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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Manuela Kuck

Lindas Entscheidung

 

K+S digital

Für Dich, Christina.
Wenn sich Träume erfüllen 

Ich danke Gabriela, Laura und Ellen.
Für den Mut, den Ihr mir gemacht habt.
Für unzählige Anregungen.
Für Eure Zuneigung und Anteilnahme.
 
Ich danke Andrea und Dagmar.
Ich habe viel von Euch gelernt.

1

Der Schnee lag hoch. Jedenfalls für Wolfsburger Verhältnisse. Linda stand am Küchenfenster und beobachtete, wie Jan vorsichtig in die Garagenauffahrt bog. Sie lächelte ihm zu, als er ausstieg und zum Fenster hochblickte. Jan stiefelte durch den Schnee, und Linda genoß für einen Moment den Anblick seiner kräftigen, breitschultrigen Gestalt, bevor sie sich umwandte und den Kaffee einschenkte. Das letzte spärliche Licht eines späten Januarnachmittags kroch durch die halbhohen Gardinen und verbreitete eine ruhige und beschauliche Atmosphäre. Sie hörte, wie Jan den Flur betrat und seinen Mantel aufhängte, und eine Woge von Zuneigung und Optimismus stieg in ihr empor. So könnte es immer weitergehen, dachte Linda plötzlich, und dieser unerwartete Gedanke ließ sie lächeln.

Jan kam herein. Sein kaltes Gesicht streifte ihre Wange, als er ihr einen Kuß gab.

»Du hast die Auffahrt nicht freigeschaufelt«, sagte er in gespielt vorwurfsvollem Ton und fuhr ihr durch die dunklen Locken, bevor er nach seiner Kaffeetasse griff.

Linda tippte sich an die Stirn. »Jede Stunde fallen drei Zentner Schnee – da wäre ich ja den ganzen Tag beschäftigt gewesen! Im übrigen bricht der Herr Ingenieur sich auch keinen Zacken aus der Krone, wenn er mal zur Schaufel greift. Du bist doch sonst so sportlich.«

Sie machte eine abwehrende Geste, bevor sie merkte, daß Jan sie necken wollte. Dann erwiderte sie seinen schmunzelnden Blick und ließ die Hände wieder sinken. Einen Moment lang sah es so aus, als würde er sie in die Arme ziehen und küssen, aber dann verdunkelten sich seine blauen Augen plötzlich um einige Nuancen, und das Spielerische und Fröhliche darin verschwand.

»Wo ist eigentlich unser Sohn?« fragte er in sachlichem Ton und nahm am Küchentisch Platz.

»Claudia hat ihn heute mittag vom Kindergarten abgeholt. Die beiden sind zum Rodeln gefahren. So konnte ich in aller Ruhe einen ganzen Stoß Klassenarbeiten korrigieren«, antwortete Linda und setzte sich zu Jan.

Claudia war ihre drei Jahre jüngere Schwester. Erik und sie waren ein Herz und eine Seele, und Claudia holte den Jungen häufig ab, um ein paar Stunden mit ihm zu verbringen. Linda war Grundschullehrerin, und wenn sie einen halben Tag lang mit Kindern zu tun gehabt hatte, die ihre ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung forderten, genoß sie es sehr, mal einige Stunden Ruhe zu finden.

Jan nickte.

»Mußt du nicht ins Sportstudio?« fragte Linda und betrachtete ihren Mann aufmerksam.

Jan war seit vielen Jahren begeisterter Bodybuilder, und es verging kaum ein Tag, an dem er nicht für ein, zwei Stunden im Studio war. Linda sah, wie sich plötzlich eine tiefe Falte von seinen Augenbrauen bis zur Nasenwurzel zog. Jan fuhr sich mit beiden Händen durch sein kurzes dunkelblondes Haar.

»Ich gehe heute nicht«, gab er knapp zurück.

Linda beugte sich ein Stück zu ihm vor. »Ist irgend etwas, Jan? Du wirkst plötzlich so ernst. Gibt es Ärger im Werk?«

Jan war Diplomingenieur im Volkswagenwerk und mit seinen sechsunddreißig Jahren bereits einige Stufen auf der Karriereleiter nach oben geklettert. Er war sehr ehrgeizig, manchmal nahezu verbissen.

»Ärger? Nein, Ärger gibt es nicht. Aber … ich muß etwas mit dir besprechen.«

Plötzlich schaute er sie direkt an, und seine Augen schimmerten. Linda hatte das Gefühl, daß er sich nicht entscheiden konnte, ob er nervös oder aufgeregt und fröhlich sein sollte. Sie nickte ihm zu und spürte auf einmal verwundert, wie wichtig sie für ihn war. Wieviel Halt und Bestätigung er durch sie fand.

»Du machst es aber spannend«, sagte sie.

»Es ist auch spannend«, gab er zurück und atmete tief durch. »VW will mich im Frühjahr für mindestens zwei Jahre nach China schicken.«

Eine Weile blieb es ganz still. Linda hörte nur den Wind ums Haus pfeifen, und sie spürte den Druck, sich in diesem Augenblick richtig verhalten zu müssen, wie eine schwere Last auf den Schultern. Sie wußte, was ein solches Angebot für Jan bedeutete. In den vergangenen Jahren hatten sie nicht nur einmal über die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes gesprochen, und Linda hatte Jan immer versichert, daß sie ihn in seinen Entscheidungen unterstützen würde. Bei diesen Gesprächen war auch klar geworden, daß sie nicht gemeinsam umsiedeln würden. Hauptsächlich wegen Erik und ihrer Arbeit, aber auch weil Jan langfristig ohnehin eine hohe Position im Wolfsburger Werk anstrebte. Aber China? Sie würden sich höchstens zwei- oder dreimal im Jahr sehen können.

Linda schluckte. »Das ist aber sehr weit weg.«

Jan griff nach ihren Händen. »Ja, sehr weit. Aber es ist eine Riesenchance für mich. Wenn ich zurückkomme, stehen mir in Wolfsburg alle Türen offen.«

Linda nickte. »Ich weiß. Du kannst das gar nicht ablehnen.«

Jan stand auf, zog sie von ihrem Stuhl hoch und nahm sie in die Arme. »Tapferes Mädchen«, sagte er leise. »Es wird schwer werden, aber wir schaffen das. Oder was meinst du?«

Sie erwiderte seinen fragenden Blick mit einem leisen, zustimmenden Lächeln und strich über seine schmalen Wangen. Jan brauchte ihre Unterstützung und die Gewißheit, daß sie voll und ganz hinter seinen Plänen stand. Sie sah, daß er tief gerührt und erleichtert war, und in seinen Augen blitzte es freudig auf. Er drückte sie fest an sich.

»Ja, natürlich schaffen wir das«, sagte Linda. »Aber es kommt so plötzlich, und zwei Jahre ohne dich sind eine lange Zeit.«

Die nächsten Wochen vergingen schneller, als es Linda lieb war. Jans Abflugtermin war auf den 18. April festgelegt worden, und in der Zwischenzeit gab es jede Menge zu erledigen. Sowohl ihre als auch Jans Eltern hatten freudig überrascht reagiert. Es hatte Linda einen kleinen Stich versetzt, als sie sah, wie Jans Vater seinem Sohn auf die Schultern geklopft hatte und Jan sich verlegen, aber mit glänzenden Augen durch das kurze Haar gefahren war. Er hatte es immer noch nicht verwunden, daß sein jüngerer Bruder Christoph in die Fußstapfen des Vaters treten und in einigen Jahren die Wirtschaftsberatungsfirma übernehmen sollte, während er mit seiner technischen Begabung so ganz aus dem Familienrahmen fiel. Sein Verhältnis zu Christoph war kühl und häufig sehr angespannt. Jan genoß es, daß nun zur Abwechslung einmal er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.

