrage hatte ich nicht gerechnet. Die Fee warf erst ihr, dann mir einen neugierigen Seitenblick zu.

»Im Moment nicht«, erwiderte ich. »Hören Sie, Frau Rupert, ich …«

»Ja?« Kein aufmunterndes Lächeln. Kein warmer Blick. Ganz und gar nicht. Eher das Taxieren einer Leopardin, die aufmerksam nach ihrem Mittagsimbiss Ausschau hält.

»Ich denke, es dürfte längst klar sein, dass ich nicht …«

»Wie bitte?«

Ich atmete tief durch. »Ich könnte mir vorstellen, dass hier etwas schiefgelaufen ist. Meine Bewerbung …«

»Was ist damit?« Sie sah auf die Mappe, die vor ihr lag, und hielt sie kurz hoch. Es war eindeutig die, die ich losgeschickt hatte. »Sie sind doch Lisa Krone?«

»Ja, aber …« Ich war verdutzt, konnte aber nicht mehr zurück. »Sie werden in spätestens drei Minuten feststellen, dass ich nicht ausreichend für diese Stelle qualifiziert bin, deshalb sollten wir das Prozedere für alle Beteiligten abkürzen und …« Ich erhob mich langsam.

Sie musterte mich in aller Ruhe von oben bis unten. »Setzen Sie sich wieder.« Das war keine Bitte. »Erstens: Ich habe Sie aufgrund Ihrer schriftlichen Bewerbung eingeladen. Zweitens: Woher wollen Sie eigentlich wissen, welche Qualifikationen ich für besonders wichtig erachte?«

Ich ließ mich langsam wieder auf den Stuhl zurücksinken. »Nun … na ja, ich …«

»Ja?«

»Hotelmanagement erfordert Erfahrung und spezielle Kenntnisse.«

»Die Sie nicht haben?«

»Ich fürchte nicht.«

»Aha. Aber zum einen haben Sie sich trotzdem beworben, und zum anderen kennen Sie sich doch immerhin so gut aus, dass Sie zu wissen meinen, welche Bewerberin warum die richtige beziehungsweise die falsche ist?« Diesmal hob sie beide Augenbrauen.

Die Fee kicherte. Amelie Rupert wandte ihr kurz das Gesicht zu. Ihr frostiger Blick ließ sie nicht nur verstummen, sondern verschlug ihr den Atem. Mein Mitgefühl hielt sich in Grenzen.

»Wir wären dann soweit durch, Frau Sigand«, fügte die Geschäftsführerin nach einer unangenehm langen Pause schließlich hinzu, und die Fee stand nach kurzem Zögern sichtlich betroffen auf, um nach einem flüchtigen Gruß aus dem Raum zu eilen. Mit diesem Abgang hatte sie garantiert nicht gerechnet.

Okay, dachte ich. Sie nimmt sich Zeit, um mir in aller Ruhe und ohne Zeugen zu erklären, was ich für eine Niete bin. Dann fliege ich auch raus, und wahrscheinlich sitzen im Nebenraum schon die nächsten Bewerberinnen. So hübsch und grazil wie die Fee, aber deutlich souveräner als sie und achtzig Mal kompetenter als ich, was bei näherer Betrachtung nicht so schwierig war.

»Warum haben Sie sich beworben?«, hob Amelie Rupert an, als die Tür ins Schloss gefallen war. Sie faltete die Hände.

Ich atmete tief durch. Offensichtlich wollte sie es ganz genau wissen. Das war ihr gutes Recht. Immerhin hatte ich ihre Zeit in Anspruch genommen, und das Mindeste, was ich ihr schuldete, waren ein paar Antworten. Wenn möglich ehrliche.

»Ich brauche einen Job, und die Stellenbeschreibung hat mir zugesagt«, erklärte ich. »Ich habe schon in vielen Bereichen gearbeitet und dachte, dass ich lernfähig und flexibel genug bin, mich einzuarbeiten. Sagen wir so – es schien mir einen Versuch wert.«

»Aber jetzt sind Ihnen Zweifel gekommen?«

»Durchaus.«

»Warum?«

»Ehrlich gesagt war ich von einem wesentlich kleineren und schlichteren Hotel ausgegangen«, erwiderte ich vorsichtig. »Und nun bekomme ich mit … na ja … Ich habe mich nicht richtig informiert. Außerdem hat die Fee so viel vorzuweisen an Berufserfahrung, dass ich …«

»Die Fee?«

Ich spürte, wie ich rot wurde. »Frau Sigand – ich habe ihr den Spitznamen gegeben.«

»Verstehe.« In ihrem Mundwinkel zuckte es kurz, aber von einem Lächeln, geschweige denn einem amüsierten, konnte nicht die Rede sein. Sie warf einen schnellen Blick in die Mappe. »Sie halten nicht lange durch, wie ich Ihrem Lebenslauf entnehmen kann.«

Du hast ja so recht, dachte ich. »Ich habe einige Male zu früh aufgegeben, hatte manchmal Pech und war häufig einfach am falschen Platz«, entgegnete ich stattdessen. Warum auch nicht? Was hatte ich schon zu verlieren? Wahrheiten konnten so oder auch so formuliert werden. Die Erfahrung machte ich nicht zum ersten Mal im Leben.

