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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Katrin Janitz

In Liebe, Elena

Roman

K+S digital

Danksagung

Ich danke allen, die zum Entstehen dieses Romans

beigetragen haben, allen voran meinen Verlegerinnen

Andrea Krug und Dagmar Schadenberg für die kreative

Zusammenarbeit und den Glauben an mich sowie

meiner Lebensgefährtin Annett Oertel für ihre Geduld

mit mir und ihre Liebe. Danke!

Prolog

Barcelona
Dezember 2002

Barcelona ist schön im Winter, keine Rede von Schneematsch und tagelangem Regen wie in Berlin. Statt dessen Meeresluft, die lauten Rufe der temperamentvollen katalanischen Straßenhändler und eine Architektur, die einem Traum entsprungen scheint.

Um sechs Uhr früh liege ich an diesem Wintertag hellwach in meinem Bett. Mein Herz schlägt zu schnell für Alltag und Entspannung. Miriam erfüllt meine Gedanken. Die Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit ihr, ihre schmale Gestalt an diesem Fenster, der Blick aus ihren blauen Augen über die Stadt.

Das winzige Apartment in der Altstadt ist klein und heruntergekommen. Der Aufzug funktioniert nur selten; man gewöhnt sich daran, zwischen dem zweiten und dem fünften Stock steckenzubleiben. Es wohnen fast nur Studentinnen und Künstlerinnen hier, und die besten Gespräche ergeben sich, wenn wir wieder einmal minutenlang festsitzen – elementare Themen, da der Fluchtweg abgeschnitten ist.

Das Wasser aus dem Heißwasserhahn im Bad ist nur im Sommer wirklich warm, und in der Küche, in der ich beim Kochen beinahe Platzangst bekomme, steht ein vorsintflutliches Ungetüm von Gasherd, das, so fürchte ich, irgendwann mit mir und allen meinen Bildern in die Luft gehen wird. Dennoch immer wieder das Glücksgefühl darüber, dass ich hiersein darf – immer wenn die Sehnsucht nach ihr in den Hintergrund tritt. Warten auf Miriam. Auch heute.

Hamburg
März 2002

1

Der Sommer war die Zeit der vielen Mücken, der sternenklaren Nächte und der schwülen Tage. Ihm ging Renées und mein Frühling voraus. Er würde mir immer als unser Frühling in Erinnerung bleiben, die einzigartigen Momente, die sich heraushoben aus der langen Reihe endloser Apriltage: Renées Augen, dunkel vor Begierde, Gier nach meinem Atem, meinen Händen, meiner Haut. Doch zu mehr reichte ihre Lust nicht aus. Es wurde der Sommer, in dem ich sie verlor, der Sommer, in dem ich Miriam begegnete. Und mir selbst.

Mit Barcelona verband ich im März nicht mehr als einige verblasste Erinnerungen und ein paar Postkartenmotive. Zwar war mein Vater Spanier, doch ich hatte lediglich dreimal die Sommerferien dort verbracht, und zwar lange bevor ich auf das Gymnasium überwechselte. Seit meinem neunten Geburtstag war die Herkunft meines Vaters in unserem Hause tabu. Meine Mutter litt an Migräne, die immer dann einsetzte, wenn Themen zur Sprache kamen, die ihr Unbehagen verursachten, und die Familie ihres Mannes gehörte dazu. Wahrscheinlich zog die temperamentvolle Lebensfreude meine Mutter, die ihr Leben lang unterkühlt und beherrscht wirkte, magisch an und stieß sie gleichzeitig ab.

Ich war fünfundzwanzig Jahre alt. Wir lebten in Hamburg, wo mein Vater als erfolgreicher Anwalt für Steuerrecht arbeitete. Meine Kindheit verbrachte ich in einer perfekten Illusion von Geborgenheit, inmitten einer Vorortidylle. Sorgfältig gehätschelte Rosenrabatten und penibel gestutzte Hecken machten die Gedanken träge, und meine Eltern besaßen sehr genaue Vorstellungen davon, was richtig und was falsch war. Als ich meinen Wunsch, Malerin zu werden, erst einmal durchgesetzt hatte, verplanten sie mein Leben auf Jahre: Privatlehrer, Kunsthochschule, anschließend Praktikum in der Werbeagentur eines Geschäftsfreundes meines Vaters. Das Gefühl zu ersticken wuchs langsam, aber stetig.

Im Jahr 1999 starb mein einziger Bruder durch einen Autounfall.

Meine Mutter lebte weiter wie zuvor, indem sie alles verdrängte – die Trauer, die Wut, selbst seinen Tod. Ihr Tagesablauf war minutiös geplant, die Rituale gaben ihr Halt und ließen keinerlei Spielraum: um elf Uhr Friseur, um zwölf Uhr dreißig Essen mit ihrer besten Freundin, um vierzehn Uhr Tennis oder Golf, um siebzehn Uhr fünfzehn ein Bad, um zwanzig Uhr eine Theateraufführung, ein Konzert oder eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Ihre Perfektion war bewundernswert und beängstigend zugleich.

Mein Vater spielte mit, so gut es ging. Er liebte sie abgöttisch, und wenn er weinen wollte, zog er sich in die Abgeschiedenheit seines Arbeitszimmers zurück. Er tat stets, was sie verlangte, und begriff nicht, dass sie ihn mit den Jahren gerade dafür zu verachten begann. Die Blicke, die sie ihm beim Frühstück zuwarf, sprachen Bände, doch er schien sie nicht zu bemerken. Ich verspürte oftmals den Drang, ihn anzuschreien – »Reiß dich zusammen, verdammt noch mal!« –, doch es gelang mir nicht, mein Schweigen zu durchbrechen, viel zu tief war ich in meiner eigenen Trauer gefangen, viel zu sehr durch das fehlende Interesse an mir selbst verletzt. Nach außen waren wir die perfekte Familie. Nach innen herrschte nichts als Schweigen und Lüge.

Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass meine Mutter die Beherrschung verlor. Drei Tage hatte ich in meinem Zimmer gesessen, wortlos, ohne zu essen, die immer gleiche CD auf »Repeat« gehört, eine Zigarette nach der anderen geraucht, den Blick starr auf die weiße Wand gegenüber meinem Bett gerichtet. Es war der Zeitpunkt, zu dem ich begann, das Gesicht meines Bruders zu vergessen. Ich verspürte deswegen ein Schuldgefühl, das mich völlig lähmte. Schließlich stürmte meine Mutter in mein Zimmer. Ihre Stimme überschlug sich vor Hysterie: »Was denkst du, was du hier tust, Elena?«

Sie zog den Stecker meiner Stereoanlage heraus, und die plötzliche Stille war unerträglich laut, mein schneller Atem auf einmal hörbar, ihr Schluchzen, als sie die Hände vors Gesicht schlug. Ich starrte sie an, sprachlos, sah sie zum ersten Mal seit langer Zeit, ihre Hände, die alt geworden waren in den letzten Jahren.

»Kannst du dich noch an seine Augen erinnern?«

Meine Stimme rauh und kratzig, ungeübt. Sie erwiderte meinen Blick, eine Sekunde, vielleicht auch zwei, dann drehte sie sich um und ging wortlos hinaus. Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass ich sah, dass sie etwas fühlte – ich sah, wie verletzbar sie hinter ihrer Maske der Normalität war.

Doch von Stund an begegneten wir uns wie Fremde. Sie versank in einer mehrere Tage anhaltenden Migräneattacke, während mein Vater mich stumm und schuldbewusst ansah. Vielleicht hasste sie mich, weil ich ihre Schwäche gesehen hatte; vielleicht war es ihr aber auch gleichgültig, was ich über sie erfahren hatte. Mit Olivers Tod schienen meine Eltern jedes Interesse an mir verloren zu haben. Manchmal denke ich allerdings, dass es vorher nicht anders gewesen war, ich es nur nie hatte wahrhaben wollen, weil ich ihn so sehr liebte.

Es fiel ihnen nicht auf, dass ich längst keinen Freund mehr mit nach Hause brachte, und ich verspürte keine Lust, ihnen von meiner Liebe zu Frauen zu erzählen, zumal meine Beziehungen so flüchtig waren, dass es kaum lohnte, ihretwegen das Schweigen zu brechen. Ich fand es ganz normal, sich nach einer kurzen Phase von Lust und Verliebtheit zu verabschieden, nichts anderes erlebte ich Woche für Woche in den Bars und Cafés. Einige Drinks zusammen, ein Abendessen vielleicht, schließlich miteinander ins Bett und dann die Trennung, wenn der Hunger auf die Haut der anderen nachließ. Mir ging es nicht einmal schlecht dabei. So dachte ich zumindest.

Anfang März besorgte mir eine Freundin eine Karte für das Konzert einer damals ziemlich angesagten Band. Das Event war seit Wochen ausverkauft, doch meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, als ich am Freitagabend in die U-Bahn stieg. Der dämmrig-graue Himmel trug nicht dazu bei, meine Stimmung zu heben, und die Menschenmassen im Waggon, ein Vorgeschmack auf die überfüllte Halle, machten mich zunehmend aggressiv.

