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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Sara Lövestam

So wie du bist

Roman

 

 

Aus dem Schwedischen
von Julia Kielmann

K+S digital

Die Locken sind das Problem. Sie braucht vier Haarspangen und ein enges Haargummi, um ihre Locken zu bändigen. Sie streicht die letzten Strähnen einzeln zurück, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden ist. Atmet ein, betrachtet sich selbst und sucht nach ihrer inneren Stärke. Sie kann sie aufblitzen sehen, wenn ihr Haar eng an ihrem Kopf anliegt und sie ihrem Blick im Spiegel begegnet. Niemand kann ihr etwas anhaben.

Kapitel 1

Zum ersten Mal sah Martin Sander eine amputierte Frau, als er dreizehn Jahre alt war. Es war in einem Erlebnisbad in Södertälje, wo er kichernde Mädchen durch Saltos vom Fünfmeterbrett beeindruckt hatte. Er war auf dem Weg hinaus und wollte gerade die eine Hälfte der Schwingtür aufstoßen, als er sie durch die andere hereinkommen sah. Man bemerkte kaum, dass ihr das rechte Bein fehlte, weil ihre Hose die Leerstelle bedeckte und unten genau so ein Schuh saß, wie sie ihn am linken Fuß trug. Trotzdem war es für Martin offensichtlich, dass die Frau vom Knie abwärts einen Metallstab anstelle eines Beines hatte. Sie ging an Krücken, und Martin beeilte sich, ihr die Tür aufzuhalten. Er fühlte sich eigenartig erregt, als er auf ihre Waden schielte und sich vergewisserte, richtig gesehen zu haben. »Danke«, sagte die Frau und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Widerwillig wandte er seinen Blick von dem aufregenden Hohlraum unterhalb ihres rechten Oberschenkels ab und lächelte zurück.

Als Martins Klassenkameraden ihren Spaß daran hatten, heimlich in die Umkleidekabine der Mädchen zu spähen, machte er mit, und er las auch die gleichen Pornohefte wie sie. Aber nichts erregte ihn so wie damals, als er begriff, dass der Frau im Schwimmbad der untere Teil ihres Beines fehlte. Der Gedanke an den Stumpf, die Leerstelle beschäftigte seine Fantasie, und er ließ seiner Kreativität freien Lauf, um die braungebrannten zweibeinigen Models im Playboy seiner persönlichen Vorliebe anzupassen. Achtzehn Jahre später kann er sich nicht mehr daran erinnern, ob die Frau im Schwimmbad blond oder dunkelhaarig, jung oder alt war, doch er erinnert sich noch immer an den Farbton ihrer grauen Hose. Achtzehn Jahre später lächelt er verlegen, wenn er an die manipulierten Pornobilder denkt, die er als Teenager in einem Geheimfach unter seiner Matratze versteckt hatte. Inzwischen muss er nicht länger Pornohefte zerschneiden und auch keinen Vorwand mehr finden, um sich während der medizinischen Wassergymnastik im Hallenbad aufzuhalten. Heute gibt es das Internet.

»Ich fülle den Weißwein im Laden auf.«

Martin zuckt zusammen. Er hat gar nicht gemerkt, dass die süße kleine Blondine in sein Büro gekommen ist und nun im Türrahmen lehnt.

»Okay.«

Camilla rührt sich nicht vom Fleck. »Die erste Palette Rotwein ist fertig eingeräumt. Ich habe Kent gebeten, die zweite zu übernehmen. Wenn du willst, räume ich auch die ein, aber ich würde mich lieber um den Weißwein kümmern.«

Martin nickt und gibt sich die Anweisung zu lächeln. »Super, Camilla, das ist toll. Super.«

Camillas Gesicht leuchtet auf und feuert ein perfektes Lächeln ab, bevor sie mit ihrem kleinen wohlgeformten Hintern wackelnd davongeht. Der sieht sogar in der stinknormalen Arbeitshose gut aus, wie Martin und alle männlichen Kunden des Spirituosengeschäfts in Huddinge wissen. Fest, rund, symmetrisch. Camilla schwingt ihre Hüften auf dem ganzen Weg bis zu dem Weißwein, der bereitsteht, um aus dem Lager in den Laden hinausgebracht zu werden. Sie wird niemals erfahren, dass Symmetrie ein Minus auf Martins Liste ist.

Am anderen Ende der Stadt erwacht Lelle. Snus, denkt sie. Ich brauche Snus.1 Sie streckt die Hand zum Nachttisch aus, der rechts vom Bett stehen sollte. Statt ihrer Snusdose erwischt sie eine nackte Schulter. Verwirrt lässt sie ihre Hand darauf liegen und streichelt den fremden Arm, während sie in Gedanken den Freitagabend Revue passieren lässt. Allmählich legt sich ein Lächeln auf ihre Lippen, und sie öffnet die Augen.

»Guten Morgen«, sagt eine fröhliche Stimme.

