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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Manuela Kuck

Neue Zeiten für Linda

 

K+S digital

Für Christian

Prolog

Als Corinna das erste Mal zu mir sagte, ich solle mich hinsetzen und schreiben, hatte ich nur ein bitteres Lächeln für sie übrig. Erst später begriff ich, worauf sie hinauswollte. Ich begann Notizhefte zu füllen mit meiner Angst und meinem Entsetzen, als könnte ich beides dort auf dem Papier zurücklassen und mich anschließend wie erlöst erheben. Ich beschrieb das Heute und das Gestern, den Schmerz und den allmählich zu erkennenden Weg, und meine Hand umklammerte den Füller wie einen Rettungsanker. Gleichzeitig spürte ich mit jedem Satz deutlicher, daß die Befreiung nicht darin bestand, in die Vergangenheit zurückkehren zu wollen. Und wenn sie noch so schön war – es gelingt nicht. Es kann gar nicht gelingen.

Aber die Wende der Ereignisse schien so ungerecht, so verdammt ungerecht. Wie viele Kämpfe hatte es mich gekostet, zu Katharina zu finden und zu mir selbst. Alles andere hinter mir zu lassen. Jan, meine Familie, den Druck, den sie auf mich ausübten. Plötzlich hatte ich gefühlt, daß es sie gab, die Freiheit, mich zu entscheiden. Die Freiheit, Katharina zu lieben, ihre Hände auf mir und in mir zu spüren – ohne Schuldgefühle und Angst. Das war vor fast zwei Jahren gewesen.

Gerade erst hatten wir begonnen, das gemeinsame Leben im Alltag zu bewältigen und zu begreifen, daß auch wir Konflikte hatten, und nicht zu knapp. Daß es nicht genügte, sich füreinander entschieden zu haben und unter einem Dach zu leben. Daß auch wir uns Seitenhiebe verpaßten und die jeweils eigenen Bedürfnisse rücksichtslos in den Vordergrund stellten. Gerade eben hatten wir uns wieder die Hände gereicht, bereit, uns aufeinander einzulassen mit all unseren Fehlern und Schwächen. Und genau in dem Augenblick stürzte alles zusammen. Ohne Vorwarnung. Ohne den Hauch einer Chance, den Verlauf von Minuten, Stunden, Tagen im nachhinein zu korrigieren.

Nach diesem Wochenende war nichts mehr wie vorher. Die Karten waren neu gemischt, und ich hielt sie zunächst fassungslos in den Händen. Ihre Sprache war fremd und zutiefst beängstigend, und nichts hatte mich auf sie vorbereitet. Alles, was ich zuvor an Aufregungen und auch Konflikten erlebt hatte, trat auf einmal in den Hintergrund. Es war nicht unwichtig geworden, aber ich maß all dem eine ganz andere Bedeutung bei.

In den vergangenen zwei Jahren hatte ich gelernt, meine Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und nach ihnen zu leben, meinen Weg zu gehen, und plötzlich mußte ich eine ganz andere Lektion begreifen.

1

Ich spürte sehr genau, daß mein Lächeln den leisen Schmerz nicht überdecken konnte. Ein Wermutstropfen, dachte ich und winkte Katharina und Nadine nach, als sie vom Hof auf die Hauptstraße bogen, um nach Wolfsburg zu fahren. In weniger als zehn Minuten würde Katharina in ihrer eigenen Wohnung sein und ihre Tochter ins Bett bringen. Dann vielleicht die Tagesschau einschalten. Ein bißchen dem vergangenen Wochenende nachhängen. Die Waschmaschine laufen lassen.

Ich seufzte und ging ins Haus zurück. Seit gut zwei Monaten wohnte ich nun mit meinem knapp fünfjährigen Sohn Erik in diesem kleinen Bauernhaus in Velstove, das nach anstrengenden Renovierungsarbeiten mein neues Zuhause geworden war. Eine von Annas Stammkundinnen, die seit fast zwanzig Jahren in der Buchhandlung meiner Tante kaufte, war die Vermieterin. Die etwas schrullige ältere Dame wollte regelmäßig die Miete und ansonsten nur ihre Ruhe haben. Meine anfänglichen Bedenken gegen das ländliche Leben hatte ich rasch fallengelassen. Erik fühlte sich wohl, und die Leute aus der Nachbarschaft waren freundlich und unaufdringlich. Hinzu kam, daß die Miete günstig war. Und Katharina liebte dieses Haus. Sie hatte geschuftet bis zum Umfallen, gestrichen, tapeziert,Teppiche verlegt, Regale aufgebaut und tausend andere Kleinigkeiten erledigt. Es hatte weh getan, als ich das Türschild am Haus angebracht hatte, und es stand nur mein Name darauf.

Zwei alte Apfelbäume säumten die Einfahrt zum Hof; der hinter dem Haus gelegene Garten war verwildert und strömte einen üppigen Frühsommerduft aus. Es gab eine Schaukel, einen riesigen Sandkasten und jede Menge Unkraut. Alle Zimmer waren mit schlichten Holzmöbeln und bunten Teppichen eingerichtet. Nichts hier erinnerte an das Haus, in dem ich vorher mit Jan gelebt hatte. Das gepflegte Einfamilienhaus mit einem Garten, in dem die Beete so schnurgerade angelegt waren, daß einem schwindelig werden konnte, gehörte nun einem anderen jungen Ehepaar. Glas und Chrom. Blankpolierte Arbeitsflächen. Immer blitzsaubere Fenster und ein Flur, der ständig nach Zitronenreiniger roch. Jan war längst wieder in China, die Scheidung eingereicht, der erste Aufruhr in der Familie mehr oder weniger gut überstanden.

Ich setzte Teewasser auf und rief nach Erik. Es fiel mir schwer, zu glauben, daß ich mich noch vor einem Jahr verbissen daran geklammert hatte, eine moderne Ehe zu führen und zufrieden und glücklich zu sein. Plötzlich hatte ich feststellen müssen, daß ich Jans Entscheidung, für mindestens zwei Jahre in China zu arbeiten, um die Karriereleiter bei VW schneller emporzuklettern, nicht nur tolerierte, sondern seine Abwesenheit sogar in vollen Zügen zu genießen begann. Alte Erinnerungen waren aufgetaucht, und dann hatte auf einmal Katharina vor mir gestanden. Eine Wärme in den Augen, der ich mich nicht hatte entziehen können. Und dann nicht mehr hatte entziehen wollen.

Manchmal konnte ich die Angst und die Panik, die mich monatelang beherrscht hatten, noch nachschmecken. Die Auseinandersetzung mit Jan war furchtbar gewesen und auch die mit Elisabeth, meiner Mutter. Aber es gab auch die andere Seite, die Menschen, die zu mir hielten und mich unterstützten. Anna, meine Tante, meine Schwester Claudia, mein Vater Siegfried, Bettina, die plötzlich nicht mehr nur die lustige, vorlaute Kollegin war, sondern eine verständnisvolle Freundin.