Als ich mich in der Menge endlich halbwegs nach vorn gedrängelt hatte und einer durchgestylt wirkenden Vorband lauschte, sah ich sie zum ersten Mal. Sie stand gut zwei Meter rechts von mir, ihr knallrotes Haar leuchtete im Scheinwerferlicht. Sie wippte leicht auf den Zehenspitzen im Takt der Musik, sang halblaut mit und sah dabei unverschämt glücklich aus. Ich versuchte unauffällig, näher an sie heranzukommen, was mir nach einer Weile hartnäckigen Schiebens auch gelang. Nun standen wir Arm an Arm, nur wenige Millimeter voneinander entfernt, und als die Hauptgruppe die Bühne betrat, war ich mit meinen Gedanken überall, nur nicht bei der Musik.

Zwei oder drei Mal lächelte sie mich von der Seite an, und ich lächelte zurück und spürte, wie allmählich eine Spur ihres Glücksgefühls auf mich abfärbte. Weit weg schienen die Eiseskälte daheim und der Alltag an der Uni, weit weg selbst die allgegenwärtige Trauer seit Olivers Unfall.

»Gut, oder?«

Ihre Stimme in meinem Ohr, laut und rauh. Ich nickte nur. Jede weitere Antwort war bei der Lautstärke zwecklos.

Als die Lichter in der Pause angingen, drehte sie sich zu mir um und lächelte mich an. »Ich heiße Renée.«

»Elena.«

»Bist du immer so schweigsam, Elena?«

Das Lächeln in ihren Augen vertiefte sich.

»Nein.«

Sie griff in die Hosentasche, zog einen Zettel und einen Stift hervor und kritzelte eilig etwas nieder.

»Hier – ich würde mich freuen.«

Eine Telefonnummer, weiter nichts. Als ich aufsah, war sie schon fort und blieb für den Rest des Konzertes verschwunden, so sehr ich auch den Hals nach ihr reckte.

Auf dem Heimweg, gedankenversunken, festigte sich bereits das Gefühl, mich verliebt zu haben. Das Entscheidende daran war, dass ich mich verlieben wollte und dass ich mir dessen vollauf bewusst war. Vielleicht wäre damals jede die Richtige gewesen, solange sie mir nur das Gefühl gab, besonders zu sein. Ein dringend ersehnter Kontrapunkt zu der Gleichgültigkeit, die zu Hause herrschte, eine Bestätigung, die meine Unsicherheit aufwog, die alles umfasste, allem voran meine Gefühle, meine Träume. Ich schätze, an diesem Anspruch wäre jede Frau gescheitert.

In der Küche brannte Licht. Meine Mutter saß am Tisch und erwartete mich, was sonst nie passierte. Meistens gingen wir uns aus dem Weg. Wir waren so verschieden, wie zwei Menschen es nur sein können, und nicht bereit, unsere Enttäuschung darüber, dass wir offensichtlich nicht die gleiche Sprache sprachen, zu verbergen.

»Und – war es nett?« fragte sie, bemüht freundlich. Sie wirkte verändert, ihre Gesichtszüge entspannter als sonst, beinahe weich.

Ihre kühle Reserviertheit hatte meine ganze Kindheit geprägt, ihre absolute Beherrschtheit, die sie davon abhielt, fröhlich und ausgelassen und spontan zu sein, so wie ich es in Barcelona mit meinem Vater gewesen war. Ihr furchtsames Zurückschrecken vor allem Leben trieb sie immer tiefer in ihre Migräne, die ihr gleichzeitig eine wirksame Waffe gegen die Wünsche meines Vaters in die Hand gab.

Ich ging zur Spüle, füllte ein Glas bis zum Rand mit Wasser und trank es in einem Zug aus.

»Ganz okay«, antwortete ich und wandte mich zum Gehen.

»Elena?«

»Was ist?«

Meine Stimme lauter als nötig.

»Nichts.«

Wieder verfiel sie in ihr Schweigen und verknotete hilflos die Finger ineinander. Diese Geste war so untypisch für meine Mutter, dass ich aufmerkte.

»Ist Vater noch nicht heimgekommen?«

»Nein.«

Es war beinahe halb zwei. Oft saß er um diese Zeit noch in seinem Arbeitszimmer, hörte Musik oder las. Heute war es still und dunkel dort.

