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Linda

Katharina

Ricarda

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Katharina

Die Autorin

Impressum

Weitere Titel

 

FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

 

 

Manuela Kuck

 

Lindas Ankunft

 

 

 

 

 

K+S digital

Linda

 

Ich blickte hoch, als ich hörte, wie die Terrassentür geöffnet wurde. Einen Moment später kam Katharina über den Rasen auf mich zu. Sie ging langsam und bedächtig, als müsste sie sich jeden Schritt genau überlegen. Ich legte den Spaten beiseite und lächelte ihr entgegen. Obwohl sie seit vier Wochen wieder zu Hause war, machte mein Herz immer noch jedes Mal einen Sprung, wenn ich sie sah. In der Rehaklinik hatte sie sich zwar gut erholt, aber sie war nach wie vor blass und ungewöhnlich schmal, fast mager. Der schwere Autounfall im vergangenen Mai hatte sie nicht nur einen Teil ihres Magens gekostet, die Milz und ein Stück von der Leber, sie hatte auch gut zwei Wochen im künstlichen Koma gelegen und eine Lungenentzündung zu überstehen gehabt. Solche Verletzungen waren nicht in wenigen Monaten auszukurieren. Ich schluckte, als ich an die lange Narbe dachte, die sich über ihren Bauch zog. In der vergangenen Nacht hatte ich behutsam den Zeigefinger auf sie gelegt und war ihrem Lauf gefolgt. Katharina hatte mich nur stumm angesehen und plötzlich mein Gesicht mit ihren kräftigen Händen umfasst. Ich hatte etwas fragen wollen, aber sie hatte den Kopf geschüttelt und mich geküsst.

Ich wischte meine erdigen Hände an der Jeans ab, und wir setzten uns auf die Gartenbank. Katharina zog einen Moment fröstelnd die Schultern zusammen, dann knöpfte sie ihre Strickjacke zu.

»Bist du gut vorangekommen?«, fragte ich.

Ihr Gesicht war mit winzigen roten und blauen Farbsprengseln übersät. Das Atelier, das ich ihr im Spätsommer unter dem Dach ausgebaut hatte, war ihr zweites Zuhause geworden, und manchmal befremdeten mich ihr leidenschaftlicher Arbeitseifer, ihre Versunkenheit und die Anspannung, wenn ihr etwas nicht so gelang, wie sie es sich vorgestellt hatte. Früher – vor dem Unfall – war die Malerei ein liebevoll gepflegtes Hobby gewesen, das zwar durch die Ausstellung in einer ausgebauten Scheune in Mariental, einem Dörfchen in der Nähe von Helmstedt, und die Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen zunehmend mehr Zeit in Anspruch genommen hatte, aber die angespannte Konzentration auf diesen Bereich ihres Lebens war neu. Obwohl Katharina seit ein paar Tagen wieder unterrichtete und die Umstellung auf den Schulalltag sie sichtlich anstrengte, saß sie unermüdlich vor der Staffelei.

Sie nickte langsam. »Ja.«

Ich wartete auf eine Erläuterung, aber Katharina schwieg. Sie hob den Kopf und blickte über die im Nebel versunkenen Felder.

»Es ist schön, dass du wieder hier bist, Katharina«, sagte ich, und meine Stimme vibrierte vor Freude.

Sie legte mir den Arm um die Schultern. Ihr Mund berührte mein Haar. »Das finde ich auch.«

 

Es gab in diesen Wochen Augenblicke, da fühlte ich mich ihr so nah wie nie zuvor, dann wieder war ich verwirrt, weil sie sich so konsequent in ihre eigene Welt zurückzog. Mir war natürlich klar, dass sie ein Trauma zu verarbeiten hatte, und die Tatsache, dass sie nur wenig über den Unfall sprach, schien mir ein klarer Hinweis darauf, dass der Schock tief saß. Ich hatte mir mehrere Bücher zu diesem Thema besorgt, und wann immer mir die Arbeit in Annas Buchhandlung Zeit ließ, las ich darin. Ich sprach auch viel mit Anna darüber. Sie war die ältere Schwester meiner Mutter, und unser Verhältnis war seit meiner Kindheit freundschaftlich und vertrauensvoll. Vor einem Jahr hatte ich mich vom Schuldienst beurlauben lassen, um beruflich einen neuen Weg einzuschlagen, und es war Annas Idee gewesen, in ihrer Buchhandlung anzufangen. Auch meine Freundin Corinna, die mich in den letzten Monaten unterstützt hatte, wo sie nur konnte, und Tom, ein ehemaliger Lehrerkollege, der seit anderthalb Jahren wusste, dass er HIV-positiv war und Katharina wahrscheinlich besser verstehen konnte als sonst jemand von uns, waren immer offen für ein Gespräch.

