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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Manuela Kuck

Ariane

Roman

K+S digital

Für Nanouk

1

Am Morgen des dritten Tages meines Aufenthaltes begegnete ich ihr zum ersten Mal, ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, dass es sich bei der alten Frau um Adele handelte. Sie erinnerte mich an eine verhärmte Bäuerin aus Südeuropa, wie sie mit langsamen, schaukelnden Bewegungen den Nebenweg der Laubenkolonie entlanggeschlurft kam – eine Harke geschultert –, und als sie an meinem Garten vorbeiging, schoss mir durch den Kopf, dass ich nicht so aussehen wollte, wenn ich alt war – so müde und freudlos. Am Abend, als ich gerade im Begriff war, zu einer Fahrradtour aufzubrechen, sah ich sie wieder. Einen Einkaufskorb in die Armbeuge geklemmt, kam sie in Begleitung eines jungen rotbärtigen Mannes in kurzen Latzhosen um die Ecke. Als der Name Adele fiel, horchte ich auf. Ich stieg von meinem Rad und richtete den Sattel, obwohl er tadellos eingestellt war, während ich die beiden vorsichtig und mit beschleunigtem Puls im Blick behielt. Wenig später beendeten sie ihr Gespräch und verabschiedeten sich mit kurzem Gruß voneinander. Der Mann schlenderte den Weg hinunter, Adele verschwand in ihrer Laube, und ich hatte lediglich in Bruchstücken mitbekommen, dass es um die längst geplante und kurz bevorstehende Räumung der Kolonie gegangen war. Mal wieder. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr langsam in Richtung Treptower Park.

Es gab kaum ein anderes Thema, das die Gemüter der Laubenpieper so erhitzte wie der Abriss ihrer Anlage – zu Gunsten eines Autobahnzubringers sollten die Kleingärten weichen. Die grüne, seit Jahrzehnten gepflegte Idylle hatte den Kampf gegen die Lobby der Autofahrer verloren, die es für wichtiger erachteten, eine weitere Straße zu bauen. Als gäbe es davon mitten in Neukölln nicht schon genug. Manche Kleingärtner, wie auch Adele, lebten bis auf wenige Wochen das ganze Jahr über in ihren Lauben, die liebevoll herausgeputzt waren. Miniatureigenheime. Nun waren bereits viele Lauben verwaist, Gärten verwahrlosten zunehmend und machten einen trostlosen Eindruck. Nur eine eingeschworene Restgemeinde harrte weiterhin tapfer aus, betrachtete ihre Pachtverträge als nicht aufgelöst und widerstand trotzig behördlichen Maßnahmen. Dass Adele zu ihnen gehörte, wunderte mich kaum, obwohl ich sie doch noch gar nicht kannte.

Ich hatte per Zeitungsanzeige für einige Wochen eine Laube in der Kolonie gesucht und war schnell fündig geworden. Ein Pächter, dessen Vertrag zum Herbst gekündigt worden war, nutzte nur zu gern die Möglichkeit, ein paar Euro zu verdienen. Darum fragte er auch gar nicht lange nach, was ich in dieser sich auflösenden Gemeinschaft eigentlich vorhatte oder zu finden hoffte. Eine einleuchtende Erklärung hätte ich ihm ohnehin kaum geben können. Wahrscheinlich hielt er mich für eine abgedrehte Karrierefrau, die bereits an jedem Urlaubsziel der Welt gewesen war und nun aus lauter Überdruss mal etwas ganz Schräges, »Volkstümliches« ausprobieren wollte. Weit gefehlt, obwohl die abgedrehte Karrierefrau für sich genommen keine schlechte Beschreibung war.

Karrieremachen war zwanzig Jahre mein vorrangiges Ziel gewesen, und mir war vieles gelungen, wovon andere, die genauso hart arbeiteten wie ich, vergeblich träumten. Mit Ende Dreißig war ich Leiterin der Marketingabteilung eines großen Sportartikelherstellers geworden. Mein Schwerpunkt waren Inlineskates, und wenn ich nicht gerade welche verkaufte, mich mit neuen Entwicklungen beschäftigte, in endlosen Besprechungen saß oder über Verkaufszahlen und Präsentationen brütete, trainierte ich für anstehende Marathons, genoss das Leben, verführte Frauen, enttäuschte Frauen – eine von ihnen hatte ich in den letzten Monaten zutiefst verletzt.

Als ich Paula kennenlernte, wurde vieles anders, nicht nur bei mir, auch bei ihr. Sie ließ es zu, dass die Liebesbeziehung zu ihrer Freundin Rieke zerbrach, und aus einer leidenschaftlichen Affäre begann sich vor knapp zwei Jahren eine ernsthafte Beziehung zu entwickeln, in der auch schmerzhafte Themen auf den Tisch kamen, was für mich eine ganz neue Erfahrung war – eine Beziehung, in der mehr Zweisamkeit möglich und nötig war, als wir wohl beide angenommen hatten. Aus zwei stets auf Unabhängigkeit und Freiheit bedachten Frauen entstand ein Paar, und das war ein gutes Gefühl. Ich scheute mich nicht, sogar den abgedroschenen Begriff vom Traumpaar in den Mund zu nehmen und rief damit bei all den Menschen, die mich schon eine Weile länger kannten, Verblüffung, wenn nicht Skepsis hervor. Kaum zu glauben, dass ich erst vor einigen Monaten die vollmundige Feststellung getroffen hatte, mein Leben verliefe genau so, wie ich es mir wohl insgeheim immer erhofft hatte, und nun könnte mich nichts mehr aus der Bahn werfen, wirklich gar nichts. Alles schien angelegt auf mindestens hundert Jahre Sorglosigkeit, Zufriedenheit, ja Glück. Und nicht nur das – ich war davon überzeugt, dass ich genau das verdient hatte.

Es gab keinen Einbruch, der meine Welt von einem Tag auf den anderen auf den Kopf stellte, keine Kluft, die sich plötzlich vor mir auftat und mich vor unlösbare Probleme stellte. Nein, ein bedauernswerter Zwischenfall war der Auslöser einer Katastrophe gewesen, deren Ende ich noch nicht absehen konnte und deren einzelne Aspekte mich rückblickend in ihrer unerbittlichen Folgerichtigkeit zutiefst erschreckten. Immer wieder. Und die einzige Chance, die Geschehnisse zu einem wie auch immer gearteten Abschluss zu bringen, bestand darin, mit Adele zu sprechen. Davon war ich zumindest überzeugt.

Ich kannte die alte Frau nicht, und ich wusste nichts von ihr, außer dass sie die Großmutter von Lena war und den überwiegenden Teil der vergangenen Jahrzehnte in ihrer Laube verbracht hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie auf das reagieren würde, was ich ihr zu sagen hatte. Ich war lediglich davon überzeugt, dass ich auf sie zugehen und beichten musste. Beichten – ein großes Wort. Es war angemessen. Ich hatte beruflich und privat eine Auszeit genommen, um genau das zu tun.