Ich hob den Kopf, als Erik durch die Gartentür in die Küche kam. T-Shirt und Hose waren vollkommen verdreckt und strömten einen intensiven Geruch aus. Kuhscheiße, dachte ich, mein Sohn hat sich in Kuhscheiße gewälzt, und ich muß gleich laut loslachen. Früher hätte ich ihn zwei Stunden lang geschrubbt und desinfiziert und ihm gleichzeitig ellenlange Vorträge gehalten, heute muß ich lachen. Ich dirigierte Erik ins Badezimmer und stellte ihn unter die Dusche. Mit einer Hand hielt ich mir die Nase zu, mit der anderen schäumte ich den Jungen von Kopf bis Fuß ein.

Erik hatte die Augen seines Vaters. Es gab Momente, da sah ich plötzlich Jan vor mir – den jungenhaft grinsenden Jan, den ehrgeizigen Ingenieur, den fröhlichen Vater, den glücklichen Ehemann –, und diese blitzartig auftauchenden Szenen waren friedlich und aufwühlend zugleich. Mir wurde klar, daß mehr als nur ein paar Monate und ein vollzogener Schlußstrich nötig waren, um Abstand zu gewinnen. Ich griff nach dem großen Handtuch mit dem Benjamin-Blümchen-Motiv und rubbelte Erik trocken. Es war naiv, die Vergangenheit in Schwarzweißbildern darstellen zu wollen. Immer gab es Zwischentöne und Schattierungen, nichts war einfach nur dunkel oder hell. Ich hatte ein Leben gegen ein anderes eingetauscht, und das neue war ehrlicher und leidenschaftlicher. Und vollkommen anders. Ich war aus Jans Schatten herausgetreten.

Eines Tages, das wußte ich, würde ich mit Katharina und den Kindern unter einem Dach leben, und es würde mir egal sein, wer hinter meinem Rücken darüber tuschelte oder mir mit offener Feindseligkeit begegnete. Doch zur Zeit war ich noch nicht soweit. Meine Angst davor, gerade an der Schule, an der Katharina und ich unterrichteten, schief angeschaut zu werden oder gar Probleme zu bekommen, war groß, sehr groß sogar, und ich hätte viel dafür gegeben, gleichmütiger empfinden zu können.

Ich holte tief Luft. »Das ist ja eine tolle Sache«, sagte ich dann, aber meine Stimme klang so lahm, daß Katharina mich einen Moment irritiert ansah und dann laut loslachte.

»Ich habe dich selten so begeistert gesehen«, kommentierte sie meine Bemerkung und legte mir den Arm um die Schulter.

Wir saßen im Garten in der Sonne, während die Kinder mit den Fahrrädern über den Hof sausten. Katharina war vor einer Minute mit der Neuigkeit herausgeplatzt, daß das Frauencafé in Wolfsburg ihre Bilder ausstellen wollte. Liebend gern hätte ich euphorischer reagiert, doch ich konnte meine Bedenken nicht einfach über Bord werfen. Stefanie und Sandra, die Inhaberinnen des Cafés, engagierten sich für viele Projekte, hauptsächlich jedoch für die Belange von Frauen, Lesben und Schwulen. Für irgendeinen guten Zweck wurde immer gesammelt, und sämtliche Gäste des Cafés wußten, daß die beiden Frauen ein Liebespaar waren. Sie machten ja auch keinen Hehl daraus. Wahrscheinlich wußten es sogar die Wolfsburgerinnen, die das Café noch nie betreten hatten. Wenn Katharina dort ihre Arbeiten ausstellte, gab das mit Sicherheit Anlaß zu Spekulationen.

Katharina ließ ihre Fingerspitzen über meinen Nacken wandern. Sie küßte mich auf die Wange und dann auf den Mund.

»Du bist diejenige gewesen, die mich ermuntert hat, soviel wie möglich zu zeichnen und zu malen«, sagte sie behutsam und schob ihren Stuhl herum, so daß wir einander gegenüber saßen. »Als ich von der Ausstellung las und meine Mappe abgab, hatte ich nicht die geringste Hoffnung, daß irgend etwas daraus werden könnte. Ein paar nette Kommentare hätten mir gereicht, verstehst du?«

Ich nickte wortlos. Katharina strahlte mich an, und von ihrer sonstigen Gelassenheit war nicht viel zu spüren. Sie schien kaum ruhig sitzen zu können. Ich hätte Lust, jetzt sofort mit ihr zu schlafen, dachte ich. Während ich augenblicklich nach den Kindern Ausschau hielt und gleichzeitig überlegte, wie lange die beiden wohl alleingelassen werden könnten, griff ich nach meiner Kaffeetasse und räusperte mich.

»Natürlich ist es toll, daß sie von deinen Arbeiten begeistert sind«, erwiderte ich dann und nahm einen großen Schluck. »Du weißt doch aber selbst, daß du mit einer Ausstellung in diesem Café nicht nur freundliche Bemerkungen ernten, sondern auch Anlaß zu Spekulationen bieten wirst.«

Katharina beugte sich zu mir vor. Ein leises, verhaltenes Lächeln schlich sich von den Mundwinkeln in ihre Augen. Sie nahm mir die Kaffeetasse ab und ergriff meine Hände. »Ich liebe dich, Linda. Und wenn du dagegen bist, daß ich in dem Café ausstelle, lasse ich es sein.« Sie schaute kurz in den Garten, bevor sie mich wieder anblickte. »Aber vielleicht gelingt es dir ja, deine Befürchtungen zu überwinden.«

Sie überläßt mir die Entscheidung, dachte ich, und damit auch die Verantwortung. Als hätte Katharina meine Gedanken erraten, wurde ihr Lächeln plötzlich spitzbübisch. »Denk ruhig eine Weile darüber nach.«

Das Geräusch einer Wagentür, die kräftig zugeschlagen wurde, ließ uns aufhorchen. Ich stand auf und ging durch den Garten zur Vorderseite des Hauses. Bettina kam mir bereits entgegen – mitsamt ihren vier Kindern. Die Zwillinge waren jetzt drei, Julia sieben und Kevin fünf Jahre alt. Jedesmal wenn ich die Freundin inmitten ihrer Kinderschar erlebte, bewunderte ich ihre Energie und ihr Organisationstalent und war insgeheim heilfroh, nach Erik keine weiteren Kinder mehr bekommen zu haben, sah man einmal von Katharinas Tochter Nadine ab. Im vergangenen Herbst war Bettina ein weiteres Mal schwanger gewesen und hatte gegen den Willen ihres Mannes abgetrieben. Der Entschluß war ihr nicht leichtgefallen, und ich war heute noch erleichtert, daß sie nicht doch im letzten Moment davor zurückgeschreckt war. Obwohl Bettinas Mann Markus sich inzwischen doch hin und wieder dazu bequemte, die Kinder zu hüten oder einzukaufen, konnte er gewiß nicht als leuchtendes Beispiel für einen eifrigen Vater und Hausmann gelten. In der Regel blieb alles an Bettina hängen, und wenn sie einen freien Abend haben wollte, mußte sie schon drei Tage vorher alles genauestens planen.

Bettina hatte normalerweise immer ein Grinsen parat oder einen Spruch auf den Lippen. Heute wirkte sie jedoch ungewöhnlich ernst.

