cover

FRAUEN IM SINN

 

logo

Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Astrid Wenke

Windmühlen auf dem Wedding

Roman

K+S digital

Für Ronja

Die Geschichte von Sybilla Kischotta, die sich auf dem Berliner Wedding niederließ, um von dort aus das Leben zu ergründen und ein Zuhause zu finden. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer verändert sich der ehemalige Arbeiterbezirk unter dem Einfluss von Gentrifizierungsprozessen und die Kischotta sieht die Bemühungen vieler Jahre bedroht.

Erstes Kapitel,

in dem die Leserschaft Sybilla Kischotta, Martha und die Martin-Opitz 5 kennenlernt.
Es gibt Anzeichen von Bedrohung, und die Kischotta schreitet zum ersten Gefecht gegen das Spekulantenpack.

Sybilla Kischotta, lang und hager, betrat den Hof. Es war einer jener Höfe, wie sie vor anderthalb Jahrhunderten nach der Genehmigung des Hobrechtplanes die Stadt durchwuchert hatten. Die Höfe waren damals eng gewesen, zu eng, um das ferne Licht des Himmels und seine blaue Luft hereinzulassen, und die Vogelmiere, die es vermocht hatte, sich in einer Mauernische zu verwurzeln und von mageren Sonnenstrahlen zu ernähren, war Sinnbild für Lebensmut und Hoffnung geworden. Das war nicht Hobrecht anzulasten. Der hatte den Verlauf der Straßen und Baublöcke festgelegt, nicht aber vorgesehen, die Blöcke bis in den letzten Winkel mit Höfen und Hinterhöfen zu bebauen. Hobrecht hatte im Gegenteil gefordert, mit baupolizeilichen Verordnungen für gesunden, den Menschen würdigen Wohnungsbau zu sorgen.

Die Baupolizei sorgte sich jedoch nur wegen der Feuergefahr. Die Feuerwehrwagen brauchten Platz, um in den Höfen wenden zu können, genau gemessen fünf Meter vierunddreißig im Quadrat. Näher durften die Hausmauern sich nicht kommen, das hatten die Bauherren zu respektieren. Wenn der rote Hahn dann wahrhaftig im Dachstuhl saß, mussten die Feuerwehrleute zur Dachrinne hoch, bevor der Brand auf Nachbarhäuser übergriff und ganze Viertel in schwarzes Gebälk verwandelte. Die Leitern ließen sich nur auf zwanzig Meter ausfahren, und das war der einzige Grund dafür, dass die Traufhöhe Berlins zweiundzwanzig Meter nicht überschreiten durfte. Aus Angst vor dem Feuer ist die Zweiundzwanzig in Berlin eine magische Zahl geblieben. Berliner Architektur nach europäischem Maß tritt noch im Nachmauer-Berlin an der Zweiundzwanzig zum ideologischen Kampf gegen die Architektinnen und Architekten einer Weltstadt an, obwohl Feuerleitern längst an Wolken kratzen könnten.

Die Höfe haben sich geweitet, aufgesprengt in den Bombenhageln der vierziger Jahre, und heutzutage findet man anspruchsvolles Wohnen und attraktive Kultur- und Shoppingorte darin vor. Zille war einmal: Im Hof der Martin-Opitz-Straße wächst an Stelle einer Miere ein Ahornbaum, von dessen weit ausgebreiteten Zweigen die Baumwanzen zu ihrem Flug auf die Fenstersimse starten.

Sibylla Kischotta, Weddinger Stadtbilderklärerin, war an Architektur und Stadtgeschichte flammend interessiert, nicht jedoch in diesem Moment, in dem sie das Geländer ins Visier nahm, welches die Außenstiege zum Keller abschirmte – ein Geländer, einst grau gestrichen, von dem jedoch seit Jahren die Farbe abblätterte, so dass sich an vielen Stellen Rost in die nackte metallene Oberfläche gefressen hatte.

An dieses Geländer war, da ein Fahrradständer fehlte und es auch sonst an Möglichkeiten mangelte, Sybillas Rad gekettet. Auf dem Hof fand alltäglich ein bitterer Kampf um die wenigen sicheren Parkgelegenheiten statt, und es war – Sybilla verzog missmutig das Gesicht – wiederum zu einem Übergriff gekommen: An der Strebe direkt vor dem Vorderrad ihres treuen Drahtesels war ein weiteres Gefährt befestigt worden, das sie anheben und seitwärts zerren musste, um an ihr Kettenschloss zu gelangen.

Martha hatte das Fenster ihrer Hinterhofwohnung weit geöffnet und die fülligen Arme auf einem Kissen gebettet, welches sie der größeren Bequemlichkeit halber auf die Fensterbank gelegt hatte. Vor allem weil ihr der Blick auf das Straßenleben verwehrt blieb, bedauerte Martha, nicht mehr im Vorderhaus zu wohnen. Als sie Sybilla den Hof erstürmen sah, dachte sie wieder einmal darüber nach, dass diese mit ihrem Balkon, von dem der Blick nicht nur zur Straße hinunter, sondern zu dem Haus gegenüber und in eine Vielzahl von Loggias, Balkonen und Fenstern schweifen konnte, wenig mehr anzufangen wusste, als dort zu sitzen, zu lesen und zu denken. Weiter überlegte Martha, dass es immer schon zwei Sorten Menschen gegeben hatte – solche, die im Vorderhaus wohnten, und gewöhnliche wie sie. Hätte Sybilla von Marthas Gedanken geahnt, hätte sie all ihre Glieder in Bewegung gesetzt, um diese mit einem Wortschwall wegzuschwemmen, zu verwirbeln, besser noch zu zerstäuben, obwohl sie selbstverständlich wusste, dass Marthas Sicht der Dinge durchaus begründet war. Nur wohnte die Kischotta, ihren prekären Verhältnissen zum Trotz, nun mal nach vorne raus und Martha hinten.

An diesem Vormittag, den draußen auf der Straße und oben auf Sybillas Balkon die Maisonne wärmte, hatte Martha dennoch nicht zu klagen. Es war einiges losgewesen im Hinterhof – zwei dicke Menschen, einer männlich, weißhaarig, weichgesichtig, der andere jünger – knapp über fünfzig, mutmaßte Martha –, weiblich, mit groben Gesichtszügen, vollen Lippen, großer Nase, patrouillierten seit bald einer Stunde zwischen Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus, klopften gegen Hauswände, begutachteten den bereits erwähnten Ahorn, der es sich hoch oben im vierten Stock gut und grün ergehen ließ, während seine Wurzeln längst die Versiegelung des Hofes teils durchbrochen, an anderen Stellen aufgewölbt hatten, so dass es angeraten war, beim Gang über den Hof, vor allem des Nachts, auf einen sicheren Tritt zu achten.

Die dicken Menschen waren die Kellertreppe hinabgestiegen, hatten Martha den Blick von oben auf lichte weiße Strähnen über blasser Schädelhaut und dichtes zauseliges Grauhaar gegönnt und waren dann hinter der Tür verschwunden, an der die Warnung vor dem ausgelegten Rattengift prangte. Martha fragte sich, ob der eingetrocknete Kadaver eines der Opfer dieser in regelmäßigen Abständen erfolgenden Vernichtungsaktionen noch auf dem Boden des Kellergangs lag, dort hingekehrt vermutlich von jemandem, der ihn im eigenen Keller gefunden und sich, nachdem der Leichnam glücklich außerhalb des privaten Verschlages geschafft war, nicht weiter zuständig gesehen hatte.

