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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Claudia Breitsprecher

Vor dem Morgen liegt die Nacht

Roman

 

 

K+S digital

Obwohl in diesem Roman viele historische Begebenheiten erwähnt werden, die sich tatsächlich ereignet haben, so sind doch die Handlung und die Charaktere frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Danksagung

Anja hat den Entstehungsprozess dieses Buches in jeder Phase liebevoll und zuversichtlich begleitet, mir bei den Recherchen geholfen, die Entwürfe gelesen und mit mir diskutiert.

Silvia hat mit zahlreichen Anregungen, mit Begeisterung, Kritik und Humor dazu beigetragen, das Werk voranzubringen. Sehr wertvoll war die Bereitschaft ihrer ArbeitskollegInnen, als ZeitzeugInnen manche historische Detailfrage zu klären.

Auch meine Familie war mir dabei eine große Hilfe.

Annette, Christine, Inge und Marita haben mich mit Ansporn und Einschätzungen, bei der Beseitigung von Zweifeln und PC-Problemen unterstützt.

Für meine Recherchen waren die ausführliche Materialsammlung im Spinnboden Lesbenarchiv und die im Jahr 2004 durchgeführte Ausstellung zum Thema »Lesben in der DDR« im Frieda Frauenzentrum, beide Berlin, sehr hilfreich. Insbesondere die in diesem Rahmen von Leo, Marinka und Samirah angebotenen Veranstaltungen vermittelten mir einen umfassenden Einblick.

Andrea und Dagmar haben sich dem Projekt mit großem Interesse, mit Akribie und Ideenreichtum angenommen.

Ihnen allen danke ich sehr herzlich.

1

Nina Althaus betrat das Foyer des Theaters und erstarrte. Die massive Glastür, durch die sie gekommen war, wäre ihr wohl in den Rücken geschwungen, hätte nicht ein eifriger Kartenkontrolleur es mit raschem Reflex zu verhindern gewusst. »Vorsicht!« rief er warnend, als er seine Hand vor den drohenden Aufprall schob, aber Nina hörte ihn nicht. Dabei hätte ein Stoß sie schwer getroffen, denn sie war klein und auch recht zierlich, nicht geschaffen, einem harten Schlag zu widerstehen. In diesem Augenblick aber war sie vor allem gebannt. Da stand eine Frau am anderen Ende der Halle. Sie reichte ihren Mantel über die Theke der Garderobe. Und sie lächelte dabei.

Seit einer Ewigkeit hatte Nina dieses Lächeln nicht mehr gesehen, das Lächeln nicht und nicht das strahlende Blau der Augen, die es unterstrichen und ihm eine Aura allumfassender Güte verliehen. Allein in der Einsamkeit ihrer Wohnung war es ihr immer wieder erschienen, in der Dunkelheit, wenn sie die Lider schloss und nicht schlafen konnte, wenn quälende Stimmen sie marterten, gehässig und schonungslos fragten, ob sie genug Kraft habe für den nächsten Tag. Dann tauchte es auf wie eine treue Gefährtin, und einzig seine Zuversicht vermochte die niederträchtigen Geister der Nacht zu vertreiben. Es war stets zeitlos gewesen, dieses Lächeln, aber jetzt war es alt geworden. Nina sah es nur im Profil, und doch gab es keinen Zweifel: Da drüben, kaum mehr als zwölf Schritte entfernt, groß und würdevoll, stand Maria Conti.

Sie war noch immer eine beeindruckende Erscheinung in der Menge der Namenlosen. Ihr ehemals bronzefarbenes leicht gewelltes Haar war längst ergraut, die Male eines langen Lebens spiegelten sich als dunkle Flecken in ihrem Antlitz, und die einst vollen Lippen bildeten nun eine vornehme Linie in ihrem faltigen Gesicht. Sie trug ein rostrotes Kostüm und eine sandfarbene Bluse. Ein seidenes Tuch in hellem Grün bedeckte ihren Hals, der zu lang war, noch immer zu lang. Nina konnte sich vorstellen, wie Maria es angelegt hatte mit einer einzigen, kaum merklichen Drehung ihrer Hand, wie die Eleganz dieser Bewegung den feinen Stoff in eine perfekte Lage hatte schweben lassen. Wie oft hatte Nina ihr dabei zugesehen, wie oft hatte sie mit bewunderndem Blick die Sicherheit dieser Geste genossen und sie später vor dem Spiegel zu imitieren versucht, ohne dass es ihr je gelungen wäre.

»Nun gehen Sie doch endlich weiter!« quengelte eine Männerstimme zu ihrer Linken, aber sie konnte sich noch immer nicht rühren. Ihr Herz begann zu rasen, und ihre Knie wurden so weich, dass jeder Schritt ein Wagnis gewesen wäre.

Ein Wagnis, in der Tat. Maria war damals einfach fortgegangen, ohne ein Wort. Nina hatte gehört, wie die Tür ihrer Wohnung ein letztes Mal zufiel, und alles in ihr war mit diesem Geräusch gestorben. Ja, es stimmte, sie hatte Maria nicht sehen wollen, als sie ging. Es hatte Gründe gegeben, gute Gründe, und die gab es immer noch. Sie konnte nicht einfach zu ihr hinübergehen. Der alte Zorn hinderte sie, hielt sie zurück und flüsterte von Verrat, während ihre Liebe sich im hintersten Winkel ihrer Seele verkroch.

Die Minuten verrannen, das Foyer füllte sich schnell. Maria stand ganz still inmitten des Getümmels und schien zu warten. Ihr Blick fiel immer wieder in den Gang, über dem ein Schild mit verschnörkelten Piktogrammen die Toiletten auswies, dann hinüber zur Bar, wo der Espresso-Automat mit lautem Röcheln seine Arbeit verrichtete, er folgte dem Weg einer stämmigen Blondine, die mit kräftiger Stimme das Programmheft anpries, glitt weiter durch den Raum, ziellos und gelangweilt, bis die Aufregung einer erbost klingenden Menge seine Aufmerksamkeit fand.

Nina stand noch immer im Weg, umringt von der dichter werdenden Menge des ankommenden Theaterpublikums, das die regennassen Schirme schüttelte und schloss und dabei Nina achtlos vorwärts stieß. Sie bemerkte es kaum, sie starrte Maria unumwunden an, bis die alte Frau erfasste, was der Grund für die Aufregung am Eingang war.

Das strahlende Blau traf Nina wie ein Blitz, verharrte für endlose Sekunden. Ein fragendes Blinzeln, ein kurzes Beben, ein Zögern. Marias Augen blickten sanft wie immer, doch dann begriffen sie und weiteten sich, wurden ängstlich, und das war neu. Aber schließlich kamen sie näher.

Nina wollte fliehen, aber das erlaubten ihre Beine nicht. Ihre Panik wuchs, ihr wurde schwindelig. Warum nur war sie hier? Eigentlich hatte sie doch gar nicht mehr ausgehen wollen an diesem Abend, nicht wieder allein zwischen all den anderen Menschen sitzen, die sich an den Händen hielten und miteinander lachten. Eigentlich war sie doch viel zu müde gewesen. Und jetzt stand sie wie gelähmt inmitten des Gedränges, und Maria war fast bei ihr. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Aus ihrer Körpermitte stieg eine überwältigende Übelkeit auf. Es war der Moment, vor dem sie sich ein Leben lang gefürchtet und den sie doch herbeigesehnt hatte wie nichts anderes auf der Welt.