Jemand schaut sie unter langen Wimpern hervor an. Sie heißt Lena. Lena oder Lina. Lelle dreht sich auf die Seite und zieht sie an sich. Sie will ihr einen richtigen Kuss geben, aber ihr Atem ist nicht in Bestform, deshalb küsst sie die andere nur leicht auf den Mund. Lena oder Lina drückt sich an sie und schiebt ihr Bein zwischen Lelles Schenkel. Lelle gibt den Gedanken an Snus widerwillig auf.

Es ist ein Unterschied, ob man fantasiert oder eine Fantasie auslebt. Nachdem Martin fünf Jahre lang von Beinstümpfen fantasiert hatte, bekam er endlich die Chance, seine Fantasie Realität werden zu lassen, als sein Schwimmverein nach einem Leiter für ein Trainingslager für Jugendliche mit körperlichem Handicap suchte. Damals war er achtzehn Jahre alt und hatte noch nie ein Mädchen geküsst. Mit zitternden Händen trug er seinen Namen auf der Liste ein. Der Schwimmtrainer klopfte ihm auf die Schulter und sagte, dass Jungen wie Martin toll seien, die anderen etwas zurückgeben wollten und nicht nur an sich selbst dachten. Martin war nicht besonders religiös erzogen worden, doch dieses eine Mal spürte er, wie Gottes langer Zeigefinger sich auf ihn richtete und ihn auf den Fliesenboden drückte. Vor der Abfahrt ins Trainingslager konnte er tagelang nicht schlafen. Vielleicht gibt es da ein Mädchen, sechzehn, siebzehn Jahre alt, dem ein Bein fehlt. Eines oder beide. Vielleicht hat sie dunkle Haare und braune Augen, und vielleicht enden ihre Beine in einem Stumpf, direkt über dem Knie. Vielleicht darf ich ihn berühren, und sie sieht mich mit ihren braunen Augen an und lächelt.

Im Trainingslager gab es Mirjam. Sie hatte rote Haare und grüne Augen und nur einen Arm und war wirklich das Schönste, was Martin je gesehen hatte. Am letzten Tag nahm er all seinen Mut zusammen und fragte sie, was sie vom Trainingslager halte. »Es ist okay«, sagte sie und lächelte verlegen, und er nickte so beeindruckt, als hätte sie ihm gerade den Sinn des Lebens verraten.

Danach unterhielten sie sich den ganzen Abend lang. Er erfuhr, dass sie auf ein Gymnasium mit künstlerischem Schwerpunkt ging und gerne mit Ton arbeitete; sie erfuhr, dass er fünf Kilometer schwimmen konnte, und als es elf wurde, küsste er sie mit zitternden Lippen. Vier Monate lang waren sie zusammen. Als er ihren Stumpf zum ersten Mal berührte, zuckte sie zusammen und erklärte, dass er ihn gar nicht beachten, ihn am besten gar nicht angucken solle. »Ich mag ihn«, erwiderte Martin. Er brauchte zwei Monate, um sie davon zu überzeugen, und nach zwei weiteren Monaten nervte diese Überzeugung sie so sehr, dass sie nicht länger mit ihm zusammensein wollte. Zum Valentinstag bekam er eine merkwürdige Skulptur. »Das ist ein Stumpf«, sagte Mirjam. »Du kannst ja stattdessen mit dem zusammen sein. Tschüss.«

Blipp, macht der Computer, nachdem alle Kassen abgerechnet sind. Blipp, blipp. Martin schaltet blitzschnell den Lautsprecher aus und öffnet eine Sekunde, bevor Camilla wieder ins Büro lugt, ein Buchführungsprogramm.

»Tobbe und ich gehen noch ein Bier trinken«, sagt sie.

Martin nickt. »Schön«, sagt er und versteht im selben Augenblick, dass Camillas Ansage eigentlich eine Frage war. »Ich bleibe noch ein bisschen. Muss noch ein paar Bestellungen abschicken und mir den Plan für Februar anschauen.«

Camilla lächelt ihr strahlendes enttäuschtes Lächeln. »Arbeite dich nicht tot«, sagt sie und zwinkert ihm zu, ehe sie verschwindet.

Kapitel 2

Drei kichernde Jungs in der hintersten Reihe stören die Arbeitsatmosphäre in der ganzen Klasse.

»Ali!«

Ali sieht zwei Sekunden lang auf und schaut dann wieder auf sein Handy, das er notdürftig unter dem Tisch verbirgt.

»Was guckst du dir denn da an? Darf ich mal sehen?« Lelle geht zu seinem Pult ganz hinten im Klassenzimmer, und Ali zeigt ihr mit einem schiefen Lächeln, was er auf seinem Bildschirm hat. Sie grinst und sieht ihm in die Augen.

»Beyoncé – jetzt komm schon. Da gibt es ja wohl interessantere Bräute, wenn man sich schon Musikvideos angucken muss, statt Grammatik zu lernen.«

Ali zuckt die Schultern und lächelt weiter sein schiefes Lächeln. Er wird sicher viele Herzen brechen, noch ehe er zwanzig ist.