In einem anderen Leben hätte ich die Vorstellung, für einige Wochen oder auch nur Tage in einer Laube zu wohnen und mich unter das Kleingärtnervolk zu mischen, für völlig absurd gehalten. Wahrscheinlich hätte ich mich sogar ausgeschüttet vor Lachen. Diese Art von Kultur hatte ich immer mit einer gewissen Arroganz betrachtet, stellte sie doch für mich die Spitze kleinbürgerlicher Verschrobenheit dar, die mit mir nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte. Schon Einladungen zu Grillabenden vor dem lauschigen Hintergrund einer selbstgezimmerten Laube und eigenhändig gezüchteten Tomaten hatte ich stets mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Lächeln ausgeschlagen. Die Grenze des Zumutbaren war für mich deutlich überschritten, wenn Gartenenthusiasten mit zipfelmützigen Plastikzwergen an niedlichen Teichanlagen possierliche Szenen ihres Familienlebens nachstellten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass derlei Beschäftigungen einem halbwegs gesunden Verstand entsprangen. So meine hochmütige Meinung, und ich änderte sie nur, weil sich alles geändert hatte und ich feststellen musste, dass es niemanden gab, auf den ich meinte herabblicken zu können.

Nach gut zwei Stunden kehrte ich von meinem Ausflug zurück. Im Gepäck hatte ich einen Döner, Salat und eine Packung Kekse. Der Gasofen in meiner Laube funktionierte ganz gut, wie ich festgestellt hatte, aber ich war zu faul und zu müde, um mich an diesem Tag noch als Köchin zu betätigen. Da ich nicht im Training war und Ernährungssünden eines meiner geringsten Probleme darstellten, aß ich zwar nicht genüsslich, aber hungrig. An den letzten beiden Abenden hatte ich stundenlang wachgelegen und Zwiegespräche geführt – mit Paula, Adele und mir selbst –, bevor ich eingeschlafen war, und ich hoffte, dass mir die körperliche Erschöpfung in dieser Nacht schneller in den Schlaf helfen würde.

Die Abmessungen meiner Hütte waren für Laubenpieper-Verhältnisse recht großzügig – nahezu zwanzig Quadratmeter, auf denen Koch- und Schlafecke, ein paar Schränke und Stühle sowie ein ausziehbarer Tisch untergebracht waren –, im Vergleich zu meinen Wohnverhältnissen jedoch mehr als bescheiden. Dennoch hatte ich zu meinem Erstaunen alles unterbringen können, was ich für einige Wochen benötigte, und konnte, wenn mir danach war, sogar fernsehen. Die Fenster waren mit halblangen bunten Gardinen versehen, der Holzboden machte einen robusten Eindruck, und an der äußeren Rückwand der Laube gab es sogar eine Toilette und eine Dusche – natürlich nur mit kaltem Wasser.

Der Garten selbst entsprach dem üblichen Standard: überdachte Terrasse, Grill, einige schattenspendende Obstbäume, säuberlich gestutzte Büsche und schnurgerade Beete, in denen glücklicherweise keine Gartenzwerge ihr Unwesen trieben. Direkte Nachbarinnen oder Nachbarn hatte ich nicht mehr, was ich sehr begrüßte. Die wenigen Laubenpieper, denen ich begegnete, musterten mich entweder misstrauisch oder beachteten mich gar nicht. Sie hatten andere Sorgen. Garantiert nicht meine.

Drei, vier Wochen, meinen restlichen Jahresurlaub, hatte ich veranschlagt, um mich bei Adele vorzutasten; vielleicht brauchte ich länger, vielleicht gelang es mir schon nach einer Woche, ihr näherzukommen und ein wie auch immer geartetes Verhältnis aufzubauen. Vielleicht würde es mir nie gelingen. Aber darüber wollte ich erst gar nicht nachdenken.

Ich war gerade im Begriff das Licht auszuschalten, als mein Handy ertönte. Paula. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

»Hallo«, sagte ich leise.

»Selber hallo«, gab sie zurück.

Wir hatten vereinbart, alle zwei, drei Tage zu telefonieren. Mein ursprünglicher Vorschlag hatte gelautet, lediglich einmal in der Woche miteinander zu reden, worauf Paula mir empört einen Vogel gezeigt hatte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich jeden Tag zumindest ein kleines Lebenszeichen von mir geben müssen.

»Das bist du mir schuldig«, hatte sie – völlig zu Recht natürlich – gesagt. Dennoch – ich brauchte den Abstand, so sehr er mich selbst schmerzte, und schließlich waren wir bei diesem Kompromiss gelandet. Es war sonst nicht Paulas Art, Nähe und Kontakt einzufordern, schon gar nicht mit solch sprechenden Augen, und allein daran erkannte ich, dass sie Angst hatte – ohne genau zu wissen wovor. Ich hätte auch nicht in ihrer Haut stecken mögen.

»Hast du schon geschlafen?« fragte sie nach einem Moment, in dem sie wahrscheinlich versucht hatte, meine Stimmungslage auszuloten.

»Nein, noch nicht.«

Erneute Pause. Meine Güte, was sollte ich ihr sagen?

»Und du willst mir wirklich nicht erzählen, was los ist und wo du bist?« fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang unsicher. Sie versuchte, beherrscht zu wirken, aber es gelang ihr nicht. »Es ist doch einfach albern …«

»Wahrscheinlich«, gab ich rasch zu. »Aber das haben wir alles schon durchgekaut, und nicht nur einmal. Ich brauche diese Zeit jetzt für mich, und das Ganze hat rein gar nichts mit uns beiden zu tun. Das musst du mir glauben.«

»Dazu bin ich ja auch bereit. Nur – warum kannst du dann nicht mit mir reden? Wozu diese fast wortlose Flucht, wenn nicht ich der Auslöser bin? Wenn sie nichts mit uns zu tun hat?« Sie blieb hartnäckig. »Ich kapiere das nicht, Ariane, und ich werde es auch nicht kapieren. Das liegt aber nicht an meiner Begriffsstutzigkeit, denn durchgekaut, wie du es nennst, haben wir im Grunde nur, dass du es für notwendig hältst, ohne Erklärungen ein paar Wochen zu verschwinden. Kurzum: Ich weiß nicht, warum du wo bist … Und das ist schwer zu ertragen«, fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

Ich lächelte, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab. Wahrscheinlich hätte ich sonst geheult. »Später, Paula, ich erzähle es dir später. Versprochen.« Vielleicht verlässt du mich dann, fügte ich still hinzu. Ich könnte es verstehen. »Erzähl lieber von dir, bitte! Wie läuft das Werbegeschäft? Was macht dein Chef?« Was ist los im ganz normalen Leben, wie wir es vor nicht allzu langer Zeit geführt haben?

Paula arbeitete in einer Werbeagentur – wir hatten uns kennengelernt, als ich für meine Firma eine neue Kampagne für Inliners in Auftrag gab. Bis Paulas Agentur den Zuschlag bekommen hatte, war es einige Monate in jeder Hinsicht heiß zwischen uns hergegangen. Ich hatte jede Minute genossen.

»Ich bin nicht sehr konzentriert bei der Sache«, antwortete sie. »Aber lassen wir das.«

Ich sah sie förmlich vor mir – wie sie sich über das kurze Haar strich, für einen Moment die Augen schloss. Ich wünschte, ich könnte bei ihr sein, sie umarmen und küssen, aber zugleich wusste ich, dass ich unser Zusammensein nicht genießen würde. Und sie auch nicht.