Martha war vor etwa zwei Monaten das letzte Mal in den Keller gestiegen und hatte einige Zeit damit verbracht, das tote Vieh mit einer Mischung aus Grauen und Faszination zu betrachten. Tatsächlich war es nicht Faulheit, die lag ihr fern, sondern die Unfähigkeit, sich ganz von dem Anblick dieses konservierten Todes zu trennen, die sie zu ihrem eigenen Erstaunen, und obwohl sie ihre Untätigkeit missbilligte, davon abhielt, die Ratte in eine Mülltonne zu verfrachten.

Als die Dicken geraume Zeit später den Keller verließen und die Treppe heraufkeuchten, war Martha das als passende Gelegenheit für einen Gruß erschienen, in der Hoffnung, damit ein Gespräch eröffnen und Neuigkeiten erfahren zu können. Der Weißgesträhnte hatte den Weg in ihre Augen gefunden und höflich einen guten Morgen gewünscht, während die Frau es bei einem unwilligen Nicken beließ und, so schien es Martha, und damit lag sie vollkommen richtig, geradezu vermied, sie anzusehen.

Martha hatte die Ereignisse der vergangenen Wochen längst miteinander abgeglichen – die schriftliche Aufforderung, die Miete künftig auf das Konto einer neuen Eigentümerin zu überweisen, den Aushang im Hauseingangsbereich mit der Telefonnummer einer neuen Hausverwaltung, die kräftigen Kerle, die seit einigen Tagen in den lange schon leerstehenden Wohnungen im zweiten und dritten Stock rumorten und von dort allerlei Balken und Gerümpel zur Straße schleppten, wo direkt vor der Martin-Opitz-Straße 5 ein Container Aufstellung genommen hatte, der sich rasch zu füllen begann und schon das Interesse eines Schrottsuchers geweckt hatte. Der kam seither täglich vorbei. Nun waren noch die beleibten Personen im Hinterhof aufgetaucht.

Seit dem Erscheinen von Sybilla wartete Martha gespannt, wie diese auf die Besucher reagieren würde, denn die fortschreitende Gentrifizierung des Wedding, wie Sybilla es nannte, war deren Lieblingsthema. Seit Jahren empörte sie sich gegen die schleichende Umwandlung ihres ›Heimatbezirkes‹, wie sie den Wedding nannte, war schon vor Jahren aufgeschreckt, als die Kunstszene die Stadtmitte verlassen hatte und von der Rosenthaler herkommend demonstrativ die Brunnenstraße hochmarschiert war. Selbst die Bernauer hatte sie gequert, jene legendäre Straße, die man noch vor einem halben Jahrhundert nur durch den Sprung aus dem Fenster, später dann durch heimlich gegrabene Tunnel hatte über- oder besser unterwinden können und die nun die Grenze zwischen der zentral gelegenen bürgerlichen Wohngegend und dem prolligen Wedding im Norden markierte. Im Norden, so hatten die Künstler und Künstlerinnen angekündigt, würden sie sich nunmehr in Wohnungen und Ateliers ausbreiten, bis auch dieses frisch kolonialisierte Gebiet durch sie und ihr Gefolge so weit aufgewertet wäre, dass es auf ihre Pioniere verzichten konnte und die weniger erfolgreichen unter ihnen mit hohen Mieten weiter hinaus an den Stadtrand katapultierte.

›Aufgewertet‹, hatte Sybilla gewettert, ›als wäre deren Kunst das Maß aller kulturellen Werte‹, und wieso das mit breitem Klebeband an die Außenwand des in der Gerichtsstraße befindlichen stillgelegten Weddinger Stadtbades getapte Bild eine wertvollere Lebens- und Ausdrucksform darstellen sollte als die gesellige Skatrunde im Magendoktor.

Allerdings blieb die Kischotta trotz ihres lautstarken Einsatzes für die Traditionen des Arbeitslosenbezirkes als Weddingerin fragwürdig. Obwohl sie seit einem Vierteljahrhundert in der Gegend lebte, kannte sie neben Rosa, Karin, Martha und den Leuten aus dem Dralle keine Menschenseele, kaum dass sie die Nachbarn auf der Straße grüßte. Ihre Freundinnen wohnten anderswo in Berlin, und zum Ausgehen reiste sie nach Prenzlauer Berg, Charlottenburg, Schöneberg oder Kreuzberg – dorthin, wo die queere Szene ihre Treffpunkte hatte.

Insgeheim fühlte sich Sybilla auf dem Wedding schon seit dem Wegzug von Jutta Jahrzehnte zuvor und mehr noch seit der Trennung von Karin von vielem abgeschnitten und hoffte entgegen ihren öffentlichen Bekundungen, die Veränderungen auf dem Wedding könnten für sie persönlich Verbesserungen bringen. Zukunftsfroh sah sie der Gründung homosexueller Treffpunkte entgegen, Lesben würden in den Nordbezirk ziehen, darunter vielleicht eine, die ihr mehr bedeuten würde. Das waren Träume in der Zeit der beginnenden Gentrifizierung, die Sybilla noch inniger mit ihrem Wohnort verbanden und dazu führten, dass sie umso argwöhnischer die Ereignisse beobachtete, die den Eigentumswechsel der Martin-Opitz 5 begleiteten. Dieser, darin waren Martha und sie einig, konnte nichts anderes bedeuten, als dass die Mieten steigen und sie womöglich nicht nur aus ihren Wohnungen, sondern, so wie die Dinge sich entwickelten, ganz vom Wedding vertrieben würden.

›Aufwertung‹, höhnte Sybilla, ›aber sicher nicht für uns – nicht für die, die hier wohnen. Jetzt kommen die Reichen, die Aufwertung in Person. Das selbstgerechte, asoziale Bildungsbürgertum zückt die Börse, um den Wedding zu übernehmen.‹

So hatte sich die Kischotta des Öfteren ereifert, doch nun war sie damit beschäftigt, Rosinante, so hatte sie ihr Rad getauft, rücklings hinter dem fremden Gefährt hervorzurollen.