»Zum Beispiel?«

»Pink. Ani DiFranco.«

»Annie wer?«

»Soll ich dir mal was über Grammatik verraten?«

»Nein.«

»Du kannst sie bereits.«

»Was?« Ali sieht sie misstrauisch an.

Das Gemurmel in der Klasse ist inzwischen fast verstummt, weil Ali bestimmt, ob es ruhig ist oder nicht. Das hat sie schon am ersten Tag gemerkt.

»Das ist wie beim Fußball«, erklärt Lelle und schlendert zurück zur Tafel. »Sagen wir mal, du bist total gut darin, so«, sie macht eine Kopfbewegung, »Tore zu schießen.«

»Mit einem Kopfball«, sagt einer der Jungs in der rechten Ecke.

»Oder so mit dem Ball zu laufen, dass deine Gegner ihn nicht kriegen.«

»Dribbeln.«

»Genau. Wenn du all diese Sachen beherrschst, dann kannst du sehr gut Fußballspielen, stimmt’s? Aber wenn du nicht weißt, wie die Begriffe dafür heißen, ist es schwierig zu erklären, was du machst.«

Die halbe Klasse sitzt nun mit gerunzelter Stirn da. Das war wohl nicht der beste Vergleich der Welt. Lelle wendet sich kurz der Tafel zu, um ihren ratlosen Gesichtsausdruck zu verbergen, dann dreht sie sich wieder um und fährt fort.

»Ihr könnt sprechen, stimmt’s? Alle hier in dieser Klasse sprechen – manche mehr als andere.« Letzteres sagt sie mit einem Grinsen und einem Blick auf Ali, der noch einmal von Beyoncé aufsieht und beschließt, eine Weile zuzuhören.

»Aber wenn ihr wissen wollt, was ihr macht, wenn ihr sprecht, dann müsst ihr ein paar Begriffe lernen. Beim Fußball ist es gut, Begriffe wie dribbeln, Kopfball, abseits und so weiter zu kennen. Mit der Sprache ist es das Gleiche. Ihr glaubt, dass ihr einfach sprecht, aber eigentlich wendet ihr Hunderte von Regeln an, die superkompliziert sind, die ihr aber alle beherrscht.«

Ali sitzt da und hört ihr fast konzentriert zu. Das ist eine Auszeichnung.

Im Lehrerzimmer trinkt sie Kaffee aus einer Tasse, auf der ihr Name steht. Dass sie einmal in einem Lehrerzimmer sitzen und Kaffee aus einer Tasse mit ihrem Namen trinken würde, ist nicht unbedingt das, was sie sich einst vorgestellt hat. Es ist auch nicht unbedingt das, was die Berufsberaterin vor sich sah, als Lelle beim »Zukunftsgespräch« zehn Jahre zuvor breitbeinig und mit grünen Haaren vor ihr saß.

»Sieh einer an, die kleine Lelle ist auch hier. Deine schönen Augen sehen müde aus.« Lelle blickt auf und seufzt. Die Hälfte dessen, was Yusef von sich gibt, könnte als sexuelle Belästigung angezeigt werden, aber weil er aus einer anderen Kultur kommt, ist man allgemein der Ansicht, ihm das durchgehen lassen zu müssen, um nicht selbst wegen ethnischer Diskriminierung drangekriegt zu werden.

»Meine schönen Augen sind tatsächlich ein bisschen müde. Am Freitag habe ich ein supersüßes Mädchen kennengelernt und dann das ganze Wochenende gevögelt. Von so viel horizontaler Betätigung wird die kleine Lelle schläfrig, weißt du. Und außerdem von einer ganzen Menge vertikaler Betätigung, wenn man’s genau nimmt.« Die Bilder tanzen noch immer auf ihrer Netzhaut. Linas geschmeidiger Körper an den Küchenschrank gedrückt oder sich über ihr auf dem Sofa windend. Vierundzwanzig Jahre alt ist sie und verdammt hübsch.

»Ja, die Jugend«, sagt Yusef und setzt sich an den Tisch.

Lelle hatte gehofft, dass ihn die Beschreibung ihres Liebeslebens von ihrem Tisch verscheuchen würde. Sie holt ihr Handy heraus und widmet den Rest der Pause dem konzentrierten Verfassen einer SMS.

Paula. Martin schreibt den Namen mit seiner schönsten Schrift in den Kalender des Spirituosengeschäfts und kann minutenlang nicht den Blick von ihm lösen. Fünfzehnter Januar (Namenstag: Laura und Lorentz), Paula 16 Uhr, Centralcafé. Ihre Beschreibung hat er auf dem Drucker an seinem Arbeitsplatz ausgedruckt: Du erkennst mich an meiner glatten jugendlichen Haut. Oder daran, dass ich nur null und ein halbes Bein habe und in einem Rollstuhl mit der Aufschrift »ad utrumque paratus« auf der Rückseite sitze, sowie daran, dass die eine Hälfte meines Gesichts zu hoch für die andere Hälfte sitzt.