Lindas Vater war einer der angesehensten und erfolgreichsten Anwälte Wolfsburgs. Seine Kanzlei hatte sich im Laufe der Jahre zu einem florierenden Unternehmen entwickelt, und Linda war von klein auf damit vertraut, daß die Familie auf geschäftliche und berufliche Interessen Rücksicht zu nehmen hatte. Dennoch gab es in all der Aufregung und Hektik viele Momente, in denen der Abschiedsschmerz bereits an ihr nagte und sie mit einigem Bangen an die Zukunft dachte. Ihre Mutter hatte ihr geraten, Haltung zu bewahren und ihre persönlichen Gefühle zurückzustellen, worauf Linda nur ein säuerliches Lächeln hatte aufsetzen können. Elisabeths Haltung imponierte ihr keineswegs, sie empfand sie eher als steif und gefühllos.

Jan brach am Nachmittag auf. Ein Kollege, der im VW-Werk in Hannover zu tun hatte, würde ihn zum Flughafen mitnehmen. Linda war erleichtert, daß der Abschied nicht in einer Abflughalle stattfand, und sie hatte den Eindruck, daß es Jan ähnlich erging. Er umarmte Linda und Erik und schien sie gar nicht mehr loslassen zu wollen. Sein Lächeln war zärtlich und warm, aber seine Unterlippe zitterte ein wenig, und Linda wollte es ihm nicht unnötig schwer machen. Sie schluckte ihren Kloß im Hals herunter und küßte das Zittern weg.

»Sei vorsichtig«, flüsterte sie, »und vergiß uns nicht.«

»Paßt auf euch auf«, gab er zurück, dann drehte er sich um und ging.

Am späten Abend, als Erik längst tief und fest schlief, wanderte Linda durchs Haus, räumte auf und horchte in sich hinein. Die Stille in den Räumen hatte sich verändert. Linda holte sich einen Becher Kaffee und ging nach oben in ihr kleines Dachzimmer. Dort standen ein kleiner Schreibtisch und ein altes Plüschsofa. Hohe Kiefernregale reichten bis unter die Decke und waren dicht gefüllt mit Büchern und Ordnern. Selbst auf dem Boden stapelten sich in kunterbuntem Durcheinander Zeitschriften, Taschenbücher und Notizhefte. Linda genoß es, hier alles nach Belieben stehen und liegen lassen zu können und betrachtete diesen Raum als ihr ganz privates Reich. Sie mochte es nicht, wenn Jan oder Erik sie hier störten. Lediglich Claudia war willkommen. Und natürlich Anna.

Linda streckte sich auf dem Plüschsofa aus und lächelte. Anna war die ältere Schwester ihrer Mutter, und sie konnte sich kein ungleicheres Geschwisterpaar vorstellen. Sie schüttelte den Kopf. Was für eine Familie, dachte sie, und plötzlich spürte sie, wie bleischwere Müdigkeit durch ihren Körper kroch. Es war ein angenehmes Gefühl. Sie zog eine dicke Wolldecke über sich und kuschelte sich mit angezogenen Beinen ein.

Der Alltag mit seiner gleichmäßigen Routine half Linda über den Abschiedsschmerz hinweg. Im Grunde hatte sich nicht viel verändert. Sie verließ frühmorgens das Haus, brachte Erik in den Kindergarten, eilte in die Schule, holte ihn am späten Mittag wieder ab und seufzte erleichtert, wenn er eine Stunde schlief. Nachmittags war sie mit dem Kleinen unterwegs, kümmerte sich um ihren Haushalt und erledigte Einkäufe. Die Abendstunden waren neu, anders, ungewöhnlich. Sie spielte wieder regelmäßig Volleyball und traf sich mit Claudia oder ihrer Kollegin Bettina, während Erik von Tanja, einer Studentin, die ihn regelmäßig betreute, gehütet wurde. Manchmal lag sie am späten Abend entspannt auf dem Sofa im Wohnzimmer und hörte sich alte Musikstücke an. Sie trug verwaschene Jeans und weite Pullover, und die Melancholie, die sie hin und wieder überfiel, war sanft und fast angenehm.

Die Traurigkeit über Jans Abwesenheit nahm immer weniger Raum ein, und schließlich war sie so winzig, daß Linda sehr genau hinschauen mußte, um sie überhaupt noch wahrzunehmen. An einem Nachmittag im Mai wurde ihr von einem Augenblick auf den anderen bewußt, daß sie ihr Leben mit einer bemerkenswerten Unbeschwertheit genoß. Und von diesem Moment an wurde alles anders – Schritt für Schritt, auch wenn es sie sehr beunruhigte, diesen Wandel zu akzeptieren.

Ihre Mutter hatte sich zum Kaffee angemeldet. Da das höchstens dreimal im Jahr vorkam und ihr Verhältnis auch ansonsten eher distanziert war, hatte Linda ihrem Besuch innerlich tief seufzend, aber doch freundlich zugestimmt. Wahrscheinlich, schätzte Linda, war Elisabeth der Meinung, sie müsse sich nun mehr um sie kümmern. Der prüfende Blick, mit dem sie zunächst ihre Tochter und dann das Wohnzimmer betrachtete, entging Linda nicht. Sie entschloß sich, das Ganze mit Humor zu nehmen.

»Setz dich doch, Mama«, sagte sie. »Wie du siehst, steht alles noch an Ort und Stelle, und ich räume auch regelmäßig auf.«

Elisabeth nickte. Sie war eine elegante Erscheinung. Den Begriff Freizeitkleidung gab es in ihrem Wortschatz nicht. Sie trug hauptsächlich Kostüme, allenfalls mal einen Hosenanzug, und dazu immer eine passende Bluse. Linda spürte die Fremdheit zwischen sich und ihrer Mutter seit ihrer Kindheit, aber heute trat sie besonders klar hervor.

Elisabeth nahm sich ein Stück Kuchen, und während Linda von der Schule erzählte, um keine längere Gesprächspause entstehen zu lassen, spürte sie die dunklen Augen ihrer Mutter forschend über ihr Gesicht tasten.

»Und was gibt es bei euch Neues?« fragte sie schließlich.

»Ach, nur das Übliche«, entgegnete Elisabeth. »Dein Vater ist fleißig wie immer.«

Diesen Satz habe ich bestimmt schon hunderttausendmal gehört, dachte Linda.

»Wie ich sehe, geht es dir sehr gut«, sagte Elisabeth plötzlich, und in ihrer Stimme klang Verwunderung mit.