Martha fürchtete bereits, um das Spektakel betrogen zu werden, dass sie sich von dem ersten leibhaftigen Aufeinandertreffen Sybillas mit deren Feind erwartete. Es war nicht ungewöhnlich, dass Sybilla blind war für ihre real existierende Umwelt, und weder Marthas Lächeln noch deren einschlägiges Gestikulieren hatte Wirkung zeigen können, solange die Kischotta an Rosinante ruckelte, deren Pedale aus den Speichen des anderen Rades riss, endlich die Kette löste und ihren guten Drahtesel am Lenker mit sich zog. Widerwillig hob sie das gegnerische Zweirad zurück ans Geländer und wollte sich eben auf Rosinante schwingen, als Martha sich weit aus dem Fenster lehnte und zischte: »Die Spekulanten sind da!«

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Sybillas Kopf wirbelte nach hinten, um erst jetzt Martha zu entdecken und hervorzustoßen: »Guten Morgen, Martha – und wo?«

Martha reckte ihr sanft waberndes Kinn in die Richtung von Margarethe Johannsen, jener dicken Frau, deren Name ihr zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war, und deren Begleiter. Die Kischotta straffte sich, zog ihre hagere Gestalt auf deren maximale Länge von hundertzweiundachtzig Zentimetern, stellte Rosinante auf ihren Ständer und schritt mit weit ausholenden Beinen geraden Weges über den Hof. Sie war eine imposante Erscheinung, nicht nur wegen ihrer Länge, sondern auch wegen der Nase, die wie der Schnabel einer Berliner Nebelkrähe aus dem dürren Gesicht ragte, während sie hinten, in der Mitte eines ansonsten kurz bewachsenen Hinterkopfes einen Zopf mit einem Haargummi zusammengefasst hatte, so dass er mit einer gewissen Spannung vom Kopf abstand. Bei den Fremden angekommen fuhr sie ihren langen Arm aus und stach mit der Hand in den freien Raum, der sich zwischen den beiden auftat.

»Kischotta – einen guten Tag.«

»Guten Tag«, griff der Weißhaarige weich und lächelnd zu, während die Johannsen sich abwandte – unangenehm war ihr das alles. Sie mochte den Kontakt mit Mietern nicht, hatte das nie gemocht, wusste zu gut, dass einige von ihnen seit Jahrzehnten und länger in dem Haus wohnten. Das Haus mochte mit ihrem Leben verwachsen sein, so was verstand die Johannsen und hoffte, dass dem nicht so wäre. Sie war nicht herzlos, aber schließlich wollten alle verdienen, und nun, da eine zweite Gründerzeit im Wedding herandämmerte, war sie unter den Schnellen gewesen – wenn nicht sie, hätten andere die Gelegenheit ergriffen, die nicht besser wären als sie, so war das nun mal.

»Ich hielt es für üblich, die Mieter rechtzeitig zu informieren, wenn Sanierungsmaßnahmen stattfinden«, hob die Kischotta an, »mehr noch – es besteht ein Anspruch darauf. Stattdessen ist es gänzlich unangekündigt seit Tagen laut und staubig im Hausflur und bis hinein in die Wohnungen. Ich werde die Miete mindern, rückwirkend versteht sich, aber es geht hier vor allem um die Form des Umgangs.«

»Ganz recht«, meinte der Weißhaarige, »das haben wir verpasst. Margarethe, die Dame hat recht.«

Natürlich könne Frau Kischotta die Miete mindern, das stehe ihr zu.

»Jaja«, meinte Margarethe. Sie und der Weißhaarige waren sich einig gewesen, nicht vorzeitig die schlafenden Hunde zu wecken. Die waren inzwischen aufgewacht, das war zu erwarten gewesen.

»Ich verstehe wohl richtig«, fauchte die Kischotta, »dass Ihnen ein gutes Verhältnis zu den Mietern nicht am Herzen liegt, weil hier Betuchtere einziehen sollen. Ich verstehe weiter, dass Lärm und Staub zu Ihrer Vertreibungspolitik gehören?«

»Ach was, vertreiben«, entgegnete Margarethe nun doch. Das sähe sie wohl selbst, dass an dem Haus etwas gemacht werden müsse, die Wände beschmiert, die Kacheln im Eingangsbereich abgeschlagen, im Treppengeländer fehlten Pfosten und das ganze Haus, mit Verlaub, verwohnt und versifft. Da sei wohl eine Ewigkeit nichts passiert.

»Eine Wohltäterin sind Sie also«, lachte Sybilla auf, während Martha am Fenster zufrieden giggelte. »Als würden Sie das Haus aus Notwendigkeit oder gar für uns sanieren lassen. Mich verjagen Sie nicht, das teile ich Ihnen hiermit mit.«

Sie drehte ab und erhob im Gehen ihre zur Faust geballte Hand. »Der Kampf geht weiter!«

»Wer spricht von Verjagen!«, rief die Frau ihr hinterher.

Sybilla reagierte nicht, behielt den Kopf hoch in Lüften, die in ihrer Jugend gestürmt hatten, in den Achtzigern, Zeit der Häuserkämpfe, längst verweht, die Macht damaliger Argumentation morsch geworden, aber eine wie Sybilla kümmerte das nicht.

»Tschüs, Sybilla!«, rief Martha.

»Tschüs, Martha!«, antwortete Sybilla über ihre Schulter hinweg, schob Rosinante in den Hausflur und würde gleich auf die Straße treten, während Martha wieder mal bedauerte, kein Fenster zu haben, durch das sie ihr hätte hinterhersehen und -winken können.

Margarethe seufzte, und der Weißhaarige sah sich bemüßigt, ihr auf die Schulter zu klopfen: »So sind die Leute, suchen immer einen Schuldigen.«

Zweites Kapitel,

in dem wir Jutta, die gute Freundin der Kischotta, kennenlernen und einiges über die junge Kischotta und frühere Kaputtsanierungen auf dem Wedding erfahren.

Sybillas langjährige Freundin Jutta lächelte freundlich in die Kamera, die die Frau von dem queeren Stadtmagazin mit elektronischen Klicks und Klacks aus verschiedenen Perspektiven auf sie richtete – eine schnelle Serie von Aufnahmen auf Juttas Neuköllner Balkon, dann die Fragen in Juttas Neuköllner Küche.

»Ein richtiges Büro –« Jutta lachte, wovon denn, sie wären nicht mehr als ein Kleinstunternehmen, für sie selbst wären die Narrentouren ein Hobby, Sybilla, die sich mit dem Unternehmen finanziere, müsse zusätzlich Aufträge anderer Unternehmen annehmen, Bustouren vor allem. Außerdem, aber das erwähnte Jutta nicht, fuhr sie gelegentlich Taxi.

»Ich halte Frau Kischotta den Rücken frei, das ist meine Aufgabe. Ich bin für Terminabsprachen, Buchhaltung, Unterstützung bei der Recherche, Kundenakquise und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Frau Kischotta erarbeitet die Touren und führt sie durch. Sie ist die schillernde Persönlichkeit in unserem Team.«

Innerlich schüttelte Jutta den Kopf. Sybilla hatte in ihrer Rolle als Stadtführerin bisweilen eine Art, sich in Szene zu setzen, die Jutta befremdete, mehr noch, sie hatte Touren miterlebt, auf denen sie sich für ihre Freundin und Geschäftspartnerin geschämt hatte. Aber Sybilla kam mit ihrer Art an, das musste Jutta zugeben, die Leute wollten unterhalten werden, und Sybilla verfügte neben ihrem Talent für, wenn man so wollte, ›originelle‹ Auftritte unbestreitbar über umfangreiches Wissen, das sie in ihre zugespitzte, um nicht zu sagen verengte Weltsicht einfließen ließ. »Ist Ihre Darstellung nicht etwas einseitig?«, hatte einmal eine Teilnehmerin vorsichtig eingewendet. »Mehr als das«, hatte Sybilla geantwortet. »Meine Darstellung ist einpunktig. Ich zeige die Stadt aus dem Blickwinkel des einen Punktes, der mir zusteht, von meinem Standpunkt her.« Starrsinn, sagte Jutta dazu. Sybilla nannte es Authentizität.