»Ja, lassen wir das«, stimmte ich ihr zu.

Die Frage, ob sie wenigstens vernünftig aß, lag mir plötzlich auf der Zunge, aber ich schluckte sie hinunter. Wir hatten vereinbart, dass es ihre Angelegenheit war, wie sie mit ihrer Eßstörung umging – so lange sie ungefähr ihr Gewicht hielt. Das konnte ich jedoch nur einschätzen, wenn ich sie sah. Dann komm doch und sieh mich an, würde sie vielleicht antworten. Außerdem war dieses Thema sicherlich das letzte, worüber Paula im Moment mit mir reden wollte.

»Was macht Rieke? Hast du sie besucht?« fragte ich weiter. Es klang nicht wirklich interessiert, und ich hoffte, dass Paula darüber hinweghören würde.

Ich hatte Rieke schon vor einiger Zeit persönlich kennengelernt – sie und ihre Freundin Toni, die auch die Idee gehabt hatte, dass wir uns mal an einen Tisch setzen sollten, und beide sympathisch gefunden. Der gemeinsame Abend bei Rieke im Bistro war mir in angenehmer Erinnerung, nicht zuletzt weil Rieke eine begabte Köchin und Bäckerin war, was sie mit diversen Leckereien eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Allerdings war unübersehbar gewesen, dass Toni und ich mit der Viererkonstellation am leichtesten zurechtgekommen waren und beherzt zugegriffen hatten, während Paula und Rieke ziemlich gehemmt gewesen waren und nicht den allergrößten Appetit entwickelt hatten – was Paula vehement abstritt, als ich sie hinterher darauf ansprach. Daraufhin hatte ich meine Meinung, dass das Ende ihrer beider Beziehung noch nicht ganz verdaut war, zunächst einmal lieber für mich behalten.

»Nein, wir haben noch keinen Termin gefunden«, entgegnete Paula. »Aber ich werde sie morgen noch mal anrufen.«

»Sprich mit ihr, wenn es dir guttut.«

»Zu gütig von dir.«

Ich schloss kurz die Augen und schaffte es, die Bemerkung unkommentiert zu lassen.

»Lass uns das Gespräch beenden«, sagte ich schließlich.

»Das Gespräch? Was für ein Gespräch?«

»Paula …«

»Schon gut, vergiss es.«

Ich strich mir durch die Haare.

»Wie lange, Ariane – wie lange wird das dauern, was du eine Auszeit nennst?« fragte sie plötzlich in heftigem Ton.

»Wenn ich es wüsste, hätte ich es dir längst gesagt.«

»Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ich finde die Situation unerträglich.«

»Ich auch, Liebes. Ich auch.«

»Verdammt …«

»Schlaf trotzdem gut.«

Ich unterbrach die Verbindung, ohne Paulas Erwiderung abzuwarten, und schaltete das Handy aus. Einen Moment später löschte ich das Licht. Ich starrte in die Dunkelheit und wartete auf den Schlaf, der mich von quälenden Fragen erlösen sollte. So hoffte ich.

2

In den nächsten zwei Tagen sah ich Adele gar nicht, egal zu welcher Uhrzeit ich »rein zufällig« an ihrem Garten vorbeischlenderte. Die Läden ihrer Laube waren geschlossen, und außer einigen Vögeln, die sich an ihrem Teich niedergelassen hatten, regte sich kaum etwas. Ich war so angespannt und ruhelos, dass ich schließlich sogar begann, in meinem Garten den Rasen zu mähen und Unkraut zu jäten. Ich hatte noch ungefähr in Erinnerung, wie das ging, obwohl es Jahre, Jahrzehnte her war, dass ich meiner Mutter in unserem Garten hatte helfen müssen. Meine Güte, wie verhasst mir das gewesen war – mich neben meiner ungeduldigen, hochroten Mutter durch die Beete arbeiten zu müssen. Im Gegensatz zu meiner jüngeren Schwester Veronika hatte ich beim Aufspüren unerwünschter Pflänzchen nicht sonderlich viel Begabung erkennen lassen. Natürlich nicht. Meine zarte, mädchenhafte Schwester war schon immer Mamas Liebling gewesen, während ich als störrischer Raufbold und Hitzkopf gegolten hatte. Es lag noch gar nicht allzu lange zurück, dass Veronika und ich an einem langen Winterabend zum ersten Mal ausführlich darüber gesprochen hatten. Ich war erstaunt gewesen, wie wichtig ihr unsere Beziehung war, während ich alle familiären Kontakte auf ein Minimum beschränkt hatte – aus guten Gründen, wie ich meinte. Vielleicht hätte ich seinerzeit ernsthafter über all das nachdenken sollen, statt anzunehmen, alles sei geklärt und damit erledigt. Welch ein Irrtum.

Ich scheuchte eine Fliege beiseite und damit auch die Gedanken, die mich von allen Seiten bedrängten, und richtete mich auf. Mein Rücken schmerzte von der ungewohnten Arbeit. Ich stützte mich auf die Hacke. Jahrzehntelanges hartes Sporttraining schützte mich nicht davor, nach zwei Stunden Gartenarbeit mit krummem Rücken dazustehen und zu stöhnen. Meine Mutter hätte mich ausgelacht.

Am nächsten Morgen ließ mich der Muskelkater völlig rückenlahm durch die Laube schleichen. Nach einigen Dehnübungen und zwei Tassen Kaffee war ich entspannter und begann den Garten mit Hilfe einer Gießkanne zu bewässern, die ich von Beet zu Beet schleppte. Eine mühselige Arbeit, bei der ich sofort in Schweiß ausbrach. Ein seltsames Geräusch ließ mich hochschauen. Eine Frau stand am Zaun und lachte über die Pforte hinweg ein rauhes Lachen, bei dem sie ihr lückenhaftes Gebiss präsentierte. Adele. Ich setzte die Gießkanne ab und sah sie an. Unzählige Falten waren in ihr wettergegerbtes Gesicht gegraben, in dem sich eine gewisse Schadenfreude breitgemacht hatte.

»Guten Morgen«, sagte ich. Meine Stimme war klein. Fremd.

Sie nickte mir weiterhin grinsend zu. »Was machst du denn da?« Adele gehörte zu den Menschen, die andere umstandslos duzten, ob denen das behagte oder nicht.

»Ich gieße«, gab ich zurück.

Sie schüttelte den Kopf und warf mir einen Blick zu, als hielte sie mich für selten dämlich. »Ach, ja? Nun, das kann ich gerade noch so erkennen. Manfred hat doch einen Sprenger. Warum schleppst du dich so ab?«

»Einen Rasensprenger? Ach …«

»Ja – ach!«

Sie äffte mich nach, und zwar mit großem Vergnügen. Wenn meine Sekretärin Maren mich in dieser Situation beobachtet hätte, wäre sie wahrscheinlich aus dem Staunen nicht herausgekommen – gelinde formuliert. Ihre stets wortgewandte, selbstsichere Chefin stand mit hängenden Schultern da und ließ sich von einer Laubenpieperin anblaffen und auslachen.

»Ich kenne mich hier noch nicht so aus«, entgegnete ich in rechtfertigendem Ton.