»Ja, es geht mir gut, Mama.«

»Hast du schon von Jan gehört?«

»Er hat bisher zweimal geschrieben, und wir telefonieren miteinander.«

»Ich glaube, ich habe dich unterschätzt.« Elisabeth trank einen kleinen Schluck Kaffee, und wieder musterte sie ihre Tochter so eindringlich, daß es Linda unangenehm war. »Du hast diese neue Situation viel besser im Griff, als ich vermutet hatte, und ich habe nicht den Eindruck, daß du um Gelassenheit kämpfen mußt.«

»Wie meinst du das denn?« Linda war verwirrt, und ein leises Unbehagen kroch in ihr hoch, ohne daß sie eine Erklärung dafür fand.

»Liebes Kind«, Elisabeth lächelte, »ich will dir ein Kompliment machen. Schließlich ist es doch für eine junge Frau von zweiunddreißig Jahren nicht ganz einfach, ihren Mann nach China gehen zu lassen und ihn in zwei Jahren nur einige Male sehen zu können. Innerhalb weniger Wochen hast du dich umgestellt und bewältigst deinen Alltag ganz allein – mit Beruf, Kind und Haushalt.«

Und ich fühle mich immer wohler dabei, fügte Linda in Gedanken hinzu. Sie erschrak und konnte nur mit Mühe ein unsicheres Lächeln auf ihre Lippen zaubern.

»Nun«, entgegnete sie, »ich bin erwachsen, und Jan und ich wußten doch immer, daß er irgendwann mal ins Ausland muß.«

Ihre Stimme klang ein wenig brüchig. Elisabeth lächelte herzlich und verabschiedete sich kurz darauf. Linda begleitete sie zur Tür und blickte ihr nach. Dann wandte sie sich abrupt um und holte Jans letzten Brief, der in der Küche an der Pinnwand hing. Sie las ihn zwei Mal. Und noch ein drittes Mal. Das beigelegte Foto zeigte Jan in einer großen Fabrikhalle. Er lächelte verschmitzt in die Kamera. Linda lächelte zurück. Dann holte sie ihren Sohn aus dem Sandkasten im Garten und steckte ihn in die Badewanne. Erik quietschte vergnügt und so laut, daß Linda zusammenzuckte. Was für ein Unsinn, dachte sie plötzlich, warum sollte ich mich nicht wohl fühlen? Ich bin seit zehn Jahren mit Jan zusammen, wir sind seit sieben Jahren verheiratet, da tut eine Veränderung durchaus gut, und es wird doch wohl niemand von mir erwarten, daß ich den ganzen Tag mit hängenden Schultern in der Ecke sitze und Trübsal blase! Der Gedanke hatte etwas Erfrischendes.

Kurz nach sieben war Erik endlich eingeschlafen. Linda saß mit einer Schüssel Salat und einem großen Baguettebrötchen vor dem Fernseher, als es klingelte. Sie wischte sich eilig den Mund ab und öffnete die Haustür.

»Ich komme unangemeldet – hoffentlich störe ich nicht«, sagte Anna und lächelte ihre Nichte strahlend an.

»Aber natürlich nicht«, rief Linda und bat sie herein. »Ich freue mich sehr, dich zu sehen.«

Anna war eine außergewöhnliche Frau, und Linda kannte keinen Menschen, der so aufmerksam und offen war wie sie. Ihr Lächeln war unwiderstehlich, und wenn sie zuhörte, ließ sie sich durch nichts ablenken. Oftmals bekam sie Zwischentöne mit, die Linda gerne verborgen hätte. Seit mehr als zwanzig Jahren war sie Inhaberin einer kleinen Buchhandlung, in der Linda sich schon als Kind häufig aufgehalten hatte. Anna war groß und kräftig gebaut, und doch strahlte sie Weiblichkeit und Anmut aus. Man konnte sich vorstellen, wie sie behutsam die Seiten eines Gedichtbandes umblätterte oder Petersilie kleinhackte, aber auch wie sie ein Regal zimmerte oder den Garten umgrub. Ihr schmales Gesicht war von vielen feinen Linien durchzogen, und dem intensiven Blick ihrer dunkelgrauen Augen schien nichts zu entgehen.

»Kann ich dir auch etwas zu essen anbieten?« fragte Linda.

Anna winkte ab. »Nein, nein, vielen Dank – aber vielleicht hast du noch einen Kaffee?«

Linda ging in die Küche und erzählte durch die geöffnete Tür von dem Besuch ihrer Mutter, während sie eine Tasse aus dem Schrank holte und Kaffee einschenkte. »Stell dir vor, sie hat mich gelobt, daß ich meinen Alltag ohne Jan so gut im Griff habe!«

Anna blickte ihr aufmerksam entgegen, als Linda mit dem Kaffee zurückkam und sich zu ihr setzte. »Das ist in der Tat ungewöhnlich. Was genau meinte sie denn damit?«

Linda strich sich die Haare aus dem Gesicht. Auf einmal bereute sie es, dieses Thema angeschnitten zu haben. »Na ja, sie denkt wohl, daß ich mich tapfer halte«, erklärte sie.

»Und wie denkst du darüber?«

»Ich komme gut klar. Jan braucht sich um Erik und mich keine Sorgen zu machen, und unsere Ehe wird diese Trennung verkraften.«

»Vermißt du ihn sehr?« Anna hielt ihren Blick unverwandt auf sie gerichtet.

Linda wollte lächeln, doch plötzlich hatte sie das bestürzende Gefühl, irgend etwas tief in ihr wollte sich mit Gewalt einen Weg nach oben bahnen und rückhaltlos aus ihr herausbrechen. Sie öffnete den Mund, ohne zu wissen, was sie sagen sollte, dann hörte sie zu ihrer großen Erleichterung Erik weinen und sprang auf.

»Bin gleich wieder da«, sagte sie und eilte nach oben.

Erik hatte nur schlecht geträumt. Linda nahm sich viel Zeit, ihn liebevoll zu beruhigen und zuzudecken. Sie spürte, daß ihre Fingerspitzen vibrierten. Als sie wieder nach unten kam, sah sie über die fragenden Augen ihrer Tante hinweg und erkundigte sich nach Robert, Annas Freund. Eine halbe Stunde später brach Anna auf. Linda lehnte den Kopf an die Haustür und schloß für einen Moment die Augen.

Äußerlich blieb alles, wie es war. Aber die Unbeschwertheit war fort. Sie war einer verstörenden Unruhe gewichen und dem Bemühen, halbherzige Erklärungen zu finden für ein Lebensgefühl, das ihr nicht passend schien. Die Suche nach der Traurigkeit, nannte sie diesen Zustand, und eine Stimme in ihr wies mit spitzem Unterton darauf hin, daß sie Sehnsucht nach ihrem Mann empfinden müßte. Seelische und körperliche Sehnsucht. Aber Jan hatte sich in eine schemenhafte Gestalt verwandelt, und das Bild, das sie von ihm hatte, wurde zusehends blasser. Wie ein altes Foto, auf dem die Konturen immer unschärfer werden, ohne daß dieser Verlust aufgehalten werden kann. Manchmal beschwor sie angstvoll sein Gesicht herauf und lachte erleichtert, wenn es so nah vor ihr stand, daß sie es hätte streicheln können.