»Hallo, Linda, ich hoffe, ich störe nicht«, sagte sie. »Ich habe gerade die Kinder von meiner Mutter abgeholt und bin direkt hierher gefahren. Ist Katharina auch da?«

»Ja. Wir sitzen hinten im Garten. Magst du einen Kaffee?«

Bettina nickte. Ich betrachtete sie prüfend von der Seite, während wir nebeneinander den Pfad entlanggingen, der um das Haus herumführte. »Alles in Ordnung?«

»Nein, ganz und gar nicht.« Sie schob die Zwillinge in Richtung Sandkasten und begrüßte Katharina. Julia und Kevin waren vorn geblieben und tobten bereits mit Nadine und Erik auf dem Hof herum.

Ich holte eine weitere Kaffeetasse. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich. Bettina war schon morgens in der Schule so verschlossen und düster gewesen. Als wir zu dritt am Tisch saßen, warf Katharina mir einen verwunderten Blick zu. Dann wandte sie sich Bettina zu.

»Gibt es ein Problem?« fragte sie ohne Umschweife.

»Ich glaube ja.« Bettina hob kurz die Hände und ließ sie wieder in den Schoß sinken. »Ihr habt nichts mitbekommen, oder?«

Sie schaute von Katharina zu mir. Ihr Mund war schmal und verkniffen, und einen Moment lang hatte ich das unangenehme Gefühl, Bettina wollte uns vorwerfen, daß wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt wären und uns nicht genügend um andere Dinge kümmerten. Ich wischte den Gedanken unwirsch beiseite.

»Was meinst du?« stellte Katharina die Gegenfrage.

»Tom«, half Bettina nach.

Ich zog die Stirn in Falten. Der Kollege war seit einigen Tagen krank geschrieben. Als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte, war er sehr blaß und zurückhaltend gewesen. Fast unfreundlich. Ich überlegte, wie gut ich Tom kannte. Wir waren seit mehreren Jahren Kollegen. Er war Lehrer für Sport und Werken. Ein gutaussehender und höflicher Mann Anfang Dreißig, der beliebt war, gern organisierte und ohne viele Worte mit anpackte, wenn es nötig war. Bei meinem Umzug war er morgens der erste gewesen, der kam, und am Nachmittag der letzte, der wieder ging. Soweit ich wußte, war er nicht verheiratet.

»Ich glaube, er hat die Grippe«, sagte ich. »Das habe ich jedenfalls gehört.«

Katharina nickte zustimmend. »Ja, ich auch.«

Bettina schüttelte den Kopf. »Es gibt ein sehr häßliches Gerücht, das schnell die Runde machen wird. Ihr wißt wirklich nichts davon?« Sie schaute uns forschend an.

Langsam wurde ich ungeduldig. »Nein. Nun sag schon, was los ist!«

»Der liebe Kollege Ulrich hat mich heute morgen angesprochen«, erklärte Bettina. »Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, versteht sich.«

Katharina seufzte. »Ach, herrje.« Ulrich war das reinste Klatschmaul.

Bettina holte ein Taschentuch aus ihrer Hose und putzte sich umständlich die Nase. »Er war vor zwei Tagen bei seinem Internisten, um sich ein Rezept abzuholen. Dort hat er Tom getroffen. Oder besser gesagt: gesehen. Tom sei mit leichenblasser Miene und am ganzen Körper zitternd aus der Praxis gekommen, als Ulrich die Tür öffnete, und habe ihn fast über den Haufen gerannt. Als Ulrich ihn ansprach, habe er sich umgedreht und sei davongelaufen – wie jemand, der gerade eine entsetzliche Nachricht erhalten hat und nicht will, daß ein anderer etwas davon mitbekommt.«

Katharina beugte sich vor. »Was meinst du mit entsetzlicher Nachricht?«

»Aids. Tom hat Aids.«

Was für eine trügerische Idylle, dachte ich und war so entsetzt, daß ich einen Augenblick lang das Atmen vergaß. Wenn jetzt jemand vorbeigeht und uns hier sitzen sieht, wie wir Kaffee trinken und die Gesichter in die Sonne halten, während die lieben Kleinen im Garten herumtoben, wird er denken, daß das Leben doch wunderschön sein kann. Und so friedlich. Ich schaute Katharina an, die sich die Haare nach hinten strich und einen Moment lang mit den Fingern die Schläfen zusammenpreßte.

»Wer ist um Gottes willen auf diese Schlußfolgerung gekommen?« fragte sie und atmete tief aus. »Die Tatsache, daß jemand blaß aus einer Arztpraxis rennt, heißt doch noch lange nicht, daß er Aids haben muß.«

Bettina nickte zustimmend. »Natürlich nicht.« Sie schluckte. »Aber am nächsten Tag, also gestern, hat Ulrich zufällig mitbekommen, wie Stefan in der kleinen Pause mit Tom telefoniert hat, und da ging es eindeutig um einen Test. Das sei doch noch kein Todesurteil, habe Stefan geflüstert, und Tom solle sich jetzt bloß nicht verrückt machen und so weiter und so fort. Und er war ziemlich fertig, als er den Hörer aufgelegt hat.«

Stefan und Tom waren eng miteinander befreundet.

»Hat Ulrich Stefan gefragt, was los ist?« fragte Katharina.

»Nein, natürlich nicht. Ich denke, er hat das Gespräch schlicht und ergreifend belauscht und sich dann dünne gemacht.«

»Hast du mit Stefan gesprochen?« fragte ich. Meine Stimme klang merkwürdig hohl.

»Noch nicht. Ich wollte erst mit euch reden.«

Einen Moment war es still.

»Was hast du eigentlich auf Ulrichs Vermutungen erwidert?« fragte Katharina dann und blickte Bettina gespannt an.

Die schüttelte den Kopf. »Nicht viel. Ausnahmsweise fehlten mir echt die Worte. Ich hab' ihm bloß gesagt, daß er damit nicht hausieren gehen soll, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er diesen Ratschlag beherzigen wird.«

Wir schauten in den Garten und schwiegen. Irgendwo bellte ein Hund.

»Tom und Stefan sollten wissen, was für eine Geschichte im Umlauf ist, und zwar schnell«, meinte Katharina schließlich.

Stefans Lächeln war keineswegs freundlich, geschweige denn herzlich. Er stellte seine Kaffeetasse ab und wies mit dem Kopf in Richtung Tür. Sein spitznasiges Gesicht wirkte noch hagerer als sonst.

»Laßt uns 'ne Runde auf dem Schulhof drehen«, sagte er.

Ich spürte mein Herz schmerzhaft schnell klopfen, und meine Hände waren eiskalt. Katharina und Bettina gingen vor, und Stefan hielt mir die Tür auf. Der Lärm herumtobender Schülerinnen und Schüler schlug uns entgegen.

»Wir haben schon gestern versucht, dich zu erreichen«, erklärte Bettina, nachdem wir eine Weile schweigend über den Schulhof gelaufen waren. »Es geht um Tom.«

Stefan blieb stehen. »Das habe ich mir fast gedacht.« Seine Stimme wurde schneidend. »Ich bin heute schon mal auf ihn angesprochen worden.«

»Von Ulrich?« fragte Bettina.

