cover

FRAUEN IM SINN

 

logo

Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Claudia Breitsprecher

Bringen Sie doch Ihre Freundin mit!

Gespräche mit lesbischen Lehrerinnen

 

 

K+S digital

Vorwort

Die Idee, ein Buch über lesbische Lehrerinnen zu schreiben, wurde vom Verlag Krug und Schadenberg an mich herangetragen. Als ich mich entschied, das Projekt in die Tat umzusetzen, dachte ich unweigerlich an meine eigene Schulzeit zurück. Ich erinnerte mich an Lehrerinnen, von denen ich damals wusste, dass sie lesbisch sind, weil sie es gesagt hatten, und ich erinnerte mich an andere, von denen ich es erst viel später erfuhr, als ich sie in Lesbenbars wiedertraf. Außerdem fiel mir mein Deutschlehrer wieder ein. Er war heterosexuell, verheiratet und sagte immer »hommoerrottisch«, wenn er auf die einzelnen Mitglieder der Familie Mann zu sprechen kam. Er thematisierte das gleichgeschlechtliche Begehren von Thomas, Klaus und Erika ohne Scheu oder Missbilligung, und so habe ich nicht nur über Literatur viel von ihm gelernt. »Ihr könnt alles schreiben«, empfahl er uns regelmäßig im Vorfeld einer Klassenarbeit, »ihr müsst es nur belegen.«

Und so fuhr ich seinen Rat befolgend kreuz und quer durch Deutschland, um lesbische Lehrerinnen zu befragen. Dabei bin ich Frauen in unterschiedlichsten Lebenssituationen begegnet, die an verschiedenen Schultypen arbeiten, die am Anfang ihres beruflichen Werdegangs stehen, sich in der Mitte ihrer Laufbahn befinden oder deren Ende schon erlebt haben, die auf dem Land arbeiten oder in der Großstadt, die in Ost und West, Nord und Süd, in religiös geprägten Gegenden oder in den Hochburgen lesbisch-schwuler Kultur vor der Klasse stehen. In den Interviews berichten sie von ihrem persönlichen Werdegang und von ihrem Stand an der Schule, erläutern An- und Einsichten in Bezug auf den Schulalltag, reden über Hoffnungen, Befürchtungen und ihre Pläne für die Zukunft und erzählen darüber hinaus so manch spannende Anekdote.

Die Frage, ob und wieweit es ratsam ist, sich an der Schule als Lesbe zu outen, zog sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche. Weil jede lesbische Lehrerin passend zu ihrer Lebenssituation, zum individuellen Umfeld und zum eigenen Naturell eine andere Antwort darauf findet, war es erforderlich, die Texte zu verfremden, um die Anonymität der Frauen zu wahren. So habe ich in den Interviews Namen, Orte und spezifische Details geändert, Sinn und Gehalt der getroffenen Aussagen bleiben davon jedoch unberührt.

Die Möglichkeit und das Bedürfnis, an der Schule für alle sichtbar als Lesbe in Erscheinung zu treten, aber auch das Wohlbefinden am schulischen Arbeitsplatz ganz allgemein wird maßgeblich beeinflusst von der vorliegenden rechtlichen Situation homosexueller Lehrkräfte und von dem Rückhalt, den sie von Schulleitungen und Personalvertretungen zu erwarten haben. Ebenfalls von großer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die vorherrschende Einstellung der Schülerinnen und Schüler, die vor allem im jugendlichen Alter nicht selten geprägt ist von Vorurteilen, Unwissenheit und einem ausgeprägten Anpassungsdruck in den Jahren der Pubertät. Aus diesem Grund und zur weiteren Information wurden die Interviews durch zwei Texte ergänzt, von denen einer das Gespräch mit zwei Lehrerinnen wiedergibt, die sich im Rahmen gewerkschaftlichen Engagements für die Belange von Lesben und Schwulen in der Schule einsetzen, während der andere eine Einrichtung porträtiert, in der Pädagoginnen und Pädagogen mit Schulkindern ab der 5. Klasse zum Thema Akzeptanz verschiedener, schwerpunktmäßig gleichgeschlechtlicher Lebensweisen arbeiten.

Mit ihren Erzählungen liefern die von mir befragten Lehrerinnen einen sehr persönlichen Einblick in den Alltag derer, die mit ihrem Vorbild und ihren Werten das Verhältnis der kommenden Generation zu häufig diskutierten Themen wie Akzeptanz individueller Verschiedenheit, Vielfalt und Chancengleichheit erheblich prägen. Das vorliegende Buch wird getragen von ihrer Offenheit, bereichert von der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Gedanken zum Ausdruck bringen, und gekrönt von dem Humor, mit dem sie all die kleinen Begebenheiten kommentieren, die sie im Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern, mit dem Kollegium oder auch mit den Eltern der Kinder erlebt haben und immer wieder erleben. Für die Bereitschaft, mir ihre Erfahrungen so ausführlich zu schildern und sie damit künftigen Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen, danke ich all meinen Gesprächspartnerinnen, den Lehrerinnen ebenso wie den Befragten der Bildungseinrichtung KomBi, sehr herzlich.