»Sie haben noch nie in einem Hotel gearbeitet – eine Tatsache, die Sie in Ihrer Bewerbung weiträumig umschiffen.«

»Stimmt.«

»Sind Sie wirklich davon ausgegangen, dass Sie damit durchkommen?«

»Hier nicht. Nein. Aber wie gesagt, ich dachte …«

»Sie dachten, Sie probieren einfach mal, was geht«, unterbrach sie mich.

»Ja.«

Amelie Rupert musterte mich lange und nickte mir schließlich zu. »Ich denke darüber nach und rufe Sie in den nächsten Tagen an.«

Sie machte sich einige Notizen. Ich war so perplex, dass ich vergaß, aufzustehen und mich zu verabschieden. Stattdessen starrte ich sie an.

Sie hob den Blick. »Sie können gehen, Lisa.«

Als sie meinen Vornamen verwendete, wusste ich, dass ich den Job hatte. Warum ich überhaupt in die engere Wahl gekommen war und Amelie Rupert dann sogar davon überzeugen konnte, dass sie mit mir die Richtige gefunden hatte, erfuhr ich erst später. Manchmal überlege ich, ob ich mich anders entschieden hätte, wenn mir ihre wahren Beweggründe schon in diesem Augenblick klargewesen wären. Aber die Frage ist natürlich müßig.

2 Hannah

Die Pflegerin hatte den Rollstuhl vor das große Verandafenster geschoben und kam mir lächelnd entgegen, als ich das Wohnzimmer betrat.

»Ich glaube, es gefällt ihr«, sagte sie leise. »Der Blick in den Garten, die Natur … Vielleicht hat sie Freude daran.«

Der Blick in den Garten war öde. Die Natur lag so brach wie selten zuvor in diesem Winter, der sich überhaupt nicht verabschieden wollte. Karen hasste lange kalte Winter und brachliegende Natur. Für sie begann das Leben erst so richtig, wenn der Frühling sich ankündigte. So war es jedenfalls früher immer gewesen. Früher hieß: vor dem ersten Schlaganfall.

»Die Medikamente stehen in der Küche auf der Anrichte. Ich wäre dann soweit fertig mit allem. Sie kommen zurecht, Frau Trepur?« Das fragte sie jeden Abend. Ich nickte, wie jeden Abend.

»Danke, Frau Kern. Ja, ich komme zurecht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend.«

Ich war müde und in Gedanken, und die Atmosphäre im Haus meiner Schwester umhüllte mich wie eine dichte Wolke, aber es blieb mir gar nichts anderes übrig als zurechtzukommen. Schließlich war es ein halbes Jahr zuvor meine Entscheidung gewesen, zu Karen zu ziehen, mich um sie zu kümmern und für sie dazusein, soweit es mir neben meinem Job möglich war. Dass sowohl die Ärzte als auch Karen und ich davon ausgegangen waren, sie würde höchstens drei, vier Monate liebevolle Unterstützung brauchen, um ihr altes Leben weitestgehend wiederaufnehmen zu können, und sich alle irrten, hatte vorher niemand ahnen können.

Karen war nach gut zwei Monaten, in denen sie engagiert um ihre Gesundung gekämpft hatte, ein zweites Mal von einem Schlaganfall niedergestreckt worden. Diesmal hatte er ganze Arbeit geleistet. Sie war seitdem an den Rollstuhl gefesselt – die rechte Körperhälfte zur Zeit vollständig gelähmt, die linke in den Bewegungen eingeschränkt; innerlich und äußerlich völlig erstarrt und in sich zusammengesunken; sprachlos und von einer tiefdunklen Traurigkeit umgeben, gegen die ich jeden Abend anzukämpfen versuchte und vor der ich jeden Morgen zur Arbeit flüchtete. Froh, dass ich Karen bei der Pflegerin in guten Händen wusste, erleichtert, dass ich meiner Wege gehen konnte, und mit einem schlechten Gewissen im Gepäck, das sich den ganzen Tag über immer wieder regte.

Die Haustür fiel hinter Frau Kern ins Schloss, und ich trat neben meine Schwester. »Hallo, Karen, da bin ich.«

Manchmal reagierte sie mit einem Lidzucken, wenn ich sie begrüßte, oder mit einer winzigen Körperbewegung. Oder ich erkannte den minimalen Versuch einer Kopfdrehung, mit dem sie mir das Gesicht zuwenden wollte. Dann hoffte ich jedes Mal, dass sie sich freute – so freute, dass ich es mitbekam und mich damit spüren ließ, dass sie überhaupt noch so etwas wie Freude empfinden konnte oder eine Art Zufriedenheit, für Momente jedenfalls. Vielleicht lachte sie ja sogar manchmal, und ich deutete ihr schiefes Gesicht und den merkwürdig leeren Blick nur falsch. Ich glaubte nicht daran, aber gänzlich ausschließen wollte ich es nicht. Karen hat früher viel gelacht. Mehr als ich. Lachgrimasse, hatte ich manchmal zu ihr gesagt, wenn sie sich völlig undamenhaft mit weit aufgerissenem Mund über irgendeinen Witz ausgeschüttet hatte.

Sie starrte weiter in den Garten.

Die Ärzte sagten, dass ihr der zweite Schlaganfall gewaltig zugesetzt und teilweise irreversible Schäden angerichtet hatte. Davon musste man realistischerweise ausgehen. Ob sie jemals wieder so würde laufen und sprechen können wie früher war mehr als fraglich, wahrscheinlich sogar ausgeschlossen. Andererseits machte sie bedeutend weniger Fortschritte, als man erwarten konnte, selbst wenn man nicht besonders optimistisch eingestellt war. Bedeutend weniger war eine ganze Menge.