Na ja. Jutta fürchtete, eines Tages werde sich Sybilla doch noch um Lohn, Brot oder gar Obdach bringen mit ihrer Kompromisslosigkeit. Dabei hatte sie noch das Kind, für das sie Verantwortung trug.

Die junge Reporterin saß abwartend am Küchentisch, den Kugelschreiber gezückt, und Jutta überlegte, welches Bonbon sie dem queeren Stadtmagazin für das Porträt der lesbischen Stadtbilderklärerin Kischotta abschließend anzubieten hatte.

»Sybilla versteht sich als Narr« – ja, das war interessant.

Nein, nicht als Närrin. Die Kischotta hasse die Anhängselsprache. Zu Juttas Erleichterung hatte Sybilla irgendwann aufgegeben, die gesamte Sprache nach ihren Vorstellungen umzugestalten, weil selbst ihr die ständigen Auseinandersetzungen und Missverständnisse ihrer Sprache wegen zu viel geworden waren. Mittlerweile bestand sie nur noch bei den wesentlichen Worten in ihrem Leben, solche wie die Narr – symbolisch sozusagen – auf ihrer persönlichen Sprachidee. Sollte der Mann seine Endung dranhängen und sich zum Narrer machen, wenn ihm so sehr an Abgrenzung gelegen wäre. – »Die Narr«, erklärte Jutta, »steht außerhalb, und aus dieser Perspektive erkennt sie das Widersinnige in den Welten der Menschen.« Sybilla sei fasziniert vom Spiegel als Accessoire und Zeichen des Närrischen. Im Mittelalter, als die Welt ausschließlich als Ausdruck Gottes und göttlicher Ordnung interpretiert worden war, hatte sich der Spiegel in der Hand der Narren verwurzelt. Wer in der Welt so wie sie sich den Menschen zeigte, nicht Gott, sondern sich selbst und Menschliches erkannte, hatte außerhalb der bestehenden Ordnung gestanden. Für Sybilla bedeute Narrentum, an Stelle von Wissen den Zweifel zu wählen und das Beharren auf der eigenen, aus Lebenserfahrung erwachsenen Überzeugung. Auf ihren Touren kultiviere sie den subjektiven Blick.

Die junge queere Reporterin nickte beeindruckt.

»Vielen Dank«, sagte sie händeschüttelnd an Juttas Wohnungstür.

Jutta kannte Sybilla seit Ende der Siebziger. Sie hatten zusammen in der Wohngemeinschaft in der Kolberger Straße gewohnt, zwischen Nettelbeckplatz und Humboldthain. Damals war noch alles Altbau gewesen in der Kolberger, gemeinsame Außentoilette für vier Mietparteien, keine Dusche, das hatte ihnen nichts ausgemacht, Hauptsache billig, wobei Sybilla es als Einzige regelrecht genoss, nachts im Schlafanzug durch das Treppenhaus zu schleichen und sich in dem Abort auf dem Treppenabsatz mit einem Kriminalroman einzurichten.

»Hält fit«, kommentierte sie zufrieden die mangelhaften Waschmöglichkeiten in der Wohnung, die sie auch an müden Morgen antrieben, vor der Uni in das Stadtbad Gerichtsstraße zu spazieren, um dort ihre Bahnen zu ziehen und anschließend ausgiebig warm zu duschen.

Die ganze Kolberger war von Habenichtsen wie ihnen bevölkert gewesen: Rentner, Studentinnen, kinderreiche und ausländische Familien, das übliche Berliner Gemisch armer Leute.

Juttas Eltern hatten ihr keinen Pfennig zur Miete zugeschossen, wie auch, hatten selber nie was gehabt.

»Kannst bei uns wohnen«, sagte die Mutter, aber das konnte sie nicht, das ging wirklich nicht mehr, schon wegen dem Alten und überhaupt.

Zunächst war sie gemeinsam mit ihren Freundinnen, mit Petra und Birgit, in die billige Wohnung in der Kolberger gezogen, für das freie Zimmer hatten sie eine Anzeige im Stadtmagazin geschaltet, auf die sich Sybilla gemeldet hatte, frisch aus Westdeutschland, berlinbegeistert und auf Anhieb überzeugte Weddingerin.

Jutta und ihre Freundinnen, die in dem Bezirk großgeworden waren, warteten nur auf den Absprung in die wirklich interessanten Bezirke, Kreuzberg oder Schöneberg, wenn’s nicht anders ginge, Neukölln – sobald sich dort eine günstige Unterkunft anbot, wollten sie weg. Sie rätselten, was der heruntergekommene Wedding, in dem es, mal abgesehen vom Dralle in der Nazarethkirchstraße und der Barri in der Buttmann – bei Licht betrachtet war der Schuppen auch abgründig – und, na gut, dem Taxmoon, Schönwalder, Ecke Müller, nicht eine vernünftige Kneipe gab, der Neuberlinerin angetan haben könnte.

Vom ›Roten Wedding‹ ließ sich nicht zehren – politisch war längst nichts mehr los.

»Die Leute«, meinte Sybilla und dass Kreuzberg mit seiner Politszene ihr schon zu abgehoben sei. Im Wedding ginge es ums Reelle. Die anderen hatten ihre jungen Gesichter gefältelt.

»Wer in seiner Kindheit die Kanalratten in der Panke hat schwimmen sehen, kann dem Reellen nicht mehr viel abgewinnen«, hatte Jutta das gemeinsame Unverständnis in Worte gefasst.

Petra hatte ergänzt, die Freude an rauen, aber direkten Umgangsformen verlöre sich, wenn man sich, wie sie in ihrer Jugend, nur mit Tränengas im Anschlag durch die Straßen habe wagen können.

»Und die Familie wohnt auch hier«, hatte Birgit eingeworfen.

Familie auf dem Wedding – Sybilla war fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. »Wenn ich mir das vorstelle! Meine Mutter keult« – das Wort hatte sie neu gelernt und gern benutzt – »die Gerichtsstraße hoch zum Einkauf am Nettelbeckplatz – nee! – vorbei an dem Kerl, der Ecke Reinickendorfer im Hauseingang rumhängt, ihr wisst schon, im olligen Mantel und mit dem verfilzten Haar auf dem Kopf.«

Die anderen hatten die Achseln gezuckt, keine Ahnung, was daran komisch sein könnte. Sie hatten sich Sorgen um den Mann gemacht, gerade in diesem Winter, in dem es so kalt gewesen war und die Schneemassen vom Himmel stürzten.

»Meint ihr, sie ist kaltherzig?«, hatte Jutta zaghaft gefragt, die sich in Sybillas hageren, muskulösen Körper verschossen hatte und ungern Schlechtes von ihr angenommen hätte.