Claudia Breitsprecher im Januar 2007

Wir hätten Vorreiter sein können, aber wir haben den Film nicht richtig gemacht. Heute gäbe es einen Aufschrei, und das ist richtig. Warum soll Martha sagen: ›O mein Gott, was ist mit mir, ich bin so verdorben, ich habe dich ruiniert‹? Sie würde kämpfen für die Liebe, die in ihr keimt. […] Das überstieg unsere Vorstellungskraft. Audrey und ich haben nie darüber geredet. Ist das nicht merkwürdig?

Shirley MacLaine heute über den Film Infam[1]

Das war durchaus eine verkorkste Situation

Gerda Eschweiler, 68 Jahre

Es ist nicht mehr ganz früh am Morgen, als der Zug in Freiburg einfährt, doch die Feuchtigkeit der Nacht hält sich hartnäckig zwischen den herbstlich gefärbten Bäumen, trübt den Blick auf die Weinstöcke der umliegenden Hügel. Ich finde schnell den richtigen Bus zur Weiterfahrt. Die Frau, die in einer modernen Neubausiedlung im Studentenviertel auf mich wartet, hat mir den Weg akribisch genau beschrieben. Bald schon stehe ich vor einem verwinkelten, in kräftigen Farben gestrichenen Gebäude und spüre ein letztes Mal vor dem bevorstehenden Gespräch meinen gemischten Gefühlen nach. Gerda Eschweiler war mir am Telefon mit Skepsis begegnet, als ich sie um das Interview bat. Was denn das Besondere sei an einer lesbischen Lehrerin, hatte sie mich gefragt, das eine habe doch mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Ich versuchte sie von dem Projekt zu überzeugen und spürte dennoch, dass ihre Zweifel nicht wirklich gewichen waren, als wir uns verabredeten. Jetzt aber öffnet sie mir die Tür, und ein waches Augenpaar mustert mich wohlwollend. Ihr Blick ist auf eindringliche Weise interessiert und gleichermaßen scheu. Schnell erkenne ich, dass ihre im Vorfeld geäußerten Bedenken sich nicht in die vor uns liegenden Stunden drängen werden, dass sie bereit ist, meinen Fragen offen zu begegnen. Erleichtert schalte ich das Aufnahmegerät ein und bin gespannt auf die Geschichte, die sie mir erzählen wird.

Gerda Eschweiler ist erst nach ihrer Pensionierung nach Freiburg gezogen, der Liebe wegen, wie sie verschmitzt gesteht. Eigentlich kommt sie eher aus dem nordwestdeutschen Raum; sie ist in Duisburg geboren und hat ihr ganzes Berufsleben lang an einem Gymnasium in Bielefeld unterrichtet, Mathematik und Chemie waren ihre Fächer. Lehrerin war schon ihr Traumberuf gewesen, als sie noch ein Kind war, doch sie musste einen langen und anstrengenden Weg zurücklegen, um ihr Ziel zu erreichen.

Als Gerda sechs Jahre alt ist, sind die Schulen kaputt und die Lehrer an der Front. Ihre Einschulung verzögert sich, und so startet sie schon später als gewöhnlich. Nach den ersten Jahren wechselt sie zunächst auf eine Realschule, denn sie stammt aus einer armen und kinderreichen Familie, und zum nächstgelegenen Gymnasium führt wegen der schlechten Verkehrsverbindungen in den Nachkriegsjahren buchstäblich kein Weg. Als am Ende ihrer Schulzeit alle in ihrer Klasse gebeten werden, ihren Berufswunsch aufzuschreiben, gibt sie dennoch ›Lehrerin‹ an. Ihre Klassenlehrerin nimmt sie daraufhin zur Seite. So blöd sei sie doch nicht, wundert sie sich, Gerda müsse doch wissen, dass sie mit einem Realschulabschluss nicht Lehrerin werden kann. Gerda aber lässt sich nicht beirren. »Da steht Berufswunsch«, beharrt sie nachdrücklich, »da steht nicht, was ich hinterher machen will, da steht Wunsch, und mein Berufswunsch ist, Lehrerin zu sein.« Sie legt eine bedeutungsvolle Pause ein und grinst zufrieden, als ihre damaligen Worte im Raum nachklingen.