Als Daniel seine und Katharinas Tochter Nadine und meinen Sohn Erik, mit denen er einen Ausflug unternommen hatte, an diesem Abend zurückbrachte, standen Katharina und ich am Herd und bereiteten einen Gemüseauflauf vor. Nadine, die inzwischen siebeneinhalb war, rannte sofort zu ihrer Mutter und umarmte sie stürmisch. Katharina beugte sich zu ihr hinunter und strich ihr beruhigend über die Wange. »Alles in Ordnung, Kleines.«

Nadine ließ ihre Mutter noch immer ungern für längere Zeit allein – egal ob sie selbst oder Katharina unterwegs war –, und so manche Nacht musste die Kleine aus einem Alptraum geweckt und getröstet werden. Auch sie braucht noch Zeit, dachte ich, als ich die beiden betrachtete, viel Zeit, bis alles wieder seinen normalen Gang geht. Und ich auch. Katharinas rasselnder Atem wie bei einem schweren Asthmaanfall, als Dr. Steffen den Rhythmus der Beatmungsmaschine verändert. Er steht neben mir, die Hand auf meiner Schulter, während ich Katharina betrachte und auf ihr langsam erwachendes Bewusstsein zu reagieren versuche. Ich flüstere, rufe sie, und meine Stimme ist heiser und belegt von tausend Ängsten …

Nachdem wir die Kinder ins Bett gebracht hatten und die Kaffeemaschine leise vor sich hin zischte, streckte sich Katharina auf dem Sofa in dem kleinen Wohnzimmer aus, das sich direkt an die Küche anschloss. In dem fast bis zur Decke reichenden Regal, das als Raumteiler fungierte, standen, zur Küchenseite gewandt, Dutzende von Koch- und Gartenbüchern; auf der rückwärtigen Seite hatten wir neben zahllosen Büchern Zeitschriften und Pflanzen untergebracht. Und unsere Süßigkeiten versteckt. Katharina nickte eifrig, als ich mir einen Hocker nahm und nach dem großen Blumentopf hangelte, der auf dem obersten Regalbrett stand und, von unten betrachtet, ganz unauffällig wirkte. Niemand würde vermuten, davon war ich überzeugt, dass sich darin wahre Schätze an süßen Träumen verbargen, die Katharina und mir vorbehalten waren oder allenfalls noch Bettina, wenn sie mal wieder aus Frust über ihren Mann und seinen meist kaum befriedigenden häuslichen Einsatz einen Pralinenschub brauchte. Als ich den Topf auf den Tisch stellte und Katharina und ich mit gierigen Händen darin herumwühlten, begann ich zu zweifeln, ob das Versteck seit unserer letzten süßen Orgie tatsächlich unentdeckt geblieben war. Es fehlten jede Menge Nougatpralinen. Katharina brach in schallendes Gelächter aus, als ich meine Augen zu schmalen Schlitzen zusammenzog und lauthals über die Kinder zu schimpfen begann.

»Denk mal an deine Kindheit zurück«, forderte sie mich auf. »Ist es deiner Mutter je gelungen, über einen längeren Zeitraum Süßigkeiten vor dir und deiner Schwester zu verstecken?«

Ich hielt inne, schob mir gedankenverloren einen Champagnertrüffel in den Mund und fing dann an zu grinsen. »Nein, natürlich nicht. Vor uns war nichts sicher, egal, ob sie es auf dem Dachboden, im Keller oder in ihrem Schlafzimmer versteckt hatte. Einmal«, ich gluckste albern in mich hinein, während die Erinnerungen in mir lebendig wurden, »hat sie alles in eine Tüte gepackt und in der Waschmaschine verstaut. Darauf würden wir nie kommen, meinte sie, womit sie natürlich recht behielt. Allerdings war das Versteck so gut, dass selbst sie es vergaß – bis zum nächsten Waschtag.«

Katharina schaute mich mit großen Augen an, und ich nickte mit gespielt trübsinniger Miene. »Sechzig Grad Buntwäsche. Ich war dabei, als sie die Maschine öffnete und fassungslos auf die fleckige Wäsche starrte. