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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

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Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Katrin Janitz

Maria, letztes Jahr

Roman

K+S digital

Für Annett und Felice

1

Mein Name ist Esther, und dies ist meine Geschichte.

Sie beginnt am 1. August des vergangenen Jahres. Dem Tag, an dem ich Maria traf. Alles, was Sie von mir wissen müssen, steht hier geschrieben:

Ich wurde am 25. April 1977 in Jerusalem geboren. Ich bin Schauspielerin. Jüdin. Ich rauche viel zuviel und trinke Rotwein. Ich schreibe seit meinem siebzehnten Lebensjahr grausam schlechte Gedichte, die niemals jemand veröffentlichen wird. Ich bin lesbisch.

Von allen Dingen traf dies meine Familie vermutlich am tiefsten. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren packte ich einen schäbigen braunen Koffer mit den wenigen Kostbarkeiten, die ich besaß, vor allem Bücher und alte Schallplatten, und verließ sie, sie und Israel.

Seitdem bin ich heimatlos.

Im Sommer des Jahres 2001 befand ich mich in Italien.

Ich hatte genau im richtigen Moment ein Engagement in Florenz erhalten, doch wie sich leider herausstellte, war das Theater so baufällig, dass wir für die Dauer der Proben auf ein altes Weingut in der Toskana ausquartiert wurden. Es gehörte Flavio, einem Kulturmäzen, der so unglaublich viel Geld besaß, dass mir schon beim Gedanken daran schwindelig wurde.

Da saßen wir nun also im rötlichen Staub, sonnenverbrannt und angetrunken, und rezitierten Shakespeare, und wir spürten, dass etwas einzigartig Kreatives mit uns geschah. In dieser Landschaft lag eine Besonderheit verborgen, an der wir für einige Zeit Anteil nehmen durften, indem wir sie zu unserer Kulisse machten. In der Isolation des Weinguts wurden wir hineingesogen in eine magische Atmosphäre, und das Licht beflügelte unsere Phantasie, ließ uns zu einer Einheit werden und in künstlerischer Hinsicht über uns selbst hinauswachsen.

Uns, das war eine bunt zusammengewürfelte Truppe von zwanzig durchgeknallten Künstlerinnen und Künstlern, dazu kam Franco, unser Regisseur, sein Assistent Miguel, die Masken- und Kostümbildnerin Francesca, unsere Souffleuse, sowie eine gute Handvoll Techniker, Beleuchter und Requisiteure, die fernab von Fundus und Theaterbühne weitgehend arbeitslos waren und dementsprechend noch mehr tranken als wir anderen zusammen.

Wir probten Romeo und Julia.

Ich gab die Julia, und mein Partner war Guiseppe, ein schwitzender, schwarzhaariger Römer, Vater von zwei kleinen Töchtern. Doch er war nicht nur Schauspieler, sondern auch ein wunderbarer Koch, und mehrmals die Woche zauberte er für uns nach den Proben ein Mitternachtsmenü, wenn wir zu aufgekratzt waren, um schon ins Bett zu gehen. Denn nachts, wenn es ein wenig kühler wurde zwischen den Feldern, bekam die Luft einen so würzigen Beigeschmack, dass man beinahe meinte, sich allein an ihrem Duft sättigen und berauschen zu können. Dann saßen wir auf der Veranda und im Garten, aßen, redeten und lachten, Miguel stritt sich mit Francesca, und irgend jemand spielte zerkratzte Platten auf einem vorsintflutlichen Plattenspieler.

Wir fühlten uns unbesiegbar.

Franco hatte seine neueste Geliebte mitgebracht. Sie war neunundzwanzig Jahre alt, und es verging kein Tag ohne Klatsch und Tratsch. Der tückische Wind wehte unsere geflüsterten Worte direkt hinein in ihre Ohren, ohne dass es schien, als ob es ihr das geringste ausmachen würde. Doch im Grunde genommen vergötterten wir sie. Sie war nicht eigentlich schön, aber sie besaß das gewisse Etwas. Ihre Augen waren unergründlich. Ihr Haar war dunkel und dicht und fiel ihr bis weit über den Rücken. Sie besaß die erstaunliche Fähigkeit, von einer Minute zur anderen von tiefstem Ernst auf Leichtigkeit umzustellen, und dies machte sie unberechenbar und geheimnisvoll zugleich.

