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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Silvy Pommerenke

Küsse in Pink

Das lesbische Coming-out-Buch

K+S digital

Vorwort

Wieso? Weshalb? Warum?

Unsere Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts bietet Mädchen und Frauen unendlich viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und Entfaltung. Führende Politikerinnen, Profisportlerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen sind lesbisch oder erzählen freimütig von ihrer Bisexualität. Die Homo-Ehe ist keine Sensation mehr, sondern wird als ein Thema von vielen in den Medien diskutiert. Lesben adoptieren Kinder – oder bekommen selbst welche –, und die Patchwork-Familie ist fast eher die Regel als die Ausnahme. Jedes Jahr gehen in groß angelegten Demonstrationszügen Hunderttausende Homosexuelle am Christopher Street Day auf die Straßen und verbinden dies mit fröhlichen Festen.

Wozu also einen Coming-out-Ratgeber für junge Frauen? Ist das wirklich noch nötig, in Zeiten der Toleranz und Akzeptanz?

Ja! Denn trotz lesbischer Stars in Soaps, die wir tagtäglich im Fernsehen erleben, trotz der lesbischen Nachrichtensprecherin oder Talkmasterin, ist die Entdeckung, lesbisch zu sein, für jede Einzelne noch immer etwas Besonderes. Noch ist es nicht selbstverständlich, dass Kinder und Jugendliche von ihren Eltern erfahren, dass Homosexualität als völlig gleichberechtigt neben Heterosexualität steht. Noch findet man in kaum einem Schulbuch lesbische und schwule Figuren, die beispielsweise helfen, die deutsche Grammatik zu erläutern, englische Vokabeln zu übersetzen oder komplizierte Rechenaufgaben zu lösen. Es ist bezeichnend, dass sich die Öffentlichkeit mit der Realität vorrangig durch Verschweigen auseinandersetzt.

Dieser Coming-out-Ratgeber soll hilfreich sein bei der Entdeckung des eigenen Lesbischseins. In Geschichten und Interviews werden verschiedene Möglichkeiten gezeigt, wie ein Coming-out verlaufen kann und welche Erfolgserlebnisse oder auch Dramen die einzelnen jungen Frauen dabei erleben. Ergänzend zu den meisten Geschichten gibt es Kommentare, die weitere Informationen und Anregungen bieten.

Ich habe versucht, möglichst verschiedene Szenarien darzustellen, so dass sich eine möglichst große Anzahl von Mädchen und jungen Frauen darin wiederfindet – egal ob die Einzelne nun die Hauptschule oder das Gymnasium besucht oder eine Ausbildung macht, ob sie religiös ist oder den Sport zu ihrer Religion gemacht hat, ob sie hierzulande geboren oder aus dem Ausland nach Deutschland gekommen oder aus einem kleinen Ort in die Großstadt gezogen ist. Ich gehe natürlich auch darauf ein, wie du dich vor deinen Eltern outen kannst, wie du mit verletzenden Reaktionen umgehen könntest oder wie es ist, sich in die beste Freundin zu verlieben. Dabei wird eines deutlich: Jede Geschichte verläuft anders, jedes Coming-out hat seine eigene Dynamik, und jede erlebt ihre eigene, individuelle lesbische Entdeckungsreise.

Vor allem aber soll dieser Ratgeber Mut machen und das Lesbischsein von seinen schönsten Seiten zeigen!

»Schmetterlinge im Bauch«

Die Entdeckung, lesbisch zu sein, und erste Flirtversuche

Wie war das eigentlich damals, als wir den ersten Lesben in natura begegnet sind, als wir sie auf der Mattscheibe sahen und uns in das Mädchen aus der Parallelklasse verliebt haben? Chrissy erzählt, wie es bei ihr war:

Die erste Begegnung mit Lesben hatte ich, als ich mit meiner Mutter einen Spaziergang durch den Park machte. Ich war zwölf Jahre alt und trottete missmutig meiner Mum hinterher, die diese Naturausflüge liebte, ich hingegen verabscheute. Ich langweilte mich tierisch, bis uns zwei engumschlungene Frauen entgegenkamen. Natürlich war das kein allzu ungewöhnliches Bild für mich – viele Mädchen gehen gern Arm in Arm mit ihrer Freundin über den Schulhof, und Frauen nehmen sich zur Begrüßung in den Arm und suchen Körperkontakt –, aber als die beiden Parkbesucherinnen sich dann innig küssten, da fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. Dies war eindeutig etwas, was ich noch nie gesehen hatte. Mir stand der Mund offen, und ich starrte die Frauen ungeniert an.

Während sich meine Mutter mit den Blumen am Wegesrand beschäftigte, lachten mich die zwei herzerfrischend an und gingen weiter. Ich zupfte meine Mutter am Jackenärmel und fragte sie irritiert, ob sie die beiden gesehen hätte und vor allem das, was die getan hatten?

»Ja«, gab sie freimütig zu. »Sie haben sich geküsst!« Da wurde mir klar, dass ihre Aufmerksamkeit wohl nicht nur den Blumen gegolten hatte.