Die Frau mit null und einem halben Bein wollte sich anfangs überhaupt nicht mit ihm treffen. Zuerst meinte sie, sie habe sich nur aus Spaß in dem Internetforum angemeldet und verspüre absolut keine Lust, jemanden im wirklichen Leben kennenzulernen. Nach ein paar Wochen erklärte sie, dass sie ihn nicht treffen wolle, weil sie Angst habe, ihn zu enttäuschen. »Ich bin nicht besonders schön. Ich bin kein Model mit amputierten Beinen, das deinen Vorlieben entspricht. Mein Gesicht ist schief und eigenartig. Ich warne dich.« Schließlich gelang es ihm, sie davon zu überzeugen, dass schief und eigenartig in seiner Welt etwas Schönes ist und dass sie sich einfach als Freunde treffen könnten und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Nun denkt er darüber nach, was da Unglaubliches in seinem Kalender steht. Bei dem Gedanken, was sie mit null und einem halben Bein meinen könnte, wächst sein Begehren, aber er befiehlt sich, ihren Kontakt nicht durch Fantasien darüber zu zerstören, wie er sich entwickeln könnte. Plötzlich piept sein Handy, und das Herz schlägt ihm bis zum Hals – er hat ihr gerade seine Handynummer geschickt. Aber es ist bloß Lelle.

»Du weißt schon, dass Internetbräute meistens fette Männer mit Ekzem sind?« Lelle kippelt mit ihrem Caféstuhl und sieht ihn herausfordernd an. Er schlürft seine heiße Schokolade und grinst.

»Die so tun, als seien sie Doktorandinnen im Rollstuhl? Das Risiko gehe ich ein.«

»I’m just saying. Ich habe mich mal mit einer Braut getroffen, die sich SexyAnna21 nannte und sich als Pornofilmamateur mit Koteletten entpuppte. Er meinte, ich sei zu männlich, um in seinen Filmen mitspielen zu können, und wir trennten uns am Medborgerplatsen. ›Traumatisches Erlebnis‹ ist noch untertrieben. Wie heißt denn der Freak?«

»Hast du mal darüber nachgedacht, dass vielleicht wir die Freaks sind?«

»Jaja, Normativität, blabla. Wie heißt sie?«

»Paula.«

Sie kichert. »Paula«, wiederholt sie stichelnd. »Paula, Paula. Du kannst das weder sagen noch hören, ohne so verknallt auszusehen wie ein verdammter Teenager.«

»Apropos Teenager. Das letzte Mal, als ich einen Knutschfleck hatte, war ich vierzehn.«

»Es ist nicht meine Schuld, dass du zuletzt im zwanzigsten Jahrhundert flachgelegt worden bist. Wenn du Pornofilmamateur wärst, fändest du mich doch bestimmt nicht zu männlich, oder? Guck mal, ich kann sogar verführerisch mit den Wimpern klimpern!«

Er antwortet nicht, sondern schaut nur fasziniert zu, wie sie versucht, mit den Wimpern zu klimpern. Es sieht eher aus wie Muskelzucken. Sie beugt sich entschlossen vor und hebt eine Augenbraue.

»Hast du denn irgendwelche interessanten Fantasien über den Stumpf? Paulas Stumpf, der kleine sexy Stumpf … Weißt du was, ich werde ein Lied über einen Stumpf für dich schreiben.«

Er muss lachen. Lelles energischer Redefluss kann jedem die Energie rauben, aber gleichzeitig wirkt er wie eine kleine Batterie.

»Also ehrlich gesagt hat sie zwei Stümpfe.«

»Jackpot? Obwohl – ein Jackpot wären vielleicht vier Stümpfe, keine Arme und keine Beine. Wie ein Teddy.«

»O Mann!«

»Ach, komm schon, ich versuche doch nur, deine Perversionen nachzuvollziehen. Ich wünschte, das hätte damals jemand für mich getan. Jetzt sag doch mal, was hat sie für Stümpfe? Das interessiert mich. Fehlen ihr ein Bein und ein Arm? Ein Ohr und ein Finger? Ein Arm und eine Titte? Obwohl, eine Titte zählt vielleicht an sich schon als Stumpf, die ist ja nicht so lang. Wenn es keine Hängetitte ist. Hat sie Hängetitten?«

Er starrt sie schweigend an.

»Also, die Frage war, was sie für Stümpfe hat.«

»Die Beine. Das eine Bein geht bis zum Knie und das andere fehlt ganz.«

»Perfekt für dich, oder?«

Diesmal sieht sie ihn ernst an. Deshalb hat er ihr damals davon erzählen können.