»Wir hatten Streit.«

Die Worte brüchig und klein, als wollte sie sich bei mir entschuldigen. In mir wachsendes Erstaunen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann meine Eltern sich zuletzt gestritten hatten. Meistens schwieg meine Mutter, wenn sich Meinungsverschiedenheiten abzeichneten, und legte sich mit Leidensmiene ins Bett, starrte in den verdunkelten Raum, bis mein Vater es nicht mehr ertrug, zu ihr ging und nachgab.

»Dein Vater …«

Sie wandte den Blick ab.

»Er hat mich mit einem Bekannten gesehen.«

»Ja, und?«

»Nichts und. Ich wollte nur, dass du es weißt.«

Noch weigerte ich mich zu glauben, was sie mir andeutete. Sie traf sich mit einem anderen Mann? Das passte doch gar nicht zu der absoluten Kontrolle, die sie über ihr Leben und ihre Gefühle ausübte.

»Und – ist da was zwischen euch?«

Für einen Moment sah sie mir in die Augen, direkt und ohne ihre schützende Hülle. Zum ersten Mal ahnte ich ihre Unsicherheit, in der sie mir so ähnlich war. Dann stand sie abrupt auf, schüttelte den Kopf und ging zur Tür.

»Tut mir leid«, flüsterte sie so leise, dass ich sie kaum verstand. »Tut mir leid – ich kann nicht darüber reden.«

Ich stand in der Küche, das leere Glas noch immer in der Hand. Zum ersten Mal seit Jahren verspürte ich den Impuls, sie zu berühren, doch sie war längst gegangen, ich war allein. Ich begriff, dass die Fassade der Perfektion in unserer Familie langsam zu bröckeln begann. Und ich war offenbar nicht die einzige, die Angst davor hatte.

Mein Vater kehrte erst im Morgengrauen zurück. Kurz darauf drangen die lauten Stimmen meiner Eltern aus einem der Schlafzimmer, mühsam beherrschter Frust in ihren Worten. Irgendwann schlief ich ein, den Kopf unter dem Kissen vergraben. Ich träumte von Renées hellblauen Augen.

Als ich am nächsten Morgen übernächtigt in die Küche trat, saß mein Vater am Tisch, den Kopf in den Händen. Er sah aus, als ob er noch immer dieselben Sachen wie am Vortag trug, die Schatten unter seinen Augen waren noch tiefer als sonst.

»Willst du Kaffee?«

Ein erschrockener Blick aus müden Augen; er fuhr sich mit den Händen durch das dichte Haar, durch das sich seit einiger Zeit die ersten grauen Strähnen zogen.

»Ja, bitte.«

Als ich zwei dampfende Becher auf den Tisch stellte, seufzte er leise.

»Was habe ich bloß falsch gemacht?«

»Zuviel getrunken, schätze ich.«

Sein Lachen leise, aber immerhin.

»Nein. Ich meine ja, aber ich dachte eher an die ganzen letzten Jahre.«

Ich setzte mich ihm gegenüber.

»Willst du eine ehrliche Antwort?«

Er sah mich an, stumm.

»Warum habt ihr nie mit mir über Oliver geredet?«

Mein Vater zuckte die Schultern und betrachtete seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal.

»Ich schätze, weil deine Mutter es nicht wollte.«

»Und was ist mit dir, mit dem, was du wolltest? Oder ich?«

Schweigen. Im Hintergrund das Zuschlagen einer Autotür. Der Wagen meiner Mutter fuhr knirschend die kiesbestreute Einfahrt hinunter.

Die Zeiger der Küchenuhr scheuchten mich schließlich auf – in wenigen Minuten war ich mit Renée in der Innenstadt zum Frühstück verabredet. Der Mann, den ich in der Küche zurückließ, trank schweigend seinen Kaffee, unglücklich und dennoch unfähig, aus seinen Denkmustern auszubrechen. Allein meine Verabredung hielt mich davon ab zu explodieren. Es war ein Aufschub, der nur von kurzer Dauer sein konnte.

Renée war bereits dort, als ich das Café betrat. Ich blieb einen Moment in der Tür stehen und beobachtete sie. Sie saß an einem Tisch, blätterte desinteressiert in einer Zeitschrift und strich sich flüchtig das kinnlange Haar aus dem Gesicht. Sie wirkte enorm selbstsicher, ganz im Gegensatz zu dem, wie ich mich fühlte. Und sie sah großartig aus, daran bestand kein Zweifel. Hochgewachsen und schlank, mit muskulösen Armen und Oberschenkeln, die ihre Sportlichkeit ahnen ließen.