»Komisch, das hab ich auch schon gemerkt. Ich bin Adele. Was machst du hier überhaupt? Hat der Manfred dir etwa seinen Garten angedreht? Wenn ja, hast du kein gutes Geschäft gemacht, sondern die Katze im Sack gekauft.«

»Ich bin Ariane.« Du liebe Güte, dachte ich, wenn sie wüsste, dass ich nur ihretwegen hier bin … Ich setzte ein Lächeln auf und wies auf den Garten hinter mir. »Ich habe mich nur für ein paar Wochen hier eingemietet, weil ich noch nie in einer Laube gewohnt oder mich um Pflanzen gekümmert habe …«

»Nicht doch.«

Ich nickte ihr zu, als wäre mir ihr ironischer Ton entgangen. Innerlich biss ich die Zähne zusammen. »Erfahrungen sammeln sozusagen.«

»Ach du Schreck, was ist denn das für ein neumodischer Quatsch?« kommentierte sie gnadenlos. »Du wirst dir den Rücken verrenken, dir einen Sonnenbrand holen, und der Garten hat auch nichts davon. Aber ist ja sowieso bald alles vorbei. Oder bleibst du hier, auch wenn es ernst wird?« Sie schüttelte den Kopf. »Nee, was frage ich denn? Du willst ja nur ein paar Wochen bleiben. Urlaub machen.«

»Mögen Sie vielleicht einen Kaffee?« wagte ich den direkten Vorstoß. »Ich habe gerade welchen aufgebrüht.«

»Nee, ich hab’s eilig heute. Außerdem – lass das vornehme Gesieze. Ist nicht üblich hier, und ich kann’s nicht ausstehen.« Damit drehte sie sich um und schlurfte davon.

Ich blieb noch einen Moment wie betäubt stehen, bevor ich mich auf die Suche nach Manfreds Sprenger machte, der, wie es sich gehörte, im Geräteschuppen untergebracht war und mir die Arbeit erheblich erleichterte – nachdem ich begriffen hatte, wie er funktionierte.

Die Enttäuschung lag mir stundenlang bleischwer auf der Seele. Offensichtlich hatte ich, ohne es zu merken, Erwartungen gehegt, die kaum ansatzweise mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Ich war zwar davon ausgegangen, dass Adele eine einfache und ungebildete Frau war, aber ich hatte nicht mit ihrer unverblümten Art gerechnet, und schon gar nicht war ich darauf vorbereitet gewesen, dass ich sie auf den ersten Blick unsympathisch finden könnte. Das passte einfach nicht in meine Vorstellung. Ich hatte sie gefälligst zu mögen, alles andere war unangemessen. Es stand mir nicht zu, sie abzulehnen.

Was für ein Blödsinn, fuhr es mir einen Augenblick später durch den Kopf. Ich musste die Aufmerksamkeit einer Frau gewinnen, die ich zumindest nach dem ersten Gespräch nicht mochte. Die sich lustig über mich machte und mich wahrscheinlich für eine Exotin hielt, die nicht hierhergehörte.

Ich hatte Lena auch nicht gemocht.

Als ich am nächsten Abend mein Fahrrad vor der Pforte anschloss, tauchte Adele auf.

»Es ist ein bisschen spät für Kaffee«, sagte sie, als hätten wir unser letztes Gespräch gar nicht unterbrochen. »Aber wir könnten hiervon einen Schluck nehmen.« Sie hielt eine Flasche hoch und schwenkte sie. »Selbstgebrannter Mirabellenschnaps.« Ihre Stimme klang stolz. »Dagegen ist alles, was du im Supermarkt findest, fader Fruchtfusel.«

»Ach, ja?«

Sie nickte eifrig und grinste mich an. »Der hat einige Umdrehungen. Wenn man’s nicht gewöhnt ist, knallt der ganz schön rein, und zwar ruckzuck.«

Sie kicherte, während mir zwei Dinge gleichzeitig klar wurden – ich durfte dieses Angebot auf keinen Fall ablehnen, und ich würde mir einen fürchterlichen Kater einhandeln, denn Schnaps, wie Adele ihn anpries, gehörte eindeutig nicht zu meiner Welt. Ein, zwei Gläser Wein oder Prosecco vertrug ich sehr gut und den einen oder anderen Longdrink auch, aber Schnaps? Noch dazu selbstgebrannter? Mir schwante Übles.

»Klingt gut«, sagte ich und versuchte, erfreut zu klingen, während ich die Pforte öffnete, um Adele eintreten zu lassen. »Bleiben wir draußen sitzen?«

»Na, was denn sonst? Dazu hat man doch einen Garten«, erwiderte sie und sah mich einen Moment scharf an.

Dann stiefelte sie zur Veranda und zog sich einen Stuhl heran. Offensichtlich war sie schon häufiger hiergewesen. In ihrer grünen Arbeitshose und den erdverkrusteten Gummistiefeln wirkte sie tatendurstig und aufgeräumt – die matte Freudlosigkeit, die ich vor einigen Tagen bei ihr bemerkt hatte, war wie weggeblasen. Aber vielleicht hatte ich ja auch nur meine eigene Stimmung auf sie übertragen.

»Ich hole Gläser«, erklärte ich eilig.

»Kann nicht schaden.«

Außerdem brachte ich Brot, Käse und Schinken mit, denn auf leeren Magen würde mir der Schnaps innerhalb weniger Minuten den Garaus machen.

»He, lass gut sein, ich hab schon gegessen«, sagte sie und schenkte sofort ein.

»Aber ich nicht.«

Sie hob ihr Glas und prostete mir zu. Dann warf sie den Kopf nach hinten und kippte sich den Schnaps schwungvoll hinter die Binde. Wohliges Schütteln und Schmatzen vollendeten die erste Runde. Sie schob das andere Glas breit lächelnd in meine Richtung.

»Nun los, rein damit. Den einen schaffst du auch vor dem Essen«, erklärte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

»Aber …«

»Mein Gott, zier dich nicht! So was Gutes kriegst du nicht in der Stadt, das versprech ich dir.«

Ich nippte vorsichtig. Ein leichtes Brennen erwärmte meinen Gaumen, zugleich schmeckte ich süße Schärfe. Oder scharfe Süße. Ich nahm einen etwas größeren Schluck und sah Adele verblüfft an. »Das hatte ich mir weitaus schlimmer vorgestellt.« Das war schamlos untertrieben – das Zeug schmeckte hervorragend.

Sie lachte ihr Zahnlückenlachen und nahm sich ein Stück Käse. »Ich mache den besten Mirabellenschnaps hier in der Kolonie – frag, wen du willst. Du kannst eine ganze Flasche trinken und immer noch Polka tanzen.«

Das war natürlich ein Argument, seufzte ich im stillen.

»Und am nächsten Morgen?« fragte ich, während Adele nachschenkte und ich ein Brot dick mit Käse und Schinken belegte. »Kann man da immer noch Polka tanzen?«

»Wenn man Glück hat, schläft man einfach ein paar Stunden länger und braucht dann ein kräftiges, gutgewürztes Frühstück«, erläuterte sie die Nachwehen ihres Gebräus.