Die Klassenlehrerin hilft Gerda, ein Hauswirtschaftliches Gymnasium in der Nähe besuchen zu können. Ein Abschluss dort berechtigt sie zwar nicht zu einem Studium an der Universität, wohl aber ermöglicht er es ihr, Volksschullehrerin zu werden. Gerda bereitet sich auf das Abitur vor, und kurz vor den Prüfungen will sie sich an der Pädagogischen Hochschule in Dortmund einschreiben. Sie füllt die Anmeldeformulare aus, doch dann stellt ihr jemand die für sie lebensentscheidende Frage: »Ja, und welches Instrument spielen Sie?« – Gerda schüttelt nur den Kopf, denn sie spielt kein Instrument. – »Dann können Sie nicht Volksschullehrerin werden«, bekommt sie daraufhin zu hören. Sie kauft sich von dem Geld, das sie als Nachhilfelehrerin verdient, eine Gitarre und ein Buch zum Selbststudium. Gitarre spielen sei ganz einfach, hat man ihr gesagt, ein bisschen Klimpern, das sei leicht zu lernen. Sie hebt die Schultern zu einer entschuldigenden Geste. »Ja, und daran bin ich gescheitert.« Sie lacht amüsiert, und der Ton, in dem sie diese Offenbarung äußert, klingt eher triumphierend als bedauernd. Denn so entschließt sie sich stattdessen, nach dem Abschluss am Hauswirtschaftlichen Gymnasium mit Hilfe einer Extraprüfung das richtige Abitur, das zum Studium an der Universität berechtigt, nachzuholen. Dazu muss sie insbesondere eine Prüfung in Mathematik ablegen und eine weitere in Französisch, eine neue Hürde, denn sie hat erst am Hauswirtschaftlichen Gymnasium Französischunterricht erhalten und ist daher viel schlechter als alle anderen in ihrer Klasse. Um sich nun auf die Prüfung vorzubereiten, geht sie nach Genf, arbeitet dort in einem Haushalt und besucht gleichzeitig Kurse an der Universität, um ihr Französisch zu verbessern. Ich bewundere ihr Durchhaltevermögen, und sie bestätigt mir: Ja, sie sei ein freundlicher Mensch, habe ihre Mutter immer gesagt, aber wenn sie ihren Dickkopf aufsetze, dann könne niemand etwas dagegen tun.

Gerda weiß lange Zeit nicht, dass sie lesbisch ist. Wie viele Frauen ihrer Generation hat sie keine Ahnung, »dass es das gibt.« In dem Französisch-Kurs in Genf trifft sie mit Studierenden aus Afrika und Asien, aus den USA und vielen Ländern Europas zusammen. Ein weiterer Student aus Deutschland spricht sie eines Tages an und rät ihr, sie solle aufpassen, die Professorin, die sie unterrichtet, sei lesbisch. »Was ist die?« fragt Gerda erstaunt. Sie kennt das Wort überhaupt nicht, hat wohl schon einmal etwas vom § 175 gehört, »dem Homosexuellenparagraphen«, aber nun wundert sie sich doch: Was ist denn das nun wieder? Der Student erklärt es ihr: Lesbisch sei eine Frau, die Frauen liebt. Und die Professorin habe ein Auge auf Gerda geworfen. »Warum nicht?« entgegnet sie ihm. »So unhübsch bin ich ja auch nicht.« Sie lacht schelmisch und versichert mir: »Aber da war nichts.«

Gerda beginnt das Lehramtsstudium im Alter von 22 Jahren an der Universität in Göttingen. Sie bewohnt ein winziges Zimmer in einem Studentenheim – wenn sie links und rechts die Arme ausbreitet, stößt sie gegen die Wände, die Decke ist schräg, es ist das billigste. Sie studiert lange, hat noch immer Nachholbedarf und weiß am Anfang nicht, ob sie das Studium durchhalten wird. Besonders die Mathematik bereitet ihr Kopfzerbrechen.

Obwohl das Studium ihre ganze Konzentration erfordert, merkt Gerda schon, dass sie sich nicht in Männer verliebt. All ihre Kommilitoninnen haben einen Freund, und sie selbst geht auch tanzen und wird eingeladen, aber sie verliebt sich eben nicht. Das findet sie schade, aber sie denkt dennoch nicht, sie müsse auch einen Freund haben »und den streicheln und küssen und mit dem ins Bett gehen.« Das will sie nicht, und so brütet sie stattdessen über ihren Mathematikaufgaben und sucht nach Lösungen, holt ihren Lernrückstand auf, während die anderen Studentinnen spazieren gehen. Nach sechs Semestern, im Alter von 25 Jahren, macht sie die ersten Prüfungen. »Mit Eins in Mathematik«, sagt sie ganz leise, tatsächlich ist es eher ein Flüstern, das ich gerade noch verstehen kann.

Nach der mühseligen Paukerei beschließt Gerda, sich eine Auszeit zu gönnen. Sie will auch weg aus Göttingen, das ihr kulturell nicht viel zu bieten hat. Schon oft ist sie nach Berlin und Hamburg getrampt, um ins Theater zu gehen, und jetzt zieht es sie in die Großstadt, wo sie sich für das weitere Studium einschreiben, es aber zunächst langsam angehen lassen will. Ihre Wahl fällt auf Hamburg. »Wegen Gustav Gründgens«, erklärt sie mir. Sie habe ihn im Theater gesehen, und das sei entscheidend gewesen. In den Semesterferien des Jahres 1963 kommt sie in der Hansestadt an; kurz darauf erfährt sie, dass Gründgens sich das Leben genommen hat.