Wenige Tage nach den Gesprächen mit ihrer Mutter und Anna wachte Linda mitten in der Nacht aus einem Alptraum auf, von dem sie nur wußte, daß er aufwühlend und beängstigend gewesen war. Sie ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Ihre Hände zitterten. Sie schaute in die dunkle Nacht hinaus. Ja, dachte sie unvermittelt, so einfach ist das. Ich vermisse ihn nicht mehr, ganz im Gegenteil, ich bin inzwischen froh, daß er fort ist! Der Gedanke war so schockierend, daß sie einen Moment lang die Luft anhielt und dann ihren Tränen freien Lauf ließ. Zwei Nächte später träumte sie zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder von Julia. Und von Jan, der sich wutentbrannt auf sie stürzte. Die Vergangenheit hatte begonnen, sie einzuholen. Genau davor hatte sie Angst gehabt.

Linda schaute seufzend auf die Uhr, als die Tür leise ins Schloß gefallen war. Sie konnte diese Elternsprechstunden nicht ausstehen. Meist kamen Mütter zu ihr, die entweder nur Lobgesänge auf ihre Kinder hören wollten oder aber von der Klassenlehrerin Erziehungsmaßnahmen erwarteten, für die Linda sich ganz und gar nicht zuständig fühlte. Manchmal wurde ihr angst und bange, wenn sie mitbekam, wie verunsichert und hilflos Eltern auf ihre acht-, neunjährigen Kinder reagierten und mit welchen Problemen sich manche Familien befassen mußten. In ihrer vierten Klasse gab es ein Mädchen, das regelmäßig Alkohol trank, in der zweiten rauchten bereits einige Schüler eifrig.

Linda schreckte hoch, als es klopfte. Bettina, ihre Kollegin und Freundin, schaute herein. »Fährst du gleich nach Hause oder kommt noch jemand?«

»Eine Mutter steht noch auf meiner Liste. Üble Geschichte. Ich denke, das dauert länger.«

»Okay – dann fahre ich schon.«

Bettina winkte ihr kurz zu und wollte die Tür schließen. Dann öffnete sie sie weit und nickte freundlich. Eine ältere Frau stand neben ihr und trat dann zurückhaltend lächelnd ein.

»Frau Baum?« fragte sie leise.

Linda lächelte ihr herzlich zu. »Ja. Nehmen Sie doch bitte Platz. Sie sind Frau Schneider, die Mutter von Sonja?«

»Ja.«

Frau Schneider war eine ungewöhnlich blasse Frau. Sie vergrub ihre Hände im Schoß, und Linda erschrak über den tieftraurigen Blick, mit dem sie zunächst zum Fenster hinausschaute, bevor sie sich ihr zuwandte.

»Sie haben mich hergebeten, Frau Baum«, sagte sie und bemühte sich um eine feste Stimme. »Ich kann mir denken, daß es zur Zeit mit Sonja nicht so ganz einfach ist, aber glauben Sie mir, ich habe im Moment andere Probleme.«

Das glaubte Linda ihr aufs Wort. Dennoch war die Veränderung, die mit Sonja im Laufe eines knappen Jahres vor sich gegangen war, so auffällig, daß sie handeln mußte. Als sehr junge Lehrerin war sie noch voller Idealismus gewesen und hatte angenommen, daß gut vorbereitete Schulstunden, viel Geduld und Aufmerksamkeit ausreichten, um Kinder auf den richtigen Weg zu bringen. Inzwischen war ihr längst klar geworden, daß ihr Einfluß und der Einfluß der Schule bei weitem nicht so groß und oft nicht mal gewünscht war.

»Frau Schneider«, begann Linda, »Sonjas Entwicklung ist sehr besorgniserregend. Sie war zu Beginn des Schuljahres eine lebhafte und interessierte Schülerin. Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht und gute Klassenarbeiten geschrieben. Mittlerweile beteiligt sie sich überhaupt nicht mehr am Unterricht, sie fehlt häufig, und ihre Leistungen sind so schwach geworden, daß ihre Versetzung gefährdet ist. Was mich jedoch am meisten beunruhigt, ist die Tatsache, daß sie sich so verändert hat. Es fällt mir schwer, sie überhaupt noch wiederzuerkennen. Ihre Fröhlichkeit ist wie weggeblasen. Sie wird schnell aggressiv oder sagt überhaupt nichts. Meinen Sie nicht, daß ich da als ihre Klassenlehrerin mal nachhaken sollte?«

Frau Schneider lächelte müde. »Mag sein«, gab sie zu, »doch ändern wird sich dadurch auch nichts.« Sie hob kurz die Hände und ließ sie dann wieder in den Schoß sinken. »Ich möchte Sie mit unseren Problemen verschonen.« Einen Moment schaute sie Linda direkt an. »Mein Mann ist seit Monaten arbeitslos«, erklärte sie dann mit abgewandtem Blick. »Mit seinen knapp fünfzig Jahren hat er auch keine Hoffnung mehr, wieder einen Job zu finden. Er … er ist am Boden zerstört. Er trinkt … Verstehen Sie …?«

Linda nickte. »Ich glaube schon. Aber es geht auch um Sonjas Zukunft.«

Frau Schneider zog kurz die Augenbrauen hoch und wandte sich ab. »Sonjas Zukunft. Ja, ich weiß. Ich werde sie darauf hinweisen.«

Ihr leiser, doch plötzlich zynischer Ton ließ Linda zusammenzucken. Sie wußte, daß Sonja noch drei ältere Geschwister hatte. Auf einmal fühlte sie sich sehr hilflos und gleichzeitig beschämt. Was wußte sie schon von den Sorgen und Nöten einer Mutter von vier Kindern, deren Mann die Arbeit verloren hatte und der seinen Frust an seiner Familie ausließ? Sie persönlich hatte solche Probleme nie gekannt, und sie hätte strahlen müssen vor Glück, Zufriedenheit und Dankbarkeit.

Als Frau Schneider gegangen war, stand sie einen Moment am offenen Fenster und atmete tief die frische Luft ein. Ich muß heute noch in die Stadt, dachte sie plötzlich, Anna hat nächste Woche Geburtstag, und ich habe noch kein Geschenk. Sie packte ihre Sachen zusammen. Kopfschmerzen kündigten sich an. Langsam und mit stechendem Druck krochen sie über den Hinterkopf zu ihrer Stirn vor und setzten sich dort fest. Es war kein guter Tag heute. Der Traum mit Julia brannte ihr noch auf der Zunge. Ein Geschmack wie Zucker und Essig, der sich nicht hinunterschlucken ließ. Linda ging eilig ins Lehrerzimmer, um einen Stoß Klassenarbeiten aus ihrem Fach zu holen. Sie war froh, niemandem zu begegnen. Ihr war nicht nach Reden zumute.

»Hallo, meine Schöne, hast du Zeit für einen Geburtstagsgruß?«

Anna drehte sich um, den Schlüssel, mit dem sie gerade ihre Buchhandlung zugesperrt hatte, noch in der Hand. Robert kam auf sie zu, strahlend und vergnügt und das Gesicht halb hinter einem riesigen Strauß roter Rosen verborgen.

»Das ist ja eine Überraschung!« rief sie und lachte fröhlich, als er den Blumenstrauß kurzerhand auf den Boden legte, ihre Taille umfaßte und sie mühelos hochhob, um ihr einen Kuß zu geben.