»Der Körper ist das kleinere Problem«, hatte auch der Physiotherapeut letztens wieder betont. »Sie hat kein Selbstvertrauen mehr und keine Lebensfreude.«

Ja, wie denn auch? Mir wäre es ähnlich ergangen. Wie fühlte man sich, wenn man den Berg schon fast erklommen hatte, mühsam und unter Schmerzen, und dann ein weiteres Mal hinabstürzte, mit noch viel größerer Wucht?

»Reden Sie mit ihr. Finden Sie raus, was ihr guttut, woran sie Freude hat.«

Der Rat war freundlich und mitfühlend gemeint, aber er ging ins Leere. Ich hielt dem Mann zugute, dass er neu in der Praxis war und mit Karens Betreuung gerade erst begonnen hatte, während ich mich seit Monaten um sie kümmerte und sie seit nahezu einem halben Jahrhundert kannte.

»Sie hat Spaß am Laufen und am Radfahren, und sie liebt die Arbeit im Garten. Sie war eine erfolgreiche Architektin, die jedes Baugerüst hochgeklettert ist. Auch noch mit Ende Fünfzig und oft genug ohne Sicherheitshelm. Die Männer sind ihr nachgelaufen«, hatte ich schließlich erwidert. Nicht mehr scharenweise, aber über mangelndes Interesse hatte sie sich auch in den letzten Jahren nie beklagen können, fügte ich in Gedanken hinzu. Und wie redet man mit einer Frau, die einen blicklos anstarrt und von der man nicht weiß, ob sie einem überhaupt zuhören möchte? Dass sie es konnte, daran zweifelte ich nicht im Geringsten.

Der Physiotherapeut hatte sich geräuspert. »Familie, Freunde?«

»Ich bin ihre Familie. Es gibt einige gute Freunde, aber sie will keine anderen Menschen sehen. Sie schämt sich.«

»Sind Sie sicher?«

Ich nickte. Ja, ich war sicher. Hundertprozentig sicher. So gut kannte ich sie immer noch, auch wenn wir in den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr ganz so viel Zeit miteinander verbracht hatten wie früher. Meine Arbeit beim LKA forderte mich zunehmend, und nach der letzten Beförderung hatte ich in der Regel einen Zehn-Stunden-Tag und selten ein wirklich freies Wochenende. Dennoch hatten wir uns regelmäßig gesehen, waren häufig essen gegangen oder auch mal ins Kino. Ich liebte Karens Fröhlichkeit. Ihre Unverfrorenheit und ihren messerscharfen Verstand. Sie tat mir gut. Wir hielten zusammen – das traf es unbedingt.

Nach dem Unfalltod unserer Eltern fünfzehn Jahre zuvor hatte es nur noch uns beide gegeben. Karens Ehe war kurz gewesen und kinderlos geblieben, danach hatte sie zig Affären genossen und einige lockere Beziehungen geführt. Ich hatte seither viele Liebschaften und Abenteuer erlebt sowie zwei Gefährtinnen gehabt, an die ich gerne zurückdachte, aber auf eine dauerhafte Partnerschaft hatte auch ich mich bislang nicht einlassen können. Aus unterschiedlichen Gründen. Im Mittelpunkt hatte sowohl bei Karen als auch bei mir immer der Job gestanden. An zweiter Stelle war die Schwester gekommen. Eigentlich ungewöhnlich, aber ich hatte noch nie intensiver darüber nachgedacht.

Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich neben sie.

»Ich weiß, der Winter will kein Ende nehmen«, sagte ich. »Daran können wir nichts ändern.« Das klang furchtbar banal, aber ich meinte es genau so. Ich seufzte leise und ließ den Satz stehen. Manchmal fehlten mir die richtigen Worte, aber Schweigen war auch keine Lösung. »Magst du auch einen Tee?«

Keine Antwort. Ich wartete einen Moment, dann stand ich auf und ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Wieder im Wohnzimmer schaltete ich den Fernseher ein. »Willst du die Nachrichten sehen? Oder lieber was anderes?«

Ihre linke Hand zuckte. Eigentlich müsste sie mit der Hand viel mehr zustande bringen können als ein wie zufällig wirkendes Zucken, hatte der Arzt gesagt. Ich hörte, dass der Wasserkocher leise zu summen begann. Es schien ewig zu dauern, bis das Wasser kochte und ich den Tee aufgießen konnte. Sofort roch es intensiv nach Orange und Pfirsich. Sommerduft. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, begann mein Diensthandy zu vibrieren. Ich zog es aus der Innentasche meines Blazers. Ben Krüger stand auf dem Display. Krüger war seit gut zwei Jahren mein persönlicher Mitarbeiter. Ein junger drahtiger Typ, der zu oft CSI Miami geguckt hatte und manchmal mit Schnoddrigkeit wettzumachen suchte, was ihm an Erfahrung fehlte, der aber dennoch ein fähiger Kripobeamter war, mit dem ich mich gut verstand.