»Ja, allerdings.«

Sie nickt. »Viel Glück. Ich hoffe, sie ist all das, wovon du immer geträumt hast.«

Lelle schlenkert mit den Armen, während sie unter den Straßenlaternen nach Hause schlendert. Er ist so normal und angepasst. Alter, das ist nur ein Fetisch, würde sie ihm gern sagen und ihm klarmachen, dass das so absonderlich nicht ist. Wenn sie genauer darüber nachdenkt, hat sie ihm das bestimmt schon drei-, viermal gesagt, aber er versteht es dennoch nicht. Vielleicht ist es leichter, wenn man bereits offen lesbisch ist, denkt sie, während sie den Code ihrer Haustür eingibt. Vielleicht ist der Schritt schwieriger, wenn man zunächst als erstklassiger Normalmann dasteht und dann plötzlich erzählt, dass einen nur verstümmelte Frauen erregen. Wenn sie selbst sich als Amputationsfetischistin outen würde, wäre das bloß eine weitere Abnormität auf ihrer Liste.

Im Treppenhaus klingelt ihr Handy. Die Nummer sagt ihr nichts.

»Hallo, hier ist Lina. Von letztem Freitag …«

Lelle lächelt. Sie erkennt die Stimme, hauptsächlich weil sie sich in jeder Ecke ihrer Wohnung heiser gestöhnt hat.

»Und von Samstag und Sonntag?«

»Was machst du gerade?«

»Ich komme gerade nach Hause.«

»Warst du aus und hast Frauen aufgerissen?« Linas Stimme ist sanft und neckisch. Lelle grinst und schließt die Wohnungstür auf. »Ich war mit meinem Heterokumpel Kaffee trinken. Was machst du?«

»Masturbieren.«

Im Flur stehen zwei volle Tüten für den Altpapiercontainer. Es ist, als hätten sich die Reklameverteiler des Bezirks kollektiv darauf geeinigt, sie für ihren »Bitte keine Werbung«-Aufkleber zu bestrafen und so lange die doppelte Menge Werbung bei ihr einzuwerfen, bis sie einsieht, dass sie ihnen nicht entrinnen kann.

»Das glaube ich dir nicht.«

Lina lacht. »Aber ich könnte es tun. Wenn ich nicht so wund wäre.«

Lelle lächelt breit und stellt sich vor den Flurspiegel. Wenn sie den Ausschnitt ihres T-Shirts herunterzieht, kann sie den Knutschfleck sehen, an dem Martin seine helle Freude hatte. Die Erinnerung an Linas grazilen Körper ist plötzlich sehr greifbar. »Also … was machst du diese Woche so? Morgen zum Beispiel?«

Kapitel 3

Hemd oder Pullover? Was könnte der geheimnisvollen Paula gefallen? Jeans oder Bügelfaltenhose? Er ist sich nicht sicher, was eine Doktorandin macht, wo sie sich in der akademischen Hierarchie befindet und wie hoch ihre Ansprüche hinsichtlich ordentlicher Kleidung sind. Schließlich entscheidet er sich für ein Paar Jeans ohne Löcher und ein gestreiftes Hemd. Er massiert Wachs in sein blondes Haar, nicht zu viel und nicht zu wenig, stellt fest, dass er zum Friseur hätte gehen sollen, aber jetzt ist es dafür zu spät. Ihm fällt ein, dass er vergessen hat, sie nach ihrem Alter zu fragen. Sie könnte sowohl eine achtzigjährige Oma als auch eine Dreiundzwanzigjährige sein, die erst kürzlich ihr Studium abgeschlossen hat. Aber welche achtzigjährige Oma würde sich mit den Worten »glatte jugendliche Haut« beschreiben, und welche Dreiundzwanzigjährige hätte die Worte »zu allem bereit« auf Lateinisch auf ihrem Rollstuhl? Er lächelt angesichts seiner Spekulationen und nimmt die Krawatte zum vierten Mal wieder ab. Mit Krawatte – ordentlich und erwachsen. Ohne Krawatte – offen und anspruchslos. Schließlich steckt er die Krawatte in die Hosentasche, wobei ihm natürlich bewusst ist, wie unlogisch das ist, weil er sie wohl kaum während des Kaffeetrinkens herausholen und sich umbinden kann, ohne dass es komisch wirken würde. Aber mit der Krawatte in der Hosentasche kann er es sich auf dem Weg immer noch anders überlegen.

Lelle lehnt ihren Kopf an das Behindertenschild in der U-Bahn und legt das eine Bein über das andere – nicht auf die verklemmte Ich-will-meine-Muschi-nicht-zeigen-Weise, sondern auf die bequeme Art, den rechten Knöchel auf dem linken Knie ruhend. Ihr gegenüber sitzt ein Mann in Anzug und Krawatte und tippt mit zusammengekniffenen Lippen auf einem Laptop herum. Heimlich schwul, denkt sie. So heimlich, dass nicht einmal er selbst es kapiert. Er unterdrückt sein Begehren sowohl nach außen als auch sich selbst gegenüber und fragt sich, warum es sich so anfühlt, als würde er gleich explodieren. »Nicht alle sind insgeheim schwul«, sagt Martin in ihren Gedanken und lächelt sein breites Bubi-Lächeln. »Es gibt tatsächlich auch heterosexuelle Menschen.« »Ja, das wird behauptet«, denkt Lelle als Antwort, »aber wenn alle immer davon ausgehen, dass jeder heterosexuell ist, dann kann das ruhig mal jemand ausgleichen.«