Ich konnte meine Augen nicht von ihren Händen wenden, die sich stets in Bewegung zu befinden schienen, und bekam ihr leises, mitreißendes Lachen nicht mehr aus dem Kopf. Sie war so unglaublich lebendig, dass es mich atemlos machte. Nie konnte man darauf vertrauen, dass ihr Gesichtsausdruck in der nächsten Sekunde noch der gleiche sein würde, dass sie noch an derselben Stelle stehen würde wie zuvor. Sie war in jeder Minute auf dem Weingut präsent, doch niemals greifbar, niemals vorhersehbar. Dabei besaßen ihre Stimme und ihr Lächeln eine Wärme, die es beinahe unmöglich machte, sie nicht zu mögen.

Das Entscheidende war jedoch, dass zwischen uns eine Verbindung zu existieren schien, lange ehe wir das erste Wort miteinander gewechselt hatten. Sie war anders als alle anderen Frauen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Und genau deshalb ging sie mir nicht mehr aus dem Sinn.

Doch wir buhlten alle um ihre Aufmerksamkeit, Männer wie Frauen, mehr noch als um die Francos, obwohl er derjenige war, um den sich alles drehte, der uns alle in der Hand haben sollte. Aber wir fühlten uns mit ihr verbunden, nicht mit ihm, auf eine einzigartige, magische Weise, die sich allein durch das Wort Seelenverwandtschaft erklären ließ. Es war, als ob sie eine von uns gewesen wäre, und tatsächlich war sie das auch: eine Künstlerin, wenn auch keine Schauspielerin. Doch das erfuhr ich erst viel später. Vorerst war da nichts als das Gefühl in meinem Bauch, sie schon lange gekannt zu haben, und ein leiser Hunger nach ihren Blicken, wann immer ich sie sah.

Ihr Name war Maria.

Ich habe es gleich gewusst, vom ersten Tag an, als sie die Eingangshalle hinter Franco betrat, dass wir uns ähnelten. Wir anderen waren bereits Stunden zuvor mit einem uralten Bus aus Florenz gekommen, der seine Federung schon vor langer Zeit im Staub dieser endlosen, von Zypressen gesäumten Alleen eingebüßt hatte. Wir waren müde und verschwitzt und lagen in den Sesseln in der Halle, wo jedem von uns ein Drink in die Hand gedrückt worden war. Er schimmerte milchig-weiß und machte mich benommen, und so erblickte ich sie, in einem weißen Hosenanzug.

Ihr Aufzug verdeutlichte schlagartig das Bild vor meinem inneren Auge – ich selbst, in meinen ausgebeulten Lieblingshosen und dem schlichten schwarzen Top, in dem ich mich bis eben gerade noch so wohl gefühlt hatte. Unvermittelt versank ich tiefer in den Ledersessel.

Sie musste meinen Blick gespürt haben. Sie sah mir direkt in die Augen, zehn Sekunden, zwanzig, ohne den Kopf zu senken. Dann wandte sie sich ohne das geringste Anzeichen einer Gemütsregung wieder Franco zu, und ich fühlte mich unvermittelt zurückgestoßen und seltsam müde, als hätte mich ihr prüfender Blick zuviel Kraft gekostet.

Ich sah ihr stumm zu, wie sie ihre Hand auf seinen Arm legte, doch er beachtete sie gar nicht. Er unterhielt sich angeregt und übertrieben laut mit Flavio, dem Besitzer des Anwesens. Franco besaß die Gabe, es als naturgegeben hinzunehmen, dass sämtliche Aufmerksamkeit sich auf ihn richtete, sobald er einen Raum betrat. Insgeheim hasse ich Menschen, die sich mir aufdrängen, und sei es auch nur dadurch, dass sie es mir unmöglich machen, ihre Worte nicht zu hören. Ich beobachtete ihn also missmutig, und sein Bild in meinem Kopf hatte sich bereits mit Verachtung getrübt, noch ehe unsere gemeinsame Arbeit begann.

Flavio dagegen war mir gleichgültig, genau wie die Gründe, die ihn dazu bewogen hatten, uns auf sein Weingut einzuladen. Zweifellos existierte auch eine Frau Flavio, doch sie unterließ es, während unserer Zeit in ihrem Haus zu erscheinen. Ich vermute, sie machte mit den verzogenen Kindern Urlaub an der Adria und gab dabei haufenweise Geld aus, das sie nicht selbst verdient hatte.