»Der Chef hat gerade angerufen«, sagte er statt einer Begrüßung. »Er ist nach wie vor nicht hundertprozentig Ihrer Meinung und möchte regelmäßig auf dem Laufenden gehalten werden – sein üblicher Spruch, so kennen wir ihn. Aber letztlich hätten Sie in der Sache das Sagen, meint er und gibt sein Okay. Ich dachte mir, dass Sie sofort Bescheid wissen möchten.«

»Und ob«, erwiderte ich. »Na wunderbar. Dann kommt das Ganze ja jetzt endlich richtig ins Rollen. Was hat ihn denn plötzlich doch einwilligen lassen?«

»Dass Sie selbst vor Ort sind und das Risiko tragen.«

Ich lächelte. Typisch. »Gut, danke für die Nachricht. Die Einzelheiten besprechen wir dann morgen.«

Ich beendete die Verbindung und legte das Handy beiseite. Als ich hochblickte, waren Karens Augen auf mich gerichtet. Mit beinahe erschreckender Klarheit. Ich erwiderte den Blick.

»Das war mein junger Kollege Ben«, sagte ich leise. »Sagt dir der Name noch was?«

Ihre Hand zuckte.

»Ich habe dir häufig von ihm erzählt. Was ich natürlich gar nicht darf.«

Sie sah mich weiterhin an. Bleib, dachte ich. Bitte bleib hier und hör mir zu.

»Geheimhaltung und der ganze Kram«, fuhr ich fort. »Aber manchmal habe ich dir eben doch von meinem Job berichtet und auch von laufenden Ermittlungen, die mich sehr beschäftigten, weil sie ziemlich brisant waren oder mich auf besondere Weise berührten. Aber ich habe niemals die richtigen Namen der Leute genannt, gegen die wir ermittelten – so korrekt war ich dann doch und so vorsichtig. Wusstest du das eigentlich?«

Ihre Hand zuckte erneut.

»Das Leben hält manchmal die unmöglichsten Zufälle parat. Ich bin der Meinung, dass man nie ein unnötiges Risiko eingehen sollte.«

Karens aufmerksamer Blick beschleunigte meinen Herzschlag.

»Projekt Hotel«, fuhr ich fort. »Du kennst sogar die Besitzerin – du kennst sie sogar ausgesprochen gut, aber lassen wir das zunächst mal beiseite.« Ich lächelte. Vielleicht war es keine schlechte Idee, für ein wenig Spannung zu sorgen. »Ich bereite die Sache seit einiger Zeit vor, und mein Chef hat gerade das weitere Vorgehen abgesegnet. Wenn uns die Fische ins Netz gehen, die ich im Visier habe, und wir denen ein für allemal das Handwerk legen können, werden einige Leute sehr froh sein. Willst du mehr hören?«

Sie blieb stumm, natürlich, aber klar und wach, so schien es mir jedenfalls, als ich ihr schmales Gesicht einen Moment betrachtete. Der wintertrübe Garten war vergessen. Ich holte mir eine Tasse Tee.

»Ich muss etwas weiter ausholen«, begann ich einige Minuten später zu erzählen, während ich mich aufs Sofa setzte. Karens Rollstuhl hatte ich an den niedrigen Couchtisch geschoben, und sie sah mich mit unverminderter Neugierde an. »Die Voruntersuchungen laufen nämlich schon eine ganze Weile. Die ersten Hinweise oder sagen wir besser: Stichworte, an die ich mich später erinnern sollte, erhielt ich von einem unserer Fahnder aus der Internetabteilung.«

Ich lehnte mich zurück. »Die ermittelten seit geraumer Zeit gegen eine Gruppe von Internetbetrügern, die besonders erfolgreich im Abzocken von Passwörtern fürs Onlinebanking waren. Stichwort: Phishing-Mails. Das sagt dir was, oder? Wir haben uns mal darüber unterhalten.« Ich nickte ihr zu. »Du bekommst eine Mail mit einem Link und einer Aufforderung, bei deiner Bank ein paar Angaben zu machen. Die Seite, die sich auftut, sieht der Eröffnungsseite deiner Bank täuschend ähnlich. Meist beinhaltet sie eine kurze Erklärung, dass Daten überprüft werden müssten oder so was. Viele Gutgläubige geben daraufhin bereitwillig Passwörter und TAN-Nummern ein und sind in kürzester Zeit eine Menge Geld los. Häufig wissen sie nicht mal warum, und wenn dann endlich eine Überprüfung erfolgt, sind längst alle Spuren verwischt. Oder jedenfalls die meisten.«

Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, dass Karen zu überlegen schien und gleich eine Frage stellen oder eine sachkundige Bemerkung machen würde, aber das war natürlich reines Wunschdenken. Eine absurde Hoffnung, wie ich mich sogleich selbst entlarvte. Aber immerhin, sie betrachtete mich nach wie vor aufmerksam, während ich mich an die Einzelheiten des Gesprächs mit Rüdiger erinnerte, das viele Monate zurücklag. Karen war noch quietschfidel auf ihren Baustellen unterwegs gewesen – lachend, schimpfend, lebensfroh.

»Saubande«, hatte er geflucht und sich mit einer Tasse Kaffee in der Cafeteria zu mir gesetzt. Ohne zu fragen natürlich. Rüdiger war ziemlich ungehobelt, das war bekannt, aber es war ihm egal, was andere von ihm hielten. Erstaunlicherweise ging er mir weniger auf die Nerven, als viele meiner Kolleginnen und Kollegen beim LKA wohl vermutet hätten. Ich galt als distanziert und autoritär – eine Beamtin, mit der man sich besser nicht anlegte. Rüdiger ließ sich davon kaum beeindrucken, was ich an ihm wiederum sympathisch fand.