Gerda wohnt auch in Hamburg in einem Studentenheim, und hier verliebt sie sich – in Elke, eine Kommilitonin. Es ist ihre erste Liebe, aber Gerda Eschweiler spricht ganz sachlich darüber, fügt lediglich hinzu: »Das wurde dann bemerkt, und ich musste Hamburg verlassen.« Der Druck sei zu groß geworden, nicht offiziell von Seiten der Universität, aber es ging nicht mehr. Was genau nicht mehr ging, will ich wissen, und auch, wo denn der Druck herkam? Meine Fragen lassen sie innehalten. Dann erzählt sie mir die ganze Geschichte, nicht mehr sachlich und abstrakt, sondern leise und laut, aufgeregt und bedauernd.

Bevor Gerda nach Hamburg gegangen war, hatte sie sich mit einer Studienkollegin aus Göttingen für die Ferien zu einem gemeinsamen Urlaub verabredet. Als sie sich dann in Hamburg verliebt, fragt sie diese Frau, ob sie etwas dagegen habe, dass Elke mitfährt. Die Reisepartnerin ist einverstanden; zu dritt machen sie sich mit dem Auto auf den Weg nach Griechenland. Bald schon fällt der früheren Mitstudentin auf, dass zwischen Gerda und Elke mehr als Freundschaft ist, dass sie ein Liebesverhältnis haben. Ihnen gegenüber sagt sie aber den ganzen Urlaub lang nichts, im Gegenteil, nach der Rückkehr übernachten Gerda und Elke sogar noch bei ihr, bevor sie gemeinsam nach Hamburg zurückfahren. Doch kaum haben sie sich in Göttingen verabschiedet, erzählt die Studentin einer anderen von Gerdas Beziehung. Es spricht sich schnell herum, und alle sind entsetzt. Und so steigen Gerdas Göttinger Freundinnen in den nächsten Zug nach Hamburg. Sie klingeln bei Elke, stehen vor der Tür und wollen Gerda mitnehmen, die völlig übertölpelt ist. »Das waren mehr als aufgeschlossene Leute«, staunt sie selbst heute noch. Die wollten ihr etwas Gutes, betont sie, die wollten sie retten. Das sei eben die Zeit gewesen.

Das sei krankhaft, sagen ihr die Frauen. Sie gehen sogar zu einem Arzt, der sie beschwört, schnell zu reagieren. »Solche Beziehungen zwischen Frauen sind eigentlich sehr intensiv«, doziert er, »da kann man höchstens am Anfang noch was machen.« Wieder wundert sich Gerda und entrüstet sich auch: Selbst ein Arzt habe so etwas gesagt! Als sie nicht gleich mit den sie bedrängenden Freundinnen zurück nach Göttingen gehen will, benachrichtigen diese Elkes Mutter, die sie überhaupt nicht kennen. Die fällt aus allen Wolken, und für sie ist natürlich Gerda diejenige, die … Gerda lässt den Satz in der Luft hängen und seufzt.

Die Situation wird für Gerda unerträglich, und so erwägt sie, nachzugeben und mit ihren Freundinnen zurück nach Göttingen zu gehen, ist hin und her gerissen zwischen ›Expertenmeinungen‹ und ihrem Gefühl. Sie lässt sich an der Universität in Hamburg exmatrikulieren, dann denkt sie sich plötzlich: »So ein Quatsch« und geht wieder zurück, um sich erneut einzuschreiben, alles am selben Tag. »Und am nächsten Morgen haben die also wirklich so einen Aufstand gemacht! Und das waren Freunde! Freundinnen!« Fassungslos sieht sie mich an und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch.

Gerda geht nun doch nach Göttingen zurück. Ihre Beziehung in Hamburg ist damit zu Ende. Die Freundinnen nehmen ihr das Versprechen ab, Elke ein halbes Jahr lang nicht zu sehen. Gerda wird krank, mindestens ein halbes Jahr kann sie kaum etwas essen. Vorher hat sie oft mit ihren Freundinnen zusammen gekocht und gegessen, jetzt bringt sie nichts herunter. Elke probiert in diesem halben Jahr, ob es nicht vielleicht doch auch irgendwie mit Männern geht. Auch Gerda versucht diesen Weg, ist eine Zeit lang mit einem Mann zusammen, der noch keine Frauenbeziehung hatte und der »wirklich ein ganz Netter war, aber das war natürlich nichts.« Sie hält sich an das Versprechen, sieht Elke ein halbes Jahr lang nicht, schreibt ihr aber, wünscht sich einen Neuanfang nach der Zeit der erzwungenen Trennung, aber es ist wohl zuviel zerbrochen in den qualvollen sechs Monaten. Für Gerda und Elke gibt es keine zweite Chance. Gerda wird sehr leise, als sie darüber spricht. »Ich hatte ja keine andere Beziehung«, murmelt sie gedankenverloren. Sie bringt ihr Studium in Göttingen zu Ende. Vier Jahre nach der Trennung beginnt sie das Referendariat und ist zu diesem Zeitpunkt »noch immer ganz betrunken von Elke.«