»Und wenn man kein Glück hat?«

Adele leerte ihr Glas erneut mit einem Ruck. »Ist man immer noch besoffen.«

»Das klingt ja direkt beruhigend.«

Drei Schnäpse später hatte ich mich deutlich entspannt, und Adele erschien mir von Minute zu Minute witziger und sympathischer, während sie von rauschenden Festen in ihrem Garten erzählte – von Tomaten-Willi, der das beste Gemüse anbaute, aber keinen Alkohol vertrug, und von Flieder-Emma, bei der es himmlisch duftete und die immer fremdging, wenn sie angetütert war, sich am nächsten Morgen jedoch an nichts mehr erinnern konnte – angeblich jedenfalls. Ich ließ mich von Adeles Geschichten erheitern und einlullen und genoss die Leichtigkeit dieses schnapsseligen Abends, die mich fast vergessen ließ, warum ich mit Adele zusammensaß. Nach sechs Schnäpsen klappte die Koordination einzelner Körperteile nicht mehr hundertprozentig, und darüber hinaus hatte ich das seltsame Gefühl, dass meine Zunge allmählich verlernte, die Signale, die mein Kopf ihr sandte, in Sprache umzusetzen, während Adele taufrisch wirkte und sich mit behaglichem Seufzen einen Zigarillo anzündete.

»Und was machst du so?« fragte sie schließlich, nachdem sie mich ausschweifend ins Bild gesetzt hatte, was das Leben in der Kolonie ausmachte, und paffte mir den Rauch direkt ins Gesicht. »Wenn du dich nicht gerade als Laubenpieperin versuchst.«

Sie glaubt mir nicht, dachte ich – besser gesagt: Ein vernebelter Gedanke, der diesem Satz nahe kam, schlingerte träge wabernd vor meinem inneren Auge auf mich zu, nachdem ich ihn lange genug angestarrt hatte.

»Ich arbeite in einer Sportartikelfirma«, erklärte ich wahrheitsgemäß und jede einzelne Silbe sorgfältig artikulierend.

»Aha.«

»Wir bauen Rennräder und Inlineskates.«

Sie sah mich schweigend an. Ich gab den Blick zurück und dachte nach. Konnte es sein, dass sie nicht wusste, was Inliners waren? Oder sprach ich schon so undeutlich?

»Schuhe auf Rollen«, fügte ich mühsam hinzu und trank den nächsten Schnaps in der gleichen schwungvollen Art wie Adele. So schlecht war die Methode gar nicht.

»Sag doch gleich Rollschuhe.«

Einen Moment lang prüfte ich diesen Vorschlag.

»Nee, das stimmt so nicht«, sagte ich dann gedehnt und lehnte mich im Gartenstuhl zurück. »Rollschuhe haben vorne und hinten jeweils zwei Rollen nebeneinander. Bei den Inliners sind vier oder fünf Rollen hintereinander angeordnet. Und der Schuh sieht aus wie ein Eishockey- oder Skischuh. Man fährt richtige Rennen damit – Marathon zum Beispiel.« Das war eine langatmige Erklärung gewesen, und ich war glücklich, dass ich sie ohne zu stolpern herausgebracht hatte.

Adele schüttelte den Kopf. »Was die Leute so alles brauchen. Rollen nebeneinander, Rollen hintereinander … Marathon … na, ist ja nicht mein Problem.« Ihr Gesicht verdüsterte sich plötzlich und ohne ersichtlichen Grund. »Ich glaube, ich muss jetzt mal langsam rüber in meine Koje.«

Sie stand auf, klemmte sich die Flasche unter den Arm, in der sich nur noch ein erschreckend kleiner Rest befand, und ging steifbeinig, aber beneidenswert sicher und ohne größere Koordinationsausfälle den Weg hinunter. An der Pforte winkte sie noch einmal kurz, dann verschwand sie in der Dunkelheit. Ich war heilfroh, dass ich nach diesem Gelage nur wenige Meter zu bewältigen hatte, und schon die bereiteten mir erhebliche Probleme. Der Versuch, zumindest die Überreste des Essens mit in die Hütte zu nehmen, scheiterte kläglich. Schinken und Käse rollten über die Terrasse und wurden später in der Nacht leichte Beute diversen Getiers. Als ich aufstand, schwankte der Boden ganz bedenklich. Ich arbeitete mich mit eingezogenem Kopf die wenigen Schritte in die Laube vor, als müsste ich mich an einem Seil eine marode Hängebrücke entlanghangeln, die eine abgrundtiefe Schlucht überspannte. Eine Stimme in mir rief weinerlich nach Paula und verdammte im nächsten Moment abwechselnd Adele und mich selbst. Zum Glück fiel ich in Tiefschlaf, kaum dass mein Kopf das Kissen berührt hatte. Über den folgenden Tag bewahrte ich in der Regel strengstes Stillschweigen.

Insgesamt drei Mal musste ich ein Trinkgelage mit Adele durchstehen, und an den darauffolgenden Tagen ging es mir jeweils so elend, dass ich den Eindruck gewann, auf diese Weise einen Teil meiner Schuld, einen winzigen Teil natürlich nur, abzutragen. Wir redeten in diesen Stunden nicht wirklich miteinander – es war schlichtes Kneipengeplauder, in dem man nichts von der anderen erfuhr. Ich nahm an, dass es Adele immer wieder zu mir zog, weil sie die schnelle Wirkung des Alkohols auf mich amüsant fand. Dass sie einsam war, begriff ich erst, als sie schließlich doch noch meine Einladung zu Kaffee und Kuchen annahm.

Genau zwei Wochen nach meinem Einzug in die Laube saß Adele auf der Terrasse vor mir, beäugte argwöhnisch den Erdbeerkuchen, den ich in aller Eile besorgt hatte, und legte schließlich in einer anrührenden Geste ihre klobigen Hände in den Schoß.

»Magst du überhaupt Erdbeerkuchen mit Schlagsahne?« fragte ich, während ich ihr ein Stück auf den Teller legte.

»Ach ja – hin und wieder, warum nicht?«

Enthusiastisch klang das nicht, aber immerhin: Adele probierte, und es schien ihr zu schmecken. Sie trank schlürfend ihren Kaffee und wirkte zufrieden. Was für eine bizarre Situation, fuhr es mir plötzlich durch den Kopf. Ich sitze hier mit dieser alten, ungehobelten Frau zusammen, die ich noch vor einigen Monaten kaum beachtet hätte, und wenn dann wohl mit gerunzelter Stirn, und mein ganzes Sinnen und Trachten ist darauf ausgerichtet, ihr interessiertes Wohlwollen zu erringen. So viel hing davon ab. Und dabei wusste ich noch nicht mal, wie und womit ich anfangen sollte, wenn sie denn überhaupt bereit war, mir zuzuhören.

»Hast du eigentlich einen Freund?« fragte Adele plötzlich in meine Überlegungen hinein und gab einen weiteren Löffel Schlagsahne auf ihren restlichen Kuchen.

Ich stellte meine Tasse ab. »Nein. Ich stehe nicht auf Männer. Ich bin mit einer Frau zusammen.«

Adele hörte auf zu kauen, und ihr Blick sprach Bände. Seit Jahren eingebunden in meine Welt und meinen Alltag, hatte ich ganz vergessen, dass es immer noch Menschen gab, denen die homosexuelle Lebensweise fremd war – und nicht geheuer. Bestenfalls.