»Aber«, konterte ich, »das waren doch zwei Frauen!«

»Na und?«, erwiderte meine Mutter. »Das ist doch ganz normal, Chrissy. Es gibt eben Frauen, die Männer lieben, aber auch Frauen, die Frauen lieben!«

»Aha«, sagte ich. »Verstehe.« Aber ich verstand gar nichts.

Später wurde mir dann klar, dass das zwei Lesben gewesen waren. Aber was hieß das denn nun konkret? Ich hatte bisher noch niemanden in meinem Leben geküsst und war auch nicht sonderlich scharf darauf. Wenn im Fernsehen ein Paar knutschte, dann hielt ich mir immer die Augen zu und fragte meine Mutter, ob die Szene vorbei sei und ich die Augen wieder aufmachen könne. Irgendwie war mir das total peinlich, aber als ich diese beiden Frauen im Park sah, da hatte ich ein ganz komisches, neuartiges Gefühl im Bauch. Und das war mit Sicherheit nicht unangenehm.

Als ich einige Wochen später in der Serie Verbotene Liebe – die meine Mutter inzwischen regelmäßig nach der Arbeit guckte, um abzuschalten, wie sie sagte – erneut zwei Frauen sah, die sich küssten, da hielt ich mir die Augen nicht mehr zu und bat meine Mutter auch nicht, das Programm zu wechseln. Sie warf mir einen Seitenblick zu, sagte aber nichts, während ich mit glühenden Wangen auf dem Sofa saß. Von da an schaute ich die Sendung jeden Abend mit meiner Mutter und fieberte mit Hanna und Carla, später Susanne und Carla mit, die in die Lieben und Intrigen der Familie von Lahnstein verstrickt waren …

So oder so ähnlich könnte die Entdeckung des Lesbischseins auch bei dir angefangen haben. Für jedes Mädchen ist die Zeit der Pubertät und der Wandel vom Kind zur Jugendlichen eine aufregende Phase, in der die Hormone und Gefühle verrückt spielen können, vor allem dann, wenn sie sich zum ersten Mal verliebt. Für viele nimmt das Thema Liebe nun einen großen Stellenwert in ihrem Leben ein. Sie schwärmen für jemanden, verknallen sich und machen vielleicht die ersten Flirtversuche. Wie das genau geht, sagt einem ja leider niemand. Und fragen mag man auch nicht, weil man sich dann total doof vorkäme. Klar kann man schon mal bei der großen Schwester abgucken, wie die das so macht, oder sich auf dem Schulhof die älteren Mädchen als Vorbild nehmen. Aber was, wenn die Schwester einen Freund hat und die Mitschülerinnen immer nur Jungs küssen? Was, wenn man selbst plötzlich Schmetterlinge im Bauch hat, weil Rebecca aus der Parallelklasse auf einmal in einem ganz anderen Licht erscheint, Kopf und Herz ins Rotieren bringt und man ultranervös wird, wenn sie sich in der Pause neben eine setzt? Und wenn man immer ganz geknickt ist, nur weil man sie einen Tag lang nicht gesehen hat? Dann kann man eigentlich nur Verbotene Liebe gucken und sich wünschen, dass man selber Susanne ist und Rebecca vielleicht Carla.

Das ist natürlich keine wirklich gute Lösung für den Rest des Lebens, denn auch wenn die beiden Schauspielerinnen auf dem Bildschirm ein hübsches Paar abgeben, wird die eigene Sehnsucht durch das Zugucken nicht wirklich erfüllt. Ganz im Gegenteil, durch die Figuren in der Soap werden die eigenen Wünsche und Phantasien noch verstärkt.

Wie aber nun konkret mit den Wunschträumen in Bezug auf Rebecca aus der Parallelklasse umgehen? Wie erfährt sie, dass Chrissy sich in sie verliebt hat, und vor allem: Wie reagiert sie darauf?

Die Situation ist günstig, als Chrissy Rebecca auf dem Schulhof begegnet.

Chrissy: »Hi, Becci, wie geht’s denn so?«

Rebecca: »Hey, Chrissy, läuft alles super. Hab gestern in Mathe ’ne Eins bekommen.« (anerkennendes Nicken und warmes Gefühl im Bauch auf Seiten Chrissys) »Aber das ist jetzt auch nichts Besonderes, weil fast die ganze Klasse ’ne Eins gekriegt hat.«

Chrissy: »Aha.« (warmes Gefühl nimmt zu) »Ähm, sag mal, ich wollte dich fragen, ob du am Freitag vielleicht mit mir ins Kino gehst. Da läuft Der Teufel trägt Prada mit Anne Hathaway.« (Herzrasen, Schweißausbrüche und verlegenes Zupfen an der Gürtelschnalle)

Rebecca: »Cool ey, ja klar! Wenn ich das Geld zusammenkratzen kann, dann komme ich mit.«

Chrissy: (strahlendes Lachen, das eher einer Gesichtslähmung ähnelt) »Super, ich freu mich schon! Dann hol ich dich um sieben ab, okay?«

Na also, das wäre doch schon mal ein Anfang. Der erste Schritt ist gemacht, und Chrissy ist nicht enttäuscht worden. Rebecca hat mehr als deutlich signalisiert, dass sie gerne mit ihr ins Kino geht. Aber was nun? Zusammen ins Kino zu gehen bedeutet ja nun noch gar nichts – oder etwa doch?