»Nina?« flüsterte Maria in fragendem Ton, obwohl die Gewissheit aus ihren Augen sprach. Ihre Stimme war so rauh wie früher, nur tiefer noch und heiserer, ihr Klang schmerzlich vertraut.

Dass Maria sie überhaupt erkannte! Es war fünfundzwanzig Jahre her, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Fünfundzwanzig Jahre, und Nina hatte jedes einzelne davon gezählt. Damals war sie fast noch ein Kind gewesen, und jetzt ging sie auf die Vierzig zu. Und die Zeit hatte die Bitterkeit genährt. Nie war er gleichgültig geworden, der Morgen, an dem sie Maria verloren hatte, Maria und den Mut zu vertrauen. Die Bestürzung lebte noch immer in ihr, das Entsetzen war noch da, und doch, trotz allem, hatte Nina fünfundzwanzig Mal vergeblich versucht, Marias Geburtstag zu vergessen, den sechzigsten, den siebzigsten, den dreiundachtzigsten zuletzt, und mit jedem Jahr war ihre Hoffnung geschwunden, dass sie jemals die Chance erhalten würde zu verstehen, was in jenen längst vergangenen Tagen wirklich geschehen war.

»Ich glaube, das Stück fängt gleich an«, krächzte sie endlich und räusperte sich, wünschte, sie hätte nur dieses eine Mal nicht den alten, abgetragenen Anorak übergeworfen, als sie das Haus verließ. Sie wandte den Blick in die Ferne, gerade so, als ersehne sie Hilfe aus der Weite des Raumes. Als kein Beistand sich zeigen wollte, wagte sie einen scheuen Blick in Marias Gesicht und strich sich eine Strähne ihres schulterlangen blonden Haares hinter das Ohr.

Maria bemerkte die kleine Geste. Ihre Finger, die an den Gelenken rot und geschwollen waren, legten sich fester um die Riemen ihrer Handtasche. Dann sah sie Nina eindringlich an. »Seit wann trägst du eine Brille?«

In einem unbewussten Reflex umfasste Nina das kleine, randlose Gestell, das mit seinen ovalen Gläsern ihrem schmalen Gesicht einen verletzlichen Ausdruck verlieh. »Seit einer Ewigkeit.« Eine Spur von Trotz schwang in ihrer Antwort mit. Ja, gut so. Das war die Rettung! Sie trat einen Schritt zurück und verschloss sich.

Aber Maria blieb beharrlich. »Geht es dir gut?«

Das strahlende Blau wurde so bohrend, wie es schon damals manches Mal geworden war, immer dann, wenn Nina ihm ausweichen wollte. Sie schluckte, dann sah sie auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Wieviel Zeit hatten sie noch? Was konnte sie denn erzählen zwischen dem zweiten und dem dritten Klingeln? Das Foyer begann sich zu leeren. Es hatte keinen Sinn. Sie trat von einem Bein auf das andere, dann nickte sie schwach und sah zur Seite.

»Und deine Eltern?«

Ein bierbäuchiger Mittfünfziger mit ausgedünntem Haar drückte sich an ihnen vorbei. Seine Stirn glänzte, und er zog den Geruch von altem Schweiß hinter sich her.

»Sie sind tot.«

Marias Finger krampften sich noch fester als zuvor um die Tasche. Sie wich zurück, taumelnd, als hätte ein unerwarteter Hieb sie getroffen. Nina erkannte ihren Schmerz, und ihr wurde bewusst, wie grob sie die Worte ausgestoßen hatte. Vielleicht war es Absicht gewesen, aber als sie nun sah, wie Marias Züge sich verzerrten, bereute sie ihren barschen Ton. »Es war ein Autounfall«, erläuterte sie behutsam, »im Winter vor drei Jahren.«

Maria richtete sich auf und schnappte nach Luft, dann presste sie die Lippen zusammen. Ihre Pupillen kreisten ruhelos, versuchten, mit hektischen Bewegungen wild tobende Gedanken zu erfassen.

»Hier bist du! Wir müssen uns beeilen – es fängt gleich an!« ertönte plötzlich eine klare, kehlige Stimme neben ihnen. Nina zuckte zusammen, denn sie hatte die Frau nicht kommen sehen, die nun zu ihnen getreten war und sich an Maria wandte. Sie wirkte unbekümmert, und erst als sie Marias Benommenheit sah, runzelte sie die Stirn. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie besorgt und umfasste ihren Arm.

»Danke, es geht schon.« Maria drückte ihre Hand. Wieder zeigte sie ihr Lächeln, doch jetzt war es traurig, umspielte voller Wehmut ihren Mund, der trotz des dezent schimmernden Lippenstiftes an Farbe verloren hatte.

Nina musterte die Fremde, hatte das vage Gefühl, das Gesicht mit den tiefbraunen Augen unter den dunklen Locken schon einmal gesehen zu haben. Die Unbekannte musste etwa in ihrem Alter sein. Nina bemerkte widerwillig, dass allein die Nähe der anderen Frau Maria die Fassung zurückzubringen schien.

»Es tut mir leid, wirklich.« Maria streckte Nina zum Abschied die Hand entgegen. »Du hast es gehört, es wird Zeit.«

Das durfte nicht sein! Nina hatte noch nicht wirklich begriffen, dass Maria vor ihr stand, da wollte sie schon wieder gehen? War denn diese unwirkliche Szene nur ein weiteres Intermezzo in einem nicht enden wollenden Alptraum, eine neue Episode einer uralten Geschichte, allein geschaffen, um sie einmal mehr bis ins Mark zu erschüttern? Mechanisch ergriff sie die blassen Finger, die so eisig waren wie ihre, und schaute auf sie herab. Für einen Augenblick glaubte sie, die Zeit bliebe stehen, aber schon entglitt ihr die schmale Hand, gerade so, wie ihr ganzes Leben ihr stets zu entgleiten schien.

Das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu. Wo war die Wut, die sie in all den Jahren empfunden hatte? Wohin waren sie entschwunden, all die flammenden Reden, die von der Lust auf Rache genährten kleinen und großen Gemeinheiten und unversöhnlichen Worte, die Nina Maria so oft entgegengeschleudert hatte, in ihrer Phantasie, in ihren Träumen, in dem hoffnungslosen Versuch, mit bebendem Zorn zu zerstören, was zwischen sie getreten war. All das war fort und konnte sie nicht retten, hatte sich davongeschlichen und sie allein zurückgelassen, so dass sie nun wehrlos war, ratlos und dem Gefühl der Ohnmacht ausgeliefert angesichts des eigenen Versagens, Maria mitzuteilen, was sie wirklich empfand. Etwas Unüberwindbares hatte sich ihrer Sehnsucht in den Weg gestellt. Stolz. Angst. Unfähigkeit. Die Chance war vertan.