»Woher weißt du das?« Stefan blickte sie erstaunt an, und er ballte die Hände zu Fäusten, als Bettina ihm von Ulrichs Schlußfolgerungen erzählte. »Dieser widerliche kleine Wichtigtuer! Am liebsten würde ich ihm …«

Ich faßte nach Stefans Arm. »Was ist dran an der Geschichte?«

Stefan schnaubte und blickte einen Moment mit schmalen Augen in die Ferne.

»Nichts und doch sehr viel«, meinte er schließlich. »Tom ist HIV-positiv.«

»Also doch Aids!« entfuhr es Bettina.

Katharina drehte sich rasch zu ihr um und schüttelte heftig den Kopf. »Du liebe Güte – nein! Das ist ein himmelweiter Unterschied. Er trägt lediglich das Virus in sich. Die Krankheit ist nicht ausgebrochen, und es können viele, viele Jahre vergehen, bevor sich bei ihm auch nur irgend etwas zeigt.«

Bettinas Augen hatten sich geweitet, und sie trat einen Schritt zurück. »Ist ja gut. Reg dich wieder ab. So genau kenne ich mich da nicht aus.«

Ich war verblüfft, mit welcher Vehemenz Katharina reagierte. Aber natürlich hatte sie recht.

»Genau das ist der Punkt«, fügte Stefan hinzu. »Die meisten kennen sich da gar nicht so genau aus, aber jeder hat schon mal was Schlimmes gehört. Und selbstverständlich sind alle Aidskranken und HIV-Positiven Schwule, und zwar die von der ganz üblen Sorte, die es sowieso nicht besser verdient haben – Leder, Peitschen, dunkle Keller und so weiter.«

Bettina räusperte sich. »Tom ist nicht … homosexuell?«

Stefan biß kurz die Zähne zusammen. »Ist das nicht scheißegal?« Er senkte den Kopf und kickte einen kleinen Stein beiseite. »Er ist mein bester Freund. Seit vielen Jahren. Ich weiß nicht, wie er sich das Zeug eingefangen hat.« Er hob wieder den Kopf. »Aber wenn du es so genau wissen willst – nein, Tom ist nicht schwul.«

Ich war erleichtert, als es klingelte. Die Atmosphäre war zutiefst bedrückend. Wir gingen gemeinsam zurück ins Hauptgebäude.

»Was meint ihr, wie lange wird es dauern, bis sich das Gerücht verbreitet hat, daß Tom ein aidskranker Schwuler ist?« fragte Katharina leise, als wir vor dem Lehrerzimmer angekommen waren.

Niemand antwortete.

Ich war auf merkwürdige Weise gespalten. Einerseits klammerte ich mich an den Glauben, daß die meisten Lehrerinnen und Lehrer aufgrund ihres Berufes und ihrer Bildung offen und tolerant waren und darum bemüht, Vorurteile abzubauen. So schien mir die Ausgrenzung eines Kollegen, der ein tödliches Virus in sich trug, viel eher bei VW am Band denkbar als an einer Schule. Ich wünschte mir sehnsüchtig ein Kollegium, das zusammenhielt und die wenigen unverbesserlichen Ignoranten mit kalter Nichtachtung strafte. Doch gleichzeitig spürte ich, daß meine Zweifel dieses schöne Bild längst wie spitze Nadeln durchdrangen – warum sonst hatte ich solche Angst, daß meine Beziehung zu Katharina herauskam? Dieses Schwanken zwischen rosaroten Wunschträumen und ebenso hochstilisierten Ängsten verwischte meinen Realitätssinn, und ich spürte, daß es allmählich Zeit war, den Tatsachen ins Auge zu blicken.

Tom kehrte an die Schule zurück, und das Gerücht zog offensichtlich immer weitere Kreise und erzeugte eine unterschwellige Spannung, die langsam wuchs und der man sich nicht entziehen konnte.

»Ich finde es allmählich unerträglich«, sagte Katharina, als wir nach Schulschluß gemeinsam mit Bettina und Stefan zum Parkplatz gingen. »Jeder scheint irgendwas zu wissen, hier wird getratscht und dort geflüstert, Tom will mit niemandem reden, und wir sitzen zwischen allen Stühlen.«

»Vielleicht verläuft sich das Ganze nach einiger Zeit doch noch im Sand«, gab Stefan zurück und setzte eine betont gleichmütige Miene auf. »Wir lassen uns auf nichts ein und reagieren mit einem kühlen Schulterzucken.«

Bettina tippte sich an die Stirn. »Das ist Toms Idee, nicht wahr? Ein frommer Wunsch, aber du weißt ganz genau, daß er nicht in Erfüllung gehen wird! Schau dich doch um: Die Gerüchteküche kocht bald über. Außerdem nimmt uns ohnehin niemand mehr ab, daß wir nichts wissen, und auf die Art und Weise stacheln wir die Neugierde eher noch an.«

Bevor Stefan etwas erwidern konnte, schaltete sich Katharina wieder ein. »Ich denke auch, daß es nichts mehr rückgängig zu machen gibt. Hinzu kommt nämlich, daß Tom – verständlicherweise – sehr verändert ist. Er hat sich zurückgezogen, redet kaum und stößt damit alle Leute vor den Kopf, auch jene, die etwas mitbekommen haben, sich aber wirklich dafür interessieren, wie es ihm geht.« Sie hob die Hand, als Stefan sie unterbrechen wollte. »Das ist einfach nur eine Beschreibung, kein Vorwurf. Er will ja nicht mal mit uns reden, und ich bilde mir ein, daß wir uns bisher ganz gut verstanden haben. Also, es gibt an der gesamten Schule niemanden mehr, der die Geschichte von der harmlosen Grippe glaubt.«

Wir blieben vor Stefans Auto stehen. Ich stellte meine Mappe ab und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Und was wollen wir jetzt tun? Untätig zuschauen, wie es weitergeht?«

»Ich finde, wir sollten doch versuchen, Tom zu einem Gespräch zu bewegen«, sagte Bettina. »Ob er nun Lust dazu hat oder nicht.«

»Er will aber nicht darüber reden«, wehrte Stefan ab.

»Und warum nicht?« fragte ich.

»Na, rate mal, Linda – der Junge ist ziemlich fertig.« Stefan blickte mich kopfschüttelnd an und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase.