»Da staunst du, was?«

»Ja, allerdings.«

Sie standen jetzt dicht beieinander, und obwohl Anna eine hochgewachsene Frau war, ging sie Robert gerade mal bis zu den Schultern. Er war ein Bär von einem Mann – breit und massig und voller Kraft. Sein Blick war zärtlich und weich, als er ihr Haar berührte, und wie immer, wenn sie sich nach längerer Zeit wiedersahen, staunte Anna, daß ein so schwergewichtiger Mann so behutsam und sanft sein konnte.

»In München ist alles glatt gelaufen, und außerdem: Du feierst heute deinen sechzigsten Geburtstag! Da darf ich doch nicht fehlen. Ich wünsche dir alles Liebe.«

Er schloß sie fest in seine Arme, und in seinem Gesicht spiegelte sich unbändige Freude über die gelungene Überraschung wider. Robert war achtundvierzig Jahre alt und freischaffender Journalist und Fotograf. Er war ständig unterwegs, und Anna wußte, daß er dieses unstete Leben liebte, obwohl es bedeutete, daß sie sich höchstens zwei-, dreimal im Monat sehen konnten. Sie waren seit acht Jahren zusammen, und ihre Beziehung war innig und unkompliziert. Beide genossen ihr Zusammensein genau so sehr wie ihre Freiräume.

»Was liegt denn an deinem Ehrentag an?«

»Ich habe die Familie und einige Freunde zum Essen eingeladen.«

»Machen wir uns einen Spaß daraus?« Robert lächelte verschmitzt.

Ihre Beziehung bot insbesondere Annas Schwester Elisabeth immer wieder Anlaß zu unverhohlener Neugierde und unmißverständlicher Ablehnung. Ihrer Meinung nach gehörte es sich einfach nicht, als reife Geschäftsfrau mit einem wesentlich jüngeren Mann zusammenzusein und ganz bewußt keine konventionelle Partnerschaft anzustreben. Es wäre nicht das erste Mal, daß die beiden sich abschätzige Blicke gefallen lassen mußten und sich köstlich darüber amüsierten.

Anna lächelte und nahm seine Hand. »Ich habe einen Raum beim Griechen reservieren lassen. Um acht Uhr. Bis dahin haben wir noch ein wenig Zeit für uns allein.«

Sie fuhren in Annas Wohnung und gingen direkt ins Schlafzimmer.

»Was bist du doch für eine wundervolle Frau«, flüsterte Robert eine knappe Stunde später. »Ich liebe es, mit dir zu schlafen, weißt du das? Nichts kann schöner sein.«

Anna löste sich aus seiner Umarmung, stand auf und setzte sich an ihren Schminktisch. Mit gleichmäßigen, kräftigen Bewegungen bürstete sie ihr Haar und lächelte Robert im Spiegel zu. »Wir müssen uns fertig machen.«

Robert reckte sich, stand auf und suchte seine Kleidungsstücke zusammen. »Eigentlich ist das ja eher ungewöhnlich für dich – so eine Familienfeier.«

»Du hast recht«, antwortete Anna, während sie ein tiefblaues Kleid aus dem Wandschrank nahm und Unterwäsche bereitlegte. »Meist ist mir gar nicht nach solchen Feiern, doch diesmal lege ich Wert darauf, an meinem Geburtstag ein paar nette Menschen um mich zu haben. Daß Elisabeth mit den meisten meiner Freunde nichts anfangen kann oder will, ist ja nicht mein Problem.«

Robert nickte. »Linda wird doch sicherlich auch kommen?«

»Ja. Und ich freue mich sehr auf sie.«

»Wie geht es denn deiner Lieblingsnichte?«

Anna stand nackt in der offenen Badezimmertür und verharrte dort einen Moment reglos. Robert betrachtete sie eingehend und ohne Scheu, denn er wußte, daß Anna nichts dagegen hatte. Ihr Körper strahlte Kraft und Schönheit aus, obwohl er über keine jener Eigenschaften verfügte, die meistens mit dieser Beschreibung verbunden waren. Er war nicht jung, nicht straff, nicht besonders schlank oder sportlich trainiert. Er war einfach. Roberts Blick verfing sich in Annas Augen, und er erwiderte ihr Lächeln.

»Du hast nach Linda gefragt«, sagte sie.

Er schmunzelte. »Ich habe es nicht vergessen, obwohl dein Anblick durchaus geeignet ist, mich abzulenken. Wie wird sie mit der Trennung von Jan fertig?«

»Sehr gut, glaube ich, aber es geht etwas in ihr vor, was ich nicht recht einordnen kann. Und sie redet nicht darüber. Sie weicht mir aus. Manchmal habe ich den Eindruck, daß sie sich einfach nicht traut, glücklich zu sein.«

»Aber ich denke, sie ist glücklich mit Jan. Die beiden führen doch eine wundervolle Ehe – so scheint es jedenfalls –, sie haben einen tollen Sohn, sind beruflich erfolgreich. Und daß diese Trennung nicht ganz einfach ist, liegt doch wohl auf der Hand.«

»Die Erklärung ist mir zu glatt«, meinte Anna nachdenklich und stieg dann unter die Dusche.

Damit war das Thema zunächst beendet. Robert spürte, daß Anna sich Sorgen um Linda machte und unentschlossen war, ob und wie sie eingreifen sollte. Immer wenn er die beiden zusammen erlebte, meinte er, Mutter und Tochter vor sich zu haben. Ihre Beziehung war ausgesprochen eng und vertraut, und oft dachte er, daß Linda das Kind für Anna war, das sie als junge Frau nicht hatte bekommen können. Weil es damals, 1960, einen weitreichenden Skandal ausgelöst hätte, von einem verheirateten und stadtbekannten Mann ein Kind zu bekommen, und Anna nicht bereit gewesen war, ihre Selbständigkeit aufzugeben und sich als heimliche Geliebte mit Kind aushalten zu lassen. Sie war zu einer »Engelmacherin« gegangen. Anschließend hatte sie keine Kinder mehr bekommen können. Robert fand, daß sie die geborene Mutter war, obwohl sie ein Leben führte, das auf den ersten Blick ganz und gar nicht kindgerecht wirkte. Anna war der einzige Mensch, den Robert kannte, der innerlich vollkommen frei war und nicht unter Bindungsängsten litt. Er wußte, daß sie einen langen Weg gegangen war, und er war glücklich und froh, ihr begegnet zu sein.