Als Gerda Lehrerin wird, weiß niemand an der Schule, dass sie lesbisch ist. Sie will auf keinen Fall eine »militante Lesbierin« sein. Das Unterrichten macht ihr großen Spaß. Sie genießt die Achtung, die man ihr von allen Seiten entgegenbringt. Gleichzeitig hat sie Angst davor, an der Schule Schwierigkeiten zu bekommen in dem Fall, dass ihre Homosexualität bekannt wird. Sie erlebt, dass eine unverheiratete Kollegin gehen muss, als sie ein Kind erwartet. Ihre Schule ist in diesen Jahren noch ein reines Mädchengymnasium. Auch von ihren Schülerinnen, die keinen Zugang zur Pille haben, wird immer einmal wieder eine schwanger und fällt bei der Lehrerkonferenz in Ungnade. Nur eine einzige darf trotz bevorstehender lediger Mutterschaft bis zum Abitur bleiben, ausnahmsweise, weil sie so außergewöhnlich begabt ist. Alle anderen müssen gehen, stehen fortan im Ruf, ein ›Flittchen‹ zu sein und somit untragbar für das ehrwürdige Haus.

Der Schule verwiesen zu werden ist auch Gerdas Befürchtung, gar nicht so sehr in Bezug auf den Direktor, von dem sie sich vorstellen kann, dass er sagt: »Ja, mein Gott, ich weiß schon, dass es das gibt.« Aber sie will eine tadellose Lehrerin sein. Für sie gehört dazu auch ein gutes Einvernehmen mit den Eltern, und nach den Erfahrungen an der Universität erwartet sie von dieser Seite keine Akzeptanz. Wenn schon Leute, die studiert haben, die nicht dumm sind, ihre Liebe nicht verstehen können, überlegt sie sich, dann gibt es vielleicht unter den Eltern welche, die das noch viel schrecklicher und für ihre Kinder unannehmbar finden. Natürlich könnte sie in eine andere Stadt gehen, wenn bekannt würde, dass sie lesbisch ist, versichert sie sich selbst. Sie könnte immer noch Lehrerin sein. Aber sie fühlt sich wohl an der Schule, an der sie unterrichtet, will dort bleiben. So achtet sie darauf, dass ›das‹ nicht Thema wird. »Ich bin nie händchenhaltend durch Bielefeld gelaufen.«

Zu ihren Schülerinnen und später auch zu den Schülern – das Gymnasium öffnete sich Mitte der 1970er Jahre auch für Jungen – hat Gerda ein vertrauensvolles Verhältnis. Sie kommen oft nach der Schule zu ihr, bringen ihre Freundinnen und Freunde mit, und manches Mal feiern alle in Gerdas Wohnung bis spät in die Nacht hinein, so lange, bis die Nachbarn von unten sich über den Lärm beschweren, der wieder einmal durch das ganze Haus dröhnt. »Kommt doch hoch und feiert mit«, entgegnet Gerda ihnen dann lachend, ihre Augen blitzen vergnügt, als sie sich daran erinnert.

Aber die jungen Leute kommen nicht nur zu Partys. Sie teilen Gerda auch ihre Gedanken und Geheimnisse mit, wissen, dass sie eine ist, mit der man reden kann. Manchmal kommen auch Schülerinnen zu ihr, die spüren, dass sie lesbisch sind und in ihr eine vertrauenswürdige Gesprächspartnerin suchen, vielleicht auch, weil sie ahnen, dass Gerda selbst Frauen liebt. Einmal hat sie zwei Mädchen in einer Oberstufenklasse, die sehr gut miteinander befreundet sind – Kerstin und Manuela. Beide erzählen Gerda, dass sie lesbisch sind, aber gegenseitig erzählen sie es sich nicht. Sie bitten Gerda sogar inständig, der jeweils anderen nichts davon zu sagen. »Das war durchaus eine verkorkste Situation«, sagt sie. Ob die beiden Mädchen denn später einmal davon erfahren haben, frage ich nach, und als Gerda zunächst nur knapp mit »ja« antwortet und ich es genauer wissen will, lädt sie mich ein zu einer wilden Fahrt in einem rasanten Karussell auf einem sehr engen Festplatz der 1970er Jahre:

Kerstin und Manuela machen das Abitur. Beide Frauen studieren, und nach dem Studium hat Gerda mit beiden nacheinander eine Beziehung. Auch eine vierte Frau springt noch mit auf, bevor die Gondeln sich zu drehen beginnen.