Ich legte meine Zeitung nicht beiseite, sah aber hoch. »Setz dich doch oder meinst du etwa mich mit der ›Saubande‹?«

Er grinste kurz. »Willst du auch einen Kaffee?«

»Danke, ich hab noch.«

Er nickte. »Wir sind den Phishing-Leuten auf den Pelz gerückt und haben die ersten Vernehmungen durchgeführt.«

»Ich gratuliere. Und warum fluchst du dann so?«

»Das ist eine wirklich perfide Geschichte«, erwiderte Rüdiger nach kurzem Überlegen und trank schlürfend einen Schluck Kaffee. »Ich erspare dir die weitschweifenden Einzelheiten der wirklich aufreibenden Ermittlungsarbeit, zumal wir dabei mit mehreren anderen LKAs kooperieren mussten, um die Verdächtigen schnappen zu können. Auf jeden Fall hatten die Jungs nicht nur die E-Mail-Adressen der Leute, sondern sogar deren Anschriften und Geburtsdaten. Das wirkt hundertprozentig überzeugend, insbesondere auf Leute, die noch nie schlechte Erfahrungen gemacht haben beziehungsweise nicht sofort stutzig werden.«

»Und wie sind die da rangekommen? Trojaner?«

»Viel zu aufwändig und in dem Fall wohl auch gar nicht nötig.« Rüdiger schüttelte den Kopf. Er war sichtlich erfreut über mein Interesse. »Ich habe gestern einen der Hauptverdächtigen vernommen und ziemlich unter Druck gesetzt. Er ist gerade Vater einer süßen Tochter geworden, und als ich ihm in bunten Farben ausmalte, dass er die Einschulung seines Kindes wohl nicht miterleben würde, wurde er ziemlich unruhig und entschieden mitteilungsfreudiger – zumindest in einigen Punkten.«

Ich bemühte mich um eine strenge Miene. »Das ist nicht die feine englische Art. Außerdem hast du schamlos übertrieben.«

»Ich weiß. Aber was die gemacht haben, ist auch nicht gerade die feine englische Art. Wie dem auch sei. Er hat ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Und weißt du, was er mir erzählt hat?« Er machte eine Kunstpause.

»Natürlich nicht. Also was?«

»Er hat das Adressmaterial nicht aus dem Netz gefischt oder fischen lassen, sondern gekauft – von einer Lady, die ihm über zwei Ecken vermittelt worden war.«

»Ist das ungewöhnlich?«

»So stellte er es zumindest dar. Außerdem handelte es sich um besonders detailliertes Material, das sich richtig gelohnt hat, wie er betonte. Die Adressen waren aktuell, die Konten gut gefüllt – sie hatten eine Menge Treffer zu verzeichnen. Wenn die Jungs sich mit der ersten Ausbeute begnügt hätten, statt noch mal zuzugreifen, wären wir ihnen wohl gar nicht auf die Schliche gekommen, aber im Zusammenhang mit den anderen …«

Ich winkte ab, bevor Rüdiger so richtig in Fahrt kam und mir fünf Nebenkapitel seiner Story präsentierte. »Schon gut. Und weiter?«

Rüdiger seufzte. »Ich schweife wohl etwas ab. Nun gut. Der Typ war von der Frau offensichtlich schwer beeindruckt. Die hätte ihm sogar Firmeninterna angeboten, wie er berichtete. Aber das sei nicht sein Gebiet.«

»Was für Interna? Betriebsgeheimnisse?«

»Ja, anzunehmen.«

»Einen Namen konnte er natürlich nicht nennen? Oder eine Branche?«

»Natürlich nicht.« Rüdiger zuckte die Achseln.

»Will er nicht oder kann er nicht?«

Erneutes Achselzucken. »Schwer einzuschätzen. Aber einen Hinweis hatte er dennoch. Er meinte, dass die Frau hier in Berlin übernachtet hätte. In einem Frauenhotel.«

»Und woraus hat er das geschlossen?«

»Ganz einfach – er hat sie verfolgen lassen, sicherheitshalber und aus reiner Neugier, wie er sagt. Frauen sind in dem Geschäft eher die Ausnahme. Vielleicht wollte er auch nur ihren Namen rausbekommen, weil sie ihm gut gefiel, aber an der Tür des Frauenhotels war dann Schluss …« Rüdiger grinste. »Da lassen sie keine Kerle rein.«

Ich lächelte. »Nicht dumm, die Dame.«

»Einige Zeit später sollte ich mich an dieses Gespräch wieder erinnern«, erklärte ich Karen abschließend.

Ich versuchte, munter zu klingen, aber die Müdigkeit war stärker. Ich gähnte und warf meiner Schwester einen entschuldigenden Blick zu. »Ich hab morgen wieder einen sehr langen Tag vor mir. Lass uns ins Bett gehen.«

Ihr Mund zuckte. Unwillig, aber vielleicht war das nur meine persönliche Einschätzung.

»Wenn du willst, erzähl ich morgen Abend weiter.«

Karen sah mich regungslos an. Eine halbe Stunde später hatte ich sie ins Bett gebracht. Sie war ein Leichtgewicht, dennoch atmete ich schwer, als ich sie schließlich zudeckte.

»Gute Nacht«, sagte ich leise und versuchte zu lächeln.

3 Charlotte

Ich war so aufgeregt, dass ich Mühe hatte, mich auf den Anmeldebogen zu konzentrieren. Vor mir war gerade eine Gruppe Englisch sprechender junger Frauen eingetroffen, und die beiden Angestellten an der Rezeption hatten alle Hände voll zu tun, den Ansturm der quirligen Gäste zu bewältigen. Ich hatte bereitwillig Platz gemacht und mich an einen der kleinen Tisch im Foyer gesetzt, um erst mal tief durchzuatmen und in aller Ruhe anzukommen. Atmosphäre zu tanken.