Alle Geburtstagsgäste waren bereits versammelt, als Anna und Robert eintrafen. Linda, Elisabeth und ihr Mann Siegfried, Claudia und ihr Freund Joachim und fast ein Dutzend guter Freundinnen und Freunde. Mit einigen arbeitete Anna seit vielen Jahren in einem Verein für Obdachlose und Suchtkranke zusammen, andere gehörten zu ihren ältesten Stammkundinnen. Zwei junge Geschäftsfrauen, die ein gutes halbes Jahr zuvor direkt neben Annas Buchhandlung ein Café eröffnet hatten, waren neu in diesem Freundeskreis. Eine wirklich bunte Mischung, dachte Anna amüsiert, als sie das nur mühsam verborgene Stirnrunzeln ihrer jüngeren Schwester registrierte. Elisabeth wirkte oft so steif, so humor- und freudlos, daß Anna sich immer wieder fragte, wie zwei so unterschiedliche Frauen aus ein und derselben Familie stammen konnten. Ihre Lebensvorstellungen waren grundverschieden, doch im Gegensatz zu Anna konnte Elisabeth die so gänzlich anders lebende Schwester nur mühsam akzeptieren und ließ kaum eine Gelegenheit aus, ihre Mißbilligung zu zeigen. Anna war für Elisabeth das »schwarze Schaf« in der Familie. Eine Frau, die ihren eigenen Weg ging, keine Rücksicht auf Familientraditionen und allgemeingültige Wertvorstellungen nahm und auch noch gelassen und heiter, allenfalls mit Ironie, auf Angriffe und Kritik reagierte. Sie trug ihrer Schwester nie etwas nach, und Elisabeth war oft irritiert, daß Anna sie nicht ablehnte, sondern auch noch Verständnis für ihre Ansichten aufbrachte. Was sie noch mehr irritierte und manchmal sogar zutiefst erboste, war das innige Verhältnis zwischen ihrer Tochter und Anna.

Die nächsten zwei Stunden vergingen mit Glückwünschen, Geschenke überreichen, reden und essen. Anna genoß das Fest. Sie spürte Robert an ihrer Seite und war fröhlich. Sechzig Jahre, dachte sie, ich bin sechzig Jahre alt, und was gibt es noch alles zu erleben! Sie winkte Linda zu, die gerade zu ihr herüberschaute.

»Komm doch mal zu mir«, rief sie halblaut, und einen Moment später hatte Linda sich zu ihr gesetzt.

»Ein schönes Fest«, sagte sie. »Sogar meine Mutter gibt sich alle Mühe, freundlich zu sein«, fuhr sie mit gesenkter Stimme fort.

»Linda!« Anna versuchte, streng zu klingen, was ihr aber nicht gelang. Dann betrachtete sie Linda eingehender. Attraktiv sah sie aus – sorgfältig gekleidet und geschminkt, und in ihrem Gesicht spiegelte sich Freude und Ausgelassenheit. Nur die tiefen Schatten unter den dunklen Augen verrieten Anspannung und Schlafmangel.

»Deine Mutter hat mir vorhin ganz aufgeregt erzählt, daß Jan nächste Woche für ein paar Tage nach Hause kommt«, sagte Anna wie beiläufig.

»Ja«, antwortete Linda schnell, als wollte sie das Thema rasch abhaken. »Vorgestern habe ich ein Telegramm von ihm bekommen. Er hat einige Tage frei, kann dann allerdings für mehrere Monate nicht mehr aus Changchun weg. Genaues steht noch nicht fest.« Sie ließ ihren Blick über die Gästeschar schweifen, winkte ihrer Schwester und ihrem Vater zu und wünschte sich plötzlich, dort bei ihnen zu stehen – ein Gedanke, der sie erstaunte und gleichzeitig verlegen machte.

»Du freust dich sicherlich sehr auf ihn.«

»Ja, natürlich.«

»Linda, schau mich an«, sagte Anna plötzlich mit ernster Stimme.

Linda zuckte förmlich zusammen, wandte sich aber ihrer Tante zu.

»Liebes, was geht in dir vor?«

Linda schwieg. Ihr Hals war auf einmal so eng geworden, daß sie das Gefühl hatte, nicht genug Luft zu bekommen. Blitzartig schossen ihr hundert verschiedene Bilder und Gedanken durch den Kopf – Jan und sein Lachen, die unbeschwerte Studienzeit, sein ehrgeiziger Gesichtsausdruck, wenn er von seiner Arbeit erzählte, ihre Alpträume, Julia, die Geburt Eriks und das Glück in Jans Augen, die wohlige Zufriedenheit, wenn sie allein war, allein schlief, allein frühstückte … Angst.

»Ich respektiere, wenn du nicht darüber sprechen möchtest. Du sollst nur wissen, daß ich immer für dich da bin. Wann immer du ein offenes Ohr brauchst.«

»Ich weiß«, gab Linda nach einer kleinen Pause mit belegter Stimme zurück. »Du warst immer für mich da, und ich danke dir dafür.« Sie stand abrupt auf und umarmte ihre Tante kurz, bevor sie den Tisch verließ.

Anna lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und legte die gefalteten Hände in den Schoß. Ihr Gesicht war von tiefer Nachdenklichkeit gezeichnet. Als Robert zu ihr trat, bat sie ihn um einen seiner schwarzen Zigarillos. Manchmal brauchte sie eines von diesen dünnen schwarzen Dingern. Er gab ihr Feuer und strich ihr kurz über die Wange.

»Alles in Ordnung, meine Schöne?«

Anna lächelte und schüttelte dann den Kopf. »Ich glaube nicht, nein.«

»Möchtest du darüber reden?«

»Nein, im Augenblick nicht.«

Robert nickte und setzte sich zu ihr. Anna nahm seine Hand und drückte sie kurz. Eine Woge von Zärtlichkeit durchströmte sie. Wie einfach es doch zwischen ihnen war. Sie wollte nicht reden, und er konnte das ohne Groll akzeptieren. Vielleicht sollte sie sich Linda gegenüber genauso verhalten. Anna zog die Augenbrauen hoch. Nein, sie grollte Linda nicht. Aber sie hatte Mühe, ihr Schweigen zu akzeptieren. Weil sie zu wissen meinte, daß diese Verschlossenheit zusätzliche Probleme schuf, und sie davon überzeugt war, Linda mit einem offenen Gespräch helfen zu können. Warum fühle ich mich immer wieder für sie verantwortlich? Weil ich sie liebe wie mein eigenes Kind. Anna seufzte leise. Der Rauch ihres Zigarillos umhüllte ihr Gesicht. Sie lächelte, als sie sah, daß Elisabeth sie vom anderen Ende des Raumes aus kopfschüttelnd betrachtete.

Es war weit nach Mitternacht, als Linda nach Hause kam. Erik schlief bei einer Kindergartenfreundin und sollte erst am nächsten Mittag abgeholt werden, so daß sie ganz allein war und ausschlafen konnte. Normalerweise freute sie sich über einen freien Morgen und genoß es, weder von einem Wecker noch von Kinderhänden wachgerüttelt zu werden. Oder einer Männerhand. Selbst wenn sie dann zeitig wach war, konnte sie sich noch mal einkuscheln, ein Buch zur Hand nehmen und ungestört lesen oder in Ruhe Hausarbeit erledigen, mit dem Fahrrad in die Stadt fahren oder in ihrem Dachzimmer Zeitschriften durchschmökern. Ihr Schlaf selbst war seit einiger Zeit weder besonders erholsam noch angenehm. Er war durchtränkt von hektischen Träumen, und diese Hektik setzte sich auch am Tag fort. Es hatte beinahe etwas Zwanghaftes, wie sie ihr Tagesprogramm abspulte und jede Möglichkeit mied, zur Ruhe zu kommen.

Anna machte sich Sorgen um sie. Natürlich tat sie das. Jedem Blick und jeder Geste war das anzumerken. In jeder Frage schwangen zig andere Fragen mit. Linda lächelte bitter. Was sollte sie ihr erzählen? Daß sie Angst vor Jans Besuch hatte? Daß schon vor Wochen eine Welt in ihr zum Leben erwacht war, die sie für besiegt und tot gehalten hatte? Die Erinnerungen rollten wie riesige Wellen auf sie zu. Wellen, die sie längst verebbt geglaubt hatte. Beruhigt, beschwichtigt. Weit weg.

