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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Ahima Beerlage

Sterne im Bauch

 

 

 

 

K+S digital

 

 

 

 

 

Für ihre Zuneigung, Kritik und Unterstützung danke ich Birgit S., Ira, Gabi, Birgit P., Andrea, Dagmar, Petra, Ulrika, Ani, Astrid, Mechthild, Maria K., Richard und Hans. Mein ganz besonderer Dank gilt Tina und Babse, ohne die ich die Welt nicht mehr aus der Sicht einer Siebzehnjährigen hätte sehen können.

Für Rafaela

48 crash

»Hände auffe Bettdecke, abba flott! Wat machse eigentlich am hellichten Tach im Bett?« Sie schlug die Decke zurück und schrie auf. »Du hast ja nich ma ’n Schlüpfer an! Weisse eigentlich, dasse von dem, wasse da tus, ’n krummen Rücken kriss?«

Meine Mutter war auf Hundertachtzig. Dabei tat es doch so gut, das da unter der Bettdecke, dieses Schwitzen. Ich hatte es einfach »schwitzen« genannt, wenn meine Hände unter die Bettdecke glitten und ich mir vorstellte, wie ich ohne Hemd und Höschen durch eine Menschenmenge laufen mußte, und dabei rieb ich mich, bis mir der Schweiß vom Bauch lief, das Blut in den Ohren rauschte, mir schwarz vor Augen wurde und ein lauter Piepton in meinen Ohren schrillte.

Aber es endete jäh, als meine Mutter mich erwischte.

»Und außerdem hat der Doktor gesacht, dasse mit deinen zehn Jahren frühreif bist und noch ein Unglück geschieht, wenne nich die Finger von solche Fissematenten läßt. Wer einmal Blut geleckt hat, kann nich mehr damit aufhören, und wenn dann noch ’n Kerl dazukommt, hasse bald ’n Kind. Dat is Sünde. Dat musse beichten. Und jetzt raus da, Frolleinchen, abba flott.«

Sie war völlig außer sich. Wochenlang konnte ich nicht mehr »schwitzen«. Ich hatte höllische Angst, von meiner Mutter erwischt zu werden. Damals fing ich an zu träumen. Schon seit der Zeit, als ich allein in der Kinderklinik lag, weil ich es »auffe Lunge« hatte, und merkte, wie aufregend es war, im Bett mit dem Kopf hin- und herzuschlagen, bis mir schummerig wurde, liebte ich diese Benommenheit, die mir Platz zum Träumen gab. Das Kribbeln im Bauch, das Rauschen in den Ohren waren wie eine Reise. Und ich reiste gern.

Ich fuhr mit meiner Klasse und meiner Lieblingslehrerin irgendwohin. Es geschah stets auf einer schmalen Straße, an einem steilen Abhang. Der Bus kam ins Schleudern, überschlug sich und rutschte halb über den Abgrund. Alle schrien – außer mir natürlich. Die anderen Mädchen flohen heulend durch den hinteren Ausstieg ins Freie. Der Bus schwankte gefährlich. Der Fahrer war bewußtlos. Benzin lief aus. Ich konnte es riechen. Meine Lehrerin hing hilflos auf ihrem Sitz. Sie weinte, aber leise und nicht so hysterisch wie die Mädchen. Ich war verletzt und kroch mit letzter Kraft nach vorn, um meine Lehrerin zu retten, die sich dankbar lächelnd an meinen Hals klammerte. Ich blutete stark, rettete aber noch den eingeklemmten Fahrer aus dem Wrack, bevor der Bus explodierte und den Abhang hinunterstürzte. Schnitt.

In der Notaufnahme des Krankenhauses standen die Tragen, auf denen man uns hereingeschoben hatte, zusammen, die von meiner Lehrerin und mir. Sie reichte mir matt die Hand, lächelte mich an und hauchte: »Danke.«

Ich »schwitzte«, schlug mit dem Kopf hin und her und atmete langsam die kribbelnde Masse aus meinem Bauch heraus. Doch es ging nicht immer so glatt. Oft machte ich einen Fehler in der Geschichte und mußte ganz von vorn anfangen. Denn wenn irgend etwas nicht stimmte, mußte ich neu beginnen, weil es sonst nicht klappte. Manchmal hörte meine Mutter auch das rhythmische Gequietsche meines Bettgestells und kam herein, stumm, vorwurfsvoll. Dann war Schluß für diesen Tag.

Meine Lehrerin mußte der letzte Gedanke sein, bevor ich einschlief. Und ihr Fahrrad mußte es sein, das ich an der Sporthalle lehnen sah, um einen guten Morgen zu haben. Ich wollte sie anfassen. Doch ich wußte, daß es verboten war, und zwar ohne daß jemand ein Wort darüber verloren hätte.

Es fiel unter die unerklärlichen Geheimnisse, die sich mit den Jahren ansammelten. Als ich klein war, bekam ich auf fast jede Frage eine Antwort. Doch dann tauchte sie auf, diese Mauer. »Warum hat der Mann nur ein Bein?« Meine Mutter verschloß die Miene und zischte: »So wat fracht man nich.« Obwohl ich es nicht verstand, waren mir ihr Gesicht, ihr Ton unangenehm. Ich spürte, daß ich etwas Falsches gefragt hatte. Das peinliche Gefühl brannte im Magen und trieb mir die Röte ins Gesicht. Die unerklärlichen Lücken wurden immer größer, und ich fühlte mich ratlos und allein. Um diese Situationen zu vermeiden, stellte ich immer weniger Fragen. Doch bald schon wußte ich, wann ich es mal wieder mit einem Geheimnis zu tun haben könnte, und eine Sehnsucht, doch herauszufinden, was dahintersteckte, brannte in mir. Die meisten Geheimnisse hingen mit der nackten Frau und dem nackten Mann im Gesundheitsbuch zusammen. Es war mir strengstens verboten, sie mir anzusehen. Gerade das machte sie natürlich höchstinteressant. Ich schlich also oft, wenn ich allein war, ins Schlafzimmer meiner Eltern, zog mit wild klopfendem Herzen das dicke Buch aus dem Regal, schlug die ausklappbaren Seiten mit der Frau und dem Mann auf und sah mir ihre nackten Körper an.

Das Kribbeln im Bauch, wenn ich an meine Sportlehrerin dachte, war auch so ein unerklärliches Geheimnis. Das machte es besonders toll, wenn ich es schaffte, im Sportunterricht gegen sie zu fallen, um mich von ihr auffangen zu lassen. Sie roch nach Talkum, Schweiß und Algemarin.