»Bloß ignorant«, behauptete Birgit. »Das ist ’ne Intellektuelle, das rieche ich. Die mussten nicht rechnen bei der zu Hause. Armut, das ist für die Lebensstil, Bohème oder so was. Dass ein Mensch in Deutschland vor Kälte und Hunger stirbt und wirklich tot ist, das begreifen die Reichen nicht.«

Ganz falsch hatte Birgit nicht gelegen, aber auch nicht ganz richtig, wie Jutta an einem Abend erfuhr, den Sybilla und sie allein in der Wohnung verbrachten. Sie kochten gemeinsam – das Übliche: Reis mit Scheiß, Erbsen und Möhren aus der Dose in die weißen Körner gekippt. Zum Essen tranken sie Aldi-Rotwein, und als Sybilla auf dem Etikett las, dass der Wein im vorvergangenen Jahr gekeltert worden war, sagte sie: »Die Trauben könnte ich geerntet haben.«

So erfuhr Jutta, dass Sybilla vor ihrem Umzug nach Berlin durch Europa gestromert war. An ihrem achtzehnten Geburtstag, dem dritten August, hatte sie ihren Rucksack gepackt, ihr Konto geplündert, auf dem sich einige hundert Mark befanden, hatte ihren Eltern mitgeteilt, sie ziehe nun fort, hatte sich auf ihr Fahrrad gesetzt und sich gen Süden aufgemacht.

»Und was haben deine Alten gesagt?« Jutta hatte sie begeistert angestarrt.

»Nicht viel. Hätte auch nichts gebracht, ich war volljährig. Meine Mutter war froh, dass ich vorher mal ’ne Klasse übersprungen hatte, da hätte ich jedenfalls ’n Schulabschluss. Das Abi hat sie gemeint – Realschulreife wär nichts gewesen. Für meine Alten sind Leute ohne Abitur keine Menschen, weißte.«

Sybilla hatte sich ein weiteres Glas Bordeaux eingeschenkt.

»Mein Vater hat gesagt: Schick mir deine Bankverbindung, ich überweis dir das Unterhaltsgeld. – Hat mich genervt, ich wollte weg von denen, unabhängig sein. Ich will nicht so werden wie die, so ein Oberkacker in diesem Schweinesystem. Ja, Scheiße, und jetzt hab ich doch angefangen zu studieren und dem Alten die Kontonummer geschickt. Hat alles nicht so geklappt, aussteigen und so. Aber studieren ist nur pro forma, weil mir grad nichts anderes einfällt. Ich werd mir noch was überlegen. Einfach mitschwimmen im Kapitalismus, das geht für mich nicht – echt nicht.«

Sybilla hatte nach dem Päckchen Schwarzer Krauser gegriffen, das vor ihr auf dem Tisch gelegen hatte und sich mit einer Hand eine Zigarette gedreht. Als sie glimmte, hatte sie die herausgefallenen Krümel mit der Hand zusammengefegt und in das offene Päckchen gewischt. Schöne lange Finger hatte Jutta gesehen und eine Bewegung wie ein Streicheln, das sie auf ihrem Rücken hätte spüren wollen oder auf ihrem Schenkel. Sie hatte die Gedanken, die sich ihr gegen ihren Willen aufdrängten, sofort harsch von sich gewiesen und nachgefragt: »Wie hast du das mit der Kohle gemacht? Lange hat die Knete von deinem Konto bestimmt nicht gereicht, oder?«

Sybilla hatte eine Schulter gehoben und den Kopf schiefgezogen – hatte süß ausgesehen.

»Na, rauchen war nicht – schon wegen der Kondition – den ganzen Tag radeln, über die Pyrenäen und so … Mit dem Essen hatte ich Glück: war grad alles reif – Äpfel in Frankreich und in Spanien Weintrauben. Echt lecker! Hin und wieder hab ich mir ’n Baguette geleistet. Und zum Schlafen hatte ich ’n Zelt dabei. Nur wild zelten mochte ich nicht, da hab ich Schiss gehabt, wegen Männern und so. Wenn es dunkel wurde, hab ich nach den Wäscheleinen geguckt, ob Frauenwäsche dranhängt. Wenn ja, bin ich hin und hab gefragt, ob ich mein Zelt im Garten aufbauen kann. Hat meistens geklappt. Die Leute waren echt hilfsbereit – Wahnsinn! In Spanien und Portugal kam das ganze Dorf zusammengelaufen, wenn ich jemand angesprochen hab. Alle haben sich gekümmert – Schlafplatz, Brot, war richtig rührend, ehrlich, das vergess ich nie …«

Jutta hatte Kischottas Augen feucht glänzen sehen und hätte gern den Arm um sie gelegt. Aber dann musste sie an Sex denken, und das war echt übergriffig, jedenfalls nicht wirklich korrekt, und so war sie an ihrem Stuhl klebengeblieben.

Die Kischotta hatte sich ein weiteres Mal nachgeschenkt und inmitten einer Wolke bläulichen Rauches in Erinnerungen geschwelgt.

»Nur mit dem Jobben, das lief überhaupt nicht, hatte ich mir viel einfacher vorgestellt. Sexjobs wurden mir angeboten, das kam für mich nicht in Frage. Ich hab mich ganz schön einsam gefühlt, den ganzen Tag auf dem Rad, alleine. Im Norden von Spanien bin ich manchmal Stunden gefahren, ohne jemand zu treffen. Und wenn ich mal wen zum Reden hatte, ging das gleich los mit amor und blabla. Übel, oder? Ich meine, ich war achtzehn, fahr da alleine rum, und denen fällt nichts anderes ein als bumsen.«

Sie stützte den Kopf mit der Rechten und schwieg, bevor sie nach einer Weile fortfuhr:

»Das Leben auf der Straße ist hart, das steht mal fest. Einmal habe ich mit zwei Tripplern auf so ’nem Spielplatz in Frankreich rumgesessen. Es war brütend heiß, aber die haben gezittert. ›Wieso zittert ihr?‹, hab ich gefragt. Na ja, die haben mich angeguckt, als wär ich ’n bisschen blöd. Bei mir ist der Groschen erst Tage später gefallen. Die waren auf Entzug, hatten kein Geld für Alk oder was sie sich sonst reingezogen haben. ›Wenn du erst mal ’ne Weile auf der Straße bist, zitterst du auch irgendwann‹, hatte der eine gesagt.

Ich hab mich wohlgefühlt mit so Typen. Die hatten nichts und niemand, wie ich … Scheiß-Kapitalismus.«

Sybilla hatte dumpf vor sich auf die Tischplatte gestarrt. Dann hatte sie laut »Scheiße« gesagt und: »Bin ich besoffen – ich muss ins Bett, Jutta, gute Nacht.«

Mit der Kolberger war es nur ein paar Jahre gutgegangen. Man hatte die Häuser verfallen lassen. Das war in West-Berlin Politik. Seit 63 waren ganze Straßenzüge zum Sanierungsgebiet erklärt worden, um das Gebiet zu entwickeln, hieß es, aber entwickelt wurde in dem folgenden Jahrzehnt gar nichts. Man ließ die Häuser stehen, wie sie waren. Die mussten erst mal so weit herunterkommen, dass die Leute freiwillig auszogen. Wenn endlich das gesamte Gebiet entmietet und vom Senat aufgekauft worden war, konnte abgerissen werden. Das dauerte. Bis es soweit war, wurden diese Sanierungsgebiete irgendwie genutzt, als Filmkulisse oder für Übungen der alliierten Besatzungstruppen, die sich auf den innerstädtischen Verteidigungskrieg gegen ›den Russen‹ vorbereiteten.

Die junge Sybilla liebte solche skurrilen Erzählungen aus der Stadtgeschichte, war fasziniert von der Nachkriegszeit. Sie liebte die Bilder von Trümmerstadt und Ruinenlandschaft. Bisweilen dachte sie, sie wäre im Überlebenskampf jener Jahre besser aufgehoben gewesen als in der satten, geordneten Gegenwart. Sie verherrlichte diese Zeit und schämte sich dafür – war doch schlimm gewesen eigentlich, der Krieg und die Zerstörungen. Trotzdem fraß sich die zerstörte Stadt als Land unendlicher Gestaltungsmöglichkeiten in ihre Bilderwelt, und sie begrüßte alles, was die gegenwärtige Ordnung ins Wanken brachte, vor allem die Kreuzberger Häuserkämpfe, die ihr als Oase der Freiheit und des Abenteuers erschienen. Sie hoffte inständig, in der Kolberger werde sich Ähnliches entwickeln.

Mit Bier in der Hand und einer qualmenden Schwarzen Krauser am Rand des Aschenbechers berichtete sie abends am Küchentisch von ihren Recherchen.

»Die Kolberger ist offiziell kein Sanierungsgebiet, aber für die Spekulanten ist das so sogar noch einfacher! In einem richtigen Sanierungsgebiet muss man nämlich die Mieter informieren, welche Baumaßnahmen geplant sind – man muss sie sogar beteiligen! Man muss Umsetzwohnungen beschaffen, Umzugskosten ersetzen und so weiter. Ist natürlich alles lästig für die Immobilienhaie. In der Kolberger ist das alles nicht nötig.«

An den Häusern war ebenso wie in den ausgewiesenen Sanierungsgebieten seit Jahrzehnten nichts gemacht worden. Das hatte sich nicht rentiert: In der Nachkriegszeit hatte die Politik wegen der Wohnungsnot niedrige Mieten durchgesetzt. Nach dem Mauerbau war die Gegend dann ab vom Schuss und verödete. Wer Geld hatte, wohnte woanders. Wozu sollten die Eigentümer bei den geringen Mieteinnahmen groß in den Erhalt des Wohnraums investieren? Eigentum verpflichtet war eine Forderung des Grundgesetzes und nicht der Realpolitik. Also kassierten sie die Miete als Reingewinn. Der soziale Wohnungsbau unterstützte nicht die Sanierung bestehender Wohnungen, sondern finanzierte den Abriss verfallener Häuser und den anschließenden Neubau. Es gründeten sich Gesellschaften, die gezielt nach maroden Häusern suchten. Je verfallener das Haus war, desto leichter waren Abrissgenehmigung und Staatsgelder zu bekommen und desto lukrativer war das Objekt.

»Je beschissener man in so einem Haus wohnt, desto teurer können sie es verkaufen!« Sybilla schnippte bitter die Asche von ihrer Zigarette.

Notfalls wurde nachgeholfen, wie bald darauf in der Kolberger 21: Der neue Eigentümer hatte den geplanten Abriss angekündigt, musste das Vorhaben jedoch wegen des guten Zustandes des Hauses zurücknehmen. Instandsetzungsarbeiten blieben dennoch aus, worauf die Mehrheit der Mieter begriff, was die Uhr geschlagen hatte und das Weite suchte. Nur zwei türkische Familien blieben zurück und wurden Zeugen jenes Tages, an dem eine Meute junger kräftiger Kerle das Haus stürmte. Die Männer rissen die Fußböden in den leerstehenden Wohnungen heraus, zertrümmerten Öfen, zerschmetterten die Fensterscheiben.

Einige Stunden nachdem der Zerstörungstrupp abgezogen war, kam die Sekretärin der Eigentumsfirma vorbei, um mitzuteilen, jetzt seien die Voraussetzungen für den Abriss gegeben. Am folgenden Morgen rückten die Bagger an.

Das war Straßengespräch in der Kolberger, und Sybilla mühte sich, Öl ins Feuer zu gießen: »Nicht nur dass die Gesellschaften die fetten Subventionen einstreichen – sie können das Projekt auch noch von der Steuer absetzen! Wenn die Stadt die ganze Kaputtsaniererei alleine durchziehen würde, ohne die Investoren, wär das billiger für die Steuerzahler.«

Trotz all dem kam es zu Sybillas Enttäuschung zu keinen nennenswerten Protesten in der Kolberger. Jutta, Birgit und Petra fanden Anschluss an die Kreuzberger Hausbesetzerszene und verließen den Wedding. Sybilla aber war geblieben.

Bei allem gerechten Zorn hatte die Zeit vor allem Spaß gemacht, dachte Jutta in ihrer Neuköllner Küche in Erinnerung an die endlosen Diskussionen, Kaffee, Flugblattaktionen und Demos. Aus der Kolberger auszuziehen war ihr schwergefallen, aber Petra und Biggi zogen mit – und mit Sybilla, das würde nichts werden, Sybilla verliebte sich in andere, in irgendwelche schwierigen Frauen, mit denen es nichts Richtiges wurde. Es hätte nur weh getan, länger auf sie zu warten.

In gewisser Weise war die Liebe geblieben, wiewohl Jutta sich Sex mit Sybilla längst nicht mehr hätte vorstellen können, das wäre zu absurd gewesen nach all den Jahren. Aber sie hatte Kontakt gehalten, vor allem sie, und später, als Sybilla Hilfe brauchte, um ihr Unternehmen mit den Stadttouren anzuschieben, war Jutta wie immer zur Stelle gewesen.

Erster Kischotta-Monolog

Habt ihr, die ihr das hier lest, euch schon gefragt, wer hier erzählt und warum? Wer maßt sich an, alles über alle zu wissen, über Martha, die Kischotta, Jutta und sogar über Margarethe Johannsen? Ich bin’s, die Kischotta, neunundvierzig Jahre alt, Stadtbilderklärerin, Narr und seit Jahren wohnhaft auf dem Wedding.

Nein, ich behaupte nicht zu wissen, wie andere die Welt erleben, nicht einmal Jutta, die ich schon so lange kenne; ich bin froh, wenn es mir gelingt, mich selbst zu begreifen. Ich halte nichts davon, anderen Menschen ihr Geheimnis zu entreißen. Es ist schöner, die Distanz zu wahren, mal bewundernd, mal verwundert, je nachdem.

Ich stelle mir nur vor, wie es wäre, in der Haut der anderen zu leben, aber letzten Endes stecke ich in meiner eigenen fest. Die anderen bleiben mir fremd, außerhalb meiner selbst, nur ein Spiegel, in dem ich mich in einem anderen Körper, einer anderen Lage, mit einer fremden Geschichte und mir fernen Zielen neu erfinde. Ich bleibe ich, müsste Gott sein, um mich selbst überschreiten zu können.

Ich zerschreibe meine Einsamkeit und versuche, aus Worten ein Zuhause zu schaffen – auf dem Wedding, im Närrischen, in der Utopie, an dem Ort, der nicht ist. Ich erfinde mir meine Geschichte jenseits fragwürdiger Objektivitäten, will, was war und was ist, verdrehen, bis es für mich Sinn ergibt und ich mich darin aufgehoben fühlen kann.

Dafür schreibe ich.