Mit Kerstin ist es nur »ein Aufflammen«. Gerda verkehrt über lange Zeit hinweg in ihrem Elternhaus. Kerstins Vater sagt, er wünsche sich ja, dass seine Tochter auch einmal eine sexuelle Beziehung hätte, und wenn Gerda ein Mann wäre, hätte er es am liebsten, wenn Kerstin mit ihr bzw. ihm zusammen wäre. Gerda weiß nicht, ob er das nur so dahinsagt oder ob er etwas herauskitzeln will. Sie ist kein Mann, aber sie tut ihm den Gefallen auch so, als Kerstin das Studium beendet. Das »Aufflammen« dauert immerhin vier Jahre, und Kerstin bittet Gerda: »Sag Manuela nichts davon.«

Gerda sagt Manuela nichts, doch als Kerstin sie wegen Nadine verlässt, einer Französin aus Paris, bleiben beide befreundet, und Gerda wendet sich Manuela zu. Mir wird ein bisschen schwindelig, aber die Fahrt ist noch lange nicht zu Ende, denn Manuela und Gerda beschließen, Kerstin und Nadine in Paris zu besuchen, doch Manuela bittet Gerda zuvor: »Sag Kerstin nichts von uns.« Und Kerstin sagt ihr: »Bitte erzähle Manuela nicht, welcher Art meine Beziehung mit Nadine ist.« So sitzen in Paris zwei lesbische Paare zusammen und spielen gute Freundinnen, obwohl sie im Grunde alle genau wissen, dass sie einander irgendwie lieben. Und als ich nun denke, das Karussell kommt zum Stehen, gibt es noch eine Zugabe, denn Gerda verlässt Manuela – wegen Nadine.

Es war das erste und einzige Mal, dass sie eine Frau verlassen habe, beteuert Gerda, sonst sei sie es immer gewesen, die verlassen wurde. Sie habe das auch immer eingesehen – was solle man auch machen, wenn eine neu entflammt? Ungefähr vier Jahre dauerten ihre Beziehungen in der Regel, und sie findet es sehr schön, dass sie heute mit allen Frauen befreundet ist, mit denen sie früher zusammen war. Sie schmunzelt, dann spricht sie von ihrer Zeit mit Nadine.

Als Gerda sich in die Französin verliebt, will sie auch bei ihr leben, wenigstens für ein Jahr. Sie will sich beurlauben lassen, aber ihr Antrag wird abgelehnt. Gerda insistiert, verweist auf das Beamtengesetz, das diese Möglichkeit einräumt. Man hält ihr entgegen, für Beurlaubungen gäbe es nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen; diese seien für Mütter gedacht. Wenn sie nun sage, sie sei schwanger, ja, dann könne sie sich beurlauben lassen, aber sonst ginge das nicht. Die einzige andere Möglichkeit wäre, dass Gerda irgendeine internationale Behörde anführen könne, die ihr bescheinigt, dass sie im Ausland für ein Jahr gebraucht wird. Aber das ist nicht der Fall; nicht Frankreich braucht Gerda, sondern Gerda braucht Frankreich. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu kündigen, um nach Paris zu gehen. Ein Jahr lang kann sie sich diese Auszeit ohne Gehalt leisten, knabbert dafür ihre Ersparnisse der vorangegangenen zehn Berufsjahre an, die eigentlich für ihren Ruhestand vorgesehen waren. Ihre Wohnung in Bielefeld gibt sie nicht auf, sondern findet einen Untermieter; an der Schule verkündet sie, dass sie in zwölf Monaten wiederkommen und sich wieder melden wird. Es ist die Zeit, in der Lehrerarbeitslosigkeit allmählich ein Thema wird. Gerda aber hat keinen Zweifel, dass man sie wieder einstellen wird. Sie war schließlich eine gute Lehrerin, versichert sie mir, wie sie es damals wohl sich selbst immer wieder versichert haben muss. Lange führt sie aus, wie renommiert sie war und dass man ihr daher wohl keine andere vorziehen konnte, die gerade erst von der Universität kam, selbst wenn es eine mit sehr guten Zeugnissen gewesen wäre. Sie sei schließlich eine von allen Seiten gerühmte Lehrerin gewesen, man konnte nicht umhin, sie wieder zu nehmen, wenn eine Stelle frei war. Ein Rest Unsicherheit schimmert durch ihre Beteuerungen hindurch.

Glücklicherweise geht alles gut. Gerda wird während ihrer Zeit in Paris sogar eine Studiendirektorenstelle an einer anderen Schule in Deutschland angeboten, und Bielefeld zieht mit gleicher Offerte nach. Das aber will sie gar nicht. Mit dem Geld, das sie als Lehrerin verdient, kommt sie aus, und so möchte sie lieber in der Klasse stehen und unterrichten, möchte lieber für die Schülerinnen und Schüler da sein, als in der Verwaltung zu sitzen. Ihre männlichen Kollegen verstehen nicht, wie sie ein solches Angebot ausschlagen kann, aber es wird eben auch eine Stelle als Lehrerin frei, und so geht Gerda wieder an ihre alte Schule zurück. Ihre Freundin Nadine, selbst Lehrerin, lebt dann drei Jahre in Bielefeld. Sie kann sich in Paris beurlauben lassen und unterrichtet Französisch als Wahlfach an verschiedenen Schulen in der Region. Was danach kam, erzählt Gerda nicht, aber ein Jahr in Frankreich und drei in Bielefeld sind vier, und so kann ich es mir denken.