Chrissy zählt die Stunden bis zum Freitagabend. Ihre Mutter registriert, dass ihre Tochter beim Essen einen abwesenden Eindruck macht, sich ungewöhnlich lange in ihrem Zimmer einschließt und bei leiser Musik am PC Tagebuch schreibt. Das Tagebuch nutzt Chrissy, um die eigenen Gedanken zu sortieren und ein wenig Ordnung in das Chaos der Gefühle zu bringen, weil sie sich noch nicht traut, offen mit einer Freundin – schon gar nicht mit Rebecca – darüber zu sprechen. Noch weiß sie ja auch gar nicht, was dieses Wechselbad der Gefühle zu bedeuten hat. Eines steht jedenfalls fest: Sie wird gefühlsmäßig heftig durcheinander gewirbelt, der Magen hängt ihr in den Kniekehlen, aber etwas essen kann sie beim besten Willen nicht (oder sie stopft sich mit Süßigkeiten und anderem Zeugs voll, um nicht tatenlos herumzusitzen), und die Probleme der Erwachsenen scheinen ihr total banal und unwichtig zu sein. Die Hausaufgaben gehen ihr nur quälend von der Hand, und sie ersehnt sich nichts mehr als die Schulferien. Dann kann sie den täglichen Verpflichtungen und Aufgaben endlich entfliehen und sich ganz ihren Herzensangelegenheiten widmen. Außerdem langweilen sie die Gespräche der Mitschülerinnen über die Jungs aus der Parallelklasse fast zu Tode.

Chrissy sitzt also in ihrem Zimmer, hört zum hundertsten Mal ihren Lieblingssong von Tegan und Sara und weiß irgendwie gar nicht, wie sie sich Rebecca gegenüber verhalten soll. Sie merkt schon, dass ihre Gefühle für die Freundin sich deutlich unterscheiden von denen, die sie anderen Mädchen gegenüber hegt. Aber was bedeutet das? Sie kann doch nicht einfach mit Rebecca ins Kino gehen und am Ende des Filmes sagen: »Du, ich fühl mich total komisch in deiner Gegenwart. Irgendwie bin ich dann immer ganz aufgeregt, aber gleichzeitig fühle ich mich auch super wohl mit dir.«

Ganz sicher ist sie sich also nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Deswegen lässt sie sich lieber etwas Zeit und überstürzt nichts. Also erst mal die Füße ein wenig stillhalten, so schwer es auch fallen mag, sich der eigenen Gefühle klarer werden und Rebecca ebenfalls Zeit geben.

Nun ist er da, der Freitag, der langersehnte Kinoabend. Eine Stunde vor dem Treffen ist Chrissy zu nichts mehr zu gebrauchen. Nachmittags hat sie noch mal mit Rebecca telefoniert, und beide waren total albern drauf. Jetzt, kurz bevor sie aus dem Haus gehen will, möchte Chrissy am liebsten den Kopf in den Sand stecken. Die Nervosität schlägt ihr total auf den Magen, das Abendessen hatte sie sowieso achtlos stehen lassen, und ihre Mutter hatte mal wieder dieses seltsam wissende Lächeln im Gesicht.

Wenn die wüsste, wie scheiße ich mich fühle, dann würde ihr dieses Grinsen schon aus dem Gesicht fallen, denkt Chrissy und zieht eine Grimasse hinter dem Rücken ihrer Mutter, die kommentarlos ihren fast unberührten Teller abräumt.

Chrissy wirft sich auf ihr Bett. Sie möchte Rebecca am liebsten anrufen, um ihr abzusagen. Irgendeine Ausrede muss ihr einfallen. Fühlt sie sich jetzt nicht tatsächlich ein wenig kränklich? Aber der Sekundenzeiger, den sie schon seit einigen Minuten anstarrt, dreht unaufhaltsam seine Runden, und nun ist wirklich keine Zeit mehr abzusagen. Jetzt muss sie sich absolut beeilen, um nicht zu spät zu kommen.

Ein letzter Blick in den Spiegel, ein hastiges »Tschühüs« zu ihrer Mutter, und schon sitzt sie auf dem Fahrrad in Richtung Innenstadt.

Als sie kurz darauf bei Rebecca klingelt und diese vor ihr steht, ist die Aufregung wie weggeblasen. Zur Begrüßung nimmt die Freundin sie ganz unbefangen in die Arme und sagt: »Hey, du bist ja pünktlich auf die Minute! Mann, ich hab mich total auf den Abend mit dir gefreut. Am liebsten hätte ich dich schon vor einer Stunde angerufen, aber ist ja auch irgendwie albern, oder?«

Chrissy starrt sie an und bemerkt winzige Sommersprossen auf Rebeccas Nase, die sie vorher noch nie gesehen hat.

»Nö, wär überhaupt nicht albern gewesen (heftiges Flattern in der Magengegend). Aber jetzt lass uns mal losziehen, sonst fängt der Film noch ohne uns an.«

Voller Vorfreude steigen sie auf ihre Räder und erzählen sich und dem Fahrtwind, was in der letzten Woche so alles passiert ist.

Am Kassenhäuschen des Kinos kaufen sie sich noch Cola und Popcorn, und dann gehen sie quatschend in den Vorführraum.