Die beiden Frauen waren schon in Richtung der Logen verschwunden, als Nina sich zum Gehen wandte. Was sollte sie jetzt noch im Theater? Keine Musik, kein Dialog, keine noch so dramatische Szene würde sie erreichen. Der Abend war vorüber, noch bevor er begonnen hatte. Alles war vorbei. Sollte sie nach Hause gehen oder durch die nasskalten Straßen streifen? Spielte es irgendeine Rolle, was sie tat? Sie spürte die neugierigen Blicke der Platzanweiserinnen, mit denen sie nun allein im Foyer stand. Noch immer hielt sie die Eintrittskarte in der Hand. Es war sowieso ein schlechter Platz. Vorletzte Reihe, fast am Rand. Sie zerriss sie und warf sie fort. Dann bewegte sie sich mechanisch auf den Ausgang zu.

»Warten Sie!« rief plötzlich dieselbe kehlige Stimme hinter ihr, die sie schon zuvor erschreckt hatte. Sie hielt inne und hörte, wie eilige Schritte sich näherten, drehte sich um, und die fremde Frau, die Maria in den Saal begleitet hatte, blieb abrupt vor ihr stehen, blickte sich verschwörerisch um und strich energisch ihren Nadelstreifenblazer glatt. Erneut wurde Nina sich ihres schäbigen Anoraks bewusst.

»Gut, dass ich Sie noch antreffe.« Die Unbekannte blinzelte sie an und schien erleichtert, dann rang sie die Hände. »Ich kann jetzt nicht lange reden – da drinnen geht jeden Moment der Vorhang auf.« Sie deutete auf die Saaltüren, die gerade geschlossen wurden. »Jedenfalls – Augenblick, bitte«, stammelte sie und nestelte in der schlichten schwarzen Tasche, die über ihrer Schulter hing und nicht recht zu ihrer Erscheinung passte. »Es ging gerade alles so schnell, aber Maria hat mir gesagt, wer Sie sind, und da wollte ich Ihnen das hier geben.« Sie hielt Nina eine Visitenkarte hin und bedeutete ihr, sie zu nehmen.

Nina griff zögerlich danach und las. ›Michelle Odebrecht‹ stand da in Prägedruck und ›Schauspielerin‹. »Warum …?« begann sie, aber Michelle kam ihr zuvor.

»Ich habe mir schon lange gewünscht, Ihnen einmal zu begegnen.«

Nina stutzte und trat einen Schritt zurück. Michelle hob beschwichtigend die Hände, als sie ihr Misstrauen bemerkte. »Es geht um Maria, natürlich. Bitte rufen Sie mich doch in den nächsten Tagen an. Ich habe eine Weile in der Stadt zu tun. Sie erreichen mich unter der Handy-Nummer da.« Sie wies mit dem Finger auf eine lange Zahlenreihe auf der Karte. »Am besten abends, aber falls Sie mich nicht erreichen, hinterlassen Sie ruhig eine Nachricht, ich rufe Sie garantiert zurück.« Ein breites Lächeln begleitete ihre Worte.

»Also, ich kann Ihnen nichts versprechen.« Nina drehte die Karte in ihren Händen und wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Unerwartete Freude wühlte sie auf. Sie vermochte nicht, sie abzuwehren, obwohl sie sich stets zur Vorsicht mahnte, wenn es um Freude ging. Es gab eine Möglichkeit, dachte sie plötzlich und umklammerte die Visitenkarte ein wenig fester, doch schon spürte sie, wie die Angst in all ihre Glieder kroch, ihre treue Gefährtin, die sich zuverlässig meldete, wo immer Hoffnung zu keimen begann.

»Ist schon gut«, antwortete Michelle und wirkte nun weniger gehetzt. »Stecken Sie die Karte einfach ein. Ich will Sie ja nicht bedrängen, aber ich fände es schön, wenn wir uns einmal in Ruhe unterhalten könnten.«

Nina bemerkte einen winzigen Hauch von Berliner Dialekt und dachte an den Augenblick zurück, als Michelle Odebrecht an Marias Seite getreten war. Kein Zweifel, die beiden Frauen kannten sich gut. Und sie verstanden sich. Nina verspürte einen leisen Stich, doch obwohl sie sich ernsthaft bemühte, fand sie nichts in diesem offenen Gesicht, das abzulehnen ihr gelingen wollte. Sie ließ die Karte in ihre Jackentasche gleiten und schob ihre Gedanken fort. Der Barkeeper sammelte leere Gläser an den Stehtischen ein. Die Kassiererin trug die Einnahmen fort. Ihre Schritte hallten in der Stille wider. Nina reckte sich und blickte der Fremden über die Schulter, hinüber zu den fest geschlossenen Türen, neben denen noch immer die Platzanweiserinnen standen.

»Sie werden Sie nicht hineinlassen«, orakelte sie und wartete auf die Reaktion.

Auch Michelle drehte sich um, dann schmunzelte sie. »Och, da wird mir schon was einfallen.« Etwas Keckes in ihrem Ausdruck verriet, wie sicher sie sich ihrer Sache war.

Nina biss sich auf die Lippen und vergrub die Hände in den Taschen ihres Anoraks. »Ich käme nie an denen vorbei. Nicht vor der Pause.«

Michelle legte den Kopf schräg. »Wollen Sie denn das Stück nicht sehen? Es soll gut sein. Und es läuft nicht mehr lange.«

»Dann gehen Sie schon, sonst verpassen Sie ja die Hälfte.« Nina wollte keine Auskünfte mehr geben. Sie fühlte sich nicht wohl unter dem Blick der anderen, der mehr Interesse verriet, als sie ertragen konnte.

»Und Sie?«

»Ich hatte genug Unterhaltung für heute abend.« Sie senkte den Blick und zog den Reißverschluss ihres Anoraks zu. Sollte er doch abgetragen wirken, er war es ja auch. Ein Poltern ertönte aus dem Saal, in dem Maria saß und das Geschehen verfolgte. Ihre trügerische Nähe war nicht länger auszuhalten. Ninas Augen füllten sich mit Tränen, und die Fremde sollte es nicht sehen. Sie wandte sich ab und floh ohne Gruß.

»Rufen Sie an!« Michelle Odebrecht gab nicht auf. Nina hörte ihre Stimme noch einmal, als sie schon auf der Straße war, doch ihre Botschaft erreichte sie nicht. Sie hatte genug damit zu tun, über den dampfenden Asphalt zu hasten, weg vom Theater, weg von allem, was sie herausfordern wollte, weg, bloß weg. Die Nacht war unendlich trübe, sickerte mit ihrer feuchten Kälte in sie ein und ließ sie frösteln. Sie lief, so schnell sie konnte, und kam doch kaum vorwärts. Und jeder Schritt tat weh.

2

Michelle lenkte ihren roten VW-Käfer von der Karl-Liebknecht-Straße auf den Alexanderplatz. Die Scheiben des Wagens waren leicht beschlagen und trotz wiederholten Wischens nicht frei zu bekommen. Warum hing sie auch so sehr an dieser altmodischen Spritschleuder! Das Gewissen quälte sie an jeder Tanksäule, und gerade um diese Jahreszeit hatte der Gedanke an eine gut funktionierende Lüftung durchaus etwas Verlockendes. Doch sie liebte das sonore Motorengeräusch und den eigentümlichen Kofferraum, der wie ein gefräßiges Maul auf sie wirkte, und konnte sich einfach nicht entschließen, all das gegen ein seelenloses Gefährt mit elektrischen Fensterhebern und neuester Sicherheitstechnik einzutauschen. Im Leben gab es schließlich auch keinen Seitenaufprallschutz.