Rückblickend sagt Gerda, sie habe vor allem am Beginn ihres Berufslebens Angst gehabt, dass sie wegen ihres Lesbischseins Schwierigkeiten bekommen könnte. Im Grunde sei das dann aber nie so gewesen. Später wollte man sogar, dass sie Schulleiterin wird, aber sie wollte ja schon nicht Studiendirektorin werden. Sie findet es auch im Nachhinein betrachtet richtig, dass sie Lehrerin geblieben ist, denn ihre Schülerinnen und Schüler konnten bei ihr gut lernen, gerade im Fach Mathematik, mit dem so viele Probleme haben. Wenn sie da einen Leistungskurs anbot, dann waren darin zu zwei Drittel Mädchen, das haben die anderen Lehrerinnen und Lehrer nie gehabt. Und nur weil sie Lehrerin geblieben ist, fand sie auch Zeit für die Kommunalpolitik, in der sie sich über viele Jahre hinweg engagiert hat. Sie stellte einen wichtigen Aspekt ihres Lebens dar, den sie auf keinen Fall hätte missen wollen.

Als die Grünen gegründet werden, ist Gerda von Anfang an dabei. Sie setzt sich für die Benachteiligten und Ausgegrenzten ein; auch für Frauen, denn »benachteiligt sind die ja schon gewesen.« Gemeinsam mit anderen gründet sie einen Ausschuss, in dem alle Beschlüsse der Kommunalverwaltung daraufhin abgeklopft werden, ob sie frauenfeindlich sind. Im Rahmen ihrer Parteiarbeit und auch zusammen mit Bürgerinitiativen ist sie im kulturellen Bereich aktiv, engagiert sich baupolitisch ebenso wie für Migrantinnen und Migranten. Sie wird in den Rat der Stadt gewählt und bekommt als Lehrerin Probleme, weil »so ein blöder Kollege von der FDP« verbreitet, sie sei eine Kommunistin. Gerda lacht und schüttelt den Kopf. »Die konnten ja damals mit den Grünen gar nichts anfangen an der Schule – die haben geglaubt, dass wir von der DDR bezahlt werden.«

»So was Verrücktes«, sagt sie ihren Kritikern, »ich glaub, ihr verwechselt das mit der DKP.« Dennoch setzt sich der Elternrat zusammen und überlegt, ob Gerda denn für die Schule noch tragbar ist, wenn sie bei den Grünen mitarbeitet. Eher als die Tatsache, dass sie lesbisch ist, habe ihre politische Arbeit ihr das Leben an der Schule schwergemacht, sagt sie und geht darüber hinweg, dass ihr Engagement in diesem Bereich im Gegensatz zu ihrer Homosexualität sichtbar war. Als sie mit einer Bielefelder Umweltgruppe ins Wendland fährt, um verbotenerweise gegen Atomkraft zu demonstrieren, wird ihr gesagt, sie stehe nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Es wird sogar ein Disziplinarverfahren gegen sie in die Wege geleitet, denn nach der Demonstration wird sie von einem Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt, was diese Maßnahme nach sich zieht. Gerda wirkt weder verärgert noch bestürzt, als sie mir davon erzählt. Sie sagt sogar, es habe ihr gutgetan, wie das gelaufen ist; es sei eher eine augenzwinkernd durchgeführte Förmlichkeit gewesen. So hatte Gerda mit ihrem politischen Engagement in der jungen und von vielen Seiten misstrauisch beäugten Partei noch einen anderen Bereich, der damals geeignet gewesen wäre, um sich in der Öffentlichkeit unbeliebt zu machen. Gerda aber war nicht unbeliebt, fand nach einer gewissen Zeit auch im Rat der Stadt Anerkennung. Als sie nach vielen Jahren politischer Arbeit das Bundesverdienstkreuz bekommt, fällt das in die Zeit, in der sie auch pensioniert wird. Alle Bekannten, Weggefährten, Freundinnen und Freunde sind da, um ihr zu gratulieren, und so glaubt sie, das sei dann auch gleichzeitig ihre Verabschiedung aus Bielefeld. Doch als sie dann tatsächlich weggeht, organisieren die Bielefelder Grünen für sie ein Fest, und der Redakteur der Lokalzeitung, ein ehemaliger Schüler, sagt: »Ja, Frau Eschweiler, das würde ich nicht mit allen Lehrern machen, aber Sie müssen ein großes Blatt kriegen.« Wieder verrät die Begeisterung, mit der Gerda davon spricht, wie wichtig ihr diese Bestätigung ist. Sie hat ihren Traumberuf gewollt und hart dafür gearbeitet, sie hat ihn ausgeübt und es gut gemacht. Ehemalige und Eltern haben ihr das wieder und wieder versichert und es sehr bedauert, als sie ging. »Ich wollte mir das, vor allen Dingen in den ersten Jahren, nicht durch meine Lebensweise kaputtmachen lassen.«