Drittes Kapitel,

in dem Martha noch nach vorne raus wohnt und Sybilla in die Martin-Opitz zieht.
Wir erfahren Verschiedenes über Sybilla als Liebende sowie über Karin und Rosa.

2001 ruhten Marthas dicke Arme noch auf dem Kissen des Fensterbretts zur Straße hin, Parterre links, Vorderhaus. Sie hatte die Straße im Blick und den Puff, der sich genau gegenüber befand – ein angenehmes Etablissement, das niemanden störte, selbst wenn gefeiert wurde, wie an diesem Tag, an dem große Torten mit Sahne den Gehweg hochgetragen wurden, so dass Martha das Wasser im Mund zusammenlief.

Viel hatte sie trotz ihrer langjährigen Beobachtungen nicht in Erfahrung bringen können über das geschäftliche Treiben, leider, denn die Jalousien waren stets heruntergelassen, nur die rote Lampe brannte verlässlich, tagsüber wie nachts.

Fünf Häuser weiter rechts der Kiosk mit dem freundlichen Herrn, der immer offen war für ein Schwätzchen und, wenn nötig, die Post für die gesamte Martin-Opitz-Straße entgegennahm und unten in seinen Regalen lagerte.

Links vom Puff der Frisiersalon, der sich in den mehr als zehn Jahren, die er existierte, in der Gegend sicher verankert hatte. Das Geschäft blühte verlässlich, obwohl es hier keine Laufkundschaft gab – eine Leistung, die sich der Persönlichkeit des Inhabers verdankte, der mit sicherer Hand, Geschmack und Fantasie frisierte und sich im Reich der Haarkunst stets auf dem Laufenden hielt. Er schuf zudem eine familiäre Atmosphäre, in der sich alle, die er mit seinem Kaffee bewirtete, sogleich wohlfühlten. Es erfüllte den Frisör mit Stolz, durch die Straßen des Viertels zu gehen, die Menschen betrachtend, auf deren Häuptern seine Werke ausgestellt waren. Er merkte sich die Kümmernisse und Freuden, die seine Kundinnen, zurückgelehnt im Frisierstuhl, unter dem Schnippeln und Zupfen seiner versierten Hände herausplauderten und erkundigte sich, wenn sie nach einigen Wochen mit verwachsenem Schnitt zurückkehrten, wie sich die Dinge entwickelt hätten.

Er selbst war in der Türkei geboren, aufgewachsen in Berlin. Das eine Land, so meinte er, seine Heimat, die, tief in seine Seele eingegraben, ihn mit Eltern und der Herkunftskultur verband, letzteres jedoch Alltag, Freunde, Geborgenheit, sein Zuhause. Er war in Sorge um seinen Sohn, den jüngeren, denn die türkischstämmigen Jungen in dieser Gegend bildeten Cliquen, die viel lauten Unsinn trieben. Diese Jugendlichen hatten vor allzu viel den Respekt verloren, oft vor sich selbst. Schlägereien und Drogen waren an der Tagesordnung. Das alles fürchtete er für seinen Sohn, wiewohl der sich bislang vernünftig verhielt, seine Schulnoten waren in Ordnung, nur wusste der Vater wenig von ihm und seinem Leben.

Der Ältere, da war er sicher, würde klarkommen, der war in geordneten Verhältnissen aufgewachsen und trug die Ordnung, die er erfahren hatte, in sich. Später erst hatte der Frisör sich von der Mutter der Kinder getrennt, als die Liebe, die er für einen anderen Mann empfand, zu mächtig geworden war, als dass er sie wie vorherige Affären neben der Ehe im Geheimen hätte leben wollen. Das lag nun mehrere Jahre zurück; einige Zeit nach der Trennung war der jüngere Sohn zu ihm gezogen, aber der Frisör arbeitete viel – da könne einem so manches entgleiten.

Martha überlegte, ob sie dem Laden demnächst wieder einen Besuch abstatten sollte – der letzte war erst drei Wochen her und ihre kurzen grauen Haare lagen gut in Form, doch sie hätte gern gewusst, wie es damals weitergegangen war mit der großen Liebe des gutaussehenden Mannes.

An der Ecke zur Uferstraße befand sich der Höhepunkt der Martin-Opitz-Straße, das Restaurant und Café Am Ufer mit einem breiten Eingang, über dessen drei Stufen eine Rampe führte, die es Rollstuhlfahrenden erleichterte, hineinzukommen. Es gab eine Spielecke für Kinder und vor allem den abgezäunten Außenbereich, wo man sommers gern saß – das zog die Leute aus dem gesamten Wedding an.

Sybilla und Karin schätzten das Lokal seit langem, nicht zuletzt der guten Küche wegen, doch davon wusste Martha nichts, da sie Sybilla erst an diesem frühen Herbsttag kennenlernen sollte.

In der Zeit, in der sie glücklich miteinander gewesen waren, waren Sybilla und Karin gern im Ufer eingekehrt, später zusammen mit der kleinen Rosa, die dort krabbelnd und patschend Gelegenheit zu neuen Bekanntschaften fand.

Das Restaurant kämpfte trotz seines guten Rufes ums Überleben. Seit Jahren hieß es, der Wedding sei im Kommen, der Wirt wartete darauf, aber der Wedding kam nicht, das war wie mit Godot. »Er wird schon kommen«, sagte der Wirt nach jedem kargen Winter. »Ein Jahr warte ich noch.«

Auf der gleichen Straßenseite, auf der Marthas Arme im Fenster lagen und daher ihren Blicken entzogen, befand sich zu der Zeit und schon seit einem Jahr eine kleine Bäckerei. Die hatte sich erstaunlich lange gehalten, und Martha war gespannt, wann die Betreiber aufgeben würden und was danach käme. Die Räumlichkeiten an der Straßenecke wechselten gewöhnlich alle Monate Besitzer und Sortiment, da war der Wurm drin, es gab alles nahebei, auch Kaiser’s und Aldi betrieben Filialen nicht weit entfernt in der Reinickendorfer.

Das war es schon mit dem Gewerbe in der Straße, die sich zwischen Panke und Schulstraße hinzog – die übrigen Ladenräume waren als Wohnraum vermietet. Das war kein einfaches Wohnen – Parterre war immer problematisch, man wurde belästigt – das ließen die Zettel erahnen, die hinter manchem der Fenster klebten: ›Klopfen lohnt nicht – wir machen nicht auf‹ und ähnliches.

Martha hatte keinen Zettel ausgehängt. Der Gang zum Türöffner störte sie nicht, doch zuvor, und darauf kam es ihr an, öffnete sie die Fensterflügel und ließ sich über das Woher und Wohin der Einlass Begehrenden umfassend informieren.

Früher war das anders gewesen mit den Läden in der Straße – das wusste Martha von der alten Frau Gruner aus dem vierten Stock links. In den fünfziger und sechziger Jahren hatte es Schlachterei und Bäckerei gegeben, da waren die Wege kurz gewesen und viel Zeit für kleine Schwätzchen. Zeit hatte Martha auch heute, mehr Zeit, als ihr recht war, aber das war ein anderes Thema.