Sie blieb in der linken Spur, von der eine Auffahrt zum Parkplatz auf dem Mittelstreifen abzweigte, und hielt nach einer Lücke zwischen den anderen Fahrzeugen Ausschau, ein nicht allzu schwieriges Unterfangen, seit es die Parkraumbewirtschaftung gab. Tatsächlich konnte sie wählen, entschied sich für einen freien Platz am hinteren Ende der langen Reihe winterlich verschmutzter Autos und stellte den Motor ab. Sie rieb sich die klammen Finger, griff ihre Tasche und warf noch einen prüfenden Blick in den Rückspiegel. Sie hatte auch um diese Jahreszeit eine gesunde Bräune, wie sie zufrieden feststellte. Seit je her hatte sie diesen mediterranen Teint, der ihr einen südländischen Einschlag verlieh und von dem niemand hätte sagen können, woher er kam, denn ihre Wurzeln in der mecklenburgischen Landbevölkerung boten keine Erklärung.

Sie steckte ihr ganzes Kleingeld in den Parkscheinautomaten in der Hoffnung, die Zeit würde reichen. Die Stunden verrannen wie im Flug, wenn sie mit ihrer Mutter erst einmal ins Reden kam. Sie hatten sich lange nicht gesehen. Seit Monaten hatte Michelle fast jeden Abend in Köln auf der Bühne gestanden und dasselbe Stück gespielt. Sie arbeitete gern am Theater, aber jetzt freute sie sich auch, wieder einmal vor der Kamera zu stehen. Und sie freute sich auf Berlin, auf die alten Freundinnen und Freunde und auf den Frühling mit blühenden Forsythien und sonnigen Straßencafés. Sie würde eintauchen in das Gewühl der City, die vertrauten Orte besuchen und samstags über einen der quirligen Märkte schlendern und sich am kodderigen Ton ergötzen, mit dem die Menschen einander rüde liebkosten. Wie eine lange vermisste Gefährtin war ihr die Stadt, treu und doch in stetem Wandel, launisch und anspruchsvoll, eine atemberaubende Diva, an der es immer neue Facetten zu entdecken gab.

Eine Gruppe junger Männer stand nicht weit von ihr entfernt neben einem maroden Transporter und schien in schwierige Verhandlungen vertieft. Einer von ihnen stand unbeteiligt am Rand und fixierte sie, schob eine Hand in die Hosentasche und schnippte mit der anderen lässig seine Zigarettenkippe fort. Michelle griff ihren Parkschein, plazierte ihn gut sichtbar auf dem Armaturenbrett ihres Wagens und ging eilig auf die Ampel zu. Ein eisiger Wind fegte ihr ins Gesicht. Sie zog sich ihren buntgeringelten Schal bis unter die Nase und atmete hinein, um ihre empfindlichen Bronchien zu schützen.

Als das grüne Ampelmännchen losmarschierte, suchte sie sich ihren Weg durch einen Pulk entgegenkommender Menschen über die Fahrbahn, hinter der die Fußgängerzone begann. Nur die Schienen der Straßenbahn zerschnitten den weiten Platz. An der Haltestelle beugten die Wartenden sich unter der nassen Kälte, einige blätterten in ihrer Zeitung, andere starrten ausdruckslos vor sich hin. Ein Saxophonspieler dudelte träge eine bekannte Melodie, der Kasten seines Instruments lag geöffnet auf dem Boden, nur wenige Münzen verloren sich darin. Der Fernsehturm ragte vor ihr in den Himmel. Sein Anblick rief ihr ins Gedächtnis, wie es gewesen war, als sie die Stadt zum ersten Mal von oben gesehen hatte.

Schon die Fahrt hinauf mit dem Aufzug hatte ihr Herz höher schlagen lassen. Und erst das nagelneue rotierende Restaurant! Sie war tief beeindruckt gewesen von der wechselnden Kulisse aus Häuserdächern, Baumkronen und Kirchtürmen, während sie auf das Essen wartete, gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder Berti, den sie seit kurzem nicht mehr Berti nennen durfte, sondern nur noch Bertram. Die Sonne hatte durch die Fenster geschienen, und die Luft war so klar gewesen, dass ihre Mutter in der Ferne sogar die Schule entdeckte, die Michelle neuerdings besuchte. Es war ein glücklicher Tag gewesen, nur ihr Vater hatte die Stirn gerunzelt, als am Nachbartisch eine Männerstimme flüsterte: »Kiek ma, so nah, jetz lassen se uns rüberjaffen, aber dit waaret denn ooch.« Sie hatte den schwelenden Ärger nicht verstanden, den der Tonfall des Sprechers erahnen ließ, doch es hatte sie auch nicht gekümmert. Viel zu sehr war sie mit der Schlagsahne auf ihrem Kakao beschäftigt gewesen und mit der Entdeckung, dass Berti-Bertram mit weitaufgerissenen Augen einem Mädchen hinterherstarrte, die im Vorbeigehen ihre langen blonden Haare in den Nacken warf und deren knapp bemessenes Röckchen gerade das Nötigste bedeckte, ganz so, wie es der Mode jener Jahre entsprach.

Michelle ging zügig voran und konnte schon bald den Schriftzug des Kinos hinter der Eisenbahnbrücke erkennen. ›Das Café ist gleich daneben‹, hatte ihre Mutter am Telefon verschwörerisch erklärt. Ein Fernzug rumpelte über ihrem Kopf aus dem Bahnhof, ein in seinen Stadtplan vertiefter Tourist sprang im letzten Moment einer Straßenbahn aus dem Weg, die schrill quietschend um die Ecke bog.

Das Café war nicht sehr voll. Nur im hinteren Teil und beim Durchgang zum Kino hatten es sich einige Gäste in den tiefen, mit grünem Kunstleder bezogenen Sesseln bequem gemacht. Michelle sah sich suchend um, aber ihre Mutter war noch nicht da. Sie entschied sich für einen Esstisch an der Fensterfront, von wo aus sie den Eingang und die Kuppeln des Berliner Doms im Blick hatte, die vor dem grau verhangenen Himmel durch den Dunst schimmerten. Sie hatte kaum ihren Mantel abgelegt, als eine mollige Frau zur Tür hereinkam. Michelle winkte kurz zu ihr hinüber, und Friederike Odebrecht, die alle nur Friedel nannten, stapfte vergnügt auf sie zu.

»Ein fürchterliches Wetter«, schimpfte sie und nahm ihre Tochter in den Arm. »Hast du es gleich gefunden?«

Michelle spürte die kalte Haut an ihrer Wange. »Ja, klar«, antwortete sie, dann sah sie zu, wie ihre Mutter mit einem zerknitterten Taschentuch über ihre beschlagenen Brillengläser fuhr, ihren Hut achtlos auf einen der Stühle warf und die angedrückte Dauerwelle richtete, deren Grau einen leichten Schimmer von Violett in sich barg, wie immer, wenn sie gerade beim Friseur gewesen war. Ihr Gesicht schien seit dem letzten Sommer noch runder geworden zu sein, aber aus ihm ragte noch immer die spitze Nase hervor, die den Blick anzog, fast noch mehr als das Mal auf dem Jochbein, das sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit als ›Schönheitsfleck‹ pries.

»Wie findest du das Café?« Endlich nahm Friedel Michelle gegenüber Platz. »Ein bisschen teuer ist es ja, aber ich konnte deinem Vater sagen, dass ich Besorgungen mache und vielleicht noch ins Kino gehe.« Sie setzte die Brille wieder auf und studierte die Karte, in der mehrsprachig Kuchen, Pasta und Sandwiches angeboten wurden.

Michelle schmunzelte bitter. »Was sagst du, wenn er dich nach dem Film fragt?«

»Mona Lisas Lächeln, meine Liebe, alles kein Problem, habe ich schon vor Wochen gesehen, gleich nachdem er herauskam.« Zufrieden über ihren gut durchdachten Plan legte sie die Karte aus der Hand. Eigentlich musste sie ihrem Mann nicht verschweigen, dass sie ihre Tochter traf, doch sie mochte nicht noch stochern in seiner Wunde, die sich ohnehin nicht schließen wollte.

Eine dürre Kellnerin mit wippendem Pferdeschwanz trat an ihren Tisch. Sie erkannte Michelle und errötete leicht, dann zückte sie Block und Bleistift.

»Ich nehme einen Kaffee Vienna«, verkündete Friedel genüsslich, »und einmal die Nusstorte, aber ohne Sahne, bitte.«

Michelle bestellte einen Cappuccino und ein Stück von dem Karottenkuchen, den sie in der Vitrine am Tresen stehen sah und von dem sie annahm, dass er nicht so süß sein würde. »Ohne Sahne, Mama, was ist denn mit dir los?« Ihre Augen funkelten ketzerisch, als die Bedienung gegangen war.

»Ach, Mädchen, auf dem Kaffee ist doch schon so viel drauf!« Friedel kramte in ihrer Handtasche und holte ein Päckchen F6 hervor.

Michelle sah ihrer Mutter in ihre kleinen hellblauen Augen, als diese ihren Blick wieder hob. »Das Café ist ganz schön, aber ich hätte dich trotzdem lieber zu Hause besucht, das kannst du mir glauben.« Sie dachte an das alte Sofa, das sicher noch immer in der guten Stube stand. Wie gern würde sie von dort durch das breite Fenster in den Garten schauen, auch wenn der knorrige Apfelbaum um diese Jahreszeit weder Blüten noch Früchte trug.

»Ja, ich weiß«, antwortete Friedel gedehnt, und ehrliches Bedauern schwang in ihrer Stimme mit, während die Kellnerin vorsichtig ein volles Tablett zu ihrem Tisch balancierte. Ein Augenblick des Schweigens breitete sich zwischen ihnen aus.

»Weißt du noch, wie er einmal gesagt hat, er könne niemals wirklich böse auf mich sein?« Michelle rührte in ihrer Tasse und verzog den Mund.

»Ach, Kind, was dir so im Kopf herumspukt! Da warst du acht und hast geheult, weil du eine schlechte Note bekommen hattest. Er wollte dich trösten.« Sie musterte ihre Tochter über den Rand ihres dampfenden Bechers hinweg, an dem sie vorsichtig nippte. Ein feiner weißer Rand krönte daraufhin ihre Oberlippe.

»Er hat es so gemeint!« Michelle sprach leise und dennoch trotzig, gerade so, als bestünde sie auf einem feierlich gegebenen Versprechen. Ja, sie war noch klein gewesen damals, aber seine Worte hatten ihr Bild von ihm weitergezeichnet, hatten unterstrichen, was sie ohnehin in ihm sah. Sie passten zu dem Mann, der mit ihr Kastanien sammeln gegangen war, der ihr das Schwimmen beigebracht und sie auf seinen Schultern getragen hatte. Schon von Geburt an war sein linkes Bein etwas kürzer als das rechte, und so ging er mit hinkendem Schritt, doch Michelle hatte sich gern an seinem Kopf festgehalten, um das Schwanken auszugleichen. Unter ihren winzigen Händen hatte sein stoppeliges Haar gekratzt, und sie war selig gewesen, wann immer sie es fühlte, erfüllt von der unumstößlichen Gewissheit, dass er sie niemals fallen lassen würde. Michelle war sich seiner Liebe bewusst gewesen, die aus dem Zwinkern seiner bernsteinfarbenen Augen gesprochen hatte, mit dem er sie begrüßte, wenn er von der Arbeit kam, ganz gleich, wie sein Tag gewesen war, und die sein Lachen durchdrungen hatte, mit dem er dem Ärger ihrer Mutter den Stachel nahm, wenn sie etwas angestellt hatte, ›ausgefressen‹, wie ihre Mutter zu sagen pflegte. Seine schützende Hand hatte stets über ihr gelegen, und manchmal hatte sie ihr sogar eine Tüte dieser leckeren Gummibärchen geschenkt, die es nur in dem einen Laden gab, in dem er sonst nichts kaufte, weil er ihn viel zu teuer fand und weil er stets verkündete, dass sie ›von denen‹ nichts brauchten.

»Du hast es ihm nicht leicht gemacht.« Friedel schob sich einen großen Bissen Torte in den Mund.

»Was hatte ich denn für eine Wahl?« Michelle stieß die Gabel in ihren Kuchen, der bröselnd auseinanderfiel.

Friedel beobachtete, wie ihre Tochter die Krümel aufpickte, dann beugte sie sich vor. »Meine Liebe, dein Vater ist nicht mehr der Mann, der er früher einmal war.«

»Wem sagst du das!« Michelle lachte bitter und kaute lustlos auf der trockenen Masse in ihrem Mund herum. »Das sind wir doch alle nicht mehr. Genau das war ja wohl das Problem.« Sie hielt mit dem Essen inne und sah ihre Mutter herausfordernd an.

»Lass doch diesen anklagenden Ton. Es war doch nicht er allein. Ihr habt euch damals beide nichts genommen, nicht wahr?« Friedel lehnte sich zurück. Ihr enganliegender Pullover betonte ihre üppigen Rundungen.

»Ich wollte mit ihm reden! Immer wieder! Aber er lässt es einfach nicht zu!« Ein Nachgeschmack von in Zitronenaroma ertränktem Zuckerguss auf ihrer Zunge verdarb Michelle endgültig den Appetit. Angewidert schob sie ihren Teller zur Seite.

Friedel erkannte den Ärger, der in ihrer Geste zum Ausdruck kam. »Ja, ich weiß. Er hat übertrieben damals und …«

»Übertrieben? Er hat mich rausgeschmissen!« Michelle wurde lauter und fasste sich erst, als sie sah, dass der junge Mann am Nachbartisch über die Karte hinweg zu ihr herüberblickte.

»Jetzt lass mich doch ausreden!« Friedel griff nach ihrer Serviette und wischte sich hastig über die Lippen. »Ja, er hat dich rausgeschmissen. Glaub nur nicht, dass er nicht genauso darunter leidet wie du. Du kriegst ja nichts von ihm mit. Was glaubst du wohl, wie es für mich ist, Tag für Tag an seiner Seite? Ein Leben mit einem Mann, der an nichts mehr Freude hat! Denkst du, das ist einfach?« Sie knüllte die Serviette zusammen und warf sie auf ihren leeren Teller.

Michelle hob abwehrend die Hände. »Aber das ist doch nicht meine Schuld!«

Friedel rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, dann zog sie umständlich eine Zigarette aus der halbvollen Schachtel und zündete sie an. Sie nahm einen tiefen Zug, entspannte sich und setzte zu einer Antwort an.

»Nein, das ist es wohl nicht. Aber für ihn ist eben alles zusammengebrochen. Er wird nicht warm mit diesem Land, und er kann nicht vergessen, was gewesen ist. Auch was zwischen euch gewesen ist. Für ihn gehört das alles zusammen.« Sie zuckte resigniert die Achseln.

»Dann bin ich für ihn also die personifizierte Konterrevolution, ja?« Als ihre Mutter die Schultern straffte, wusste Michelle, dass ihre Bemerkung falsch gewesen war.

»Zynismus ist hier wohl fehl am Platz. Es besteht kein Grund, sich über seine Ideale lustig zu machen!« grummelte sie. »Es waren schließlich auch einmal deine, oder hast du das völlig vergessen?«

Michelle schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht.« Auch noch ihre Mutter gegen sich aufzubringen war das letzte, was sie wollte. »Aber es ist so lange her, Mama, und er ist doch nun schon zweiundsiebzig. Ich habe nichts vergessen, das kannst du mir glauben, auch nicht seinen Geburtstag letzte Woche. Ich habe sogar auf ihn angestoßen. Allein!« Der Gedanke daran, dass sie das jetzt schon seit zwölf Jahren tat, schnürte ihr die Kehle zu. Sie schluckte.

Friedel seufzte. »Meinst du, wir hatten ein ausgelassenes Fest?« Es lag ein tiefes Bedauern in ihrem Ton. Sie feierte gern. Michelle konnte sich vorstellen, wie sehr es ihrer Mutter widerstrebte, ihre Fröhlichkeit verbergen zu müssen.

»Und es ist ja nicht nur sein Geburtstag.« Müde drückte sie die Zigarette im Aschenbecher aus. »Den ganzen Winter über war er zu Hause. Er geht kaum mehr einkaufen, er war nicht zum Eisangeln, und wenn der Otto ihn nicht ab und zu persönlich angesprochen hätte, wäre er wohl nicht einmal zu seiner Skatrunde gegangen.« Sie vergewisserte sich mit einem kurzen Blick, dass Michelle noch zuhörte. Dann fuhr sie fort. »Er hat einfach an allem das Interesse verloren. Er verkriecht sich förmlich. Die Nachbarn wollen wissen, was mit ihm ist, weil sie ihn so gut wie nie sehen. Ich hab sie gefragt, was ich machen soll, auch die Frauen bei der Volkssolidarität. Keiner weiß Rat, er lässt ja niemanden an sich ran. Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll, es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.« Erneut ließ sie das Feuerzeug klicken.

»Gibst du mir auch eine?« fragte Michelle.

»Und deine Lunge?« Friedel hielt ihr die Schachtel hin.

»Ist schon in Ordnung. Ist ja nur ausnahmsweise.« Tatsächlich rauchte Michelle nur ausgesprochen selten; gewöhnlich wenn ein Gespräch schwierig wurde, aber nicht so schwierig, dass ein Asthmaanfall drohte. Als das Nikotin zu wirken begann, überkam sie für ein paar Sekunden ein heftiger Schwindel.

Zwei junge Frauen betraten das Café und zogen einen Schweif kalter Luft hinter sich her, als sie an ihrem Tisch vorübergingen. Friedel sah ihnen ausdruckslos nach. »Letzten Sommer, da hat er seine Angelrute am See vergessen. In Strausberg, nicht weit weg. ›Fahr noch mal hin‹, hab ich zu ihm gesagt. Sie hätte ja vielleicht noch dort gelegen, nicht wahr? Aber nein, er wollte nicht, war partout nicht zu bewegen. Jetzt haben ihm Bertram und Katrin zum Geburtstag eine neue geschenkt. Ganz leicht und handlich und mit allerhand Zubehör obendrein.« Sie hob die Hände in einer hilflosen Geste. »In die Ecke gestellt hat er sie, kaum dass er sie ausgepackt hatte! In die Ecke gestellt und den ganzen Abend nicht mehr angesehen! Es war mir so unangenehm vor Katrin, und Bertram war so enttäuscht.«

Wieder seufzte sie schwer, dann zog sie mit einem magentarot leuchtenden Fingernagel die Maserung im dunklen Holz des Tisches nach. »Daniel hat ihm sein Zeugnis gezeigt, er macht im Sommer ja sein Abitur. Nicht einmal das hat ihn interessiert. Der Junge hat mich nachher in der Küche zur Seite genommen. Er soll zum Bund, hat er mir erzählt, und er will gehen.« Sie verzog missbilligend das Gesicht. »Na ja, ich war nicht begeistert, aber schließlich ist es seine Entscheidung, nicht wahr? ›Sag’s Opa nicht‹, hat er mich gebeten. Das geht doch nicht!« Ihr Blick verschwamm.

Michelle sah sie mitfühlend an, dann biss sie sich auf die Lippen. »Er wird toben, wenn er das erfährt.«

Friedel zog ihr Taschentuch hervor, putzte sich die Nase und schüttelte den Kopf. »Nein, das wird er nicht.« Ihre Stimme klang belegt. »Das hat er früher getan, bei dir. Da hat er getobt, wenn ihm was nicht passte. Wie hab ich es gehasst, wenn ihr euch so angeschrien habt. Jetzt wünsche ich mir manchmal sogar diese Zeiten zurück.« Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie nahm die Brille ab und wischte sie mit dem Taschentuch fort. »Jetzt frisst er nur noch alles in sich rein. Früher …«

Michelle beugte sich vor und streichelte ihr tröstend den Arm. »Ja, ich weiß, Mama – früher«, sagte sie sanft und betonte das letzte Wort, als sei es der Schlüssel zu allem anderen. Durch die Wolle des Pullovers konnte sie fühlen, wie die Muskeln ihrer Mutter sich lockerten. Dann legte Michelle nachdenklich den Kopf schräg. »Warum ist er so verbittert und du nicht? Warum kannst du weitermachen? Ihr habt doch beide wirklich haargenau dasselbe erlebt. Und auch wir haben uns heftig gestritten, weiß Gott, ich erinnere mich gut daran.« Sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein. »Aber warum können wir beide trotz allem heute hier sitzen?«

Friedels Tränen waren versiegt. In einem Anflug von kämpferischem Stolz fasste sie sich, dann setzte sie ihre Brille wieder auf. »Ich bin es gewohnt, nach vorne zu schauen. Das Grübeln war nie meine Sache. Vorbei ist vorbei und Schluss«, verkündete sie energisch. »Glaub mir, ich war genauso enttäuscht und wütend wie dein Vater, als du abgehauen bist.« Der alte Ärger schwang in ihrer Stimme mit.

»Ich bin nicht abgehauen!« protestierte Michelle, wohl wissend, dass sie diesen Einwand schon unzählige Male erhoben hatte, unzählige Male vergeblich.

Friedel zog die Augenbrauen hoch und sah sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. »Aber bei mir fiel das alles ja auch nicht auf bereiteten Boden.«

Michelle runzelte die Stirn. Es dauerte einen Moment, bis sie die Anspielung verstand. »Du meinst Maria?« Ihre Miene verfinsterte sich, als ihre Mutter nickte. Sie wusste, dass ihr Gespräch an einem heiklen Punkt angekommen war. »Ich wohne zur Zeit bei ihr«, gestand sie unumwunden und wappnete sich vor dem, was kommen würde.

Friedel zuckte zusammen. »Ist das dein Ernst?« rief sie entgeistert und lehnte sich zurück, ganz so, als wolle sie auf Abstand gehen.

»Ja.« Michelle hob hilflos die Hände, während sie sich rechtfertigte. »Ich habe keine Lust, monatelang im Hotel zu leben, Mama, und Maria hat Platz.« Sie erwähnte nicht, wie gern sie das Angebot ihrer Tante angenommen hatte. Es bestand kein Grund, Öl ins Feuer zu gießen.

»Na, dir scheint ja wirklich sehr an einer Versöhnung mit deinem Vater gelegen zu sein!«

Michelle wurde ärgerlich. »Mein Vater«, begann sie mit fester Stimme, »zeigt keinerlei Interesse daran, sich mit mir zu versöhnen! Bei euch kann ich nicht wohnen! Und außerdem weiß ich nicht einmal, was genau er eigentlich gegen sie hat. Ich meine, sie ist immerhin seine Schwester.« Verdrossen dachte sie an all die Gelegenheiten zurück, bei denen er über ihre ›Westverwandte‹ hergezogen war. Als kleines Mädchen hatte sie ihm jedes Wort geglaubt, war stolz auf ihn gewesen, wenn er über die Kollegen schimpfte, die auf Pakete von ›drüben‹ warteten, die sich kaufen ließen mit Kaffee und Perlonstrumpfhosen, die nicht so an ihrem Vaterland hingen wie er, wie sie. Jetzt war ihre Tante eine alte Frau, und Michelle fühlte sich betrogen um die vielen Jahre, die sie mit ihr hätte haben können. Sie wollte die Zeit genießen, die ihnen noch blieb.

Ein pickeliger Junge in formlosen Jeans und mit glühenden Wangen trat zögernd an ihren Tisch. Michelle hatte ihn nicht kommen sehen und zuckte zusammen, als er plötzlich murmelte: »Frau Odebrecht, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie störe, aber könnten Sie mir vielleicht ein Autogramm …« Er hielt ihr schüchtern einen Zettel entgegen.

Michelle blickte in das scheue Gesicht, und ihr Zorn verebbte. Sie ergriff den bereitgehaltenen Stift, kritzelte ihren Namen und versuchte ein freundliches Lächeln, das ihr nicht wirklich gelang. Kaum war sie fertig, zog er mit glücklicher Miene ab, seine Beute fest an sich gedrückt. »Ich danke dir«, rief sie ihm nach, die mahnenden Worte ihres Agenten im Kopf. ›Sie sind dein Publikum, Michelle. Wie du sie behandelst, so behandeln sie dich.‹ Einige Gäste an den anderen Tischen unterbrachen ihre Gespräche und drehten sich zu ihr um.

»Wie ich sehe, hast du es ja weit gebracht, nicht wahr?« säuselte Friedel mit gespielter Ironie und dennoch stolz. Sie wusste, dass sie es gewesen war, die mit ihrer Liebe zum Film dem Streben ihrer Tochter die Wurzeln gegeben hatte. Immer wieder war sie mit den Kindern in das kleine, etwas muffige Lichtspielhaus gegangen, in dem der Besuch nur einsfünfunddreißig gekostet hatte, inklusive des Kulturbeitrags von fünf Pfennigen, der auf jede Eintrittskarte erhoben wurde. Und auch im Theater der Freundschaft hatten sie sich oft amüsiert. Am Anfang war auch Berti immer dabeigewesen, doch er hatte mit dem Heranwachsen das Interesse verloren. Nicht so Michelle. Sie liebte schon damals jede Inszenierung, egal ob auf der Leinwand oder auf der Bühne. Und jetzt war es ihr Leben. Wie gut erinnerte sich Friedel an die Premiere von Unterwelt. Es war hart gewesen, ihre Tochter als Prostituierte zu sehen, schamlos, gedemütigt und verzweifelt. Es war ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm, und sie war so sehr darin aufgegangen, dass Friedel sie kaum wiedererkannte. Die Kritik war begeistert. ›Ein phänomenaler Durchbruch‹, stand in den Gazetten‚ ›ein spät erblühter Stern‹.

Spät erblüht! Mit dreißig! Die Filmbranche war offensichtlich gnadenlos, aber seit Unterwelt hatte Michelle auch über das Theater hinaus einen Namen. Und spätestens nach Tanz in die Nacht, jenem aufwendig gestalteten Drama, in dem sie einen alternden Musicalstar verkörperte, kannte man ihr Gesicht. Und ihre außergewöhnliche Fähigkeit, sich zu bewegen, geschmeidig und dennoch kraftvoll, konzentriert und dennoch mit großer Leichtigkeit. Es war ihr zweiter bedeutender Erfolg, und seither konnte ihre Tochter gewiss wählen, welche Rollen sie übernehmen wollte.

»Wie läuft’s denn so in Babelsberg?« fragte Friedel, dankbar über die Gelegenheit, das leidige Thema ihrer familiären Zwistigkeiten zu beenden, das beiden regelmäßig die Laune verdarb.

»Wir haben ja noch gar nicht angefangen.« Michelle trank ihren Cappuccino aus. »Aber die Kulissen sind schon fertig. Übermorgen beginnen wir mit dem Dreh.«

»Die Leute fragen mich immer, wie es dir geht. Nach Bertram fragen sie nie.«

»Ja, ich weiß. Er soll das bloß nicht persönlich nehmen. Und du glaub nicht alles, was du über mich liest.« Tatsächlich hatte sich Michelle ein wenig schwergetan, sich an die permanente Aufmerksamkeit fremder Menschen zu gewöhnen. Es war nicht immer leicht, aus den vielen neugierigen Blicken und wohlmeinenden Worten eben jene herauszufiltern, die echtes Interesse verrieten. Manchmal sehnte sie sich zurück nach der Anonymität, in der niemand sie erkannte und sie sicher sein konnte, dass ein Lächeln ganz allein ihr galt, der Frau, die sie war, nicht der bekannten Schauspielerin. Doch sie hatte den Erfolg gewollt, und mit ihm war diese Zeit für immer vorbei.