Erst gegen Ende unseres Aufenthaltes erfuhr ich durch einen Zufall, warum Flavio es sich leisten konnte, großzügig zu sein: Er besaß einen Formel 1-Rennstall und verdiente wahrscheinlich an einem einzigen Wochenende mehr, als ich es in meinem ganzen Leben schaffen würde. Trotzdem schätzte ich es an ihm, dass er uns alle mehrere Wochen lang ertrug, mit allen Eskapaden und großen Szenen, die wir hinzulegen pflegten.

Wahrscheinlich hoffte er auf die eine oder andere Affäre mit uns Schauspielerinnen. Doch es ließ mich kalt, July, meiner Kollegin, dabei zuzusehen, wie sie mit ihm flirtete. Die Rolle der Amme war nur deshalb mit ihr besetzt worden, weil sie mit Franco im Bett gewesen war, einige Wochen zuvor, auf einer Party in Siena, als wir alle angetrunken in den Pool gesprungen waren. Sie kompensierte mangelndes Talent sehr geschickt mit anderen Fähigkeiten. Es ließ mich kalt wie so vieles, seitdem ich meine Heimat verlassen hatte.

Dass ich nicht nach Israel zurückkehrte, hatte viele Gründe, doch vor allem einen: Stolz. Stolz war das, was die Frauen meiner Familie schon immer ausgezeichnet hatte, Stolz und Stärke. Manchmal das einzige, was übrigblieb.

Ich spielte in verschiedenen Städten in Italien und England, manchmal größere, meistens kleinere Rollen, lebte in Pensionen und winzigen Zimmern, die ich mir mit Kolleginnen und Kollegen teilte, aus meinen Koffern und trank Espresso, wenn das Geld nicht einmal mehr für das Frühstück reichte. Manchmal schliefen wir am Strand und hatten keine Dusche.

Dann wieder folgten Wochen, in denen ich nicht wusste, wohin mit den bunten, fremden Scheinen, die mir zuviel Zeit in den Bars der Hotels erkauften. Ich hatte viele Affären. Ich erinnere mich noch genau an eine Episode, die sich im Sommer vor Florenz zugetragen hat: Ihr Name war Susan gewesen, und wir hatten in England zusammen Theater gespielt, eine mehrwöchige Tournee, in deren Verlauf wir immer öfter abends zusammen in den Pubs versumpft waren, und irgendwann stellte sich heraus, dass es mehr als nur das war, viel mehr. Eines Nachts war ich an ihrer Seite aufgewacht, und ich war traurig gewesen.

Sorgfältig hatte ich mich bemüht, sie nicht zu wecken. Ich war mir sicher, den Anblick ihrer fragenden Augen nicht ertragen zu können, nicht jetzt, nicht um diese Stunde. Die Kirchturmuhr hatte es mir soeben verraten: Es war drei Uhr. Drei Uhr, und ich war hellwach, aufgeschreckt aus einem unruhigen Schlaf an ihrer Seite, und da flog sie bereits davon durch den schmalen Spalt ihres Fensters, die Hoffnung auf weiteren Schlaf in dieser Nacht. Wehmütig blickte ich ihr hinterher, und ich ahnte bereits, was nun folgte, die leise ziehende Panik in meiner Magengrube wohlvertraut, bereits tausendmal unangefochten durchlebt.

Was tat ich hier?

Die Dunkelheit hatte sich auf ihrem Teppich verdichtet, und seltsam: Ich hatte vergessen, welche Farbe er besaß, ihr Läufer vor dem Bett, auf dem wir uns eben noch ineinander verschlungen hatten, und beinahe verlief ich mich in diesem Gedanken, der lächerlich banal war – aber nur beinahe. Mein Kopf war erfüllt von einem schrillen Ton, der mir unerbittlich signalisierte, dass etwas nicht stimmte.

Wo war ich?

Ich kannte sie von der Bühne, von ein paar Dutzend Abenden in Bars und Kneipen, die Frau, die dort zusammengerollt im Bett lag, und dennoch war ihr Name für mich nichts als ein Schlüssel zu ihrem Körper, einem Körper, der mir fremd geblieben war, genau wie mein eigener. Keine Erinnerungen an gemeinsam erlebte Jahreszeiten verknüpften sich mit ihm, keine Schmerzen, kein Glück. Ich versuchte verzweifelt, mich zu besinnen, was die Faszination an ihr ausgemacht hatte.

Es waren Susans Augen gewesen, die mich an jenem Abend eingefangen hatten, über den langen Tresen hinweg. Sie waren dunkel wie reife Sauerkirschen gewesen, und als sie gelacht und ihre dichten Locken in den Nacken geworfen hatte, war es um meine Selbstbeherrschung geschehen gewesen, auch wenn ich mir selbst vor gar nicht allzu vielen Monaten geschworen hatte, dass die Zeit derartiger Abenteuer vorbei war. Ich arbeitete viel und hatte geglaubt, damit die Leere in meinem Herzen ausgleichen zu können. Ich war eine verdammte Närrin gewesen.

Eine dunkle Unruhe war zurückgekehrt, die mich stets hinwegtrieb von ihnen, den anderen, den Frauen, die ich mir aussuchte.

Ich setzte mich neben sie und schaute sie an, wie sie schlief und wie die Nacht die Schatten auf ihrem Gesicht zärtlich blau färbte, und ich spürte, sie hätte es sein können, die besondere Frau in meinem Leben, zu einem anderen Zeitpunkt, vielleicht. Doch ich war noch nicht bereit dafür und schätzte meine hart erkämpfte Freiheit sehr viel höher als das, was Susan mir stumm anbot: eine Beziehung, ein gemeinsames Leben. Zu nah war noch immer mein Abschied von Israel, zu entwurzelt fühlte ich mich und so wenig bei mir, dass ich durch die Städte streifte wie ein unruhiger nächtlicher Wanderer, und keiner Frau wäre es damals gelungen, mich zu halten.

Eine Zeitlang, direkt nach meiner Ankunft in Europa, hatte ich gedacht, diese fehlende Ruhe durch kurze, wechselnde Begegnungen herbeizwingen zu können, aber es war jedesmal das gleiche gewesen: Noch während ich sie in meinen Armen hielt, noch während unsere Seufzer verklangen, begannen meine Augen unruhig auf die Reise zu gehen, unbewusst auf der Suche nach einer Möglichkeit zur Flucht. Und die Enttäuschung wuchs mit jedem Mal, ohne dass es in meiner Macht lag, etwas daran zu ändern. Irgendwann hatte ich beschlossen, damit aufzuhören, um mich und die anderen Frauen zu schützen. Ich hatte meine Energie voll und ganz dazu eingesetzt, weiterzuleben und zu spielen. Ich hatte immer schon Schauspielerin werden wollen, von frühester Kindheit an, und immer mit Leidenschaft gearbeitet, aber plötzlich wurde das Spiel zu meinem Lebensinhalt. Je mehr ich mich hineinsteigerte, um mich selbst vergessen zu machen, wie einsam ich war, um so mehr gab es mir zurück. Und so kam der Tag, an dem ich feststellte, dass es mir wichtiger war als alles andere, sogar als Liebe und Freundschaft.

Ich legte meine Fingerspitzen voller Dankbarkeit auf Susans nackte Schulter und wusste es zu schätzen, ihr Geschenk. Doch sie würde mich nicht kennenlernen.

Ich fragte mich, wo es blieb, das übliche leise Bedauern, das trotz allem niemals erstarb. Ich wartete, doch in meiner Brust war es eigenartig still, leer und dunkel wie in dem Raum um uns, und selbst die Unruhe auf der Bettkante hatte sich aufgelöst im sanften Atem der Nacht, und da begriff ich endlich: Es war meine Entscheidung.

Das machte mich frei, und dennoch ging ich. Ich ging hinaus, den Gang entlang, durch die Küche, und dann trat ich durch die Fliegengittertür, die in meiner warmen Hand ganz leicht war, hinaus ins Freie.

Die Luft war kühl und seidig auf meiner Haut, die noch immer die sanften Spuren ihrer Finger unsichtbar trug, und die Grillen sangen ein monotones, ewig gleiches Lied, während ich in meinen Wagen stieg und mir eine Zigarette anzündete. Doch ich hatte nicht vor, den Zündschlüssel ins Schloss zu stecken. Ich wollte allein sein. Ich beobachtete stumm den Rauch, der vor meinem Gesicht aufstieg wie ein Lindwurm, drei endlose Zigaretten lang. Was war, wenn ich blieb?