Irgendwann wurde das Schweigen gebrochen. Wir standen zusammen in der Raucherecke. Wir – das waren meine Freundinnen Meral und Veronika und ich sowie einige andere Mädchen aus der frischgebackenen Oberstufe. Die Raucherecke im Innenhof unseres Mädchengymnasiums war die einzige geduldete Anarchie in dem alten Bildungsinstitut. Längst war das alte Mädchenlyzeum aus dem Klinkerbau der Gründerzeit in ein modernes kastenförmiges Gebäude umgezogen, dessen Architekten Gelsenkirchen-Buer die neue Sachlichkeit nahebringen wollten. Die weißgekachelte Fassade entbehrte in unseren Augen nicht einer unfreiwilligen Komik, sah sie doch aus wie die Außenmauer eines Schlachthofes. Während der äußere Pausenhof schmucklos asphaltiert und dem Fußvolk der Sextanerinnen bis Untersekundanerinnen vorbehalten war, trafen sich die Damen der Oberstufe auf dem begrünten Innenhof, in dessen Mitte ein monströser Brunnen aus Metallplatten prangte. Hier hatten wir unsere Raucherecke, die dem konservativen Lehrkörper verhaßt war. Trotz aller äußerlichen Modernität herrschte im Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium noch der alte Geist deutsche Mädchenerziehung. Die Lehrerinnen waren zumeist alt und lieblich, die Lehrer oft noch älter und aus dem Jungengymnasium, das nur durch einen hohen Zaun von unserer Schule getrennt war, ausrangiert und nur noch für Mädchen zu gebrauchen, meinte das Kultusministerium. Dank der Lehrerschwemme, die durch den Entschluß der Alt-Achtundsechziger entstand, den Weg durch die Institutionen, sprich Schulen, zu gehen, stieg die Zahl der männlichen Referendare, und die wurden umschwärmt wie Pierre Brice. Junge Lehrerinnen gab es fast nur im Sportbereich. Sie wurden ebenfalls angeschwärmt – aber mit einem kleinen Unterschied: Schwärmtest du für eine Lehrerin, behieltest du das besser für dich.

Wir standen also qualmend in der Raucherecke und quatschten über Slade oder Sweet oder Mathe. Nie behielt ich diese Gespräche länger als eine Pause in Erinnerung. Denn es ging im Grunde ja auch gar nicht um das, was wir redeten, es ging darum, gesehen zu werden. Die Mitgliedschaft in der Raucherecke war der Aufstieg an sich und bildete das Ende von Belästigungen durch milchschlürfende Sextanerinnen. Doch an diesem Tag wurde es interessant. Irgendeine fing an zu erzählen, wie die Soundso der Soundso auf der letzten Pyjamaparty im »total besoffenen Kopp« an die Wäsche gegangen sei. Wieder dieses bedeutungsvolle »Ihr wißt schon …«.

Zur Hölle! Ich wußte nicht. Also fragte ich. Ich konnte mir das leisten. Meistens erntete ich auf meine gnadenlos naiven Fragen bloß ein: »Ulli, wie kannsse nur!« von meinen erfahrenen Freundinnen. Und so fragte ich auch diesmal. »Wat ham die denn gemacht?« Alle lachten spitz und stießen sich mit den Ellenbogen in die Seiten. Meral und Veronika hakten sich ein und kreischten unisono: »Ulli, wie kannsse nur!« Ich zuckte trotzig die Achseln.

Da trat Regina entschlossen ihre Kippe aus, sah mich an und sagte mit tiefer Stimme. »Mann, ey, du Döskopp, die ham sich an ihre Teilchen rumgeschubbert, die ham’s sich gemacht. Lesbisch, vastehsse?«

Das Gelächter schwoll an, bis der häßliche Metallbrunnen in der Mitte des Innenhofs zu vibrieren schien.

Ich spürte, daß jetzt nichts mehr rauszureißen war, und murmelte bloß gedehnt: »Ach so, dat meinsse.« Die Pause war dann glücklicherweise zu Ende, und die anderen gingen hinein, doch nicht ohne einen letzten belustigten Blick auf mich zu werfen.

Ich schwitzte – aber jetzt aus Angst. Irgendwas war verkehrt. Ich hatte keine Ahnung, was. An diesem Abend gelang es mir nicht, mir meine Geschichte mit dem Bus auszumalen. Vom Kopfschlagen wurde mir schlecht. Ich stand wieder auf und schlich mich im Dunkeln zu meinem Cassettenrecorder. Meine Schwester Anna, die zwei Jahre älter ist als ich, saß noch mit unseren Eltern vor der Glotze. Es war gut, daß sie nicht da war. Wir waren gerade wie Hund und Katze miteinander.

Anna hatte es nämlich satt, sich das winzige Zimmer mit ihrer lästigen kleinen Schwester teilen zu müssen. Sie haßte mich regelrecht, weil sie lieber ein Zimmer für sich allein gehabt hätte wie die meisten ihrer Klassenkameradinnen. Ich war schlampig, sie war ordentlich. Sie wollte Creedence Clearwater Revival auf ihrer neuen Anlage hören, ich drehte mein Cassettenradio bei »Ballroom Blitz« von Sweet bis zum Anschlag auf und brüllte mit. Ich wühlte in ihren Klamotten herum, und sie sollte immer »vernünftig« sein und nachgeben, weil ich doch »die Kleine« war. Sie war jetzt ein Hippie und trug eine runde Nickelbrille und einen Schlapphut mit einem neonbunten Schmetterling darauf. Für ihren Midimantel hat sie bei meinen Eltern verbissen gekämpft. Minirock und Midimantel und dazu Plateaustiefel waren in ihrer Clique in. Anna war ständig auf Diät, weil die Miniröcke sonst nicht so gut gekommen wären. Mich pflaumte sie meistens an: »Kröte, du wirst immer fetter«, und dann stellte sie mir stumm Clearasil gegen meine Pickel auf den Nachttisch. Manchmal wurde sie von einem Bärtigen mit einer Ente abgeholt. Als ich auf »ihrem« Gymnasium eingeschult wurde, schärfte sie mir ein, sie bloß nicht auf dem Pausenhof anzusprechen. »Ich bin sonst bis auffe Knochen blamiert«, zischte sie, »wenn meine Freundinnen mitkriegen, dat meine kleine Schwester an meinem Rockzipfel hängt.« Am liebsten hätte sie mich in einen Schacht geschmissen und den Deckel zubetoniert.

Katharina, meine zweite Schwester, die, als wir zusammen mit unserem Opa in die neue Wohnung in Buer gezogen waren, noch mit uns auf einem Zimmer hauste, hatte nach dessen Tod sein Zimmer bekommen. Katharina war mit ihren einundzwanzig Jahren eigentlich schon erwachsen. Sie fuhr einen eigenen Wagen, ging in die Lehre und hatte die Tanzschule hinter sich. Für sie waren wir beiden aus dem »Kinderzimmer« bloß kleine Schulmädchen, die vom Leben keine Ahnung hatten. Ihre Freundinnen und Freunde waren meistens schon berufstätig. Sie als Älteste war ständig sauer auf uns, weil sie fand, daß ihr viel mehr verboten worden war, als sie so alt gewesen war wie wir. Wir würden verwöhnt, meinte sie. Außerdem würden wir auf sie herabgucken, weil sie nicht aufs Gymnasium gegangen wäre. Das warf sie manchmal auch unseren Eltern vor: »Ihr habt mich ja nicht gelassen!« Meine Eltern ließ das kalt. Sie hatten immer nur gewollt, daß wir einen Schulabschluß machen. Das mit dem Gymnasium war jeder freigestellt. »Wenn ihr schicke Sachen und Geld inne Tasche haben wollt, müßter inne Lehre gehen. Wollt ihr wat lernen, dann müßter mit weniger auskommen. Wir können euch nix geben.«

Für Katharinas Jahrgang war es noch nicht üblich gewesen, das Gymnasium zu besuchen – daß jeder Mensch Abitur braucht, das kam erst auf, als Anna und ich in dem Alter waren. Ich bewunderte Katharina, weil sie so viel reparieren konnte, und ich verstand nie, warum sie so eifersüchtig war. Manchmal beneidete ich sie, weil mein Vater lieber mit ihr redete als mit Anna und mir und ihr mehr zutraute. Er erklärte ihr, wie man Autos repariert, und lobte sie ständig, weil sie so praktisch war. Anna und mich hielt er, glaube ich, manchmal für ziemlich unpraktisch. Außerdem war Katharina so schön wie Marianne Rosenberg. Sie war nicht nur hübsch, sondern kaufte sich von ihrem Lehrlingslohn auch modische Röcke und bunte Blusen und ließ sich eine Dauerwelle in ihre langen dunklen Haare machen.