»Ach so.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Hätte ich nicht gedacht. Du wirkst eigentlich ganz … ähm …«

»Normal?«

»Ja«, stimmte sie zu und nickte. »Ist auch so ein neumodischer Kram. So was gab es früher nicht, und wenn, wurde nicht darüber geredet. Wen geht’s schließlich was an, mit wem man ins Bett geht?«

Ich konnte mich kaum erinnern, wann ich meine Lebensweise das letzte Mal verteidigt hatte beziehungsweise einem Menschen mit Vorbehalten begegnet war, und ich spürte, dass mein anfänglicher Unmut zu Ärger anschwoll. Ich hob das Kinn und sah sie an.

»Und nun? Schmeckt dir der Kuchen nicht mehr oder wird dir der Hals eng, weil die Luft plötzlich verpestet ist?« fragte ich.

»Hab ich nicht gesagt. Aber ich finde es schon … na ja, nicht normal. Ungesund. Sieht man ja auch an dieser Krankheit … wie heißt die doch gleich?«

Ich stöhnte auf. Adele würde keinen Millimeter von ihrem Urteil abrücken – da konnte ich erläutern, belegen und rechtfertigen, bis ich grün anlief. Sie lehnte Schwule und Lesben ab. Fertig, aus. Ich konnte noch froh sein, dass sie mir nicht mit der christlichen Arie kam. Ich schob meinen Teller beiseite.

»Das ist ausgemachter Unsinn«, sagte ich bemüht sachlich. »Inzwischen können homosexuelle Paare heiraten …«

Sie tippte sich an die Stirn. »Vor zwanzig, dreißig Jahren war es das Größte bei jungen Leuten, eben nicht zu heiraten, sondern in wilder Ehe zu leben, wie man so sagte. Weißt du das überhaupt? Und jetzt reißt ihr euch plötzlich darum, aufs Standesamt zu gehen! Warum eigentlich? Weil es so ungehörig ist?«

Für einen Moment verschlug es mir die Sprache.

»Es ist eben nicht ungehörig!« blaffte ich sie schließlich an. »Und wir wollen einfach nur die gleichen Rechte wie alle anderen auch, ob wir sie nun wahrnehmen oder nicht. Ich persönlich reiße mich nicht um den Gang aufs Standesamt, aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann mal. Und dann möchte ich die Möglichkeit haben, meine Freundin zu heiraten.«

Adele kicherte plötzlich ihr Altfrauenkichern. »Wie sich das aus deinem Mund anhört – meine Freundin heiraten! Und dann Kinder bekommen, oder wie?« Sie sah mich höchst belustigt an und winkte dann ab. »Reg dich nicht auf. Ist eben meine Meinung. Die änderst du auch nicht mehr, also versuch’s erst gar nicht. Aber ich hab nichts gegen dich. Ist mir doch egal, mit wem du in die Kiste steigst. Bist ganz in Ordnung. Bisschen verrückt vielleicht, aber in Ordnung.«

»Das hörte sich eben aber anders an«, wandte ich ein.

»Ist halt ’ne Überraschung gewesen.« Sie zuckte die Achseln. »Aber du bist ja jetzt nicht anders als vor zwei Tagen, oder? Und solange du mich nicht anmachst …« Sie lachte laut und klopfte sich begeistert auf die Oberschenkel.

Ich schwankte zwischen Empörung, Groll und unterdrücktem Lachen und schüttelte schließlich resigniert den Kopf.

»Ich hatte auch so eine in der Familie«, sagte Adele plötzlich ernst und wischte sich über die Nase. »Jedenfalls hat sie es mal mit Frauen probiert.«

Mein Herz begann wie wild zu trommeln, und ich wagte sie kaum anzusehen.

»Und – war das so schlimm?« fragte ich.

Adele beugte sich über ihren Teller und begann die Kuchenkrümel und Sahnereste zusammenzukratzen.

»Ich rede nie darüber«, erklärte sie, ohne hochzublicken. »Mit wem auch?«

Wohl kaum mit Tomaten-Willi, schoss es mir durch den Kopf, aber ich behielt die Bemerkung für mich.

»Willst du nicht mit mir reden?« schlug ich vor.

Sie sah schnell hoch. »Weil du auch so eine bist?«

»Vielleicht.«

»Was heißt hier vielleicht? Ja oder nein?«

Ich schluckte einen großen Kloß hinunter. »Ich kannte sie.«

Adele erstarrte. Dann stand sie langsam auf. »Ich gehe jetzt. Danke für den Kuchen.«

Ich erhob mich ebenfalls. »Ich muss mit dir reden, Adele. Es ist wichtig.«

Sie sah mich mit unendlich traurigen Augen an.

»Du willst über sie reden?« fragte sie leise.

»Ja. Und über mich. Aber es ist anders, als du denkst. Ganz anders, glaub mir.«

»Und wenn ich nichts darüber hören will?«

»Dann weiß ich nicht mehr weiter.«

Sie ging langsam auf den Steinplatten zur Pforte hinunter. Unten drehte sie sich noch mal um.

»So was passiert im Leben. Da kann man nichts machen«, erklärte sie.

»Doch!« rief ich ihr hinterher und hörte selbst, wie verzweifelt meine Stimme klang. »Man kann etwas machen.«

Ohne ein weiteres Wort ging sie davon, während ich mich auf den Rasen sinken ließ und ihr nachstarrte. Ich war kurz davor aufzugeben. Erschöpfung und Frustration machten sich in mir breit. Und Wut. Schon wieder Wut. Die hatte hier am allerwenigsten verloren.

3

Paulas Stimme klang freundlich, fast heiter. Sie hat mit jemandem geredet, dachte ich, jemand, der oder die sie beruhigt hat oder abgelenkt oder gut beraten. Ich schloss die Augen und atmete tief aus. Es war schön, sie erzählen zu hören, und zugleich spürte ich schmerzlich, wie weit weg all das war, was ihr Leben ausmachte. Das tägliche durch den Tag Gleiten – mal schneller, mal langsamer oder stockend, mal fröhlich, mal genervt oder frustriert. Ein Auf und Ab, das einem vorgaukelte, dass es ewig so weiterginge; und selbst wenn man zwischendurch innehielt und sich klarmachte, dass dem nicht so war, fühlte es sich doch so an: eine endlose Kette kleinerer und größerer Ereignisse, an der man sich meist gedankenlos entlanghangelte.

»Weißt du schon, wann du zurückkommst?« fragte Paula schließlich.

Ich hörte genau, dass sie sich bemühte, nicht drängend zu klingen.

»Nein, das steht noch in den Sternen«, sagte ich.

»Nicht ganz – irgendwann ist dein Urlaub schließlich zu Ende.«

»Ja, natürlich, dann bin ich spätestens wieder zu Hause«, stimmte ich ihr zu. In der Firma hätten sie in letzter Zeit ohnehin besser auf mich verzichten können, aber das sprach ich nicht aus.

»Ich vermisse dich«, sagte sie leise. »Und es gefällt mir nicht, dich zu vermissen und nicht mitzubekommen, was in dir vorgeht.«

»Ich weiß.«

»Dann ändere es. Du bist die einzige, die das kann.«

»Ich versuche es, aber auf meine Art«, erwiderte ich.