»Aber er ist der einzige, der etwas verändern kann«, gab Katharina zu bedenken. »Ich finde sogar, wir sollten noch einen Schritt weiter gehen und uns mit dem ganzen Kollegium zusammensetzen.«

Stefan starrte sie entgeistert an. »Und dann?«

»Sprechen wir offen über alles. Dann ist es wenigstens kein interessantes Geheimnis mehr, und das Gerede kann aufhören.«

Stefan zeigte ihr einen Vogel. »Und anschließend singen wir alle ein Joan-Baez-Lied, oder wie? Du bist ganz schön romantisch, Katharina. Mit dieser Pfadfindernummer landest du vielleicht bei vier oder fünf Leuten, aber das sind doch genau die, die auch schon vorher vernünftig waren.«

Bettina legte den Kopf schief. »So blöd finde ich den Vorschlag gar nicht«, sagte sie nachdenklich und schaute mich fragend an. »Wir sollten wenigstens den Versuch machen, mit Tom darüber zu reden, oder nicht? Was meinst du, Linda?«

Ich nickte. »Damit können wir einigen den Wind aus den Segeln nehmen.«

»Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es die ersten Eltern erfahren«, fügte Katharina leise hinzu und schaute Stefan an. »Meinst du, Tom schmeißt uns die Tür vor der Nase zu?«

»Nein«, antwortete Stefan mit fester Stimme. »Ich befürchte, er macht sie gar nicht erst auf.«

Nach diesem Gespräch hatte ich fast ständig ein ungutes Gefühl, und ich wußte, daß es Katharina ähnlich erging. Tom hatte etwas in mein Leben gebracht, das mich nicht nur verstörte und erschreckte, sondern ein tiefes Unbehagen in mir auslöste. HIV- positiv, das war etwas, worüber man in der Zeitung las. Das bekamen berühmte Schauspieler, Sänger, Sportler, Künstler. Und meistens waren sie schwul. Manchmal fragte ich mich, ob mir die ganze Situation vor einem Jahr schon genauso nah gegangen wäre, und ich konnte nicht eindeutig darauf antworten. Wenn ich tief in mich hineinhorchte, wußte ich, daß Tom nicht nur sein eigenes Schicksal zu tragen, sondern stellvertretend für viele andere ein Spießrutenlaufen begonnen hatte. Einen mühsamen Kampf, um den ihn niemand beneidete und der durchaus auch etwas mit mir zu tun hatte. Wie würde ich mich wohl an seiner Stelle verhalten?

Anfänglich hatte ich mich gefragt, wieso Tom überhaupt an die Schule zurückgekehrt war. Es mußte unerträglich sein, verstohlen oder ganz offen von allen beäugt zu werden, und das in einer Lebenssituation, in der er Unterstützung und Verständnis brauchte. Dann begriff ich, daß ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel und er sich danach sehnte, zumindest einen halben Tag lang das Gefühl zu haben, ein normales Leben zu führen. Aber genau das war so auch nicht mehr möglich. Katharinas Vorschlag, uns mit allen zusammenzusetzen, erschien mir immer einleuchtender, doch solange Tom nichts davon wissen wollte, konnten wir nichts tun.

Gut zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien wurde ich von der Mutter einer Schülerin aus meiner vierten Klasse angesprochen. Es war Freitag mittag, und ich hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Katharina hatte bereits Schulschluß und holte Erik und Nadine vom Kindergarten ab. Als ich die Klassentür abschloß, stand Anitas Mutter am Treppenabsatz und lächelte mir entgegen. Frau Mertens gehörte zu den Müttern, die den schulischen Werdegang ihrer Kinder besonders aufmerksam beobachten. Bettina würde sagen: nervtötend und hysterisch. Ich unterdrückte einen Seufzer und lächelte zurück, während ich demonstrativ einen Blick auf meine Armbanduhr warf.

»Frau Mertens, was kann ich für Sie tun?« fragte ich und ging flott die Treppe hinunter.

Frau Mertens schloß sich mir an. »Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Frau Baum. Anita wartet am Auto auf mich. Eigentlich habe ich nur eine einzige Frage.«

Ich nickte und blieb am Ausgang stehen. Frau Mertens strich sich die langen blonden Haare aus dem Gesicht. »Wissen Sie schon, ob das nun endgültig ist mit diesem Sportlehrer?«

Einen Moment lang hatte ich keine Ahnung, wovon sie sprach. Dann dämmerte es mir.

»Wie bitte?« fragte ich. Der Ausdruck »endgültig« strich mit eisigen Fingern über meinen Magen.

Frau Mertens straffte die Schultern. »Nun sagen Sie bloß, Sie wissen nichts davon? Wir haben erfahren, daß ein Lehrer Aids hat. Seit Anfang der Woche liegt dem Rektor ein Brief einiger Eltern vor. Es hieß, er würde nur noch bis zu den Sommerferien bleiben.«

Ich schnappte nach Luft, dann zwang ich mich, ruhig und regelmäßig weiterzuatmen. Genau das hatten wir doch die ganze Zeit befürchtet.

»Ich weiß nichts von einem Brief und dem Ausscheiden eines Lehrers«, antwortete ich schließlich kühl, während ich innerlich zu zittern begonnen hatte.

»Nein?« Frau Mertens sah mich erstaunt an und wich einen kleinen Schritt zurück, als sie mir in die Augen blickte. »Das ist ja merkwürdig. Na ja, dann frage ich nächste Woche im Sekretariat nach.«

Sie griff nach der Klinke und wandte sich in der halb geöffneten Tür noch einmal um. »Finden Sie es nicht bedenklich, wenn ein Lehrer mit dieser Krankheit weiter unterrichtet? Wir müssen doch schließlich an die Gesundheit unserer Kinder denken. Stellen Sie sich mal vor …«

»Ich stelle mir so manches vor«, fuhr ich plötzlich dazwischen, und ich spürte, wie mir abwechselnd heiß und kalt wurde. »Doch ich denke nicht, daß Ihre und meine Vorstellungen viel miteinander gemein haben.«

Damit schob ich mich an Frau Mertens vorbei und eilte über den Schulhof zum Parkplatz.

Als ich in Velstove eintraf, war Katharina mit den Kindern bereits da. Die drei waren in der Küche und kochten Spaghetti mit Tomatensoße. Nadine, die gerade sechs Jahre alt geworden war, raspelte Käse, während Erik die Soße umrührte und ein ums andere Mal mit Kennermiene abschmeckte. Eine friedliche häusliche Szene.

Ich blieb in der Tür stehen, und Nadine blickte mich aufmerksam an.

»Hallo, Linda«, begrüßte sie mich. »Warum kommst du nicht rein?«

Katharina wandte mir den Kopf zu, doch ihr Lächeln verblaßte, als sie meine Miene sah.

»Es geht los«, sagte ich leise und erzählte kurz, was geschehen war. Meine Stimme bebte.

»Genau das war zu erwarten«, erwiderte Katharina nach einer kurzen Pause. Dann deckte sie den Tisch und schickte die Kinder zum Händewaschen.

»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Ich starrte sie entgeistert an und war selbst erstaunt darüber, wie die Wut plötzlich in mir hochstieg. Ich betrat die Küche, als die Kinder sich an mir vorbeidrängeln, und ging zum Eßtisch. »Einige wildgewordene Eltern beantragen Toms Suspendierung, und dein einziger Kommentar besteht darin, zu bemerken, daß das zu erwarten gewesen war?«

Ich stand hinter meinem Stuhl und umklammerte die Lehne. Katharina zog die Augenbrauen hoch. Plötzlich lächelte sie beschwichtigend und kam auf mich zu.