Ich blickte mich um, während ich mein laut klopfendes Herz zu beruhigen versuchte. Das Ambiente gefiel mir – ach was: Ich war begeistert und verblüfft zugleich, und ich beglückwünschte Marie nachträglich zu ihrer Entscheidung für dieses Haus, mit der sie meinen Geschmack hundertprozentig getroffen hatte.

Ich mochte weder große, hypermoderne Hotels, in denen Kühle und Kargheit vorherrschten, noch Häuser, die mit aufdringlichen Farben, üppigen Formen und schweren Möbeln zu beeindrucken suchten; von beiden Varianten hatte ich in den letzten zwanzig Jahren einige gesehen – einige zu viel, überall auf der Welt. Ich liebte klare geometrische Formen und bevorzugte Erdfarben, Ledergarnituren sowie gut ausgeleuchtete luftige Räume, und – so albern es auch klingen mochte – mir ging das Herz auf, wenn das Hotelpersonal einheitlich adrett gekleidet war und vorzügliche Manieren an den Tag legte.

Die Tatsache, dass ich Maries Entscheidung für ein Frauenhotel erst nach anfänglichem Zögern zugestimmt hatte, kam mir inzwischen ganz schön lächerlich vor. Wahrscheinlich hatte ich insgeheim befürchtet, in einem lilafarbenen, schwülstig verlotterten Laden zu landen, in dem es von lesbischen Frauen nur so wimmelte, die ihre gegenseitige Zuneigung ständig in aller Öffentlichkeit bekundeten. Ich lachte leise auf – Marie hatte wirklich recht: Es wurde Zeit – Zeit für alles Mögliche.

»Es tut mir leid, dass Sie warten müssen. Kann ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?«

Die Hotelangestellte lächelte. Lisa Krone las ich auf ihrem Namensschild. Ich wusste nicht, ob sie schon länger vor mir stand und ich zu sehr in meine Gedanken versunken gewesen war, um ihre Anwesenheit zu bemerken – das passierte mir in letzter Zeit häufiger.

»Das ist nicht weiter schlimm«, erwiderte ich. »Ich warte gerne ein paar Minuten und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Das ist ein sehr schönes Hotel. Meine Freundin hat nicht übertrieben.«

»Danke, das finde ich auch. Haben Sie ein Zimmer reserviert?«

Ich nickte. »Ja, ein Doppelzimmer auf den Namen Charlotte Winkler. Meine Freundin kommt aber erst später.« Meine Güte, ich wurde tatsächlich rot. Ich spürte förmlich, wie die Hitze in meinen Wangen hochloderte, aber ich war so hervorragender Stimmung, dass ich keine Lust hatte, mich darüber zu ärgern, und Lisa Krone bemerkte nichts oder tat zumindest so.

»Ich kümmere mich um Ihre Anmeldung«, sagte sie. »Und bringe Ihnen eine Tasse Kaffee. Oder hätten Sie lieber etwas Kühles?«

»Danke – gar nichts im Moment.« Ich hätte wahrscheinlich die Hälfte verschüttet.

Lisa Krone wandte sich freundlich lächelnd um und bahnte sich zielsicher einen Weg hinter die Rezeption. Sie sah attraktiv aus in ihrem dunkelblauen Hosenanzug. Die kastanienbraunen Locken hatte sie zu einem Zopf gebändigt. Ich beobachtete, wie sie sich einen Monitor zurechtrückte und einen Moment abwartete, nachdem sie, wie ich vermutete, meinen Namen eingegeben hatte. Im hinteren Bereich der Rezeption entdeckte ich plötzlich eine hochgewachsene dunkelhaarige Frau. Es wirkte, als stünde sie schon eine ganze Weile dort, um das Treiben ihrer Mitarbeiterinnen und das Eintreffen der Gäste zu verfolgen – ja, ich ging sofort davon aus, dass die Frau eine Vorgesetzte war. Selbst auf die Entfernung hin meinte ich ihren prüfenden, kritischen Blick zu erkennen und ihr Bemühen zu spüren, alles sehr genau im Auge zu behalten. Lisa Krone sah kurz zur Seite und nickte der Frau zu; die trat hinter sie und heftete ihre Augen ebenfalls auf den Bildschirm.

Ich weiß nicht, warum mich die Situation fesselte. Ich habe schon immer gerne beobachtet und mir vorzustellen versucht, was Menschen bewegt, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen. Vielleicht schien mir aber gerade in diesen ersten Minuten nach meiner Ankunft jede Kleinigkeit wichtig, jede Beobachtung kostbar, und ich hielt alles fest, um es mir später immer wieder vor Augen führen zu können. Atmosphäre entsteht durch die Wahrhaftigkeit und Dichte im Zusammenspiel aller noch so kleinen Details. Das hatte ich schon häufig festgestellt.