Dann tat ich, was ich seit langem nicht getan hatte: Ich stieg aus und ging zurück zum Haus.

Susan saß in der dunklen Küche, stumm und blass im Mondlicht, das durch eines der Fenster fiel, und sah mir entgegen. Sie sagte fünf Worte, ehe sie meine Hand nahm:

»Ich wusste, dass du wiederkommst.«

Ja, ich war wiedergekommen, doch nur für kurze Zeit, für zwei Monate oder etwas mehr. Dann trennten sich unsere Wege. Unsere Gastspiele trieben uns in verschiedene Himmelsrichtungen, und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Doch das machte nichts.

Wir waren leidenschaftlich gewesen, und wir nahmen unsere heißhungrigen Emotionen mit vor den Vorhang, boten sie den Leuten dar. Und seltsamerweise kam es nie zu dem großen Knall, auf den ich insgeheim wartete. Nie eskalierten der Zorn oder die Trauer in unseren Köpfen, nie bemerkte irgend jemand außer uns zweien, wie nahe wir dem standen, was wir zu spielen vorgaben. Es war ein dünner Boden, auf dem wir uns bewegten, indem wir Bühne und Privatleben einander so nahe brachten.

Es gab so vieles, was in mir verborgen lag. So viel Wut, Eifersucht und Liebe, so viel Schmerz, verletzten Stolz und Haltlosigkeit, dass es mich beinahe wunderte, dass sich nichts davon jemals Bahn brach, wenn ich spielte. Und trotzdem liebte ich diese Tiefe, die in mir wuchs, mit jeder Rolle, mit jeder Erfahrung, mit jeder Trennung mehr.

Doch etwas fehlte.

Insgeheim wartete ich. Wartete darauf, dass das Entscheidende in meinem Leben passierte. Ich hatte keine Ahnung, was es sein könnte, und dennoch lebte ich in Erwartung dessen, dass sich eines Tages eine magische Wand heben und mir den Blick auf das wahre, das wirkliche Leben freigeben würde.

Im Sommer 2001 war die Aussicht darauf verschwindend gering.

Ich saß in einem alten Ledersessel auf einem toskanischen Weingut in der Nähe von Fiesole, angetrunken von einem einzigen Drink, der die ganze Hitze des Tages konserviert und in meinem Blut ausgeschüttet hatte, und lauschte teilnahmslos der Stimme von Franco, der sich vergeblich bemühte, uns aus unserer Lethargie zu reißen.

Wir alle wussten, was für ein großartiger Regisseur er war. Zuletzt hatte er in Barcelona Biographie – Ein Spiel von Max Frisch inszeniert, und es gab niemanden unter uns, der nicht heimlich und ehrfürchtig die Kritiken gelesen hatte.

Er hatte die Fünfzig bereits überschritten, besaß einen leichten Bauchansatz und allmählich zurückweichendes schwarzes Haar, kombiniert mit einer geradezu phantastischen Energie, die sein Alter leicht vergessen machte. Er stammte aus einer reichen römischen Familie und hatte nach ersten Regiearbeiten in Italien fast durchweg im europäischen Ausland inszeniert.

Er war das, was man im allgemeinen ein künstlerisches Genie nennt, dabei egozentrisch, jähzornig und herrschsüchtig. Sein Ruf eilte ihm voraus, in einer Mischung aus Ehrfurcht, Abscheu und Bewunderung. Er forderte uns gnadenlos und ließ niemals locker, aber er besaß die außergewöhnliche Gabe, in unsere Köpfe hineinzuschlüpfen und uns aus der Reserve zu locken, und ganz egal, wie sehr wir ihn fürchten oder menschlich verachten mochten, wir vertrauten vollkommen auf seine Kreativität.

Vor allem aber war Franco eines: ein Perfektionist und mir darin so ähnlich, dass wir uns bestens hätten verstehen müssen. Dass dem nicht so war, obwohl wir uns in künstlerischer Hinsicht schätzten, lag an ganz anderen Dingen, die mit unserer gemeinsamen Arbeit auf der Bühne – immerhin schon die zweite Inszenierung – nicht das geringste zu tun hatten.