»Beruhige dich, Linda«, sagte sie und zog mich in die Arme. »Du weißt genau, daß ich noch eine ganze Menge mehr dazu zu sagen habe.«

Ich schlang meine Arme um sie. »Entschuldige. Ich bin so aufgeregt. Ich …«

»Ist schon gut. Wir werden mit Stefan sprechen. Und mit Tom.«

Ich war beschämt, daß ich in meiner Fassungslosigkeit über Katharina hergefallen war und schmiegte mich so eng an sie, als wollte ich in sie hineinkriechen. Als Katharina mich sanft küßte, hätte ich gern von ihr gehört, daß alles wieder gut werden würde. Wie ein kleines Kind, das getröstet werden wollte. Aber ich wußte, daß dieser Wunsch töricht war.

Nach dem Mittagessen rief Katharina Bettina an.

»Bettina fährt zu Stefan«, erklärte sie, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. »Die beiden werden mit Tom reden. Vielleicht gelingt es ihnen, Tom zu einem Gespräch mit uns zu bewegen.«

»Und was machen wir, wenn er nicht will?«

Katharina nahm meine Hände. »Dann haben wir das zu respektieren.«

Den Nachmittag verbrachten wir im Garten. Katharina hackte Unkraut, während ich ihr zunächst eine Weile unschlüssig zuschaute. Schließlich holte ich mir Schleifpapier, Pinsel und Lack aus dem Keller und begann, einen der alten Gartenstühle zu bearbeiten. Langsam fiel die Erstarrung von mir ab, und mir wurde warm. Hin und wieder schaute Katharina zu mir herüber.

Am frühen Abend kamen Bettina und Stefan. Ich hatte die Kinder gerade in die Badewanne gesteckt, und Katharina kümmerte sich um das Abendessen. Einen Moment lang überlegte ich mit einem leisen Gefühl des Unbehagens, ob Stefan sich vielleicht wunderte, daß Katharina so selbstverständlich in der Küche hantierte, als wäre es ihre eigene. Dann wischte ich den Gedanken beiseite wie eine lästige Fliege und kochte Tee und frischen Kaffee.

»Habt ihr etwas erreicht?« fragte Katharina, als die beiden an dem großen Eßtisch Platz genommen hatten.

Bettina nickte. Ihre Miene verriet Entrüstung und Erschöpfung zugleich. Ich konnte mir vorstellen, wieviel Mühe es sie gekostet hatte, ihre Empörung über das Vorgehen der Eltern nicht einfach laut herauszubrüllen. »Ich denke schon. Tom war zwar nicht gerade begeistert, als wir bei ihm auftauchten, und von einem Gespräch mit uns vieren hielt er erst mal gar nichts, aber irgendwie tut es ihm wohl doch gut, daß es einige Leute gibt, die zu ihm halten.«

Stefan fuhr sich über die Augen. »Er kommt nachher vorbei. Hat er jedenfalls versprochen. Und von dem Brief wußte er bereits. Allerdings muß ich euch vorwarnen: Er ist momentan alles andere als ein angenehmer Gesprächspartner.«

»Das werden wir sehen«, sagte Katharina. »Möchtet ihr mit uns essen?« Ich sah, wie Stefan stutzte und sein Blick nachdenklich von Katharina zu mir wanderte. Er sagte jedoch nichts, sondern stand auf und half beim Tischdecken.

Nach dem Abendbrot begann eine zähe Warterei. Ich brachte Erik und Nadine ins Bett, während Stefan mit seiner Frau telefonierte. Anschließend saßen wir in der Wohnküche und hielten nur mühsam ein Gespräch in Gang. Inzwischen war ich fest davon überzeugt, daß Tom doch nicht mehr kommen würde, und fühlte mich abgespannt. Am liebsten hätte ich mich in meinem Bett verkrochen. Da fuhr ein Wagen vor, und wenige Augenblicke später klingelte es. Ich ging rasch zur Tür.

»Da bin ich«, sagte Tom. »Die große Besprechung kann losgehen.«

Seine Stimme klang bitter, und ich zuckte zusammen.

»Ich bin froh, daß du gekommen bist«, erwiderte ich und bat ihn herein.

Tom setzte sich neben Stefan und blickte einmal lächelnd in die Runde. Es war kein angenehmes Lächeln.

»Also«, meinte er schließlich. »Was wollt ihr mir sagen?«

Bettina verdrehte die Augen. Offenbar hatte Tom sich am Nachmittag ähnlich abweisend verhalten.

»Möchtest du etwas trinken?« fragte ich. »Kaffee, Tee, Saft? Oder ein Glas Wein?«

Tom schüttelte den Kopf. Er faltete die Hände.

»Du weißt also von dem Elternbrief«, stellte Katharina ohne Umschweife fest.

»Ja«, antwortete Tom. »Franzi hat mit mir gesprochen. Das habe ich Bettina und Stefan heute nachmittag schon gesagt.«

Franziska Ludwig war die stellvertretende Rektorin unserer Grundschule.

»Und?« fragte ich.

»Nichts weiter. Sie hat mich lediglich über dieses Schreiben informiert, und ich habe gesagt, daß ich darüber nachdenken werde, nach den Sommerferien nicht mehr wiederzukommen.«

»Und das entspricht deinen Wünschen?« fragte Katharina.

Tom verzog die Lippen zu einem dünnen Strich. »Na klar doch – dann habe ich Dauerferien. Ist doch was Feines.«

Katharina blickte ihn unverwandt an. »Ach ja? Ich habe bisher gedacht, du bist gerne Lehrer und willst so lange wie möglich an der Schule bleiben.«

Tom wischte ihren Einwand mit einer raschen Handbewegung beiseite. »Okay, lassen wir das Gesülze. Ist ja ganz toll, daß ihr euch so viele Gedanken macht und euch engagiert, aber die Fakten sprechen doch eindeutig für sich: Ich bin HIV-positiv. Die ersten Eltern haben das mitgekriegt und bangen nun um die Gesundheit ihrer Kinder. Man hält mich für aidskrank und schwul. Ob das nun stimmt oder nicht – allein der Verdacht reicht doch aus, mich so schnell wie möglich loswerden zu wollen. Sozusagen sicherheitshalber. Und wäre es nicht verdammt albern und heuchlerisch, mich hinzustellen und denen zu erzählen, daß ich erstens nicht schwul bin und zweitens die Krankheit noch gar nicht ausgebrochen ist? Es ist – zumindest im Moment – nicht so schlimm, man kann mir also ruhig noch die Hand geben und mir die kleinen Jungs auch weiterhin anvertrauen?« Tom blickte einmal in die Runde und verzog den Mund. »Glaubt ihr tatsächlich, daß da noch irgendwas zu ändern ist?«

»Ja«, sagte Bettina laut. »Da kann jede Menge geändert werden.« Sie hob die Hände. »Und sei es zunächst einfach nur am Stil unseres lieben Kollegiums.«

Tom lachte bitter auf und schlug sich auf den Oberschenkel. »Stil? Du liebe Güte, deine Sorgen möchte ich haben. Mußt du eigentlich unbedingt etwas für dein soziales Gewissen tun?«

Bettina wurde blaß. Sie wollte aufstehen. Ich legte ihr kurz die Hand auf den Unterarm und schaute Tom an. »Bist du jetzt fertig mit deinen Attacken? Ich nehme mal an, du würdest gar nicht hier sitzen, wenn du hundertprozentig von deinen Argumenten überzeugt wärst, oder? Dann kannst du jetzt auch mit dieser coolen Mackertour aufhören. Trink erst mal einen Kaffee.«

Einen Moment war es still. Tom starrte mich wütend und mit zusammengekniffenen Lippen an, dann lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände im Nacken. Katharina spitzte den Mund und warf Stefan einen fragenden Blick zu, während Bettina aufstand und eine Tasse für Tom holte.