Die Zeit, die Chrissy in den letzten Wochen durchgemacht hat, ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Viele Fragen hat sie gewälzt, auf die sie noch keine Antworten gefunden hat. Wieso hat sie sich noch nie wirklich für Jungs interessiert? Warum flirten alle ihre Freundinnen ständig, während sie das ganz kaltlässt, so als würde sie nicht dazugehören. Warum fühlt sie sich so wohl in Rebeccas Gegenwart, und was bedeutet dieses flatternde Gefühl im Bauch? Weshalb hat sie das dringende Bedürfnis, immer in Rebeccas Nähe zu sein, und wieso kann sie an niemand anderes mehr denken? Vor allem aber: Warum kann sie mit niemandem darüber sprechen? Aber wem sollte sie sich auch anvertrauen?

Entdeckt ein Mädchen, dass sie sich zu anderen Mädchen hingezogen fühlt, bedeutet das in der heterosexuell dominierten Gesellschaft eine kleine Gratwanderung. Das eigene sexuelle Interesse erwachen zu spüren ist für jedes Mädchen eine aufregende Zeit, in der sie sich mit einer völlig neuen Welt konfrontiert sieht. Bei Mädchen wie Chrissy, die sich im Gegensatz zu den meisten anderen eben nicht zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen, sondern zum eigenen, kommt eine doppelte Auseinandersetzung mit der neuen Welt des Erwachsenwerdens auf sie zu. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass diese Art der Liebe weder anrüchig noch unmoralisch ist.

Auch wenn es also das Normalste der Welt ist, die Nähe zum gleichen Geschlecht zu suchen, so fehlen doch Rollenmodelle – das heißt, andere lesbische Mädchen und Frauen, mit denen sie sich identifizieren könnte – und so ist die Identitätsfindung für Heterosexuelle deutlich einfacher. Immer noch ist es so, dass eine homosexuelle Frau ihre Lebensweise erklären muss, während eine Heterosexuelle niemandem ihren Freund oder auch Mann zu erklären hat, sich vielleicht sogar für ihn entschuldigen oder verteidigen muss. Kaum ein heterosexuelles Paar wird angepöbelt, weil es Händchen haltend durch die Fußgängerzone geht oder sich auf öffentlichen Plätzen küsst. Niemals wird von ihnen verlangt, dass sie ihre Zuneigung und Liebe füreinander doch bitteschön hinter verschlossenen Türen ausleben sollen. Dies jedoch sind Erfahrungen, die viele Lesben im Laufe ihres Lebens machen. Natürlich geht es nicht jeder so, und manch eine Lesbe lebt ungestört und ohne direkte Diskriminierung. Doch selbst dann finden sich in Zeitungen oder den Köpfen der Ewig-Gestrigen immer wieder gängige Vorurteile und Klischees gegenüber lesbischen Frauen, so dass wir oft von einer indirekten Diskriminierung sprechen können.

Zu diesen Vorurteilen und Klischees gehört beispielsweise die Behauptung, dass Lesben Männer hassen würden. Das ist völliger Blödsinn. Wenn manche von uns eine Abneigung gegen bestimmte Männer haben, dann liegt das oftmals daran, dass wir plump angebaggert werden oder Mann uns hinterhergrölt, uns »fehle nur der richtige Mann«. Am besten reagiert man auf derart blödsinnige Anmache überhaupt nicht. Oder aber man wappnet sich mit coolen Sprüchen, die man dann parat hat und die das Gegenüber zum Schweigen bringen. Die Devise ist, sich nicht unterkriegen und sich nicht in die Opferrolle drängen zu lassen. Natürlich gibt es Situationen, in denen man vorsichtig sein sollte (wenn man abends allein unterwegs ist, sind coole Sprüche vielleicht nicht so angebracht), aber grundsätzlich möchte man ja nicht alles unwidersprochen hinnehmen, was einer an Schwachheiten an den Kopf geworfen wird. Und es ist in der Tat so, dass die meisten Typen gar nicht mit Gegenwehr rechnen, und allein die Tatsache, dass wir uns nicht alles gefallen lassen, bringt so manch einen aus dem Konzept. Für uns selbst ist es auch ein gutes Gefühl, wenn wir den blöden Sprüchen etwas entgegensetzen.

Wenn sich solche Vorfälle häufen, ist es wenig verwunderlich, dass lesbische Mädchen und Frauen dem anderen Geschlecht gegenüber eine gewisse Skepsis an den Tag legen. Allerdings reagieren heterosexuelle Mädchen und Frauen oft ebenso genervt und verärgert auf solche verbalen Übergriffe – und erst recht auf körperliche –, wobei man ihnen im Allgemeinen jedoch nicht vorhält, »Männerhasserinnen« zu sein. Wie eine kluge Lesbe einmal angemerkt hat, haben heterosexuelle Frauen jedoch oftmals viel mehr Grund, Männer nicht zu mögen, weil sie viel mehr mit ihnen zu tun haben.