Froh, in unserer kleinen Bude mal einen Moment allein zu sein, setzte mich auf den Boden, stülpte mir den Kopfhörer über die Ohren, drehte den Lautstärkeregler auf Maximum und drückte den Startknopf. »48 crash, 48 crash …« Suzie Quatro kreischte meinen Kopf leer.

Dann schlich ich zurück ins Bett und schlief.

Die anderen Mädchen wurden von Jungs mit Mokicks abgeholt. Alle – außer Meral. Ihre Eltern waren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Der Vater war ein hohes Tier bei der Botschaft seines Landes. Die Mutter arbeitete als Kinderärztin. Deshalb hatten sie viel Geld. »Nationalität Kohle« hatte Regina, die aus einem Vorort von Buer kam und deren Vater noch als Bergmann einfuhr, mal verächtlich gesagt, als Meral erzählte, daß sie in die Karibik flögen, um dem deutschen Weihnachtsrummel zu entkommen. Wenn es jedoch um die »Ehre« ihrer beiden Töchter Meral und Yildiz ging, kannten ihre Eltern keine westliche Toleranz. Merals Vater fuhr sie oft persönlich in seinem dicken Schlitten zur Schule und holte sie auch meistens wieder ab. Manchmal fuhr auch ein Wagen von der Botschaft vor, und ein Chauffeur hielt Meral die Tür auf. Meral war das peinlich, und die Mädchen, die zusahen, waren entweder neidisch oder fanden das doof. Merals T-Shirts durften nicht zu eng sein, und Miniröcke kamen überhaupt nicht in Frage. Also versteckte sie diese Sachen bei mir oder Veronika, um sie heimlich zu tragen. Wenn ihr Vater sie jemals in diesen Klamotten gesehen oder bei einem Flirt mit einem der Mokick-Jungs erwischt hätte, wäre ihr Stubenarrest bis zum Sankt Nimmerleinstag sicher gewesen.

Ab der achten Klasse war es für die meisten Mädchen wichtig, daß die Jungen vor dem Schultor standen. Sie baggerten einen von ihnen an und schlenderten lässig mit ihm über den Asphaltweg zwischen unserer Schule und dem Max-Planck-Gymnasium für Jungen. Dieser kleine Pfad war sozusagen die neutrale Zone, weil er zum gemeinsamen Fahrradständerplatz führte. Es war der einzige Ort, an dem sich die Mädchen aus dem »Schneewittchensarg«, wie unser Gymnasium in Buer genannt wurde, mit den Jungen treffen durften. Es war wichtig, von möglichst vielen Klassenkameradinnen gesehen zu werden, sonst hatte es ja keinen Wert gehabt, mit einem pickeligen Jungen da langzugehen.

Ich war verwirrt. Mädchen, die ich als durchaus intelligent und wortgewandt kannte, wurden in Anwesenheit dieser Trampel mit den großen Händen und Füßen zu wispernden Dummchen. Während die Typen über Mokicks, Schalke und Flipperautomaten schwadronierten, schmachteten die Mädchen sie an, als wäre jeder einzelne von ihnen David Cassidy höchstpersönlich.

Plötzlich waren die Regeln geändert worden. Ich gehörte nicht mehr dazu. Ich sah nicht gut aus, und ich redete zuviel. Ich mußte immer widersprechen, wenn so ein Dämlack Blödsinn erzählte. Die Jungen halfen sich aus der Klemme, indem sie mich einfach zum »duften Kumpel« ernannten oder zur »Labertasche« degradierten. Ich war nicht gefragt. Eigentlich fand ich die Jungen blöd. Aber ich wollte auch nicht ausgelacht werden. Und auf einer Party herumzustehen, während die Mädchen kichernd die Köpfe zusammensteckten und die Jungen über der Stereoanlage hingen, war mir ein Graus. Am Ende waren fast alle vom hineingeschmuggelten Cognac betrunken, und jemand drehte das Licht herunter. Dann legten sich die Pärchen irgendwo auf den Boden. Die Jungen schoben ihre schwitzig-kalten Hände unter die T-Shirts der Mädchen, und die Mädchen gingen den Jungen an die Hose. Einmal erwischte ich einen Rothaarigen, der nach Kaninchenstall roch und heftig in mein T-Shirt atmete. Ein andermal blieb für mich ein Bürgersöhnchen mit Pickeln übrig, der seinen zitternden, nach Nikotin stinkenden Zeigefinger zu »Nights in White Satin« in mein Dings schieben wollte. Ich haßte ihn dafür. Er gab mir am nächsten Tag theatralisch den Laufpaß, weil seine Freundin aus dem Skiurlaub zurückgekommen war. Ich war sauer und erleichtert zugleich.

Danach beschloß ich, mein Image aufzumöben. Meinen Wahlspruch hatte ich aus der WAZ. Ich hatte die Geschichte in der Wochenendbeilage entdeckt. Ein Wärter im Ruhrzoo hatte den Besucherinnen und Besuchern immer ein entschlossenes: »Nich am Bär packen!« entgegengeschleudert, wenn sie den Grizzly, den er in seiner Obhut hatte, knuddeln wollten. Das war’s! Das paßte hervorragend zu mir. Wenn nun jemand mit offenen Armen auf mich zugestürzt kam, wich ich mit einem gutmütigen: »Nich am Bär packen! Und keine Sentimentalitäten, bitte!« zurück. Damit waren auf einen Schlag alle Probleme gelöst. Ich galt sowieso als versponnen, so daß die neue Marotte nicht weiter störte. Gleichzeitig entging ich der Verwirrung, die mich packte, wenn ein Mädchen mich umarmte und mein Puls in die Höhe schnellte und ich mich unwillkürlich versteifte. Die Mädchen gewöhnten sich schnell daran, daß sie sich bei Liebeskummer oder besäuselter Anlehnungsbedürftigkeit nicht mehr in meine Arme werfen konnten. Und den Typen wich ich gleich mit vor der Brust verschränkten Armen aus. Der neue Spruch wirkte cool, und durch diese Tour hatten die Jungs Respekt vor mir.

Die Träume mit meiner Lehrerin gingen unterdessen unvermindert weiter.