Wir waren also hier, um zu spielen, unter seiner Führung. Spielen, das war bei den meisten von uns das einzige, was wir konnten, und wir waren berauscht von der Aussicht, es tun zu dürfen, uns auf die Suche zu begeben nach einer neuen Persönlichkeit, die letzten Endes doch nur unsere eigene sein konnte. Denn erst unsere Erfahrungen und unser Wille würde die Geschichte zum Leben erwecken. Und ich verspürte eine übergroße Sehnsucht nach dieser Arbeit in mir. Weil es mir während der Proben, und nur dann, stets gelang, mich von mir selbst zu entfernen – um mir erneut zu begegnen.

Ich ging auf mein Zimmer, um mich umzuziehen.

Die Fenster standen weit offen, und die Vorhänge bauschten sich im Wind. Ich trat aus dem Schatten des kleinen Raumes ans Fenster und ließ meinen Blick über die Landschaft schweifen. Träge tastete er das riesige Lavendelfeld hinter dem Garten ab, das Nachbargut in der Ferne, das in der bläulichen Luft zu schweben schien. Es war kühl hier drinnen, und ich sah mich um, nahm meine Bleibe in Augenschein, die mich für einen Monat beherbergen würde. In einem Monat würden wir nach Florenz zurückkehren, für die Premiere in dem stickigen Theater. Es war noch immer höchst zweifelhaft, ob es bis dahin vollständig restauriert sein würde. Ich hasste und liebte Italien zugleich und aus tiefstem Herzen.

Die Wände waren roh verputzt, die Bettwäsche war aus einfachem Leinen. Das Bett selbst bestand, genau wie der Kleiderschrank, eine Truhe, ein Stuhl und ein Ungetüm von Schreibtisch, aus dunklem altem Holz. Die Türen des Schrankes knarrten leise und durchbrachen das Gezirpe der Grillen, das von draußen hereinströmte. Ein schwacher Duft von Lavendel machte mich leicht benommen, und ich musste mich setzen.

Eine Stimme störte mich auf und verschwand ebenso schemenhaft wieder, wie sie erschienen war. Marias Stimme. Ich floh hinüber ins Bad und hielt mein Gesicht unter den eiskalten Wasserstrahl. Dann zog ich mich um und ging hinunter. Auspacken konnte ich später.

Das Textbuch drückte sich vertraut und hart gegen meine Seite, als ich mit ihm unter dem Arm die Treppe hinunterschritt. Das Weingut war ein zweistöckiges Gebäude, und unsere Zimmer lagen verteilt auf den Fluren in der ersten und zweiten Etage. Jedesmal, wenn man zum Essen oder zu den Proben hinunterwollte, musste man also die große Treppe hinabsteigen, und ich schätze, jeder und jede von uns machte sich einen Spaß daraus, dies von Zeit zu Zeit zu zelebrieren, wenn niemand hinschaute. Oder vielleicht auch gerade dann, wenn besonders viele zusahen, das war verschieden. Ich jedenfalls tat es jetzt und konnte mich eines gewissen Prinzessinnengefühls nicht erwehren, was ich mit einem leichten Grinsen quittierte. Damit war die Illusion dahin.

Ich betrat die Eingangshalle, die verlassen und angenehm kühl dalag. Nur aus der fernen Küche plärrte ein Radio. Für einen Moment blieb ich stehen und schaute zu der hohen Decke hinauf, an der verblichene Gemälde darauf warteten, entdeckt zu werden. Sie schienen mir extrem lebendig zu sein, so als würden mir die Frauen und Männer aus einer längst vergangenen Zeit im nächsten Moment verschwörerisch zu blinzeln.

Ich trat durch die schwere Eingangstür aus dunklem Holz und ging über die breite Veranda. Die Fliesen schienen einmal sehr kostbar gewesen zu sein, doch jetzt war das Muster auf ihnen verwittert, und in den Spalten wuchsen Grashalme. Dennoch fand ich nicht, dass dies die Schönheit des Anwesens schmälerte. Im Gegenteil schien es mir, als hätte das rötliche Haus, wäre es vollkommen gewesen, mich mit seinem Reichtum erdrückt. So hingegen besaß es Charakter wie ein Mensch, der seine Falten mit Stolz trägt, und ich wünschte mir augenblicklich, mehr Zeit hier verbringen zu können als nur einen Sommer.