Sie sprachen noch eine Weile über das Projekt, dem sich Michelle in den nächsten Monaten widmen würde, dann sah Friedel auf die Uhr und rief die Bedienung herbei. Michelle drückte ihre Hand. »Lass dich nicht unterkriegen, Mama.«

Friedel nickte schwach. »Ja, du hast recht. Es ist schließlich niemandem gedient, wenn wir die alten Geschichten wieder und wieder durchkauen.« Sie rang sich ein trauriges Lächeln ab, und als die Kellnerin die Rechnung brachte, holte sie ein kleines Portemonnaie aus ihrer Handtasche hervor. Michelle wollte protestieren, aber Friedel winkte ab. »Lass mich mal, Mädchen.« Sie zwinkerte ihrer Tochter zu und stand auf; sie hatte mit einem wundersamen Gemütssprung ihre Leichtigkeit zurückgewonnen und die sorgenvollen Gedanken vertrieben. Michelle hatte einen derart abrupten Stimmungswandel schon oft bei ihrer Mutter beobachtet und ihn manches Mal missbilligt, denn die demonstrative Absolutheit, die sich darin zeigte, beendete unweigerlich jede Diskussion. Heute aber war sie dankbar dafür, denn es war auch so schwer genug, sich vorzustellen, wie es für ihre Mutter sein musste, nach Hause zu kommen, die Eindrücke des Tages zu verbergen und umsonst auf Fragen zu warten, die sie nicht hätte beantworten können.

Auch ihr Vater litt, hatte ihre Mutter gesagt. Doch was war es, das ihn hinderte, nachzugeben? Damals, als er sie der Wohnung verwiesen hatte, hatte etwas so Endgültiges in seinem Blick gelegen, etwas Fremdes und Fernes, als sei es gar nicht Michelle gewesen, die er ansah. Es lag eine kalte Macht darin, die nicht zu überwinden war. Seine Tür war seither fest verschlossen, und sie wusste nicht, wo der Schlüssel verborgen lag.

3

Der Wasserkocher schaltete sich mit einem lauten Knacken automatisch ab. Nina goss seinen Inhalt in einen großen angestoßenen Becher und schwenkte den Teebeutel darin herum. Die Luft in ihrer geräumigen Küche war abgestanden und kühl. Sie zog den Bademantel enger um sich und schleppte sich zurück ins Bett. Seit Tagen quälte sie ein scharfes Kratzen im Hals, und der Kopf schmerzte abwechselnd dumpf und pochend. Sie stellte die Tasse auf die Kommode neben ihrem Bett, auf der auch der alte, kaum genutzte Fernseher stand. Dann ließ sie sich in die Kissen sinken, zog die Decke bis unter das Kinn und schloss die Augen.

Wieder hörte sie diese Stimme. ›Rufen Sie an!‹ forderte sie nun schon seit fast zwei Wochen. Die aufwendig gestaltete Visitenkarte musste irgendwo herumliegen. Nina begann sie zu suchen, wühlte danach, fand sie schließlich unter dem Kopfkissen, eine Ecke war leicht geknickt. Sie drehte sie zwischen ihren dünnen Fingern, wieder und wieder, las die immer gleichen Worte, die sie längst auswendig kannte wie die Nummer am unteren Rand. ›Rufen Sie an!‹

Als ob das so einfach wäre! Nina hatte sich noch immer nicht von jenem Abend im Theater erholt. Nicht von Marias gequältem Blick und nicht von ihrem Händedruck, den sie den ganzen langen Heimweg durch den Nieselregen gespürt hatte. Die kurze Begegnung hatte ihren schalen Erinnerungen wieder Leben eingehaucht. Jetzt waren sie wieder da, die alten Gespenster, klopften an ihre Tür und drangen in ihre Träume, ließen sie nicht in Ruhe und maskierten sich mit dem listigen Charme einer harmlos anmutenden Schauspielerin, um erneut die Gewalt über sie zu erlangen. Nein, sie würde das nicht zulassen, entschied sie zum hundersten Mal und warf die Karte achtlos von sich.

Sie hatte wahrlich genug am Hals. Die hohen Wände ihrer kleinen Altbauwohnung brauchten einen neuen Anstrich. Der Abfluss der Dusche war seit Wochen verstopft. Ihr Pass war längst abgelaufen, es war noch Tobias gewesen, der sie vor Jahren schon gemahnt hatte, ihn verlängern zu lassen. Und beworben hatte sie sich seit einer Ewigkeit nicht mehr. Was sollte das auch? Es gab keine Stellen in dieser Stadt, nicht in ihrem Beruf. Die Ausgestoßenen lungerten in den Straßen herum und blieben sich selbst überlassen, wen kümmerte das noch in einer Atmosphäre des gnadenlosen Kampfes um das letzte Fleisch in den fast leeren Töpfen. Es war eine Zeitbombe, die da tickte, doch der Alltag im politischen Geschehen ließ keinen Raum für Gedanken an die Zukunft. Niemand interessierte sich dafür, was mit ihren ehemaligen Schützlingen geschah, niemand legte noch Wert auf das, was einmal ihre Arbeit gewesen war.

Doch sie würde noch eine ganze Weile von dem Geld, das ihre Eltern ihr hinterlassen hatten, leben können. Schließlich war sie nicht anspruchsvoll und brauchte wenig. Die Miete war billig, sie aß kaum etwas und ging selten aus. Nur die Malerei verschlang stattliche Summen, denn gute Farben waren teuer, und verkaufen wollte sie ihre Bilder nicht, denn es steckte ihr ganzes Herzblut darin. Ja, das Malen! Es war das einzige, das noch immer wichtig war. Die Leinwände waren verlässliche Vertraute. Die Formen, die sie schuf, trösteten sie über das Alleinsein hinweg. Ihr Leben war still geworden, vielleicht sogar einsam, doch sie wollte die Abgeschiedenheit, hoffte, auf diese Weise die Ruhe wiederzufinden, die sie verloren hatte, als der milchweiße Opel ins Schleudern geraten war.

Nina griff nach ihrem Becher, trank einen großen Schluck und ließ die heiße, bittere Flüssigkeit langsam durch die rauhe Kehle rinnen. Dann stand sie auf, ging zum Fenster und sah hinaus. Im türkischen Imbiss gegenüber herrschte Hochbetrieb, wie immer um die Mittagszeit. Ein Lieferwagen stand in zweiter Reihe, seine geöffneten Türen gaben den Blick auf die Getränkekästen in seinem Inneren frei. Fröhliche Kinder prügelten scherzhaft mit ihren Schultaschen aufeinander ein. Es war ein buntes Treiben, und doch war alles grau. Die Farben der Autos waren kaum zu erkennen unter dem rußigen Schleier, der ihren Lack bedeckte. Es hatte geschneit in der letzten Nacht, doch die dünne weiße Schicht auf dem schmutzigen Asphalt war schnell wieder geschmolzen. Das zusammengeschobene Granulat der vergangenen Wochen erhob sich an den Straßenecken zu schwarzen Hügeln. Die kahlen Bäume schienen noch immer vor Kälte erstarrt. Frauen und Männer mit fahlen Gesichtern eilten mit verkniffenen Mienen die Straße entlang.

Der Anblick machte sie frösteln. Was mochte Maria denken über diese Gegend, in der sie nun schon seit zwanzig Jahren lebte? Sie war so anders als die mondäne Welt, in der sie einst zu Hause gewesen war, aber Nina hatte sie immer geliebt.