Es fühlt sich an, als schlage sein Herz so stark, dass man es durch die Kleidung sehen kann. Derart nervös ist er nie, wenn er sich mit gewöhnlichen Frauen trifft. Nie. Er ist die Selbstsicherheit in Person, weiß genau, wann es an der Zeit ist, seine Mundwinkel zu dem charmanten Lächeln hochzuziehen, das besagt: »Du, Mädel, ich hab Spaß mit dir zusammen«, und wann er sich vorbeugen und sie in seine persönliche Sphäre lassen muss, damit sie sich entspannt. Das ist nichts, was er sich antrainiert hat. Er konnte es bereits, als er mit drei Jahren die Verkäuferin im Süßwarenladen zum Schmelzen brachte, so dass er Geleehimbeeren geschenkt bekam, sobald seine Mutter ihm den Rücken zuwandte – das geschah damals ziemlich oft. Aber jetzt … Er schluckt und spürt, dass sein Mund voller Speichel ist, den er versprühen wird, wenn er sie begrüßt. In der nächsten Sekunde merkt er, dass sein Mund eigentlich total trocken ist, fast schon so, dass er sich etwas zu trinken kaufen muss. Als er sich im Fenster des Regionalzugs spiegelt, sieht er von der Nervosität, die er innerlich verspürt, keine Spur. Das Haar sitzt perfekt. Es ist Viertel vor vier.

Er hat versucht, Lelle zu erklären, was er für das Schiefe, die Asymmetrie, das Einzigartige und Individuelle empfindet, das so konkret an einer Frau wird, die nicht die gleiche Form hat wie alle anderen, deren rechte Seite der linken überhaupt nicht gleicht. Lelle ist die Einzige, die das wissen darf. Er hat geglaubt, dass sie es verstehen würde, weil sie immer davon spricht, Normen zu brechen und das eigene Begehren auszuleben. Er weiß noch immer nicht, wie er ihre Reaktion, das verzückte Lachen und den Kommentar »Ich wusste, dass du irgendeinen obskuren Fetisch hast – ich hab’s gewusst!« zu deuten hat. Gleichzeitig befreiend und bagatellisierend. Es ist mehr als nur ein Fetisch, denkt er, es ist die Überzeugung, dass die Frau in seinem Leben einzigartig sein wird und dass ihr Körper das deutlicher zeigen wird als alles andere. Das ist es, das und der Stumpf. Er lächelt amüsiert. Über sich selbst, über die breite Schlucht zwischen tiefsinnigen Analysen und fleischlicher Begierde und über den Gedanken an Paula, die die Frau sein könnte, nach der er gesucht hat.

Er ist nun am Hauptbahnhof. Mit langen konzentrierten Schritten geht er auf die Rolltreppen zu. Die junge Frau an der Kasse des Bahnhofskiosks verfolgt ihn mit ihren Blicken, und er hat eine Krawatte in der Hosentasche. Unten, am Ende der Treppe, direkt am Bahnhofscafé, steht ein Rollstuhl mit dem Rücken zu ihm.

Der Mann mit dem Laptop steigt am Odenplan aus. Lelle schielt auf ihr Spiegelbild im U-Bahnfenster und überlegt, wie sie einer Gruppe Sechzehnjähriger auf coole, interessante und spannende Weise das Prädikativ als das auf Subjekt oder Objekt bezogene Satzglied erklären könnte und wohin das mit Lina und ihr eigentlich führen soll. Die Braut ist allererste Sahne. Wenn sie will, kann sie in ihren Fingern noch spüren, wie es sich anfühlt, mit den Händen ihre Konturen entlang von der Taille aufwärts zu gleiten … oder abwärts. Aber jetzt ist da so eine anstrengende SMS auf ihrem Handy, die alles zerstört. Ich mag dich wirklich … immer mehr … Sehen wir uns heute Abend? Lelle hat noch nicht darauf geantwortet. Vielleicht antwortet sie, dass sie den ganzen Abend lang Klassenarbeiten korrigieren muss, oder aber sie lässt sich die Antwort von ihren Hormonen diktieren und wird die Arme um die heißeste Vierundzwanzigjährige der ganzen Stadt geschlungen einschlafen. Allererste Sahne, denkt sie noch einmal und greift nach der Snusdose in ihrer Gesäßtasche. Eine junge Frau mit blauen Augen und in Armeehose setzt sich ihr gegenüber auf den Platz des Anzugträgers. Lelle sieht ihr geradewegs in die Augen, bis die Frau ihrem Blick ausweicht und den einen Arm über die Rückenlehne des Sitzes neben sich legt, um ihren Freiraum zu markieren. Eine Sekunde später sieht sie Lelle herausfordernd an.