Als sie mich entdeckte, ging ich hinüber, setzte mich zu ihr und bestellte schnell einen Milchkaffee, um meinen Händen eine Beschäftigung zu geben. Gefangen in ihrem hellblauen Blick, fühlte ich mich zunehmend unsicherer in meiner Lust auf sie und senkte die Augen. Sie hatte von Anfang an gewonnen, und sie wusste es.

»Wir haben nicht viel Zeit.«

»Was?«

Ich wagte es, aufzusehen und mich der Intensität ihres Blickes wieder auszusetzen. Sie lächelte.

»Morgen muss ich zurück nach Berlin.«

»Du lebst in Berlin?«

Sie nickte, weiterhin lächelnd. Ich hatte das Gefühl, der Boden unter mir würde sich auftun.

»Ich studiere dort.«

Rasch überschlug ich, wie viele Kilometer zwischen Hamburg und Berlin lagen. Zu viele. Egal, wie ich es drehte und wendete.

»Kommst du mich mal besuchen?«

Sie sah mich mit schiefgelegtem Kopf an, die Lippen geschürzt. Ich schwankte zwischen Verzweiflung und Lachen, entschied mich schließlich für letzteres. Was blieb mir anderes übrig?

»Sicher.«

Ich tat, was ich noch nie getan hatte: Ich nahm Renée an jenem Abend mit zu mir. Die Trennung, die ich bis dahin immer zwischen meinem Zuhause und meinen Beziehungen gezogen hatte, erschien mir auf einmal absurd, aber vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass ich sie unbedingt wollte, bevor sie wieder fortfuhr. Ein Unterpfand für unser Wiedersehen, etwas, an das ich mich in den folgenden Tagen klammern konnte.

Niemand begegnete uns, als ich die Haustür aufschloss. Unter der Tür des Arbeitszimmers jedoch war Licht zu sehen, und aus dem Wohnzimmer erklang der Fernseher – meine Mutter sah sich eine Talkshow an.

»Wahnsinn! Ihr habt eine Menge Kohle, was?« flüsterte Renée, schon auf der Treppe, und aus irgendeinem unerfindlichen Grund musste ich kichern, obwohl an dieser Tatsache an sich nichts Komisches war. Eher schon daran, dass ich mich im Alter von fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal mit einer Freundin in das Haus meiner Eltern stahl.

Als wir an der geschlossenen Tür von Olivers ehemaligem Zimmer vorbeikamen, stutzte sie und betrachtete die Plakate, die dort angebracht waren.

»Wessen Zimmer ist das hier?«

Beinahe bereute ich schon, sie mitgenommen zu haben, doch es gab kein Zurück.

»Das meines Bruders.«

Ich verspürte keine Lust, ihr die ganze Geschichte zu erzählen; die Erinnerung war mir zu nah, um sie mit ihr zu teilen, einer Frau, die ich erst wenige Stunden kannte.

In meinem Zimmer ging sie an den Regalen entlang und ließ ihren Finger über die Buchrücken gleiten. Ich setzte mich aufs Bett und beobachtete sie, sah meine Bilder durch ihre Augen, meine Fotos, die Kleidungsstücke, die herumlagen. War es so, wie ich es mir vorgestellt hatte? Sie ließ mir keine Zeit, um darüber nachzudenken. Sie drehte sich um und zog ihren Pullover aus, unter dem sie nichts trug. Nichts als ihre Haut, ihren fremden Duft, ihren trainierten Körper. »Willkommen in meinem Leben«, sagte sie, und das gleiche sagten ihre Lippen zu meinen, zu meinen Händen, meinem Rücken, meinem Bauch.

Sehr viel später klappte eine Tür auf dem Flur, und kurz darauf eine zweite. Nein, sie hatten nicht nach ihr gefragt, doch Renée tat es.

»Schlafen deine Eltern getrennt?«

Ihr Kopf lag auf meiner Brust, ihre Haare waren zerzaust und dunkel in dem Dämmerlicht, das durch die Dachfenster hineinfiel.

Ich nickte, und sie hob den Kopf und sah mich an. Sie sah anders aus in diesem Moment, fast durchscheinend.

»Schon lange?«

»Schon ewig.«

Sie sagte nichts mehr in dieser Nacht. Doch ich glaube, Renée begriff damals sehr viel mehr von mir, als ich ahnte.

Mein Vater saß in der Küche, als wir am nächsten Morgen herunterkamen. Es erschien mir auf einmal unmöglich, sie hinauszuschmuggeln, als hätten wir etwas Schlechtes getan, und ihr schien das recht zu sein. Renée setzte sich zu meinem Vater an den Tisch, und in kürzester Zeit waren die beiden in ein Gespräch über Tennis vertieft und schienen mich vergessen zu haben. Ich schenkte mir einen Becher Kaffee ein, stark und schwarz, und schlenderte damit hinüber ins Wohnzimmer.