An diesem frühherbstlichen Vormittag blieb Martha allerdings keine Muße für geruhsame Betrachtungen oder gar Langeweile. Ein Nissan Micra fuhr mit überdurchschnittlicher Geschwindigkeit vor, stoppte abrupt, um gleich darauf schnittig und rückwärts am Bordstein direkt vor Marthas Fenster anzulegen. Eine lange dünne Person stieg aus. ›Mann oder Frau?‹, rätselte Martha beim ersten Anblick, war jedoch gleich darauf überzeugt, eine Frau vor sich zu haben, kurzhaarig und mit kleinen Brüsten, so klein, dass ein BH sich erübrigte. Martha schaute genauer hin, ob sich Brustwarzen unter dem roten T-Shirt-Stoff abzeichneten, ohne Genaues erkennen zu können. Trotzdem blieb sie bei ihrer Entscheidung, schmale Schultern, die Form der Pobacken, die Haut – alles weiblich.

Die Frau umrundete mit langen Schritten den Wagen, öffnete die Beifahrertür, hob eine Kiste vom Sitz, schlug die Tür mit einer Hüftbewegung zu, strebte zur Haustür, ein knappes Nicken in Marthas Richtung, die sich vorbeugte, um die Situation im Auge zu behalten, dann stützte Sybilla die Kiste mit einem Knie, das sie gegen den Türrahmen presste, hielt sie mit einer Hand im Gleichgewicht, fummelte mit der anderen einen Schlüssel aus der Hosentasche, den sie in die Tür steckte, hinter der sie gleich darauf mitsamt der Kiste verschwand. Von hinten sah Martha einen dünnen Strang langer Haare aus dem sonst kurzgeschorenen Hinterkopf herabfallen. Es handelte sich um einen Einzug, wie es schien, aber einer, der Martha verärgerte – was war das für eine Art, so ganz alleine, wozu gab es Freunde, oder hatte diese Frau keine und wenn, warum nicht?

Als die Frau zum vierten Mal zum Auto stakte, diesmal eine Kiste von der Rückbank zog, rief Martha ihr zu, sie solle warten, löste sich leise schimpfend vom Fensterbrett und gelangte eben rechtzeitig in den Eingangsbereich, um der überraschten Sybilla in den Weg zu treten und ihr die Kiste von den Armen zu nehmen.

»Die trage ich«, erklärte Martha. »Wo sollse hin?«

»Vorderhaus, vierter Stock, aber ich schaffe das schon …«

»Ph!« Martha wandte sich ab, kehrte der Frau den Rücken zu. Vierter Stock und alleene, das Auto voll Kisten, wenn es mal bei der einen Fuhre blieb. Behäbig machte sich Martha an den Aufstieg.

Sybilla lächelte unsicher, gab jedoch bei den folgenden Begegnungen auf den Treppenabsätzen stets widerspruchslos ihre Kiste aus der Hand, sobald Martha ihr grimmigen Gesichtes mit leeren ausgestreckten Armen entgegenstieg. Mit gutem Recht fürchtete die Kischotta, widrigenfalls in eine längerwährende Auseinandersetzung hineingezogen zu werden. Martha schleppte ihre Beute die verbliebenen Treppenstufen aufwärts und wuchtete diese, da sie zu ihrem Bedauern keinen Schlüssel zu Sybillas Wohnung besaß, vor der Tür auf den allmählich wachsenden Stapel.

Sie brauchten anderthalb Stunden, bis Sybilla mit den Worten: »Das ist die letzte«, ihre Kiste festhielt und zügig weitergehen wollte, dann aber, von Marthas Stimme am Schlafittchen gepackt, innehalten musste.

»Räumense mal ein bisschen, aber dann kommense zum Kaffeetrinken vorbei. Ich habe Apfelkuchen gebacken.«

Etwas in der Art hatte Sybilla von Anfang an befürchtet. Sie brummelte etwas von ›erst mal in Ruhe ankommen‹ und ›Auto wegbringen müssen‹, aber damit kam sie nicht durch.

»Das hab ich mir gedacht«, murrte Martha, »dass Sie zu fein sind für gewöhnliche Leute. Denn lieber allet alleene machen, wa? Aber nu hab ich mitgemacht und Sie haben ’ne Stunde gespart, mindestens, also sitzen Sie die bei mir ab und essen meinen Kuchen, wie sich dit jehört.«

Obwohl Martha meist direkt und durchsetzungsfähig war, war die Nachdrücklichkeit, mit der sie ihre Einladung aussprach, doch ungewöhnlich. Es lag wohl daran, dass die Kischotta und ihr einsamer Einzug trotz allen Ärgers an ihrem weiten Herzen gerüttelt hatten, so dass jene, ohne es selbst im Geringsten gewollt zu haben, eingelassen und sicher darin aufgenommen worden war.

Dieser Beginn ihrer guten Nachbarschaft und späteren Freundschaft blieb Martha lebendig im Gedächtnis und war für sie stete Erinnerung dessen, was die Kischotta für sie verkörperte, und wenn diese, was öfter vorkam, mit großen fahrigen Bewegungen die Vision eines solidarischen Zusammenlebens herbeiredete, bedachte Martha sie mit spöttischen Blicken:

»Wer Menschen nicht braucht, liebtse nich. Einzug alleene, also so was.«

An demselben Herbsttag, um dieselbe Zeit saß Karin, die ehemalige und langjährige Geliebte, erste und einzige ernstzunehmende Beziehung der Kischotta, auf dem braunen Holzstuhl, den die Kischotta noch aus der Kolberger Zeit behalten hatte, und starrte auf die beiden leergeräumten Bücherschränke, in denen selbst die Regalbretter fehlten.

Leichtes Holz, sperrig, aber nicht schwer – Sybilla konnte all ihre Möbel ohne Hilfe anderer transportieren, darauf hatte sie bei der Anschaffung geachtet. Mit den Schränken und dem Stuhl war Sybillas Matratze in Karins Wohnung verblieben – sie lehnte wartend im Flur an der Wand. Sybilla hatte darauf geschlafen, wann immer es ihr unmöglich erschienen war, die Nacht neben Karin zu verbringen, und das war in den vergangenen Monaten häufig der Fall gewesen. All dies hatte nicht mehr in Juttas Micra gepasst. Die Kischotta würde die Sachen in den nächsten Tagen abholen, sie zu Fuß in die neue Wohnung tragen, war ja nicht weit, sicher nicht mehr als fünfhundert Meter die Panke entlang, aber doch eine Welt entfernt von dem gemeinsamen Leben mit Karin.

Karin überlegte, dass Sybilla diese Nacht auf der Isomatte und im Schlafsack übernachten und trotzdem wohl ruhiger einschlafen würde als in der Wohnung, die bis zum Vortag ihrer beider und Rosas Zuhause gewesen war.

»Billa ist weg?«, fragte Rosa.

»Ja.« Karin warf dem kleinen Mädchen einen wütenden Blick zu. Rosa, die nichts begriff, das Unschuldslamm, dabei hatten die Streitereien und dass Karin und Sybilla sich fremd geworden waren, zum Großteil an dem Kind gelegen. Nun war Rosa konkurrenzlos die wichtigste Person in Karins Leben, das Größte außerdem, was ihr aus den gemeinsamen Jahren mit Sybilla blieb und, dessen war Karin sich sicher, ein Unterpfand dafür, dass die Verbindung zu ihrer verlorenen Liebe nicht reißen würde.