Großer Gohott, wir lohoben diech

Der beste Ort zum Träumen ist und bleibt eine Kirche. Unser Dom war ein hohes gotisches Steinungetüm, dessen wuchtige Säulen mich von der harten Holzbank zu ziehen schienen. Sie waren dickbauchig und mit vier steinernen Wülsten versehen, die verhinderten, daß ich mich an die kühlen Rundungen schmiegen konnte. Gigantische Ölbilder, auf denen der Kreuzweg Christi fast fotografisch genau dargestellt war, zogen sich wie ein breites Band hoch oben um den Innenraum des Hauptschiffes. Egal, wohin ich sah, immer trafen meine Blicke auf das blutverschmierte Gesicht Jesu. Der gesamte Innenraum, die Bilder, die riesigen Kerzenleuchter gaben mir immer das Gefühl, Gulliver im Land der Riesen zu sein. Vermutlich sollten sich alle, die in diesen Dom traten, wie Gottes »Kinder« fühlen. Jeden Sonntag marschierten mein Vater, dahinter meine Mutter, dann meine älteste Schwester Katharina, dahinter Anna und zum Schluß ich geschniegelt und gebügelt zu unserer Bank.

Unser Stammplatz war ungefähr in Höhe des Bildes, das Jesus mit dem Kreuz auf seinen Schultern auf dem Weg zu seiner Hinrichtung zeigte. Als ich klein war, hatte ich oft körperlichen Schmerz empfunden, wenn ich in die Betrachtung dieses Bildes versunken war. Ich sah einen jungen Mann mit schütterem Vollbart in einem blutbespritzten Hemd, das nur von einer Kordel in der Taille zusammengehalten wurde. Er ging tiefgebeugt und schleppte ein riesiges Holzkreuz, dessen Querbalken ihm in die Schultern schnitt und dessen unteres Ende über den sandigen Boden schleifte. Sein Gesicht war voller Blut und seine Miene schmerzverzerrt. Um ihn herum standen hämisch grinsende Soldaten in Uniformen, wie bei Asterix und Obelix. Einer hielt mit beiden Händen eine Peitsche umklammert, und im Hintergrund sah man die Silhouette einer alten, fremdländischen Stadt. Immer wieder stiegen mir die Tränen in die Augen, und ich bekam keine Luft, wenn ich um mich herum die abwesenden oder verzückten Mienen der anderen Gläubigen sah. Wie konnten sie mit einem so grauenhaften Bild an der Wand die Messe feiern? Die Kirche schien unter ihrem »Großer Gohott, wir lohoben diech« zu bersten – und über all dem der Blutüberströmte an der Wand.

»Er ist für uns gestorben, und deshalb müssen wir ihm nacheifern«, sagte meine Mutter immer, wenn ich sie fragte, was es denn für einen Sinn ergebe, dieses Bild in die Kirche zu hängen. Ich wollte auf keinen Fall gefoltert werden, um in den Himmel zu kommen. Später fand ich bei meiner Schwester Anna ein Buch mit dem Titel Nie wieder Krieg!. Es enthält Bilder aus dem Ersten Weltkrieg. Schwerverletzte und Tote sind dort in all ihrem Elend im Morast eines Schlachtfeldes zu sehen. Ich fand, es wäre eine gute Idee, diese Bilder in unserem Wohnzimmer aufzuhängen, um an die Soldaten und ihre Opfer zu erinnern. Sorgfältig schnitt ich die Bilder aus und befestigte sie mit Klebestreifen auf den Glastüren des Wohnzimmerschranks. Dann wartete ich, bis meine Eltern vom Einkaufen wiederkamen. Meine Mutter ließ sich mit entgeisterter Miene in einen Sessel fallen und hätte mir am liebsten eine Ohrfeige gegeben, weil sie dachte, ich wolle sie auf den Arm nehmen, und Anna war stinksauer, weil ich ihr Buch zerschnitten hatte und mein Vater ihr obendrein den Marsch blies. Er brüllte, es sei unverantwortlich von ihr, so ein grausames Buch in Griffhöhe ihrer kleinen Schwester aufzubewahren. Anna kochte vor Wut.

Nach der Standpauke meines Vaters kam sie in unser Zimmer gestürmt, schmiß die Tür hinter sich zu und zischte: »Du kleine Kröte! Wie bisse bloß auf diese selten dämliche Idee mit den Bildern gekommen? Musse deine dreckigen Griffel immer in meine Sachen stecken? Nich genug, dat du blöde Schlunze versuchst, heimlich deinen dicken Hintern in meine Klamotten zu zwängen. Nein, du Trines mußt auch noch sonne Panneaktion starten! Warum muß ich bloß mein Zimmer mit so ’nem hirnlosen Wesen teilen? Du läßt ab heute deine Finger von meinen Sachen, sonst is Panhas am Chrissbaum, verstanden?«

Wochenlang grübelte ich darüber nach, worin denn wohl der Unterschied lag zwischen der Darstellung des Kreuzweges und meiner Wohnzimmeraktion. Als ich es leid war, beschloß ich, daß man offensichtlich nur prominente Tote und Heilige an die Wand hängt.

Ich hatte immer ein Heiligenbildchen von einer Maria aus Italien in meinem Gebetbuch. Sie hatte sich bei einer versuchten Vergewaltigung so lange gewehrt, bis der Täter sie totschlug. Jetzt prangte sie, einbalsamiert und in einen Glassarg gesperrt, auf meinem Heiligenbildchen. Ich würde mich auch wehren, wenn mir ein Mann an die Wäsche wollte, hatte ich mir geschworen. Aber in den Glassarg wollte ich nicht.

In der Kirche saß ich in meiner Denkhalle. Beim Gottesdienst spielte ich viele Jahre lang immer »Vogel fliegt aus dem Käfig«. Der Käfig war mein Körper. Er bewegte sich automatisch wie alle anderen. Wenn alle niederknieten, kniete auch ich nieder. Wenn alle aufstanden, stand auch ich auf. Später habe ich Zombiefilme gesehen und mich gefragt, wer dort wohl der einzige Mensch mit Bewußtsein war, der den anderen ihre Bewegungen vorgab. In der Kirche war es sicher meine Tante. Diese Tante war eine »Hunnertprozentige«, wie unser Mutter sie nannte. Sie war immer voll konzentriert, und so konnte ich mich darauf verlassen, daß sie die Choreographie des Gottesdienstes drauf hatte. Währenddessen ließ ich meinen Vogel der Träume fliegen. Schwitzige Träume waren natürlich verboten. »Der liebe Gott sieht alles – und er hört deine Gedanken.« Meine Mutter bemühte diesen Satz immer, wenn ihr mein Gesichtsausdruck verdächtig vorkam. Sicherheitshalber enthielten daher meine Kirchenträume nichts Sündiges. Man weiß ja nie.