Ein weiteres gängiges Vorurteil ist, dass Lesben sich wie Männer kleiden und ihre Weiblichkeit verstecken würden. Natürlich gibt es solche Lesben, aber es trifft eben nicht auf jede von uns zu – dies ist genauso weithergeholt wie jedes andere Vorurteil. Wenn wir uns nämlich nicht mit Kurzhaarschnitt und im Tomboy-Style präsentieren, dann nimmt man uns oft gar nicht als Lesben wahr. Wir werden von der Umwelt in die Schublade »heterosexuell« gesteckt, und damit ist das Thema erledigt. Dabei ist die Lesbenwelt genauso vielfältig und bunt und natürlich auch mäuschengrau wie jede andere Welt auch. Wir sind langhaarig oder kurzhaarig, tragen Hosen oder Kleider, schminken uns oder bevorzugen eher den natürlichen Stil. Wir sind einfach immer und überall, ohne dass wir und alle anderen das immer auf Anhieb sehen oder mitkriegen. Es sei denn, wir knutschen wild in der Öffentlichkeit herum, aber auch in diesem Fall können andere nicht wirklich sicher sein, dass es sich um zwei Lesben handelt. Viele Mädchen probieren einfach nur mal aus, ein anderes Mädchen zu küssen, ohne dass sie dadurch automatisch zur Lesbe werden.

Aber was macht denn nun eine Lesbe aus? Genau diese Frage stellt sich auch Chrissy, nachdem sie einige Zeit mit dem Wort jongliert hat. Es war ihr anfangs ein wenig fremd, und sich selbst als Lesbe zu bezeichnen erschien ihr doch ziemlich komisch. Andererseits sind ihre Gefühle zu Rebecca doch relativ eindeutig, oder?

Wir wollen sehen, wie es bei den beiden weitergeht:

Nach dem Kino diskutieren Rebecca und Chrissy noch eine kleine Ewigkeit über den Film. Sie wollen sich kaum voneinander trennen, aber der Uhrzeiger rückt immer weiter, und Chrissy hatte ihrer Mutter hoch und heilig versprochen, um halb elf wieder zu Hause zu sein. Zum Abschied nehmen sich die beiden Mädchen in den Arm, wobei Chrissys Beine so heftig zittern, dass sie Rebecca förmlich von sich stößt, damit diese nichts bemerkt. Rebecca guckt sie ein wenig komisch an, schwingt sich dann aber auf ihr Rad und winkt ihr ein letztes Mal zu.

Als Chrissy die Wohnungstür aufschließt, hört sie, dass ihre Mutter im Wohnzimmer noch Fernsehen guckt. Ein starkes Bedürfnis, sich ihrer Mutter anzuvertrauen, lässt sie die Tür öffnen.

»Hi, Mum, bin wieder da!« Sie lässt sich neben ihrer Mutter auf das Sofa fallen und greift gierig nach der Chipstüte.

»Na, Süße, war’s schön? Du musst ja einen riesigen Hunger haben, sonst isst du doch nie Chips.« Neugierig sieht sie ihre Tochter von der Seite an und denkt, dass sie ganz schön erwachsen geworden ist.

»Mhm, ich hab einen Bärenhunger, aber gleichzeitig kriege ich kaum was runter – ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.«

Eine Zeitlang sitzen die beiden schweigend nebeneinander und schauen auf die flimmernde Bildröhre.

»Mama …« Chrissy nestelt an der Chipstüte rum und weiß nicht recht, wie sie anfangen soll. »Weißt du noch, wie wir damals im Park spazieren gegangen sind? Und diese beiden Frauen gesehen haben …?« Jetzt weiß sie echt nicht mehr weiter und hofft, dass ihre Mutter ihr ein Stückchen entgegenkommt. Das tut sie tatsächlich, indem sie den Fernseher ausstellt, sich ein Kissen in den Rücken stopft, um es bequemer zu haben, ihre Tochter aufmunternd anblickt und nickt.

»Ja, ich weiß, welchen Parkbesuch du meinst. Danach haben wir angefangen, Verbotene Liebe zu gucken, nicht?«

Chrissy ist ihrer Mutter wirklich dankbar, dass sie gleich auf sie anspringt und offensichtlich genau weiß, in welche Richtung es gehen soll. Dennoch fällt es ihr schwer, die richtigen Worte zu finden.

»Genau, seitdem gucken wir immer die Soap. Ähm, das ist es auch, was ich gerne mit dir besprechen möchte. Also …« Sie hält noch mal die Luft an und sucht nach einer geeigneten Formulierung. Irgendwie scheint sich gerade eine riesige leere Luftblase in ihrem Gehirn aufzutun.

»Na ja, ich war damals ganz schön überrascht von der Sendung, weil da ja zwei Frauen eine Liebesbeziehung miteinander hatten.« Verdammt, jetzt wird ihr aber wirklich heiß, und sie zieht ihr Sweatshirt aus.

»Also, um ehrlich zu sein, habe ich die Serie nur wegen den beiden geguckt – oder eigentlich vor allem wegen Carla.«

Ihre Mutter sitzt ganz ruhig da, blickt ihre Tochter an und nickt noch mal ermunternd.

»Ja, ich habe wohl gemerkt, dass du vor allem mit Carla mitgefiebert hast. Aber die sieht ja auch wirklich total hübsch aus, und Susanne und sie sind ein süßes Paar, finde ich.«

Das ist der Startschuss für Chrissy – sie weiß nun, dass sie ganz offen mit ihrer Mutter sprechen kann. Erleichtert, sich endlich alles von der Seele reden zu können, was sie in den letzten Wochen mit sich allein ausgemacht hat, legt sie los und ist kaum noch zu stoppen.