Paula bereut es, sich darauf eingelassen zu haben, sich mit dem schwimmenden Filialleiter aus Huddinge zu treffen. Er behauptet, dass er sie hübsch finden wird, und wie sie seine Reaktion auch analysiert, so muss sie schließlich doch die Worte von Groucho Marx paraphrasieren und sich eingestehen, dass sie für einen Mann, der sie attraktiv findet, gar nicht attraktiv sein will.2 Du hast dich für dein Begehren nach Intimität verschlossen, stellte der Einzige ihrer Psychologen, der sich nicht auf all das Schöne konzentrierte, das man ohne einen Mann machen kann, einst fest. Sie wechselte ihren Psychologen umgehend – sie bevorzugt die positive, ermutigende Sorte. Obwohl sie allesamt nicht viel von ihrem Forschungsgebiet verstanden haben, waren es doch diese Psychologen, die ihre Gedanken von der Einsamkeit fortgelenkt und sie dazu gebracht haben, hinreichend an sich zu glauben, um eine akademische Karriere anzustreben. Paula Alshammar, Doktorandin am Zentrum für Mehrsprachigkeitsforschung, zeigt in ihrer Arbeit, wie der Unterschied zwischen trennbaren und untrennbaren Partikelverben3 zum einen von schwedischen Muttersprachlern und zum anderen von Sprechern aufgefasst wird, deren Zweitsprache Schwedisch ist. Bestätigung, denkt sie. Manche suchen sie in sexuellen Beziehungen, sie selbst hingegen schreibt lange Forschungsaufsätze und hofft darauf, in den Arbeiten anderer zitiert zu werden. Sie trifft sich nicht mit großgewachsenen erfolgreichen Männern in Cafés.

»Paula?« Er schafft es gerade noch, seine feuchte Hand an der Jeans abzuwischen, ehe sie sich umdreht und ihn ansieht. In ihrem Blick liegt Skepsis.

»Martin«, sagt sie und lächelt steif.

Als er sie seinen Namen sagen hört, weiß er bereits, dass er verliebt ist. Genau so wie er weiß, dass er sich niemals für Camilla interessieren wird, weiß er, dass Paula die Frau ist, auf die er gewartet hat. »Ich glaube an Liebe auf den ersten Blick«, hat er einmal einer Frau erklärt, die attraktiv war wie ein Model und die er auf einer Weinreise in die Toscana kennengelernt hat. »Das klingt vielleicht naiv, aber ich glaube daran, dass so etwas geschehen kann.« Die Frau war wegen seiner Sensibilität und seiner romantischen Natur dahingeschmolzen, und erst als es bereits zu spät war, begriff er, dass sie glaubte, er spreche von ihr. Er schluckt und steckt seine Hände in die Hosentaschen, weil sie so feucht sind und er auch nicht weiß, was er sonst mit ihnen machen soll. In der einen Hosentasche ist die Krawatte verborgen. Zum Glück hat er sich dagegen entschieden, sie zu tragen, denn Paula hat sich nicht extra schick gemacht, und er braucht nicht auch noch einen Krawattenknoten zusätzlich zu dem Kloß, den er bereits im Hals hat. Sie sieht in an – fragend, herausfordernd, nervös oder vielleicht skeptisch? –, und er muss die Initiative ergreifen.

»Ja, also – wie schön, dich endlich zu treffen«, sagt er und lächelt das Lächeln, das ihn einst zum Filialleiter gemacht hat. »Wohin möchtest du gehen?« Gehen – darf man gehen zu einer Person sagen, die im Rollstuhl sitzt?

Der Mann, der sie aus unerklärlichen Gründen attraktiv findet, schwitzt an den Händen und lächelt so, dass sich mindestens drei süße normale Mädels nach ihm umdrehen und sich wünschen, sie hätten einen Anlass, ihn vor dem Freak im Rollstuhl zu retten. Das ist bestimmt ihr Betreuer, denken sie und ergänzen das Wort fürsorglich auf der Liste jener guten Eigenschaften, die sie ihm zuschreiben. Er fragt, wohin sie »gehen« wolle und beißt sich auf die Zunge. Das amüsiert sie. Sie könnte sagen: »Tja, es ist ja nun mal so, dass ich nicht gehen kann«, und ihm ein tonnenschweres schlechtes Gewissen machen, lässt ihn sich jedoch stattdessen von seiner eigenen Erkenntnis quälen. Das ist sowohl schonungsvoller als auch effektiver.