Statt dessen träumte ich davon, berühmt zu werden. Ich sang immer gern und viel zu Hause. Eine ganz besondere Fertigkeit entwickelte ich darin, meinen Vater zu kopieren. Wenn er im Bad beim Rasieren gregorianische Gesänge für den Männerchor probte, stimmte ich ein. Er ließ sich nie etwas anmerken. Schließlich konnte er seiner kleinen Tochter ja schlecht das Singen verbieten. Was er nicht verstand oder was ihn peinlich berührte, ignorierte er. Das war für alle äußerst bequem. Also träumte ich davon, die erste berühmte Tenörin zu werden. Ich würde im Duett mit einem männlichen Sopran die Zauberflöte singen. Ich liebte die Zauberflöte. Sie war so schön versponnen und rätselhaft. Hinknien. Ich würde also an großen Opernhäusern als Tenörin Rosen auf die Bühne geworfen bekommen. Amen. Dann würde ich um die ganze Welt reisen und meine Sportlehrerin auf meiner Tournee in ein berühmtes Hotel einladen. Halt! Keine Sportlehrerin in der Kirche. Ich würde mich als Mann verkleiden und Elvis’ Nachfolge antreten. Ich würde jahrelang so leben wie Lieselotte Pulver in einem alten Film, den ich gesehen hatte. Da war sie als kleiner Soldat in die Armee gegangen. Aber ich würde mich nicht in einen der Männer verlieben. Und meine Sportlehrerin würde …

Nein! Also, nein! Fenster zählen hilft. Also zähle ich alle Scheiben in den großen bleiverglasten Kirchenfenstern. Das eine Fenster ist in den unterschiedlichsten Blautönen gestaltet. Das machte die Aufgabe schwieriger. Ich mußte oft von vorn anfangen, und als ich es fast geschafft hatte, fing das »Vaterunser« an. Ich versuchte krampfhaft, die Zahl zu behalten. Es gelang mir nicht, und ich mußte wieder von vorn anfangen.

Jingle Bells

Mit ungefähr zehn hatte ich begonnen, meine Innenwelt von der Alltagswelt zu trennen. Ich spürte, daß mein Kopf bersten würde, wenn ich meine Träume mit dem, was um mich herum geschah, verknüpfte. Es war leicht, aus unangenehmen Situationen zu entfliehen, indem ich meine Träume im Kopf einschaltete. Hatte ich mal wieder keinen blassen Schimmer, was der Mathelehrer wollte, setzte ich ein interessiertes Gesicht auf, heftete den Blick auf ihn, ohne wirklich etwas wahrzunehmen, und verschwand in meine Innenwelt. Dann war auch die Angst gebannt, daß meine Ahnungslosigkeit in Mathe vielleicht dazu führen würde, daß ich sitzenblieb.

Ich konnte aus so gut wie jeder unangenehmen Situation flüchten und fand es richtig, mich nicht dauernd fürchten zu müssen. Ich wollte mich nicht von meinen Gedanken und Ängsten in den Wahnsinn treiben lassen, und irgend etwas beunruhigte mich ständig. Mal versetzte mich mein sich auswölbender Körper in Panik, mal brachte ich Weihrauch und die Demonstrationen, die ich in dieser aufregenden Zeit Anfang der siebziger Jahre im Fernsehen sah, nicht zusammen. Warum war die Atombombe auf Hiroshima gefallen? Warum hatten die USA das getan, obwohl sie wußten, daß Tausende von Menschen sterben würden? Wer könnte uns eine solche Bombe auf den Kopf werfen? »Du solltest nich an so wat denken.« Ständig rannte ich gegen Mauern. Werde ich schwanger, wenn ich einen Jungen küsse? »So wat fracht man nich.« Viele Überlegungen fielen allein schon über diese Klippen ins Nichts. Flugzeuge wurden von palästinensischen Freiheitskämpfern entführt, im Wort zum Sonntag empörte sich ein Pfarrer über die »Sex-Welle«, und an den Litfaßsäulen wurden die Gesichter auf den Fahndungsplakaten immer zahlreicher. Manchmal stand ich davor und versuchte herauszufinden, ob die Terroristen sich von den normalen Menschen unterschieden. Die Porträts auf den Plakaten waren körnig und düster wie Verbrecherfotos, und die meisten Bilder zeigten Menschen mit ernsten Gesichtern. Vielleicht lag es aber auch daran, daß es vergrößerte Paßfotos waren. Ich sah darauf auch immer blöd aus. Die Terroristen waren auf der Flucht. Die Polizei im ganzen Land suchte sie. Manchmal zeigte Eduard Zimmermann ihre Bilder auch in Aktenzeichen XY – ungelöst. Am nächsten Tag redeten die Nachbarn dann darüber, was sie machen würden, wenn ihnen ein Terrorist über den Weg liefe. »Im Kriech hätten wir die ohne große Fissematenten an ’n nächsten Baum geknüpft. Getz wernse gefangen, dürfen beie Festnahme noch ’n Pollezisten erschießen und leben dann auf unser sauer verdienten Steuergelder im Knast. Wat ’ne Verschwendung.«

Ich hatte für mich längst nicht klar, ob ich Angst vor ihnen hatte oder sie bewundern sollte, weil sie sich selbst Revolutionäre nannten und gegen den Staat waren. Robin Hood oder Revolutionäre oder Terroristen. Oft waren sie mir sympathischer als ihre schwadronierenden Gegner. Ich war froh, daß ich noch zur Schule ging und mich noch nicht entscheiden mußte, für wen ich mich eigentlich einsetzen wollte. Dazu fand ich das alles zu verwirrend.

Außerdem war die Schule jetzt richtig aufregend. Jede Unterstufenklasse hatte zwei Mentorinnen. Es waren ältere Schülerinnen, die als Pfadfinderinnen im Dschungel des Gymnasiums fungierten. Unsere hießen Moni und Elfi. Ich fand sie toll. Sie waren älter und behandelten mich trotzdem nicht wie den letzten Dreck, so wie meine älteren Schwestern, denen ich immer nur lästig war.

Meine Schwester Anna stand gerade auf Jim Morrison von den Doors. Als er tot aufgefunden wurde, konnte ich einen Tag lang nicht in unser Zimmer, weil Anna mit ihren Freundinnen und Freunden düster vor sich hin starrend bei zugezogenen Gardinen und Räucherstäbchen um ihn trauerte. Nach vier Stunden konnte ich »Break on through …«, das durch die ganze Wohnung waberte, nicht mehr hören. Unser Mutter bügelte und murmelte auf meinen Protest hin nur: »Laß die ma. Dat gibt sich allet wieda.« Katharina lachte nur höhnisch über »die Spinner«. Wir drei Schwestern keiften uns immer nur an, wenn wir uns sahen. Unser Mutter, die unsere Zankereien mit dem Ausruf: »Ihr Xanthippen bringt mich noch ma inne Klapsmühle!« quittierte, war der Meinung, daß wir drei auf jeden Fall gute Hausfrauen werden müßten, und teilte am Wochenende die Hausarbeit für uns ein: eine mußte Betten machen und Staub putzen, eine abwaschen und die Küche wischen und eine das Bad putzen. Jede von uns Schwestern kämpfte verbissen darum, nicht das Klo putzen zu müssen. Aber unser Mutter war gnadenlos. Jede von uns kam einmal dran. Schließlich sollten wir ihr später keine Schande machen. »Mir soll keiner nachsagen, ich hätte Schlampen großgezogen, die runde Ecken putzen und wo die Wollmäuse unterm Bett tanzen.« Unser Vater erklärte das pragmatischer: »Ich hab ’ne Fünf-Tage-Woche, und ihr habt auch nur sechs Tage Schule. Euer Mutter hat auch ’n Recht auf ’n erholsames Wochenende. Also wird hier Rabotti gemacht.« Er selbst ging in seinen Bastelkeller und reparierte Stühle oder Mixer, die unter der Woche kaputtgegangen waren, und ließ sein »Dreimädelhaus die Bude grade rücken«, während unser Mutter vor ihrem Bügelbrett im Wohnzimmer stand und sich einen Heimatfilm ansah. Ihre Pläne gingen aber nicht immer auf, weil wir drei untereinander noch eigene Spielchen spielten, vor allem wenn der fieseste Auftrag anstand. Unser Mutter sagte dann zu Katharina: »Bring ma den Abfall zur Mülltonne!« Katharina nickte brav, nahm den Abfalleimer, marschierte damit zum Kinderzimmer, in dem Anna meist lernend am Schreibtisch saß und ich mit dem Mädchen aus dem Indianerladen oder der Präriewölfin lesend auf meinem Bett lag, knallte den Eimer auf den Boden und brüllte: »Bringt dat wech!«