»Du, Mama, ich glaube, dass es mir ähnlich geht. Also, ich weiß das noch nicht so genau, aber ich bin in letzter Zeit so durcheinander, und das scheint alles mit Rebecca zusammenzuhängen. Wir hatten uns ja heute Abend fürs Kino verabredet, und ich bin seit einigen Tagen total durch den Wind. Und als ich sie dann vorhin zu Hause abgeholt habe und sie mich in den Arm genommen hat, da habe ich ein ganz warmes Gefühl im Bauch gehabt. Und hinterher haben wir noch ewig draußen vor dem Kino gestanden und uns unterhalten, und ich wollte mich überhaupt nicht von ihr trennen und überhaupt.« So, jetzt war es also raus. Chrissy fixiert die Chipstüte und sieht dann gespannt zu ihrer Mutter hinüber.

»Süße, komm mal her.« Ihre Mutter zieht sie zu sich und nimmt sie in den Arm. »Weißt du, mein Liebes, ich glaube einfach, du hast dich verliebt. Das ist total schön, und ich freue mich wirklich für dich!«

Eine kleine Weile lässt sie sich von ihrer Mutter im Arm halten, dann fängt sie an, ein wenig zu schniefen.

»Aber Mama, ich weiß überhaupt nicht, ob Rebecca ähnliche Gefühle für mich hat wie ich für sie. Was soll ich denn jetzt tun?«

Das, was Chrissy gerade gemacht hat, ist ein wichtiger Schritt im Leben einer jungen Lesbe. Sie hat sich in den Wochen zuvor mit ihren Gefühlen für Rebecca auseinandergesetzt, und das ist ihr wirklich nicht leichtgefallen. Dieser innere Tumult, den sie durchlebt hat, weil sie ihre Gefühle für Rebecca noch nicht als Verliebtheit benennen konnte, vielleicht auch nicht einordnen wollte, hat sie ganz schön viel Energie gekostet. Sie hat sich häufig gefragt, warum sie solche Gefühle denn nicht für Daniel oder Lucas hegt. Das sind Jungs aus ihrer Parallelklasse, und alle Mädels himmeln die beiden an. Warum ist das bei ihr nicht so? Da ist aber auch nicht die Spur von Aufregung oder Schmetterlingen im Bauch. Die Einzige, bei der sie bis jetzt Herzrasen bekommen hat, das ist und bleibt Rebecca. Sie empfindet auch deutlich mehr für sie als für ihre anderen Freundinnen. Und deswegen ist sie verunsichert, denn was dieses »Mehr« genau bedeutet, muss sie erst noch unter die Lupe nehmen.

Was das nun genau heißt, lässt sich allein nicht leicht herausfinden. Deswegen kann es hilfreich sein und guttun, sich einer anderen Person anzuvertrauen, mit der man seine Zweifel und vielleicht auch Ängste und Hoffnungen teilen kann. Denn die Erkenntnis, »anders« zu sein, stürzt viele erst einmal in eine Zeit der Verunsicherung, des Nachdenkens und Grübelns. Dabei ist es das Normalste der Welt, sich zu verlieben. Und Chrissys Mutter hätte ihre Tochter nicht besser unterstützen können, als sie es getan hat: indem sie ihr zuhört und die Dinge beim Namen nennt. »Du hast dich verliebt, und ich freue mich für dich!« Das ist etwas, was man nicht oft genug hören kann.

Es ist schließlich eine wunderbare Erfahrung, sich in jemanden zu verlieben. Die Schmetterlinge im Bauch, die Nervosität oder das Prickeln auf der Haut sind Gefühle, die durch den biohemischen Haushalt des Körpers ausgelöst werden. Glückshormone – Endorphine – werden freigesetzt, und diese wirken wie tausend kleine Energieschübe, wodurch man das Leben plötzlich wie durch eine rosarote Brille sieht. Und wenn dieser Jemand – wie in Chrissys Fall – ein anderes Mädchen ist, dann ist das genauso normal, wie sich in einen Jungen zu verlieben – auch wenn nicht alle Menschen diese Ansicht teilen.

Die Selbstfindungsphase, in der Chrissy sich zwar noch niemandem anvertraut, sich aber mit dem Gedanken auseinandersetzt, vielleicht lesbisch zu sein, nennt man das »innere Coming-out«. Das ist ein Prozess, der mal kürzer, manchmal aber auch etwas länger dauert. Hierfür braucht jede ihre eigene Zeit, deren Dauer sicher auch von ihrem näheren Umfeld abhängt. Wenn die Eltern beispielsweise vorher schon eine positive Einstellung zum Thema Homosexualität hatten, vielleicht im eigenen Freundeskreis Schwule oder Lesben haben, dann wird wohl auch das innere Coming-out ihrer Tochter schneller und weniger verunsichernd verlaufen als bei einer jungen Frau, deren Eltern das Thema nie zur Sprache gebracht haben oder die womöglich eine negative Einstellung gegenüber Homosexualität erkennen lassen.