»Und die schließt mich aus?«

»Paula …«

»Ich will nicht beschwichtigt werden«, unterbrach sie mich. »Ich will endlich Antworten, mit denen ich etwas anfangen kann.«

Darauf sagte ich nichts. Das Schweigen zwischen uns dehnte sich aus. Du entgleitest mir Stück für Stück, dachte ich, und wahrscheinlich habe ich es nicht anders verdient.

»Bis dann.« Paula beendete das Gespräch.

Ich legte das Handy beiseite und starrte in die dunklen Dachbalken hinauf. Schließlich breitete ich die Decke über mir aus. Es war noch früh am Abend, viel zu früh, um schlafen zu können und diesen Tag zu beenden, abzuhaken. Nichts wäre mir lieber gewesen. Nach einigen Minuten nickte ich trotzdem ein und schreckte hoch, als es klopfte. Solange ich in der Laube wohnte, hatte noch niemand geklopft. Ich schlüpfte in meine Sandalen. Mit drei Schritten war ich an der Tür und zog sie auf. Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, doch die heraufziehende Abenddämmerung hatte den Horizont bereits glutrot gefärbt, Grillen zirpten, und vor mir stand Adele. Ihr Gesicht wirkte noch zerfurchter als sonst.

»Du und Lena – wart ihr ein Paar?« fragte sie.

Zwei Tage war es her, seit Adele mich einfach hatte stehenlassen, und ich schwankte zwischen Erleichterung und leiser Furcht angesichts ihrer Barschheit. Ja, Furcht. Ich mochte es kaum zugeben, aber so war es.

»Nein«, sagte ich. »Das waren wir nicht.«

Sie neigte einen Moment den Kopf zur Seite. »Sie war meine Enkelin.«

»Ich weiß.«

»Was weißt du noch?«

»Das ist eine längere Geschichte.«

Adele stemmte eine Hand in die Hüfte. »Das dachte ich mir schon. Ich habe einen Eintopf auf dem Feuer. Komm rüber und iss mit mir. Dann kannst du erzählen.« Damit drehte sie sich um und ging, ohne meine Antwort abzuwarten.

Zehn Minuten später saß ich in Adeles Garten. Der Essplatz war hinter der Rosenhecke, und ich staunte nicht schlecht, als sie mir erzählte, dass es eine von ihr gezüchtete Rose gab, die Lena hieß, und dass sie außerdem fast alle Möbel selbst gezimmert hatte.

Sie trug zwei tiefe Teller mit Gemüseeintopf auf, dazu Weißbrot und ein Kännchen mit Schmand. Wir löffelten und schwiegen. Meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Mir wurde warm, und ich ließ nicht den kleinsten Rest zurück. Adele wischte ihren Teller mit einem Stück Brot aus und sah mich an. »Hat’s geschmeckt?«

»O ja, sehr, danke.«

Sie nickte, räumte das Geschirr beiseite und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Bist du deshalb hier – wegen Lena?«

Ich nickte beklommen.

»Dann fang an.«

»So einfach ist das nicht.«

»Ich denke, du willst über sie sprechen. Dann leg los und zier dich nicht lange. Wie habt ihr euch kennengelernt?« Adele versuchte erst gar nicht, ihre Ungeduld zu verbergen. »In irgendeiner von diesen Frauenkneipen, in denen ihr zusammenkommt?«

Weit gefehlt. »Ganz und gar nicht. Sie ging spazieren, ich war mit meinen Inliners unterwegs.«

Adeles Augen verengten sich plötzlich. »Ach so. Du bist das also: die rücksichtslose Skaterin. Da hätte ich auch schon früher drauf kommen können. Ich hab dir von Anfang an nicht abgenommen, dass du was mit Laubenpiepern am Hut hast.«

Lena hatte also von dem Vorfall berichtet, und zwar aus ihrer Sicht. Hatte ich etwas anderes erwartet?

»Ich bin keine rücksichtslose Skaterin«, entgegnete ich.

»Das hat Lena aber anders gesehen.«

»Ich weiß. Und eine andere Version der Geschichte hat sie nicht zugelassen.«

»Tust du das denn?«

»Ich habe mich bemüht«, erklärte ich.

Das Gespräch entglitt mir. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Lena hatte sich benommen wie ein störrisches Kleinkind und … Mein Gott, ich war schon wieder dabei, sie zu verurteilen. Auf diese Weise war eben alles viel leichter zu ertragen.

Adele musterte mich eine Weile stumm. »Ich hab sie großgezogen«, sagte sie dann abrupt und ließ ihren Blick an der Hecke entlangwandern. »Seit sie zehn war, hatte ich sie an der Backe. Aber wir haben uns zusammengerauft, und sie hatte es bei mir besser als bei meiner Tochter.«

»Lena hat erwähnt, dass ihre Mutter mit ihren beiden kleineren Stiefgeschwistern und einem neuen Freund nach Spanien ausgewandert ist, sie aber lieber bei dir bleiben wollte«, erzählte ich.

Adele rümpfte die Nase. »So hat sie das erzählt? Nun, Lena und ihre Mutter – die waren wie Katz und Maus, und als der neue Kerl da war und dann die Geschwister kamen, ging gar nichts mehr.« Sie winkte ab. »Man muss dazu sagen, dass meine Tochter nicht gerade eine Leuchte ist, was Kinder angeht, so wie sie in allem möglichen keine Leuchte ist. Aber Lena war auch eine echte Zicke. Bei mir hat sie es anfangs auch versucht, aber da hat sie auf Granit gebissen. Ich lass mich doch nicht von einem rotznasigen Gör veräppeln.«

Irgendwie kam mir diese Einstellung bekannt vor. Meine Mutter hatte sich, was mich betraf, mit ähnlichen Bemerkungen hervorgetan. Die Tatsache, dass Lenas Schilderung über die harmonische Beziehung zu ihrer Großmutter offensichtlich ein Ammenmärchen gewesen war, bestürzte mich.

»Und Lenas Vater?« fragte ich.

»Den kennt keiner. Meine Tochter wohl auch nicht.« Adele machte eine wegwerfende Geste. »Aber das nur nebenbei. Wie gesagt – später hat es dann ganz gut geklappt mit uns. Lena war auch oft mit mir hier draußen, und in den letzten Jahren, seit mich immer öfter das Rheuma packt, hab ich dann zwischendurch bei ihr gewohnt. Sie hatte mir ein kleines Zimmer eingerichtet.« Adele wandte den Kopf ab. »Manchmal haben wir uns ein Fläschchen Schnaps gegönnt, und dann die Postkarten rausgeholt, aus Spanien. Sie hat sie alle aufgehoben, manche waren schon fast unleserlich. Einmal war sie da – bei ihrer Mutter, meine ich. Ich hatte fast Angst, dass sie nicht wiederkommt. Aber das hab ich ihr nicht gesagt, um Gottes willen!« Sie wandte mir das Gesicht wieder zu. »Bloß nicht schmeicheln.« Sie grinste.