Sie goß sich ein Glas Wein ein. Es war schwer, Gefühle und Erinnerungen zurückdrängen zu wollen, die so eindrucksvoll zum Leben erwacht waren, aber sie sollte es zumindest versuchen. Zu viel stand auf dem Spiel. Eigentlich alles. Oder etwa nicht?

Nach dem zweiten Glas Wein schüttelte sie müde und verwundert den Kopf – über sich und Jan. Wie hatten sie beide je annehmen können, daß die alte Geschichte begraben und vergessen war? Daß sie eine harmonische Ehe führten? Wahrscheinlich hatten sie beide den tiefen Riß allmählich in ihr Leben integriert und als etwas Selbstverständliches hingenommen. Merkwürdigerweise war Linda felsenfest davon überzeugt, daß Jan in keiner Form von der Vergangenheit eingeholt wurde. Sein Blickwinkel war ein anderer gewesen. Er stand außen und konnte sich gar nicht vorstellen, was sie bewegte. Da war ein Problem, und es mußte gelöst werden. Danach war es abzuhaken. Und das schien gut gelungen – nicht zuletzt weil Linda nur allzu schnell bereit gewesen war, sich seine Betrachtungsweise zu eigen zu machen.

Nach dem dritten Glas Wein war sie betrunken und so müde, daß sie keine Angst mehr hatte, ins Bett zu gehen und die Augen zu schließen. »Julia«, flüsterte sie, und der Traum, den sie träumte, war frei von Angst und Schuldgefühlen. Er war berauschend schön, voller Hitze und griechischer Musik. Linda lächelte, umarmte ihr Kopfkissen und gab sich der Lust hin, ihre Empfindungen in klaren Bildern vor sich zu sehen und nachzuschmecken. Ohne Verbote und Auflagen.

2

Der Bus rumpelte über eine schmale Bergstraße und hielt schließlich vor einem hohen Stacheldrahtzaun. Linda schaute aus dem Fenster und sah ein massives Eisentor, das fast einschüchternd wirkte. Ein uniformierter Wächter trat aus einem kleinen weißen Holzhaus, überprüfte das Kennzeichen, und wenige Augenblicke später öffnete sich das Tor leise surrend.

»Sag mal, Schatzi«, ertönte aus dem hinteren Teil des Busses die Stimme eines Urlaubers, der sich an seine Frau wandte, »bist du wirklich sicher, daß wir richtig gebucht haben? Das hier sieht eher nach Knastaufenthalt aus oder nach dem kleinen deutsch-deutschen Grenzverkehr, und das haben wir doch gerade hinter uns!«

Gelächter ertönte durch den Bus. Linda amüsierte sich über diese Bemerkung, fand allerdings, daß der Mann gar nicht so unrecht hatte. Der Robinson-Club auf der griechischen Insel Kos war ein völlig isoliertes und nahezu militärisch abgeschirmtes Gebiet. Jan blickte zum Fenster hinaus, als sie seine Hand ergriff.

»Meinst du, daß es nötig ist, sich hier mit soviel Mauern und Stacheldraht zu umgeben?«

Jan zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht sonderlich.« Er wandte ihr sein Gesicht zu und begann zu grinsen. »Du weißt doch, was ich in diesem Urlaub will: ausspannen, mich bedienen lassen, dir ein Baby machen, ein bißchen segeln und surfen, schlafen, gammeln, dich verführen …«

»Hör schon auf!« Linda wurde verlegen.

Sie erreichten die Clubanlage und brachten an der Rezeption die nötigen Formalitäten hinter sich. Nach dem Mittagessen konnten sie dann endlich in ihr Apartment. Linda zog die Vorhänge zurück und öffnete die Balkontür. Blendende Helligkeit strömte herein und mit ihr ein intensiver Duft. Sie hob den Kopf und atmete tief ein, als Jan von hinten an sie herantrat.

»Ich finde«, flüsterte er, »wir sollten mit dem Babymachen anfangen oder mit dem Verführen – du hast die Wahl.« Er umschlang sie und drängte sie lachend aufs Bett.

»Meine Güte«, wandte Linda ein, »muß das jetzt sofort sein? Ich bin müde und möchte mich ein bißchen ausruhen …«

»Nein«, gab er zurück und öffnete ihre Hose, »ich will dich jetzt und sofort.« Seine Stimme war dunkel und tief.

Linda seufzte und setzte eine gespielt ablehnende Miene auf, aber schon zwei Minuten später konnte sie nichts mehr spielen. Jan war ein stürmischer Liebhaber, und sie mochte es, wenn er sie begehrte und scheinbar rücksichtslos ins Bett zog. Außerdem wünschten sie sich in der Tat schon seit mehr als einem Jahr ein Kind, und es war ein günstiger Zyklustag.

Manchmal kam ein ungutes Gefühl in Linda hoch, wenn sie darüber nachgrübelte, warum sie nicht schwanger wurde. Medizinische Ursachen gab es nicht, sie war siebenundzwanzig, Jan einunddreißig Jahre alt, sie schliefen gerne und häufig miteinander, waren gesund und führten ein geregeltes Leben. Hin und wieder gab es Phasen, da fühlte Linda sich rastlos und unstet – wie eine Langstreckenläuferin, die vergessen hatte, wo das Ziel war, und nun einfach weiterlief, in der Hoffnung, doch den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Sie erklärte sich diese Stimmungen mit dem bisher unerfüllten Kinderwunsch, aber in einem weit entfernten Winkel ihres Bewußtseins rumorte noch etwas anderes. Linda wollte nicht genauer hinschauen, und das gelang ihr um so leichter, je mehr sie sich auf ihren Alltag konzentrierte. Ihr Leben war ausgefüllt, und sie war Jan eine gute Partnerin. Daran bestand kein Zweifel. Sie akzeptierte, daß ihm seine Karriere wichtig war, und unterstützte ihn, wo immer sie konnte.

Linda erinnerte sich noch sehr genau an dieses merkwürdige Gefühl, als Jan schon wenige Monate nach dem Beginn ihrer Beziehung ernsthaft in die Zukunft plante und überhaupt keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß sie zusammenbleiben und heiraten würden. Sie war überrascht und – ja – erleichtert. Doch diese Erleichterung ging nicht mit unbeschwerter Freude einher. Sie hatte eher das Gefühl, daß ihr ein Weg gezeigt wurde, den sie einfach nur beschreiten mußte, und alles würde gut werden – andere Möglichkeiten waren damit ausgeschlossen. Sie brauchte nur zuzugreifen, und ihr Leben würde sich vor ihr ausbreiten wie das vorgezeichnete Muster für einen Teppich. Alle Fäden lagen bereit. Ebenso deutlich erinnerte sich Linda an Annas Reaktion, als sie ihr von den Heiratsplänen berichtete. Ihre Tante hatte sie mit ihren dunkelgrauen Augen ruhig und sanft angeschaut und gefragt: »Bist du glücklich?« Linda hatte eifrig genickt und ihren Blick rasch abgewandt. Mit leisem Erschrecken. War sie etwa nicht glücklich? Natürlich war sie das. Sie liebte Jan, und Jan liebte sie. So einfach war das.