Anna maulte, daß sie nie zum Lernen käme in diesem Irrenhaus, drehte sich auf ihrem Stuhl zu mir herum und schnauzte: »Kröte, bringet wech!« Sie wies mit Todesverachtung auf den stinkenden Eimer. Da hinter mir nun wirklich niemand kam und ich wußte, daß Widerspruch zwecklos war, wälzte ich mich vom Bett, schnappte mir den Eimer und brachte den Müll hinunter. Dann dackelte ich wieder nach oben und stellte Katharina den leeren Eimer vor die Nase. Sie nahm ihn, ging in die Küche und zwitscherte: »Erledigt.« Meine Mutter dankte ihr meist freundlich lächelnd und entließ sie für den Rest des Tages.

Wenn ich protestieren wollte, drohte mir Katharina stumm mit der Faust und flüsterte mir ins Ohr: »Ein Wort und ich dreh dir den Arm um!« Ich haßte es gründlich, die kleine Schwester zu sein. Ich haßte Annas blasierte Art, und ich haßte Katharinas Aufspielerei. Ich hätte lieber einen Bruder gehabt, am besten einen kleineren, den ich hätte herumkommandieren können.

Moni und Elfi, die Mentorinnen, waren ganz anders. Wir sonnten uns sozusagen in gegenseitiger Aufmerksamkeit – nahm ich zumindest an. Elfi hatte langes braunes Haar und roch immer nach aufregendem Parfum. Moni war blond und hatte kürzeres Haar. Moni war quirliger. Da mir das eher vertraut war, mochte ich sie. Aber schwärmen, richtig schwärmen konnte ich nur für Elfi. Sie war geheimnisvoll. Für mich waren alle geheimnisvoll, die weniger redeten, als ich es von meiner bienenschwarmartigen Familie gewöhnt war. Und Elfi konnte besonders gut schweigen. Und sie konnte noch etwas, das ich schon lange wollte: englisch sprechen. Schon in der vierten Klasse waren Maggi, die damals meine Schulfreundin war, und ich vermeintlich englisch kauderwelschend über die Straße gezogen. Sie wollte unbedingt nach Amerika, zog aber statt dessen ein Jahr später mit ihren Eltern nach Castrop-Rauxel. Wir fanden Englisch schick und furchtbar erwachsen. Außerdem hieß es für die anderen Kinder aus unserer Nachbarschaft: »Wir gehen bald aufs Gymnasium!« Englische Schlager waren der Renner. Wir kratzten oft unsere letzten Pfennige zusammen und kauften die Schlagerheftchen, die jeden Monat erschienen. Links stand der englische Text – rechts die deutsche Übersetzung. Wir sprachen das Englische dann aufs Geratewohl aus und quetschten es in die Musik. Es funktionierte zumindest beim Refrain, den wir ja oft genug im Radio hörten.

Wenn Elfi in der Nähe war, hielt ich jedoch schön die Klappe. Ich gab nur zum besten, was uns unsere Englischlehrerin, Frau Weise, mit ihrer körperlos hohen Stimme vorpiepste. Mit ihrer zierlichen Figur, ihren dunklen Kostümchen und den grau-weißen Strähnen, die in eine strenge Helm-Frisur toupiert waren, hatte sie die Erscheinung eines englischen Fräuleins und bebilderte damit ihr Oxford-Englisch vortrefflich. Sie studierte schon ein halbes Jahr vor der Weihnachtsfeier »Jingle Bells« mit uns ein. Bei fünfundzwanzig Grad im Schatten schmetterten wir während des Schulausflugs auf einer alten Raubritterburg »Jingle Bells«, bis die bonbonfarbenen Perlonblusen schweißgetränkt waren. Drei Wochen später bekamen wir das Foto. Ich stand weit weg von Elfi mit ihrer wallenden Mähne, ich mit meiner scheußlichen Spange im Haar, die Füße nach innen gedreht und den Cordrock in dem Fäkalgrün über den roten Rippstrumpfhosen leicht hochgerutscht. Die beige Windjacke, die verhaßte – »falls et kalt wird« –, baumelte wie ein schlaffer Luftballon an meinem Arm. Elfi hingegen trug einen totschicken, leuchtendblauen Blouson. Elfi war einfach schöner als ich.

Deshalb wollte ich auf der Weihnachtsfeier glänzen. Ein halbes Jahr träumte ich von meinem großen Auftritt. Und dann war es soweit. Ich wollte die Beste sein und kam ständig aus dem Takt. Ich holperte mit meinem glöckchenbehangenen Schlitten dahin, und Elfi lachte – sie lachte mich aus! Dabei hatte ich so quälendes Bauchweh und fühlte mich hundeelend. Ich war krank, und sie lachte. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Meine Eltern strahlten. Kunststück! Sie verstanden kein Wort Englisch. Unser Mutter schwärmte, wie sie sagte, für »Schirlei Temple«. Erst als ich die Sprache lernte, erfuhr ich, daß sie Shirley Temple meinte. Den Namen ihrer Lieblingsserie brachte sie beim besten Willen nicht über die Lippen. Selbst wenn meine Schwestern sie aufzogen – »Mama, sach ma 77 Sunset Strip!« –, blieb sie eisern. Jetzt hielt sie ihre Handtasche auf dem Schoß umklammert und strahlte stolz, während ich mich vertanzte und verhaspelte. Als das Licht im Zuschauerraum anging, huschte ich aus der Aula wie eine Kakerlake. Bloß nach Hause und nicht Elfi sehen.

Zu Hause im Bad sah ich Blut in meiner Unterhose. Das erklärte alles! Ich war schwer krank. Deshalb hatte der Schlitten gehoppelt, hatten meine Füße sich selbständig gemacht. Ich hatte mich vor Elfi komplett blamiert, weil ich todkrank war. Irgend jemand würde es ihr bestimmt sagen, wenn ich tot wäre, und dann täte es ihr leid, über mich gelacht zu haben!