»Warum nicht?«

Adele winkte ungnädig ab. »Ich bin nicht für Gefühlsduselei, noch nie gewesen.«

Und nun ist es zu spät, dachte ich, sprach es aber nicht aus. »Schon gut. Hat es ihr denn bei ihrer Mutter gefallen?«

»Nö, glaub nicht. Sie hat nicht viel erzählt und war nach zwei Wochen zurück. Das sollte wohl nicht sein – sie und ihre Mutter. Manchmal passen die Menschen einfach nicht zusammen, auch wenn sie aus einer Familie stammen. Wie heißt es so schön? Blut ist dicker als Wasser. Das stimmt nicht immer, finde ich. Lena verstand sich mit ihrem Hund besser als mit ihrer Mutter. Da gab’s auch richtige … ja … Gefühle. Dieser Köter war ihr ein und alles.« Adele griff in ihre Tasche, steckte sich einen Zigarillo an und inhalierte die beiden ersten Züge tief. »So was Verrücktes – diese hässliche Töle … na egal, jetzt bist du dran.«

»Er hieß Paddy, nicht?« fragte ich mit belegter Stimme.

»Ja. Sie hat ihn irgendwo aufgelesen. Ich hab geschimpft wie ein Rohrspatz, aber sie war nicht davon abzubringen, und der Kleine hing wie eine Klette an ihr. Sie nahm ihn überall mit hin – bei ihrer Arbeit kein Problem. Während sie putzte und die Gartenarbeit machte, saß er da und sah zu oder kaute auf seinem Knochen herum. Das erzählte Lena immer ganz stolz. Sie hatte ihn ganz gut erzogen. Wusste gar nicht, dass sie so was kann. Hat sich da richtig reingehängt und nicht nachgelassen.«

Lena hatte in Zehlendorf und Dahlem mehrere einträgliche Putzstellen gehabt. Eine Hälfte war schwarz, die andere offiziell abgerechnet worden – damit sie versichert war und nicht als Arbeitslose galt. Das hatte sie mir mal in triumphierendem Ton erzählt.

Adele streifte die Asche ab. »Sie war irgendwie glücklich mit diesem Viech.«

Bis zu jenem Sonntagnachmittag im letzten Herbst. Adele sah mich an, und ich atmete tief durch. Der Rauch ihres Zigarillos stieg mir beißend in die Nase.

Es war ein grillenzirpender lauer Sommerabend, der dazu einlud, mit seiner Liebsten bei einem Glas Wein die Seele baumeln zu lassen. Mit stand etwas anderes bevor.

4

Paula hatte mich gar nicht gehen lassen wollen. Erst als wir ein zweites Mal miteinander geschlafen hatten, war sie damit einverstanden, dass ich zu einer kleinen Skatetour aufbrach.

»Willst du nicht mitkommen?« fragte ich sie, während wir gemeinsam das zerwühlte Bett in Ordnung brachten.

»Ich würde zu gerne, aber Bruno hat mich gebeten …«

Ich verdrehte die Augen. »Es ist Sonntag, Herzchen, schon vergessen?«

»Ganz und gar nicht«, gab sie unschuldig lächelnd zurück. Ihre Haare waren verwuschelt, und sie strahlte vor guter Laune aus jeder Pore. »Du gehst skaten, um den neuen Schuh auszuprobieren, und ich werde ein wenig telefonieren und mir ein paar Notizen machen – das ist doch nur fair, oder?«

Ich zog meine lange Sporthose an und schlüpfte in ein Funktionshemd. Paula war und blieb ein Arbeitstier, so wie ich auch, doch immerhin waren wir beide dazu übergegangen, den Job nicht mehr ständig in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen. Zumindest wenn wir zusammen waren. Vielleicht änderte sich das in einem Jahr wieder, vielleicht auch nicht, weil wir merkten, dass es bedeutend gesünder und letztlich befriedigender war, regelmäßige Pausen einzulegen und festzustellen, dass es abseits des beruflichen Trubels noch viel zu entdecken gab.

»Willst du dann nicht wenigstens nachkommen? So in ein, zwei Stunden? Dann drehen wir noch eine kleine Runde zusammen«, schlug ich ihr vor.

»Gute Idee, aber lass uns noch mal telefonieren, ja?«

Zehn Minuten später fuhr ich zum Kronprinzessinnenweg. Es war ein kühler, aber sonniger und trockener Herbsttag – ideal, um ein schnelles Tempo vorzulegen und den neuen Schuh in unterschiedlichen Belastungsbereichen zu testen. Das schöne Wetter hatte zahlreiche Skater, Joggerinnen und Spaziergänger ins Freie gelockt. Ich fuhr mich behutsam ein und absolvierte brav meine Dehnübungen. Ein gezerrter Oberschenkelmuskel war nicht nur schmerzhaft, sondern konnte mir tagelang das Rennen vermiesen. Nach gut zwanzig Minuten legte ich ein flottes Tempo vor, bei dem ich rasch auf eine hohe Atem- und Pulsfrequenz kam. Der Schuh saß einwandfrei, und die Rollen schienen kaum den Boden zu berühren. Ich erhöhte das Tempo. Bäume und Büsche flogen an mir vorbei, der Himmel leuchtete knallblau über mir, Schweiß lief mir die Wirbelsäule entlang, und ich dachte an Paula und an mich und fand das Leben wunderbar. Kitschige Liebesschwüre tanzten mir durch den Kopf, und ich lächelte, weil es so albern war und so herrlich zugleich.

In dem Moment sah ich sie: eine junge Frau in einem froschgrünen Anorak. Sie stand am Wegesrand, mit dem Rücken zu mir, und rief nach jemandem. Ich richtete mich auf, um das hohe Tempo etwas zu drosseln, und behielt sie im Auge. Tausendmal sollte ich mich hinterher fragen, warum ich nicht stärker abgebremst hatte und ausgerollt war, statt flott weiterzufahren. Ohne das geringste zu ahnen, gab ich meinem Leben im Bruchteil einer Sekunde eine vollkommen andere Wendung. Meinem Leben, Lenas und Paddys.

Der kleine wieselflinke Hund schoss so schnell auf den Weg und direkt auf mich zu, dass ich keine Chance hatte, einen Zusammenstoß zu verhindern. Ich hörte die Frau aufschreien, dann war der Hund plötzlich knurrend und kläffend vor meinen Füßen. Obwohl ich mir einbildete, über ein gutes Reaktionsvermögen zu verfügen, war ich nicht in der Lage, ihm auszuweichen – ich stürzte auf den Asphalt, es gab einen Schlag, ein Knirschen, der Hund jaulte, überschlug sich, zuckte und blieb dann still liegen. Ich hatte ihn mit den Rollen eines Skaters getroffen. Eine Blutlache bildete sich um seinen Kopf. Die Frau schrie immer noch wie von Sinnen, rannte zu dem Hund und kniete sich zu ihm auf den Boden.

»Paddy, Paddy, Paddy!« schluchzte sie und beugte sich über den zierlichen schwarz-braunen Körper.

Ich rollte mich mühsam zur Seite und versuchte aufzustehen. Mein rechtes Bein fühlte sich taub an, und mir war schwindelig und übel. Ich setzte den Helm ab und zog die Skater aus. Dann humpelte ich zu den beiden hinüber. Die Frau sah hoch.