Zwei Stunden später wanderten Jan und Linda durch die Clubanlage und freuten sich wie ausgelassene Kinder.

»Das ist wie im Paradies«, schwärmte Linda und nahm alles, was sie mit einer Kopfdrehung erfassen konnte, tief in sich auf. Schneeweiße Häuser waren von gepflegten Grünanlagen umgeben. Es gab mehrere große Swimmingpools, und ein würziger Geruch aus südlichen Kräutern und Meeresluft stieg ihr in die Nase. Braungebrannte Animateure liefen umher und sorgten für Vergnügen und Beschäftigung.

Linda lachte. »Wenn wir unseren Leuten zu Hause Postkarten schicken, denken die, wir haben aus dem Prospekt abgeschrieben – so kitschig schön ist das hier.«

»Ja«, erwiderte Jan, »aber so ähnlich habe ich es mir auch vorgestellt.«

Sie gingen zum Strand hinunter, und Lindas Herz begann heftig zu klopfen, als sie das blauschillernde Meer vor sich hatte und den Wind in ihren Haaren und den Sand unter den Füßen spürte. Die Sonne schien so heiß, daß sie zu frösteln begann. Sie öffnete den Mund und schmeckte die salzige Luft. Dann zog sie Shorts und T-Shirt aus und stürmte ins Wasser.

»Ich bin ein Delphin!« schrie sie atemlos, und Jan lachte ihr zu.

»Du bist ein Kindskopf«, gab er zurück, »und ich liebe dich.«

Linda tauchte unter, und allmählich ließ der Kälteschock nach. Sie glitt wie ein Fisch in die Tiefe und genoß die plötzliche Stille, die ihren ganzen Körper auszufüllen schien.

Das Leben im Club war der Ausnahmezustand. Irrational, verspielt und fernab von allem, was mit Alltag zu tun hatte. Es gab einige feste Regeln und Rituale und jede Menge Freizeitangebote. Linda spielte Volleyball und Tennis und belegte einen Grundkurs im Bogenschießen. Es machte ihr überhaupt nichts aus, daß Jan sich nicht mit ihr zusammen in die zahlreichen Gruppenaktivitäten stürzte. Sie wußte, daß er diesen Urlaub in der Hauptsache dazu nutzen wollte, zu faulenzen, ein wenig zu segeln, in den Kraftraum zu gehen und viel zu schlafen, und daß er froh war, wenn sie ihn gewähren ließ. Manchmal amüsierte Jan sich über Lindas kindliche Begeisterungsfähigkeit und über ihr Bedürfnis, immer in Bewegung zu sein. Sie war eine aktive Frau, und er war stolz und glücklich, mit ihr verheiratet zu sein. Linda wußte sehr genau, was sie ihm bedeutete.

Am Vormittag des vierten Urlaubstages nahm Linda an einem Schwimmwettbewerb teil, bei dem alle Beteiligten lange Männerunterhosen und Perücken tragen mußten. Es war ein Staffelschwimmen, und jedes Team bestand aus zwei Frauen und zwei Männern. Linda kicherte albern, als sie ihre Unterhose angezogen hatte und feststellte, daß sie mindestens dreimal hineinpassen würde.

»Ach, herrje, du solltest es mal mit 'ner Knabengröße versuchen. Steht dir bestimmt gut«, sagte eine dunkle Frauenstimme hinter ihr, und ein tiefkehliges Lachen folgte dieser Bemerkung.

Linda drehte sich um und stand vor einer großen, kräftigen Frau mit rotblonden kurzen Haaren, die sie amüsiert von oben bis unten betrachtete. Normalerweise hielt sich Linda durchaus für humorvoll, aber irgend etwas an diesem offensichtlichen, wenn auch gutmütigen Spott in den tiefgrünen Augen trieb ihren Adrenalinspiegel in die Höhe.

»Lachst du immer auf Kosten anderer?« entfuhr es ihr, und sie bereute diese unbeherrschte Bemerkung im gleichen Atemzug, denn die Frau lachte nach einem verwunderten Blick nur noch lauter.

»Mädel, du kannst ja richtig sauer werden«, stellte sie fest und legte Linda kurz eine Hand auf die Schulter. »Reg dich wieder ab, ich hab's nicht böse gemeint. Du siehst ganz schnuckelig aus in diesen Dingern. Ich heiße übrigens Julia, und wir sind in einer Mannschaft.«

Linda zauderte, ob sie auf diese Versöhnungsgeste eingehen sollte, zumal Julias Stimme nach wie vor einen ironischen Unterton hatte.

»Oder Frauschaft, wenn dir das besser gefällt«, fügte Julia einen Moment später hinzu.

»Frauschaft?« Linda runzelte die Augenbrauen, dann verstand sie und seufzte entnervt. »Ich fasse es nicht – eine Emanze!«

Julia lachte wieder. »Na klar, du etwa nicht?«

»Mal alle herhören«, kam jetzt über Lautsprecher die Aufforderung eines Animateurs und unterbrach das kleine Streitgespräch. Linda drehte sich um, spürte aber im Rücken sehr genau Julias spöttischen Blick und hörte immer wieder ihr leises tiefes Lachen. Dann begann der Wettkampf, und Linda mußte neidlos anerkennen, daß ihre Mannschaft – »Frauschaft«! – nur deshalb gewann, weil Julia eine hervorragende Schwimmerin war. Sie glitt kraftvoll und geschmeidig durchs Wasser und holte mühelos die verlorenen Meter auf, die Linda an die männliche Konkurrenz hatte abgeben müssen. An der Bar gab es anschließend Sekt für alle, und Julia prostete Linda zu. Einzelne Wassertropfen glitzerten in ihrem hellen Haarschopf und auf den braungebrannten Schultern. Linda ertappte sich dabei, wie sie Julias Sommersprossen betrachtete und ihr Blick sich plötzlich in diesen grünen Augen verfing. Errötend wandte sie sich ab, aber Julia trat zu ihr und lächelte freundlich.

»Na, du Knabenfigur, hast du mir verziehen?«

Linda wurde so wütend, daß es sie selbst erstaunte. »Ich bin verdammt noch mal kein Knabe!« gab sie patzig zurück, und zwar so laut, daß einige der Umstehenden sie neugierig anschauten.

»Das habe ich doch auch gar nicht gesagt«, erwiderte Julia leise, aber mit fester Stimme. In ihren Augenwinkeln saß immer noch ein kleines Lächeln. »Warum bist du denn so aggressiv?«

»Ich finde dich reichlich unverschämt.« Lindas Stimme war leiser geworden, und sie bemühte sich, ruhig und selbstsicher zu klingen. »Vielleicht liegst du mit deiner Art einfach nicht auf meiner Wellenlänge.«

Julia trank den Rest ihres Sekts aus und fuhr sich dann nachdenklich mit dem Zeigefinger über die Lippen. »Weißt du, ich habe das Gefühl, daß wir sehr wohl auf einer Wellenlänge liegen.«

Linda starrte sie an, ohne zu einer Antwort fähig zu sein.

»Ach, übrigens«, wechselte Julia munter das Thema, »heute abend soll so richtig was los sein in der Disco. Magst du nicht kommen?«