Ich riß mir entsetzt und triumphierend die Hose herunter, verfing mich in der Wollstrumpfhose, stolperte in den Flur und stürzte in die Küche, den Arm mit der blutigen Unterhose hochgereckt und kreischte: »Ich verblute!«

Meine Schwestern brüllten vor Lachen. Mein Vater starrte abrupt in die finstere Nacht vor dem Küchenfenster. Meine Mutter wurde kreidebleich. Sie entriß mir das blutige Beweisstück, schnappte mich, zerrte mich aus der Küche und zischte tonlos: »Getz komma mit!«

Ich war verletzt, stinksauer und verwirrt. Ich mußte sterben, Katharina und Anna lachten darüber, meinen Vater interessierte es nicht, und meine Mutter war böse. Im Bad erfuhr ich dann vom monatlichen »… du weißt schon« und »Frau werden …«. Es rauschte in meinen Ohren. Sterben – nein, jeden Monat bluten – ja. Die Binde war schlimmer als ein Kloß im Hals. Sie war nicht nur immer zu spüren, sondern sicher auch zu sehen. Bestimmt. Der braune Cordrock fiel dann jedenfalls weg. Der war eng und ganz gerade geschnitten. Aber Faltenröcke fand ich völlig daneben. Gabriele von nebenan trug Faltenröcke und Mokassins. Gabriele war immer brav und Mutters Notbremse. »Wenne doch bloß einma so wie Gabriele wärst …« Deshalb haßte ich sie, haßte Faltenröcke und Mokassins. Und wenn ich schon den Mokassins, dem Inbegriff von Trampel, nicht entgehen konnte, weil meine Plattfußeinlagen da so gut reinpaßten, mußten wenigstens die Faltenröcke im Schrank bleiben, sonst wäre ich in meiner Klasse erledigt. Schließlich trugen die anderen schon Schlaghosen und Plateauschuhe.

Jetzt war ich also endlich eine Frau, und das bedeutete wohl an erster Stelle, ranzig zu riechen, aufzupassen, daß die Binde nicht verrutschte, damit kein blutiger Rand entstand, beim Schwimmen mit puterrotem Kopf eine Entschuldigung abzugeben und sich fürchterlich zu fühlen – und Elfi nicht reumütig am Grab stehen zu haben. Ich hatte mich total blamiert und meine »Kirmes« bekommen.

Plötzlich liebte ich Lieder mit Zeilen wie »Good bye, Papa, it’s hard to die, when all the birds are singing in the sky …«. Für Elfi hätte ich alles gegeben. Tränen am Radio für Elfi, David Cassidy und Smokie. Tränen beim Fernsehen für Lassie, Winnetou und den kleinen Jungen von Heinz Rühmann beim »La, le, lu …«. Ich war wie ein randvolles Glas. Jeder kleinste Schubs ließ mich überlaufen. Elektrisierende Schauer jagten mir über den Rücken.

So eingeigelt in meine Innenwelt, erschüttert von meinen Gefühlsschwankungen, begann ich, Dinge zu verlieren. Die pelzige Schicht, die meine Tagträume vom Alltagsgeschehen trennte, ließ einfach nicht durch, ob ich meine Turnschuhe nach dem Sport eingesteckt hatte oder ob ich einen Schal umhatte, als ich aus dem Haus ging.

Love hurts

Ich konnte stundenlang mit der Straßenbahn fahren und Menschen angucken. Ich stellte mir dann vor, wo sie wohnten, wen sie liebten, ob sie Kinder hatten. Ich gab ihnen ein Zuhause. Ich bevölkerte mit ihnen meine Tagträume, weil ich immer häufiger ohne meine Freundinnen auskommen mußte. Sie zogen mit ihren Eroberungen herum, und ich langweilte mich allein. Also bastelte ich Geschichten um Menschen, die ich zufällig traf, und schrieb sie auf. Ich kritzelte ganze Hefte voll, die ich dann umständlich versteckte, weil ich keine Ahnung hatte, wie meine Mutter darauf reagieren würde. Es gab schon so viele Geheimnisse, deren Preisgabe Familienkatastrophen ausgelöst hatten, daß ich es nicht ausprobieren wollte. Außerdem schwebte mir noch Vaters Theorie von den Linkshändern, die Künstler oder Verbrecher wurden, durch den Kopf. Und daß das Schreiben zu den Künsten gehörte, hatte ich schon mitbekommen. Nur war mir nicht ganz klar, ob Künstlerin zu sein genauso schlimm war wie Verbrecherin zu sein.

Beim Frühjahrsputz entdeckte meine Mutter die Hefte unter meiner Matratze. Ich war nicht daheim. Sie mußte den ganzen Nachmittag gelesen haben, denn als ich abends heimkam, sah sie mich mit feuchten Augen an, hielt die Hefte hoch und sagte: »Du bist ja ’ne richtige Poetin.«

Ich zerriß von oben bis unten. Alles quoll nach außen und lief häßlich an. Ich war verloren. Ich wollte nie wieder ein Geheimnis haben. Nirgendwo schien es ein sicheres Versteck zu geben. Gott las meine Gedanken und meine Mutter meine Geschichten. Am liebsten wäre ich gestorben.

»Darf ich sie deinem Vater zeigen?« Meine Mutter sah mich flehend an.

»Nein!« schrie ich und rannte aus dem Haus auf die Straße hinunter und schnappte nach Luft wie der Vogel, den ich als kleines Kind einmal in eine Plastiktüte gesteckt hatte. Ich hatte ihn damals wieder freigelassen, weil er mir leid tat. Wer aber sollte mich freilassen?

Nachdem ich also aufgehört hatte, ein Mädchen zu sein, war ich jetzt eine Poetin. Und das war kein angenehmes Gefühl. Meine Mutter gab mir verschämt die Geschichten zurück. Sie hatte kapiert, daß sie zu neugierig gewesen war. Ich hatte keine Freude mehr an den Heften und legte sie ganz nach unten in meine »Vergessene Sachen«-Kiste. »Poetin« wollte ich nie mehr genannt werden. Das Wort allein schon mochte ich nicht.

Es sollten mir noch mehr Wörter begegnen, die mir unangenehm waren. Feministin zum Beispiel. »Feministinnen« hießen Emma und hatten in den Fernsehnachrichten »Schwanz ab – nieder mit dem Männlichkeitswahn!« gebrüllt, und mein Vater hatte in unseren vier Wänden »Lesben!« zurückgebrüllt. »Lesbe« war ein Wort, das in meinem Kopf explodierte und mich in Panik versetzte. Ich war schockiert und wollte doch nichts sehnlicher, als eine »Feministin« zu treffen. Je mehr mich der Blick eines Mädchens zuerst in meinem Unterleib traf und der Blick eines Jungen im schalen Geschmack meines zugeschnürten Halses erstickte, desto konfuser wurden meine Gedanken. »Nich am Bär packen! Und keine Sentimentalitäten, bitte!« Ein mit offenen Armen auf mich zu stürzendes Mädchen war schlimmer für mich als die erste Fahrt mit dem Doppellooping auf der Cranger Kirmes. Ich wollte es, und mir wurde gnadenlos schwindelig davon. Jungen konnte ich nicht riechen. Wirklich, ihr Geruch war es, der verhinderte, mir in ihrer Nähe auch nur eine schnöde Pommes in den Mund schieben zu können. Nur Kaugummi half dagegen. Achselschweiß und die klammen Hände, die sie einem beim Engtanzen zu einem fünfzehnminütigen Gitarrensolo unter den Pullover schoben, ihre brettharte Mitte, die sich immer am Reißverschluß meiner Schlaghose reiben wollte. Ich haßte die Lichtorgel-Dunkelheit im holzgetäfelten Partykeller, haßte es, wenn ein Junge zu »Love hurts« von Nazareth mit mir Klammerblues tanzen wollte und mir das gute Gefühl, daß ich sonst bei dem Lied hatte, versaute. Das dumme Geschwätz von Mokicks und angespitzten Mofas perlte an meinen Träumen ab, in denen ich meine Sportlehrerin aus dem brennenden Bus rettete, während ich linkisch an die Wand gelehnt, die Händen in den Hosentaschen vergraben, in der Ecke stand.