In ihren Unterrichtsfächern Mathematik und Chemie stellt sich die Frage, ob und wie Homosexualität als Thema in irgendeiner Form im Unterricht einzubringen sein könnte, nicht. Aber als Ende der 1980er Jahre für Schülerinnen und Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, Werte und Normen als Fach eingeführt werden soll und es für den Unterricht an ihrer Schule keine ausgebildeten Kräfte gibt, bietet Gerda an, das zu übernehmen. Sie hat damit letztlich mehr Arbeit als mit ihren Kernfächern, denn es gibt keine Richtlinien und keine Bücher. Doch für sie liegt darin gerade auch der Reiz, denn die fehlenden Vorgaben lassen ihr viel Gestaltungsspielraum. Sie redet zunächst über das Thema Verantwortung, die sie auch als gesellschaftliche Verantwortung begreift, und lässt im Unterricht die Bundestagsrede eines Politikers analysieren. Das funktioniert ganz gut, und im Zusammenhang mit Liebe und Sexualität betont sie die Verantwortung dem eigenen Körper gegenüber. Sie erarbeitet mit einer achten Klasse, dass in sexuellen Beziehungen alles erlaubt ist, was dem Partner oder der Partnerin gefällt. Um Homosexualität geht es nicht, das schwingt nur versteckt mit. Sie schneidet ein modernes Liebesgedicht auseinander und bittet ihre Schützlinge, es neu zusammenzusetzen. Für sie steht schon der Gedanke dahinter, ihnen zu vermitteln, dass eine Frau auch eine Frau lieben kann und ein Mann einen Mann, aber direkt kommt das nicht zur Sprache. Sie redet mit den Jugendlichen über Gewalt in sexuellen Beziehungen, grenzt sie ab gegen sexuelle Praktiken, »die auch mal weh tun«, denn: »Das will man ja auch nicht, dass da andere gleich wieder sagen, das ist pervers.«

Lesben und Schwule werden kein Thema. Wenn die Schülerinnen und Schüler darauf zu sprechen gekommen wären, dann wäre sie auch darauf eingegangen, da war sie ja ganz frei, versichert sie mir und fügt hinzu, dass sie es schon in Ordnung findet, wenn heute Projekte in Schulklassen zum Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen arbeiten – wenn ein Bedarf da ist, wenn Homosexuelle benachteiligt werden. Das sieht sie aber heute nicht mehr so. Natürlich hat sie manchmal mitbekommen, dass Schüler andere als »Schwuler« oder »Lesbe« beschimpfen. Es sind die Jungen gewesen, sagt sie, die Mädchen haben sich nie als Lesben beschimpft, sie haben auch die Jungen nicht als schwul beschimpft, nur die Jungen haben schon mal »Schwuli« gerufen oder »Homo« oder zu einem Mädchen gesagt, »du bist ’ne Lesbe«, wenn sie mit ihren Freundinnen zusammenhockte. Das hat Gerda nicht besonders beachtet, manchmal hat sie allerdings gesagt: »Na und? Hast du was dagegen? Weil du nicht genommen wirst, oder was?«

Gerda meint, die Jugendlichen ärgerten sich in der Pubertät mit so vielem herum, müssten sich selbst ausprobieren und ihre Wirkung. Dann riefen sie manchmal einfach nur »iiieh«, obwohl sie selbst noch gar nicht wüssten, wie sie sind. Sie betont, sie würde nie ohne einen konkreten Anlass in eine Klasse gehen und sagen: »Heute sprechen wir mal über Homosexualität.« Sie hat ja bei ihren eigenen lesbischen Schülerinnen gesehen, dass sie zu ihr gekommen sind, sie würden sich dann schon diejenigen suchen, mit denen sie reden können. »Aber nicht in dem Kreis«, sagt Gerda und meint den Unterrichtsraum. Dann entsinnt sie sich einer ehemaligen Schülerin, die sie nach vielen Jahren bei einem Klassentreffen wiedersah. Alle erzählten bei dieser Gelegenheit, wie sie leben; ob sie verheiratet sind, ob sie Kinder haben. Und diese Frau sagte dann, dass sie lesbisch ist und dass sie das auch schon als Schülerin wusste. Sie erzählte weiter, wie ausgegrenzt sie sich damals gefühlt hatte, dass sie auch nicht mit ihren Freundinnen darüber reden konnte und dass Schule für sie schon deshalb immer etwas Schreckliches war. Gerda fällt ein, dass gerade diese Frau, dieses Mädchen damals ihre erste Nachhilfeschülerin war. Nicht immer also sind die Schülerinnen zu ihr gekommen, räumt sie nun ein. Doch sie ist überzeugt, dass die jungen Frauen heute schon ihren Weg finden, gerade die Schülerinnen am Gymnasium. Und an den Universitäten gibt es ja heute auch Lesbengruppen, das sieht sie in Bielefeld, und da gehen die jungen Frauen dann auch hin.

Als Gerda sich zu Beginn des neuen Jahrtausends noch einmal verliebt – sie hat ja nicht mehr damit gerechnet, sie war ja schon über 60 –, erzählt sie ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen von ihrem Vorhaben, nach Freiburg zu gehen. Allgemeine Verwunderung schlägt ihr entgegen, denn schließlich ist bekannt, wie verwurzelt sie in Bielefeld ist.