»Na schön«, sagte Tom schließlich. »Ich werde versuchen, mich besser zu benehmen.« Er nahm die Tasse entgegen und schaute mich neugierig an.

Ich atmete tief aus, und auf den Gesichtern der anderen spiegelte sich ebenfalls Erleichterung.

»Aber im Grunde habe ich doch recht«, fuhr Tom dann fort. »Die Sache ist doch schon entschieden. Ich habe nur noch die Möglichkeit, ja zu sagen und zu gehen oder aber abzulehnen und mich auf einen Kampf einzulassen, für den mir ganz einfach die Kraft fehlt. Die Eltern spielen verrückt, das Kollegium benimmt sich wie eine Schar aufgescheuchter Hühner, und Franzi kann mir kaum in die Augen schauen. Was gibt's da noch zu tun?«

»Wie wäre es denn mit einem Gegenbrief?« fragte Katharina. »Wir haben letztens darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll wäre, die Geheimnistuerei zu lassen und offen mit allen Kolleginnen und Kollegen zu sprechen. Es sind nämlich einige darunter, die dich sehr mögen und gern wissen möchten, wie es dir geht.«

»Denkt dran – die Sommerferien stehen vor der Tür«, wandte Stefan ein. »Wenn wir etwas tun wollen, müssen wir schnell handeln.«

»Und was genau stellt ihr euch vor?« fragte Tom. Seine Stimme klang zurückhaltend.

»Wir veranstalten eine Kaffee- und Kuchenrunde in Velstove«, erklärte Bettina in ihrer gewohnt schwungvollen Art. »Alle bekommen eine hübsche Einladung mit der zusätzlichen Bemerkung, daß wir über deine Krankheit und über deine Zukunft sprechen wollen.«

»Aha. Und dann?«

»Setzen wir gemeinsam einen Brief an die Schulleitung auf, in dem wir fordern, daß du unterrichten kannst, solange du dich fit genug fühlst«, antwortete Katharina.

Tom schaute einen Moment zum Fenster hinaus. »Ich kann mir nicht helfen, aber das klingt verdammt kitschig – sehr nach Hollywood und Happyend.« Er schaute uns nacheinander an. »Ich glaube nicht, daß das funktioniert.«

Ich zuckte die Schultern. »Laß es doch kitschig klingen. Ich finde, wir sollten den Versuch wagen. Vielleicht fehlt nur der entscheidende zündende Funke, und ich kann mir nicht vorstellen, daß die Schulleitung einen Brief von uns einfach ignorieren wird.«

»Das bedeutet aber, daß wir als Kollegium halbwegs geschlossen auftreten müssen«, fügte Stefan hinzu. »Sonst läuft da gar nichts.«

»Stimmt, aber auf die zwei, drei Idioten, die da herumlaufen, können wir gut verzichten«, sagte Bettina und kramte einen Block und einen Stift aus ihrer Tasche. »Kann's losgehen? Wie formulieren wir die Einladung – locker-leicht oder sachlich?«

Alle blickten Tom an.

»Ihr seid ganz schön hartnäckig«, sagte er leise. Jeglicher Zynismus war aus seiner Stimme verschwunden.

Ich lächelte. »Na klar.«

Katharina schlüpfte unter die Bettdecke. Es war weit nach Mitternacht. Ich seufzte leise, als sie mich an sich zog.

»Meinst du, wir können das Kollegium mobilisieren?« fragte ich.

»Ich hoffe. Ich hoffe es sehr.«

Katharina streichelte mein Gesicht. Ich spürte, wie sich die Anspannung in mir langsam löste und streckte die Beine aus. Katharina küßte mich sanft aufs Ohr, dann auf den Hals. Ein träges Kribbeln kroch mir über den Rücken und wanderte dann die Beine hinab. Ich stutzte einen Moment. Irgendwie ist das nicht der richtige Augenblick, dachte ich und nahm Katharinas Hände. Sie lachte leise.

»Hast du keine Lust, mit mir zu schlafen? Oder meinst du, daß der Augenblick nicht der richtige ist?«

Ich biß mir auf die Unterlippe.

»Nicht«, flüsterte Katharina. »Du tust dir doch weh.« Ihre Finger strichen über meinen Mund. Dann streichelte sie meinen Nacken und fuhr mir zwischen den Schulterblättern entlang, während sie mit der Zunge zärtlich meine Lippen öffnete.

»Ja, so etwas in der Art«, flüsterte ich einen langen Moment später. »Es ist nicht fair, daß wir so glücklich und unbeschwert sind, und Tom …«

»Je glücklicher und unbeschwerter wir sind, um so besser können wir Tom unterstützen«, erwiderte Katharina.

»Meinst du?«

»Ja.«

»Na gut, dann verführ mich.«

»Schon wieder ich?«

Ich lachte und beugte mich über Katharina. Sie hat recht, dachte ich. Sie hat vollkommen recht.

2

Als ich am Donnerstag nach der letzten Stunde ins Lehrerzimmer eilte, war außer Bettina und Larissa niemand da. Larissa gab Sachkunde und Mathematik und war kurz nach mir an die Schule gekommen. Ich schätzte sie als nüchterne und besonnene Kollegin und wußte, daß sie gut mit schwierigen Klassen fertig wurde. Sie war eine große, füllige Frau mit halblangem, hellblondem Haar, das sie meist offen trug. Die beiden standen an den Ablagefächern und redeten aufeinander ein. Ich stutzte, als ich Bettinas verkniffenen Mund bemerkte und die hektischen roten Flecken auf ihren Wangen. Die Atmosphäre war angespannt. Ich trat langsam näher.

»Nun«, sagte Larissa, als ich einen Blick mit Bettina getauscht hatte, »das ist jedenfalls meine Meinung. Ihr könnt mir das unmöglich zum Vorwurf machen.«

»Und ob wir das können«, gab Bettina zurück. »Außerdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, daß du selbst an das glaubst, was du da von dir gibst.«

Larissa verschränkte die Hände ineinander und zuckte die Achseln. »Es ist aber so. Vielleicht ist deine Vorstellungskraft einfach nicht groß genug. Außerdem habe ich es nicht nötig, mich dir gegenüber zu rechtfertigen.«

Bettina hielt einen Moment die Luft an.

»Was ist los?« fragte ich rasch, obwohl ich längst ahnte, worum es ging.

Am Montag morgen hatten wir die Einladungen für den kommenden Freitag an dreizehn Kolleginnen und Kollegen verteilt. Auf unsere Bitte, rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn jemand verhindert war, folgten schon in den nächsten zwei Tagen die ersten fünf Absagen. Drei befanden sich in »Terminnöten«, und zwei weitere hatten unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sie nicht »in eine solche Geschichte« hineingezogen werden wollten. Bettina war so wütend geworden, daß ich befürchtete, sie würde einen Tobsuchtsanfall bekommen. Ich selbst hatte kaum geschlafen, und jetzt spürte ich, wie mein rechtes Augenlid zu zucken begann. Larissa also auch. Ich blickte die Kollegin an.