Meine Mutter stand an der Terrassentür und sah hinaus, reglos. In ihrem Spiegelbild konnte ich ihren angespannten Gesichtsausdruck erkennen. Sie sah aus, als fechte sie einen stummen inneren Kampf aus, dessen Ausgang ungewiss war.

»Alles in Ordnung?«

Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, holte unbewusst das nach, was ich am Abend zuvor bereits hatte tun wollen. Etwas in mir hatte nachgegeben in der vergangenen Nacht, etwas, das mich bewog, auf sie zuzugehen, anstatt ihr wie sonst auszuweichen.

Sie wandte sich um und ergriff meine Hand. Ich war erschrocken, wie kalt ihre Finger waren.

»Nein, Elena. Ich fürchte, nein.«

Sie seufzte und sah mich an. Ihre rotgeweinten Augen bildeten einen schmerzlichen Kontrast zu ihrer Blässe.

»Was ist passiert?«

»Ich habe jemanden kennengelernt. Ich habe mich verliebt.«

Schweigen, nur das Ticken der Standuhr ohrenbetäubend laut. Das gleiche Zimmer wie zuvor, und doch hatte sich alles verändert.

»Wie ernst ist es?«

Meine Stimme wie von weit her, rational, abwägend. Die Gedanken dahinter wie ein einstürzendes Kartenhaus. Ich bemerkte erst jetzt, wie sehr ich selbst die Illusion der heilen Familienwelt gebraucht hatte, die Illusion von Geborgenheit, auch wenn sie nur Schein war, um weiteratmen zu können. Jetzt war nichts mehr davon übrig.

»Sehr ernst. Ich werde deinem Vater weh tun müssen.«

»Das tust du doch schon seit Jahren.«

Der Schmerz musste hinaus jetzt, ich wollte sie verletzen, um den Augenblick ertragen zu können. Meine Mutter lächelte mit traurigem Gesicht; sie wehrte sich nicht. Ich nahm sie bei den Schultern, hielt sie fest, schüttelte sie.

»Wie kann das sein – so plötzlich?«

Kam der Schrei wirklich aus meinem Mund, gequält und heiser? Sie schwieg, und ich begriff: Von plötzlich konnte keine Rede sein. Das Schweigen in den vergangenen Monaten, noch tiefer als sonst, ihre Verschlossenheit meinem Vater gegenüber, ihr abwesender Gesichtausdruck. Endlich ergab all das einen Sinn.

»Ich weiß es nicht, Elena. Ich weiß es einfach nicht.«

Der Morgen hatte seinen Zauber verloren. Renée spürte es, als ich sie zum Busbahnhof brachte, tief in Gedanken versunken. Dennoch die Frage:

»Kommst du bald?«

Ich nickte, schweigend, küsste sie auf die Nasenspitze, winkte ihrem Bus nach, bis er außer Sicht war. Ich stand allein am zugigen Busbahnhof in Hamburg. Es regnete.

2

Wir begannen zwischen Berlin und Hamburg hin- und herzufahren, um uns zu sehen. Nein, das stimmte nicht: Ich war meistens diejenige, die zu ihr fuhr, und wir trafen uns nicht, um uns zu sehen, sondern um miteinander ins Bett zu gehen.

Ich war froh, wenn ich meine Sachen packen konnte, war die gespannte Atmosphäre zu Hause leid. Die Uni geriet zunehmend in den Hintergrund. Selten tauchte ich in meinen Seminaren auf, übernächtigt und wenig kreativ, da ich meine ganze Phantasie auf ihren Körper gerichtet hatte. Ich ließ meine Fingerspitzen auf ihrer Haut malen, und es genügte mir vollkommen, mit ihr zusammenzusein. Ohne Worte schufen wir einen geschützten Raum um uns, gesponnen aus Lust, der nichts mit der Welt draußen gemein hatte.

Verließ ich sie und kehrte nach Hause zurück, fühlte ich mich am falschen Ort. Müde und wund und voller Sehnsucht nach ihr nahm allmählich der Gedanke in mir Gestalt an, ganz zu ihr nach Berlin zu gehen.