Einige Minuten später kam Lisa Krone mit dem Anmeldeformular zu mir zurück. Obwohl alle möglichen Einzelheiten abgefragt wurden – ein Großteil zu statistischen Zwecken, wie es hieß –, waren die nötigen Formalitäten kurz darauf erledigt, und sie begleitete mich zu meinem Zimmer. Maries und meinem Zimmer – für zwei Tage. Erst einmal. Es war so schön, wie ich es mir aufgrund der Architektur des Hauses und der Gestaltung des Foyers erhofft hatte. Helle zierliche Kirschholzmöbel, frische Blumen, eine Schale mit Obst, luftige zimtfarbene Vorhänge, und vom Fenster aus konnte ich einen Blick auf die Berliner Humboldt-Universität erhaschen. Das Bad war klein, aber es mangelte an nichts. Zwei flauschige Bademäntel hingen an der Tür.

Lisa Krone vergewisserte sich, dass alles zu meiner Zufriedenheit war und wünschte mir noch einen schönen Aufenthalt, bevor sie ging. Assistentin der Geschäftsführung stand in zierlichen Buchstaben unter ihrem Namen auf dem Schild an ihrem Revers, wie ich im Fahrstuhl gesehen hatte. Hörte sich gut an, bedeutete aber im Arbeitsalltag nichts anderes, als dass man ständig überall hingescheucht und für alles verantwortlich gemacht wurde, was nicht klappte. Für alles, was reibungslos funktionierte, wurde jedoch die Geschäftsführung gelobt, während die Assistenz kaum Erwähnung fand oder höchstens in einem beiläufig hingeworfenen Nebensatz. Ich kannte dieses Spiel hinlänglich. Mein Mann war seit zwanzig Jahren als selbstständiger Wirtschafts- und Personalberater tätig. Oder sollte ich sagen – mein Ex-Mann? Durfte ich das schon? Rein rechtlich natürlich noch nicht. Aber ging es hier um Rechte, um juristisch einwandfreie Formulierungen? Wohl kaum. Wie dem auch sei – ich hatte viele Jahre an seiner Seite mitgearbeitet und die Firma, wie ich mit Fug und Recht behaupten durfte, in einzelnen Bereichen entscheidend mitgeprägt und wusste, wovon ich redete.

Lisa Krone schien, obwohl sie keine ganz junge Frau mehr war, neu in dem Metier – unverbraucht, natürlich und fröhlich. Ihr Lächeln wirkte keineswegs eingeschliffen, ihre Sätze klangen nicht einstudiert und lustlos heruntergebetet. Ich konnte nicht ausschließen, dass ich in meiner Begeisterung für das Hotel bereit war, alles um mich herum durch eine leicht rosa getönte Brille zu betrachten, doch dann wiederum war ich erfahren genug im Umgang mit Menschen und beruflichen Herausforderungen und durfte mir diese Einschätzung erlauben. Wenn mich nicht alles täuschte, war die andere Frau, die mit Argusaugen über das Tun ihrer Leute wachte, die Geschäftsführerin oder zumindest die Personalchefin.

Ich öffnete meinen Koffer und zog die Türen des Kleiderschranks auf, um meine Sachen aufzuhängen. Ich hatte genügend Zeit, um mich einzustimmen und zu freuen. Zu träumen. Vielleicht zwei, drei Stunden oder auch vier. Bis zum späten Nachmittag, frühen Abend wollte sie eintreffen. Genauer hatte Marie es nicht sagen können. Sie hatte noch einiges zu erledigen, bevor sie sich auf den Weg nach Berlin machen konnte. Vor zwei Tagen hatte sie ebenfalls mit ihrem Mann gesprochen. Nägel mit Köpfen gemacht und für Klarheit gesorgt.

Manchmal bin ich sehr pathetisch, überlegte ich, während ich mein Abendkleid auf den Bügel hängte. Es knisterte, als ich über den Stoff strich. Andererseits – wie oft im Leben traf man so wichtige Entscheidungen? Ein wenig Pathos schien mir durchaus angebracht.

Wir würden mit Champagner feiern und dann zwei Tage die Stadt genießen – Ausflüge in Museen und Galerien und Besichtigungstouren unternehmen, dabei verstohlen oder auch weniger verstohlen nach der Hand der anderen greifen, schick essen und vielleicht tanzen gehen, die Zukunft planen. Ich sehnte mich nach dem neugierigen Blick ihrer Augen, ihren schlanken und doch so kraftvoll zupackenden Händen.

Wir hatten uns ein gutes halbes Jahr zuvor kennengelernt, genauer gesagt vor acht Monaten, hier in Berlin auf einer Tagung für europäische Wirtschaftsfragen. Sie war mit ihrem Mann, einem gefragten Anwalt und Inhaber einer angesehenen Hamburger Wirtschaftskanzlei, angereist; ich hatte meinen Gatten begleitet, obwohl ich lieber zu Hause in Hannover geblieben wäre. Ich hätte es gut und gerne einige Tage ohne ihn ausgehalten, aber Wilfried hatte so lange herumgenörgelt, bis ich mich schließlich überreden ließ. Glücklicherweise.

Nach einem Tag voller Vorträge, Fachsimpeleien, Smalltalk am kalten Büfett, Diskussionen und Geschäftsanbahnungsgesprächen stand sie abends an der Bar plötzlich neben mir. Wilfried war mit seinem Thekennachbarn in ein Gespräch über das amerikanische Bankensystem vertieft; ich hatte gerade festgestellt, dass ich hundemüde war und keine Lust mehr auf Trubel hatte. Ich wollte ins Bett, vielleicht noch irgendeinen schnuckeligen Film ansehen und mir dazu einen Drink genehmigen oder auch zwei sowie ein paar Nüsse oder Salzstangen knabbern, um schließlich wohlig einzuschlafen. Das Seufzen neben mir war laut und anhaltend. Ich wandte den Kopf und tauchte im nächsten Moment in ein tiefbraunes Augenpaar, das mich neugierig-amüsiert musterte.