Die Jungen kamen nicht auf die Idee, mit mir gehen zu wollen. Es gab Zeiten, da wollte ich wenigstens ein bißchen von ihnen gemocht werden, um in meiner Klasse nicht völlig ahnungslos dazustehen, wenn sie wieder einmal über Typen tuschelten. Ich war froh, wenigstens im Verein mit einigen Jungen klarzukommen.

Als meiner Mutter meine ewige Stubenhockerei, die Nase in Büchern vergraben, zuviel wurde, stichelte sie ständig herum, ich solle in einen Sportverein gehen. »Lesen un Kekse essen macht dick un träge!« nörgelte sie an mir herum. Doch ich hatte nicht die geringste Lust dazu. Stumpfsinniges Training, sinnlose Rumrennerei – ich konnte mir nichts Öderes vorstellen. Doch als Marlene in unsere Nachbarschaft zog, änderte sich meine Meinung schlagartig. Marlene war schön. Ein so schönes Mädchen war mir noch nie begegnet. Ich lief hinter ihr her wie ein kleiner Dackel, bis sie mit mir sprach. Ich war selig.

»Marlene sacht … Marlene findet … Du gehst mir auf ’n Senkel, du Krümel«, beschwerte sich Anna über meine Anhimmelei. Beleidigt hielt ich die Klappe.

Jeden Nachmittag trafen Marlene und ich uns auf einem unbebauten Grundstück in einem Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg, den wir mit Baubrettern und alten Teppichen überdacht hatten, tratschten und sponnen Geschichten. Nur mittwochs hatte sie keine Zeit. Dann ging sie zum Training zur DLRG.

»Da lernen wir, Menschen vor dem Ertrinken zu retten«, erklärte sie eifrig. »Wir bringen kleinen Kindern das Schwimmen bei und fahren gemeinsam zum Kanal. Der Verein hat nämlich eine Rettungswachstation, um die Badenden zu bewachen.«

Ich fand das rasend spannend. Endlich mal ein Sport, der mir nicht so sinnlos vorkam.

»Außerdem« erzählte sie, »hat jede Ortsgruppe eine Rettungsmannschaft, die in verschiedenen Disziplinen gegen andere Gruppen antritt. Ich bin jetzt in der Jugendmannschaft. Das sind total nette Jungen und Mädchen. Außerdem fahren wir zu Vergleichswettkämpfen in andere Städte.«

Meine Familie fuhr selten weiter weg. Nur einmal im Jahr in die Ferien in den Bayrischen Wald. Ich wollte Rettungsschwimmerin werden und mit Marlene in einem Verein sein. Ich machte mich auf eine lange Quengelphase bei meinen Eltern gefaßt. Aber das war gar nicht nötig. Meine Mutter war begeistert. Erstens kannte sie jemanden aus dem Vorstand, und zweitens hatte sie gehört, daß da nicht so ein »primitives Volk« im Verein war. »Primitiv« war Mutters Lieblingswort, wenn es darum ging, den »gemeinen Kohlenpötter« vom guten »Pohlbürger« zu trennen. Der gemeine Kohlenpötter sprach wie Jürgen Manger, trug mehrfach gemusterte Klamotten und hatte auch ansonsten keinen Geschmack. Die Vorfahren kamen aus Polen, Schlesien oder Pommern. Anna feixte immer: »Eines Tages komm ich mit einem ‚-ski’ oder ‚-ek’ nach Hause, der nur ‚dat’ und ‚wat‘ sacht, hinkt und ’ne schwatte Mutta hat.« Und vervollständigte damit den Katalog von Vorurteilen. Dann war unser Mutter regelmäßig eingeschnappt. »Man kann eben nich aus seiner Haut. Wir sind schließlich aus gutem Hause, und dat ist ja auch nich böse gemeint.«

Um sie zu ärgern, »pöttelten« wir in ihrer Hörweite mit wachsendem Vergnügen. »Komm bei mich, bei dich is Patsche.« Mutter zog nur den Kopf ein und schüttelte sich. Dann rauschte sie, die ganze kleine, kugelrunde Figur durchgestreckt, hocherhobenen Hauptes in ihre Küche und murmelte: »Mit mir könnter’s ja machen. Ich bin ja nur fürs Grobe, um den Damen ihr Geschlunze hinterherzuräumen.« Sie selbst behauptete steif und fest, keinen Dialekt zu sprechen. Deshalb stellten wir einmal heimlich einen Cassettenrecorder mit Mikrofon unter unser Telefontischchen und schalteten ihn an, als ihre beste Freundin Elli anrief. Später spielten wir ihr das Band vor.

»… ach wat … watte nich sachs … Dat hätt ich ja nich von dem Rabauken gedacht … Nä, dattet so wat übahaupt gibt … Heinz, sach ich zu ihm, Heinz, sach ich, da muß man wat machen … und, nimmter se jetz? … Der muß doch dat aame Blach heiraten … und die Mutta, wat ’ne Schande … nee, Vatta, nimm mich vonne Zeche, kann kein Schwatt mehr sehn … Abba, wat willze machen? … Ham schon annere geheiratet un dann ’n ausgewachsenes Dreimonatsblach auffe Welt gebracht … ja, bis die Tage, tüsskes, jau, machet gut, jau … getz muß ich abba ma … ach? Ealich? … Nee, getz machen wa ma Schluß, bevor unsa Kröte vonne Penne kommt un kalte Küche kricht … jau, mach ich … jau, tüsskes getz … bis die Tage …«

Eine ganze Stunde plauderte sie so mit ihrer Freundin. Zum Glück hatte »unsa Mutta« Humor. Sie lachte laut los, als wir ihr das Band vorspielten, und meinte: »Ihr vaflixten Blagens. Getz habta mich ausgetrickst.« Doch sie verstand keinen Spaß, wenn es um ihre Herkunft ging. Sie und mein Vater waren nämlich geborene »Pohlbürger«, was soviel bedeutete wie Ureinwohner dieser Stadt. Mein Vater war echter Bueraner aus dem kilometerbreiten Radius um den Urbanusdom, und er ist bis heute tief getroffen von der Tatsache, daß Buer eingemeindet und von Gelsenkirchen geschluckt wurde. Er schreibt auf alle Briefe »Buer« als Absender.

Mutter war geborene »Erlerin« – für meinen Vater »Buer-Erlerin«. Die Erler lachten über die Snobs aus Buer und schimpften: »Bueraner sind Himmelswanzen«, und Bueraner sahen auf Erler herab. Aber alle, ob Erler oder Bueraner, sahen auf alle herab, die zugezogen waren. Also sah der Brokhoff aus Buer auf den Zilinski herab, der Zilinski auf den Mario von der Eisdiele, der wiederum verächtlich auf »die Türken« schimpfte. Aber alle wohnten sie in derselben Stadt und mußten von morgens bis abends malochen.