»Ich habe Bettina gerade gesagt, daß ich morgen nicht kommen werde. Und ich habe ihr auch meine Gründe genannt. Offensichtlich ist aber bei euch oder aber zumindest bei Bettina eine gegensätzliche Meinung nicht gefragt.«

Ich biß die Zähne zusammen. »Was gibt es gegen ein Gespräch einzuwenden? Was spricht dagegen, über die Zukunft eines Kollegen zu sprechen, der mal eben von der Schule verschwinden soll, weil einige Eltern hysterisch und falsch informiert sind? Inzwischen hat sich doch die Geschichte mit dem Brief auch schon bis zu dir herumgesprochen, nicht wahr?«

Larissa verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln. Ihre hellgrünen Augen flackerten unruhig, aber sie wich meinem Blick nicht aus. »Ja, ich weiß davon, und ich kann die Ängste dieser Eltern gut verstehen.«

»Du kannst sie verstehen?«

»Ja. Ich bin selbst Mutter, und mein Sohn hat bei Tom Sportunterricht. Die Ansteckungsgefahren sind immer noch nicht vollständig erforscht, und ich habe ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich daran denke …«

»… daß beide gleichzeitig zu Boden stürzen, sich dabei große Platzwunden zuziehen und dein Sohn in Toms Blut badet?« zischte Bettina und funkelte sie an.

Das Bild war grausam und grotesk, aber ich merkte sofort, daß Bettina den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Genau das waren die unterschwelligen Ängste von Larissa und tausend anderen. Aufklärung hin oder her. Es sollte inzwischen sogar schon Leute geben, die Angst hatten, von einer Mücke gestochen zu werden, da die ja vorher bei einem HIV-Positiven gesaugt haben könnte!

Larissa zuckte zusammen und warf Bettina einen Blick zu, in dem sich Betroffenheit und Abwehr widerspiegelten. »Du bist geschmacklos.«

»Und du bist eine eiskalte Ignorantin, die zu viele Sensationsblättchen liest.«

Larissa zuckte wieder die Achseln, griff dann nach ihrer Tasche, die neben ihr auf dem Boden stand, und wandte sich zum Gehen. »Denkt, was ihr wollt. Mit mir könnt ihr nicht rechnen.«

Ich trat einen Schritt beiseite, um sie durchzulassen, blickte ihr dabei aber direkt in die Augen.

»Wir sollen Vorbilder für die Kinder sein«, sagte ich leise. »Müssen wir nicht zu den ersten gehören, die sich von Vorurteilen und Panikmache befreien und die bereit sind, etwas zu tun?«

Larissa öffnete die Tür. »Mag sein und hört sich sehr edel an. Aber hier geht es auch um mein Kind. Und ich gehöre nun mal nicht zu denen, die so tun, als würden sie für alles und jedes Toleranz aufbringen. Dafür sage ich meine Meinung und stehe dazu, statt mich zu drücken oder nach Ausflüchten zu suchen.«

Als die Tür ins Schloß gefallen war, ballte Bettina die Faust und schlug mit voller Kraft gegen die Wand. »Ich fasse es nicht! Diese blöde Kuh! Aber beim nächsten Weihnachtsbasar wird sie freundlich lächelnd Kekse für die Welthungerhilfe verkaufen. Afrika ist ja auch so schön weit weg. Ob sie wohl weiß, daß es dort die meisten Aidskranken gibt?«

Ich schaute auf meine Hände. Sie zitterten.

»Wie viele Absagen haben wir bis jetzt?« fragte ich.

Bettina rieb sich die schmerzende Faust. »Mit Larissa sechs.«

»Das heißt, wenn die anderen sieben kommen, sind wir insgesamt zwölf.«

Bettina nickte düster. »Ja. Das nennt sich dann geschlossen auftretendes Kollegium.«

Mit einem hatte Larissa sicherlich recht: Sie gehörte zu denen, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hielten. Als ich mit Bettina das Schulgelände verließ, fiel mir plötzlich auf, daß wir ganz selbstverständlich davon ausgingen, daß die Kolleginnen und Kollegen, die nicht abgesagt hatten, der Einladung folgen würden. Ich schloß meinen Wagen auf und blickte Bettina nachdenklich an.

»Na, was geht dir durch den Kopf?«

Ich gab mir einen Ruck. »Hast du mit einigen von den anderen gesprochen?« fragte ich.

»Mit Carola. Und Kai hat mir vorhin gesagt, daß er vielleicht eine halbe Stunde später kommt. Und du?«

»Mit Gregor und Gaby.«

Wir schauten uns eine Weile schweigend an. Dann atmete Bettina tief durch und schüttelte den Kopf, als wollte sie alle trübsinnigen Gedanken verscheuchen.

»Ganz so schlimm wird's schon nicht kommen«, sagte sie dann, stieg in ihren Wagen und fuhr los.

Ich stieg ebenfalls ein. Von wegen Hollywood-Schnulze. Darunter stellte ich mir etwas anderes vor.

Das Wetter war schön. Katharina und ich hatten im Garten zwei Tische aufgestellt und brachten Geschirr und Kaffeekannen nach draußen, als Bettina und Stefan mit dem Kuchen eintrafen. Wenig später erschien Tom. Er stand einen Moment unschlüssig herum und vergrub die Hände in den hellen verwaschenen Jeans. Ich wollte ihn gerade bitten, noch ein paar Stühle nach draußen zu bringen, als Erik auftauchte. Er schob sein Fahrrad in den Garten. Der Lenker war verbogen. Nach einem kurzen Blick in die Runde wandte Erik sich an Tom.

»Kannst du mir helfen? Ich bin gegen ein Scheunentor gefahren.«

Tom nickte. »Klar. Kein Problem.« Er klemmte sich das Vorderrad zwischen die Beine, ergriff den Lenker und richtete ihn mit einem kräftigen Ruck wieder gerade.

Erik grinste. »Toll.«

Ich hatte die Szene beobachtet und seufzte insgeheim. Dreimal am Tag mußte ich an Eriks Fahrrad irgend etwas reparieren, weil er immer wie ein Wilder durch die Gegend raste. Ich konnte mich jedoch nicht erinnern, anschließend jemals mit einem solch bewundernden und dankbaren Blick angeschaut worden zu sein. Ich ging in die Küche, um Milch und Zucker zu holen, und hörte auf halbem Weg das Telefon klingeln. Es war Gaby, eine Kollegin. Ihre Stimme klang atemlos.

»Tut mir leid, daß ich erst jetzt anrufe«, sprudelte sie los, kaum daß ich mich gemeldet hatte. »Ich hatte fest vor, heute nachmittag zu kommen. Wirklich, das kannst du mir glauben«, beteuerte sie, »aber es geht leider nicht. Mein Mann muß Überstunden machen, und ich habe niemanden für die Kinder.«

»Du kannst deine Kinder mitbringen. Sie können im Garten spielen. Das ist überhaupt kein Problem.«