»Ich mache nur das passende Geräusch zu Ihrem Gesichtsausdruck«, flüsterte sie, während sie sich zu mir herüberbeugte. Ein leises Kichern folgte der Bemerkung.

»So schlimm?«, fragte ich lächelnd.

Sie legte mir kurz die Hand auf den Arm, und ich stellte fest, dass ich die Berührung als sehr angenehm empfand. Ich suchte ihren Blick, dann kicherten wir beide, und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ich die Frau schon viel länger kannte als eine halbe Minute. Das sagte mir jedenfalls mein Gefühl. Dabei wusste ich noch nicht mal ihren Namen und hatte sie noch nie zuvor gesehen.

»Ich heiße Marie«, sagte sie. »Nachnamen spielen keine Rolle, oder? Nehmen wir einen Drink zusammen, während unsere Männer das amerikanische Bankensystem von Grund auf sanieren?«

Es wurden drei oder vier Drinks, und mit jedem wurden wir ausgelassener. Wir kicherten vergnügt und plauderten über dieses und jenes. Die Themen waren gänzlich unwichtig, Hauptsache, sie hatten nichts mit dem geschäftlichen Alltag zu tun. Es tat mir gut, einfach nur zwanglos fröhlich zu sein. Außerdem konnte ich dahinter ein ganz anderes irritierendes Gefühl gut verbergen. Ich hatte in meinem bisherigen, immerhin schon fünfundvierzig Jahre währenden Leben nie etwas anderes als freundschaftliche oder verwandtschaftliche Gefühle für Frauen gehegt. Ich hatte Freundinnen und Bekannte, die ich mochte oder auch sehr mochte, und es gab sowohl Frauen, die ich attraktiv und sympathisch fand, als auch solche, die ich als langweilig bezeichnen würde, und natürlich auch Frauen, die ich nicht ausstehen konnte. Aber es war mir noch nie passiert, dass ich mich von einer Frau erotisch angezogen gefühlt hatte. Bis zu diesem Augenblick.

Marie verwirrte mich. Ich genoss jede mehr oder weniger zufällige Berührung und sagte mir zwischendurch einige Male, dass mir der Alkohol zu Kopf gestiegen war. Vielleicht auch der Beginn der Wechseljahre. Eine gewisse Langeweile nach so vielen Ehejahren, die mich plötzlich und unvermutet nach Abwechslung schmachten ließ.

Eine knappe Stunde später hatten Wilfried und sein Thekennachbar Klaus, Maries Mann, das amerikanische Bankensystem grundlegend reformiert. Sie schlugen sich gegenseitig auf die Schultern und waren sehr zufrieden. Wilfried rutschte von seinem Barhocker. Auch er hatte den einen oder anderen Drink genommen. Er gab mir ein Zeichen – es war Zeit aufzubrechen. Geh doch schon mal vor, hätte ich am liebsten gesagt, aber ich tat es nicht.

Marie sah mich an, und es schien, als wüsste sie zu gern, was ich dachte. Oder sie ahnte, was mir durch den Kopf ging und war gespannt, ob und wie ich es äußern würde. Aber ich lächelte sie nur an – unsicher, verblüfft, fast ein wenig ärgerlich. Sie lachte, und wir verabschiedeten uns. Später fand ich ihre Visitenkarte in der Tasche meines Blazers: Marie Hauser, Gesellschafterin und Mitarbeiterin der Hamburger Unternehmens- und Steuerberatungsgesellschaft. Nobel, dachte ich, aber wirklich beeindruckt hatte mich etwas ganz anderes.

Wie heißt es so schön – Hals über Kopf? Man könnte auch sagen: Herz über Kopf. Das traf es viel eher. Ich begegnete ihr am nächsten Morgen im Schwimmbad. Ich hatte schlecht geschlafen und wollte ein paar Bahnen zurücklegen, bevor ich mich wieder den beruflichen Herausforderungen stellte. Sie schien das Gleiche vorzuhaben. Ihr Kopf tauchte plötzlich auf der Bahn neben mir auf.

»Guten Morgen«, sagte sie. »Gut geschlafen?«

Ich schüttelte den Kopf, während mein Herz wie verrückt gegen die Rippen zu schlagen begann.

Sie lachte. »Lust auf Sauna?«

»Die vertrage ich nicht am frühen Morgen.«

»Was verträgst du denn am frühen Morgen?«

Wir sahen uns sekundenlang schweigend an, bis Marie sich umdrehte und zum Beckenrand schwamm. Ich folgte ihr, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken. Sie schwang sich aus dem Wasser, drehte sich um und reichte mir die Hand, um mich hochzuziehen. Wir gingen wortlos zu den Umkleideräumen. Sie zog mich in eine Kabine und verschloss die Tür hinter uns. Wasser perlte auf den Boden. Ich atmete, sie atmete. Sie hob die Hände und berührte mein Gesicht mit den Fingerspitzen. Behutsam, zart. Dabei lächelte sie und hielt meinen Blick fest. Ich zitterte. Sie schob langsam die Träger meines Badeanzuges herunter, stellte sich dicht vor mich und strich mit dem Daumen über meine Lippen. Mit der anderen Hand zog sie den Badeanzug bis zum Bauchnabel herunter.