Am ersten Mai 2002 packte ich meine Sachen, kehrte Hamburg den Rücken und zog in eine kleine Wohnung in Berlin-Friedrichshain. Sebastian, einer meiner Kommilitonen, fuhr mich mit seinem VW-Bus, und als er mir die Frage stellte, warum ich nicht mit Renée zusammenzog, wich ich ihm aus, vergaß in meiner Verliebtheit mein Unbehagen aber schnell wieder. Tatsächlich hatte ich Renée vor einiger Zeit dieselbe Frage gestellt, und ihre Antwort war ebenso klar wie kurz gewesen: »Auf gar keinen Fall!« Nach dem Warum hatte ich nicht mehr gefragt, aus Angst vor der Antwort.

Ich beschloss, mich zum Wintersemester an der Universität der Künste zu bewerben; bis dahin wollte ich jobben, Geld verdienen. Der Abschied von meinen Eltern war kurz ausgefallen. Meine Mutter war so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie mich nur kurz umarmt hatte; ihre Augen hatten unnatürlich geglänzt, ihre Wangen waren gerötet gewesen, als ob sie Fieber hätte, doch ihre Haut war eiskalt.

Mein Vater hatte mich an sich gedrückt wie ein Ertrinkender, ehe er irgendwo in meinem Haar murmelte: »Musst du mich nun auch noch verlassen?«

Ich hatte ihn angesehen und genickt und versucht, mich von der Verantwortung für ihn zu lösen. Wie konnte ich für ihn verantwortlich sein, wenn ich doch eigentlich diejenige war, die er als Vater beschützen musste? Schon als kleines Mädchen waren die Verhältnisse bei uns umgekehrt gewesen.

Ich begann regelmäßig zu kellnern und verdiente ganz gut damit. Nebenbei konnte ich eine Menge Menschen beobachten. Kam ich nach Hause und war nicht mit Renée verabredet, was immer häufiger vorkam, riss ich mir die verschwitzten Klamotten vom Leib, schnappte mir meinen Zeichenblock und hielt die Gesichter fest, die ich den ganzen Abend hindurch angelächelt hatte. Jede Einzelheit von ihnen hatte sich zwischen Zigarettenrauch und Wortfetzen in meine Erinnerung eingegraben. Für einige bittersüße Wochen fühlte ich mich tatsächlich frei.

Dass ich Paul traf, war eher ein Zufall. Er war Stammgast in der Bar, und eines Nachts kamen wir ins Gespräch und stellten fest, dass er das gleiche studiert hatte wie ich. Er jedoch hatte seinen Abschluss längst in der Tasche und war vor wenigen Wochen das Wagnis eingegangen, einen eigenen kleinen Verlag zu gründen. Er bestand bis jetzt nur aus ihm und seinem Freund, Martin, einem Germanistikstudenten aus Potsdam. Sie gaben Mangas heraus, japanische Comics, die sich auch hierzulande einer wachsenden Fangemeinde erfreuen. Und das beste daran: Sie waren auf der Suche nach einer Zeichnerin.

Damals wusste ich nicht viel über Mangas. Bilder von Mädchen mit großen Augen und noch größeren Brüsten, die dank Kung Fu in der Lage waren, es selbst mit außerirdischen Gegnern aufzunehmen, tauchten vor meinem inneren Auge auf. Dennoch sagte ich begeistert zu, als Paul mir vorschlug, ihn am nächsten Tag in seinem Verlagsbüro zu besuchen. Ich war eher neugierig, als dass ich mir große Hoffnungen machte, wirklich für ihn arbeiten zu können.

Das Verlagsbüro war ein großer düsterer Raum mit verhängten Fenstern, in dem aus vier überdimensionalen Lautsprechern Trance-Musik erklang. An sämtliche verfügbaren Plätze an den Wänden waren Zeichnungen von Drachen gepinnt worden, und unter der Decke schwebte ein Holzdrache mit weit aufgerissenem Maul und drehte sich mit dem Ventilator im Kreis. Auf den Zeichentischen und vor den Computern herrschte Chaos.

Auf mein Hallo kam zunächst keine Reaktion, bis ein Kopf mit unzähligen Dreadlocks auftauchte und ein hellgrüner Blick unter einem Augenbrauen-Piercing mich erfreut musterte.

»Hi, du musst Elena sein. Martin.«

Er schüttelte mir die Hand. Dann verschwand er wieder hinter seinem Computer und vergaß mich. Nach drei Minuten wagte ich es, mich zu räuspern. Martin schoss empor wie von der Tarantel gestochen.

»Entschuldige, wenn ich dich störe, aber eigentlich bin ich hier, um Paul zu treffen.«

»Oh. Ja, klar.«

Er verschwand hinter einem violetten Samtvorhang, hinter dem sich, wie ich später erfuhr, die Küche befand, und tauchte für die nächsten zwei Stunden nicht mehr auf. Statt dessen betrat Paul den Raum.