Gerade in letzterem Fall kann es für die Tochter ein besonders konfliktbeladener Weg sein, weil sie ungewollt vielleicht einige Vorurteile der Eltern verinnerlicht und deswegen möglicherweise größere Schwierigkeiten hat, sich selbst einzugestehen, dass sie lesbisch ist. Falls sie dann doch irgendwann für sich annehmen kann, dass sie Frauen liebt, werden ihr von Seiten der Eltern wahrscheinlich größere Hindernisse in den Weg gelegt. Das ist bei einigen auch der Grund, weshalb sie sich ihren Eltern gegenüber nicht outen – sie befürchten, Vorurteilen zu begegnen, Konflikte auszulösen und vielleicht sogar Ablehnung zu erfahren.

Es soll hier kein Horrorszenario gemalt werden, aber Dinge schönzureden bringt ja auch nichts. Manche von uns sind vielleicht genau in so einem vorurteilsbeladenen Elternhaus aufgewachsen und müssen sich mit diesen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Dadurch verzögert sich oftmals auch der innere Coming-out-Prozess. Zu der grundsätzlichen Frage »Bin ich lesbisch?« kommt noch die Frage hinzu, wie die Eltern und die Familie auf ein »äußeres Coming-out«, also den Schritt, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, reagieren.

Die Gründe für Intoleranz und Vorbehalte können vielfältiger Natur sein und beispielsweise aus Unwissenheit erwachsen, aus religiöser Überzeugung oder einem konservativen Weltbild. Aber wenn die Eltern dann merken, dass ihre eigene Tochter lesbisch ist, betrachten sie das Thema vielleicht mit anderen Augen. Manchmal mag es ein etwas mühsamer Weg sein, aber die Hoffnung, dass die Eltern sich eines Besseren besinnen und die Gefühle für ihre Tochter über die eigene Voreingenommenheit stellen, sollte nicht aufgegeben werden.

Das Coming-out

Der Begriff Coming-out kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie »herauskommen« oder »heraustreten«. Eigentlich ist es eine Abkürzung für die Redewendung coming out of the closet, was so viel bedeutet, wie »aus dem Schrank herauskommen«. Aber was hat ein Schrank mit dem Lesbischsein zu tun? Ganz einfach: Menschen, die in der Öffentlichkeit nicht zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, sondern sie heimlich und versteckt leben, sind – im übertragenen Sinne – in einem Schrank eingesperrt. Diejenigen, die nun den Wunsch und die Bereitschaft haben, sich auch ihrer Umwelt als Lesbe zu präsentieren, treten aus diesem einengenden Schrank heraus. Sie haben also ihr »Coming-out«. Da wir aber in einer heterosexuell dominierten und oftmals konservativen Gesellschaft leben, wird es nicht bei einem einzigen Coming-out bleiben. Wir stehen immer wieder vor der Frage und der Entscheidung, uns zu outen, denn sobald eine ihr Umfeld ändert – sei es durch den Umzug in eine andere Stadt, durch den Wechsel der Schule, Universität oder Arbeitsstelle – begegnet sie neuen Menschen, die irgendwann nach dem Freund oder Ehemann fragen. Also bedeutet es jedes Mal wieder aufs Neue, sich die Frage zu stellen, ob man sich erklären und outen möchte. Je nach Situation und Tagesform gelingt es manchmal leichter, und manchmal ist man aufgeregt wie beim ersten Mal.

Einige von uns machen die Erfahrung, dass, je souveräner und offensiver sie damit umgehen, die anderen umso neugieriger reagieren und negative Reaktionen ausbleiben. Auch wenn andere das vielleicht nicht so erleben, ist der offensive Umgang eine Möglichkeit, dem Gegenüber keine Angriffsfläche zu bieten und gleichzeitig den Raum für ein Gespräch zu eröffnen. Andere wiederum machen die Erfahrung, dass nach dem Coming-out ein peinliches oder auch gleichgültiges Schweigen einsetzt – das Gegenüber verstummt und das Gespräch bzw. Thema wird nicht weiterverfolgt. Die Reaktionen der Umwelt können sehr vielfältig sein.

Natürlich gibt es auch Mädchen und Frauen, die sich generell vor einem Coming-out scheuen oder nur ausgewählten Personen von ihrem Lesbischsein erzählen. Das hat ebenso seine Berechtigung wie ein offensives Coming-out. Ob, wann und wem gegenüber man sich outet, entscheidet letztlich jede für sich. Manche Situationen oder Umstände sind in der Tat ungünstig, um »aus dem Schrank zu kommen«, andere wiederum bieten vielleicht die langersehnte Gelegenheit, der besten Freundin, dem besten Freund oder auch der Bäckersfrau vom eigenen Lesbischsein zu erzählen. Im Laufe der Zeit sammelt jede ihre eigenen Erfahrungen, lässt diese in die kommenden Situationen einfließen und entwickelt ein Gespür dafür, ob ein Gespräch oder eine beiläufige Bemerkung über Homosexualität angebracht ist oder ob sie ihr Privatleben lieber vor anderen schützen möchte.