Er sitzt ihr gegenüber, nickt energisch und meint, dass sie superclever und ehrgeizig sein müsse, wo sie doch an einer Doktorarbeit schreibe. Er selbst habe nur einmal einen einzigen Kurs an der Universität belegt, »das ist eine Ewigkeit her – ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie lange das schon her ist – man fängt verdammt noch mal an, alt zu werden, hahaha«, aber seitdem hat er zahlreiche Fortbildungen in der Spirituosenbranche besucht. Worüber schreibt sie ihre Doktorarbeit, und trinkt sie übrigens gerne Wein? Paula begegnet seinem leuchtenden Blick und analysiert, analysiert und analysiert. Es ist eine Sache, zuzusehen, wie Männer Frauen hofieren, aber eine ganz andere, selbst das Objekt der Aufmerksamkeit, der Komplimente, der angestrengten Suche nach gemeinsamen Gesprächsthemen zu sein. Sie hat bereits durchschaut, dass er sich eingelesen und die Worte »Doktorandin«, »Hochschulabschluss« und »Dissertation« gegoogelt hat, um so interessiert und informiert zu klingen, wie er es nun tut. Sie beschließt, seine Mühe zu belohnen; er wirkt ziemlich harmlos und um Gottes Willen, was er für feuchte Hände hat.

»Wie ist es denn zu deiner Laufbahn gekommen?«, fragt sie und bemüht sich, locker und umgänglich zu klingen und nicht voller Misstrauen wie die Leiterin eines Verhörs.

Er entspannt sich vom Haaransatz bis zu den Zehen. »Ich habe mich immer schon für Wein interessiert. Na ja, vielleicht noch nicht, als ich klein war, haha. Damals war … Ich habe es tatsächlich immer langsam angehen lassen mit dem Alkohol. Wenn meine Freunde aus waren und sich die Köpfe vollgesoffen haben, hatte ich Schwimmtraining.«

Er sieht sie verstohlen an, um herauszufinden, ob er etwas Falsches gesagt hat. Vielleicht ist es nicht angebracht, mit einer Person, die nicht gehen kann, über hartes körperliches Training zu sprechen. Er wollte bloß betonen, dass er kein Suffkopp ist. Da sitzt sie, den Blick fest auf ihn gerichtet, aber ihre Gedanken in Dunkel gehüllt. Sie macht ihn nervös mit ihrem scharfen festen Blick und ihren Händen, die ruhig die Kaffeetasse umfassen. Sie hat dunkelbraunes schulterlanges Haar und trägt eine grüne Baskenmütze. Das eine Auge sitzt tiefer als das andere, und das Lid hängt etwas herunter. Das verleiht ihrem Gesicht Dynamik. Ihre Augen werden grün, wenn man auf die Baskenmütze schaut, und braun, wenn man ihr Haar ansieht. Sie trägt keine Prothesen, ihre Jeans ist ihrer Figur entsprechend umgenäht, und er bemüht sich, seinen Blick nicht auf das faszinierende Gebiet unterhalb ihrer Hüften sinken zu lassen. Das machen die Leute sicher oft genug.

»Ich mag italienische Weine am liebsten«, sagt er, um sich mit etwas abzulenken, womit er sich sicher fühlt. »Vor allem die richtig vollen. Verstehst du etwas … Hast du Ahnung von Wein?«

Sie schüttelt den Kopf und lächelt. »Ich weiß, dass es roten und weißen gibt«, antwortet sie und zieht eine kleine Grimasse.

Er lacht, vielleicht ein bisschen zu herzlich. »Das ist ein guter Anfang. Welche Weine magst du denn besonders gerne?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Rotwein.«

Er nickt und überlegt, das Gesprächsthema zu wechseln. Mit diesem läuft es nicht so gut.

»Keinen Gredos«, fügt sie hinzu, um ihm zu helfen.

Er grinst breit.

»Castillo de Gredos, nein, igitt. Da haben wir was gemeinsam.«

Er ist so übermäßig glücklich zu hören, dass sie keinen Gredos mag, dass sie wider Willen lächelt. Sie ist noch nie jemandem begegnet, dem derart viel an ihrer Zustimmung liegt, ohne dass er dafür bezahlt wird.

»Was Wein angeht, gibt es unheimlich viel zu entdecken«, erzählt er enthusiastisch. »Aromen und Bouquet, Kombinationsmöglichkeiten, Geschmackserlebnisse … Wir haben ja …«

Er blickt auf ihre Hände und schaut ihr dann wieder in die Augen.

»Wir haben ja jeden Freitag Weinprobe im Laden«, fährt er fort. »Aber ich finde, dass eine richtige Weinprobe in der richtigen Umgebung stattfinden muss, mit dem richtigen Essen und der richtigen Musik. In der richtigen Gesellschaft. Es geht um das Erlebnis.«

Sie nickt und schwenkt ihre Kaffeetasse. Die Luft zwischen ihnen ist plötzlich aufgeladen mit unausgesprochenen Wünschen und Gefühlen, die ihr fremd sind und die sie mit dem erkaltenden Kaffee hinunterschlucken will.

»Hättest du Lust, das einmal auszuprobieren?«

Seine flehenden Augen sind voller Aufrichtigkeit.

»Das mit der Weinprobe«, verdeutlicht er. »Bei mir zu Hause zum Beispiel. Ich meine wirklich nichts anderes – ich würde dieses Erlebnis einfach gerne mit dir teilen.«

Sie nickt. »Okay.«

»Großartig.«

Weinprobe, Paula.