»Elena! Schön, dass du gekommen bist. Hast du dich schon umgeschaut?«

»Äh – nein.«

»Martin und ich brauchen das inspirierende Chaos hier, um kreativ zu sein. Am Anfang, als das noch ein ganz normales Büro war, war es die absolute Katastrophe – wir haben stundenlang am Schreibtisch gehockt und nichts zustande gebracht.«

»Das glaube ich sofort«, murmelte ich leise.

»Was?«

»Ach, nichts.«

Langsam begann ich mich in der verrauchten, düsteren Atmosphäre wohl zu fühlen, war aber noch nicht bereit, es zuzugeben.

Paul ging zu einem dritten Schreibtisch am fernen Ende des Raumes hinüber.

»Das hier wäre also dann dein Reich! Ich hoffe, die Unordnung stört dich nicht? Sonst könnten wir versuchen, ein bisschen mehr Platz für dich zu schaffen.«

»Wie bitte?«

Ich trat an das Ungetüm von Schreibtisch. Der Arbeitsplatz ging über Eck und war, wie ich erst auf den zweiten Blick erstaunt feststellte, mit Laserdrucker, Telefon, Zeichenplatten, Scanner und allerlei technischem Schnickschnack perfekt ausgestattet.

»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du bietest mir doch nicht wirklich einen Job an?«

Mir fielen die Arbeitsproben ein, die ich noch immer unter dem Arm trug. Hastig breitete ich sie aus und vergrößerte das Chaos damit noch. Paul beugte sich über die Blätter, schaute und sagte erst einmal eine ganze Weile gar nichts. Dann drehte er sich um und grinste.

»Wann kannst du anfangen?«

Die Treffen zwischen mir und Renée wurden seltener, jetzt, wo wir in der gleichen Stadt lebten und eigentlich ständig verfügbar gewesen wären. Doch das Gegenteil war der Fall: Ihre Vorlesungen und meine Jobs verschlangen unsere Zeit, der Alltag schlich sich ein und nahm uns einen Großteil der Magie, auf die wir gebaut hatten. Auch unser Hunger auf den Körper der anderen war langsam gesättigt, die Berührungen waren allzu vertraut und wurden schal. Erst jetzt, als unsere Lust aufeinander allmählich in den Hintergrund trat, begriff ich, wie wenig wir eigentlich gemein hatten. Die Illusion einer Beziehung, mehr nicht, stumm, ohne Worte, ohne Gesprächsthemen.

Erst nach und nach erfuhr ich, wie ehrgeizig Renée war. Sie studierte Politikwissenschaften und hatte sich in den Kopf gesetzt, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Jede freie Minute verbrachte sie an der Uni, und die übrige Zeit trieb sie mit einer geradezu fanatischen Intensität Sport. Joggen, Schwimmen, Squash, Volleyball – es gab nichts, was sie nicht machte oder zumindest ausprobiert hatte. Und schließlich besaß sie einen unüberschaubaren Kreis von Freundinnen und Bekannten. War ich mit ihr unterwegs, schien sie eine andere zu sein als die Frau, die ich aus unserem vertrauten Beisammensein kannte, und ich fragte mich zunehmend, was ich eigentlich mit ihr und ihrem Leben zu tun hatte. Außer in jenen Momenten, wenn uns die alte Gier packte und wir uns noch einmal ineinander verschlangen, schienen uns Welten zu trennen.

Ich stürzte mich in die Arbeit. Abends kellnerte ich, die Tage verbrachte ich im Verlagsbüro. Anfangs begnügte ich mich mit kleinen zeichnerischen Hilfsarbeiten, doch je mehr ich Paul über die Schulter schaute, desto mehr tauchte ich in die futuristischen Comics ein. Paul überließ mir stapelweise alte Hefte, um mich mit Inspiration zu versorgen, und bald war mir das Kolorieren seiner Bilder zu wenig. Wann immer ich Zeit hatte, versuchte ich mich zu Hause selbst an Illustrationen, an Welten, die nichts mit dem Alltag gemein hatten, geheimnisvollen Kämpfen auf fernen Planeten, bei denen gut und böse leicht zu unterscheiden waren und letztes Endes immer das Gute siegte.

Ich machte ebenso wie Paul und Martin Kaffee und Zigaretten zu meinen Grundnahrungsmitteln, bis meine Finger zitterten und ich das Gefühl hatte, die Bodenhaftung zu verlieren. So viel Leben, wo vorher so wenig gewesen war, und so viel Lust darauf, immer mehr, die ich seit neuestem mit jemandem teilte: Richard.