In der Regel vollzieht sich erst das innere Coming-out, bei dem sich das Mädchen bzw. die Frau selbst erst einmal mit dem Lesbischsein auseinandersetzt und dann für sich (an-)erkennt, dass sie lesbisch ist. Dies waren beispielsweise bei Chrissy die Wochen, in denen sie abends in ihr Tagebuch schrieb und ihr Gefühlschaos unter die Lupe genommen hat. Ihre Gefühle für Rebecca haben schließlich dazu geführt, dass sie sich in einem zweiten Schritt ihrer Mutter anvertraut hat, und dieser Schritt, sich jemand anderem anzuvertrauen und ganz entschieden zu sagen »Ich bin lesbisch!«, nennt man das äußere Coming-out. Ganz einfach also. Oder etwa nicht?

Heute ist es für Mädchen oder junge Frauen ungleich leichter als früher, sich ihren Gefühlen für andere Mädchen und Frauen bewusst(er) zu werden und diese auch als normal zu betrachten – was sie ja schließlich auch sind. Zum Glück gibt es immer mehr Lesben, die in der Öffentlichkeit sichtbar sind, die sich nicht verbiegen und verstecken wollen, sondern ein »stimmiges« Leben führen möchten und deshalb den Schritt des Coming-out gehen, damit Innen und Außen übereinstimmt. Chrissy hat durch eine Vorabendserie, die ein Millionenpublikum erreicht, erfahren, dass es lesbische Beziehungen gibt. Somit hatte sie eine Identifikationsmöglichkeit auf dem Fernsehschirm, die es ihr erleichtert hat, sich ihre eigenen Gefühle zu erklären. Unterstützt wurde sie außerdem von ihrer progressiven Mutter, die generell unvoreingenommen gegenüber Lesben ist, so dass es für sie kein Schock, ja nicht einmal eine große Überraschung war, als Chrissy ihr von ihren Gefühlen für Rebecca erzählt hat.

Das lesbische Leben ist hierzulande mittlerweile so sehr im gesellschaftlichen Leben verankert, dass wir nahezu tagtäglich von prominenten Lesben in der Zeitung lesen, sie als Profisportlerinnen bewundern oder in Film und Fernsehen sehen können. Auch die öffentliche Debatte um die sogenannte Homo-Ehe, die seit dem 1. August 2001 im deutschen Zivilrecht als »Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft« verankert ist, ist längst Geschichte, wenn auch der eine oder die andere immer noch verwundert reagiert, wenn eine Frau von ihrer »Heirat« mit einer anderen Frau erzählt. Natürlich ist dieses Gesetz noch ausbaufähig, denn im Gegensatz zu heterosexuellen Ehen stehen homosexuellen Lebenspartnerschaften immer noch deutlich weniger Rechte zu. Dies bezieht sich vor allem auf das Steuer-, das Beamten- und das Adoptionsrecht. Wie auch immer man zur Institution Ehe – ob nun homo- oder heterosexuell – stehen mag, die eingetragene Partnerschaft ist zumindest ein Schritt in Richtung Gleichstellung homo- und heterosexueller Paare auch in Bezug auf die Privilegien der Ehe.

Für Chrissy liegt das Thema Ehe oder Lebenspartnerschaft allerdings noch in weiter Ferne, und wer weiß, ob sie dieses Beziehungsmodell überhaupt anstrebt. Sie hat aktuell ganz andere Sorgen: Wie kann sie Rebecca von ihren Gefühlen erzählen? Noch wichtiger allerdings ist die Frage, ob diese sich genauso zu Chrissy hingezogen fühlt wie Chrissy sich zu ihr. Natürlich hat Chrissy Angst, eine Abfuhr von ihrer Angebeteten zu erhalten. Diese Befürchtung kennt wohl jede von uns. Aber es nutzt ja alles nichts, denn wie heißt es so schön: Nein habe ich, ja kann ich kriegen. Also wird Chrissy demnächst wohl einen Annäherungsversuch wagen.

Nachdem Chrissy von ihrer Mutter eine so positive Reaktion auf ihr Coming-out erfahren hat, hält es sie nicht mehr zurück, und sie ruft ihre beste Freundin Natasha an.

»Hi, Nash, ich bin’s, Chrissy. Hast du vielleicht Lust, auf ’n Sprung vorbeizukommen?«

Natasha quält sich mit ihren Hausaufgaben und ist froh über eine Abwechslung.

»Ja, hab eh keinen Bock mehr, hier rumzusitzen. Bin in ’ner Viertelstunde bei dir. Soll ich uns Kuchen mitbringen? Mein Vater hat gerade welchen gebacken.«

»Au ja, ich setz uns schon mal Teewasser auf. Tschüs, bis gleich!«

Chrissy geht in die Küche und stellt zwei Tassen aufs Tablett. Ein bisschen unsicher ist sie schon, ob sie Nash alles erzählen kann und vor allem wie die darauf reagieren wird. Andererseits hofft sie sehr auf Unterstützung und Verständnis von ihrer besten Freundin.

Als es an der Haustür klingelt, stehen schon zwei dampfende Tassen Tee in Chrissys Zimmer auf dem Boden, und sie hat plötzlich einen riesigen Hunger. Die beiden Mädchen machen es sich gemütlich, Musik dudelt aus dem CD-Player, und Nash fragt nach dem Kinobesuch am Vorabend.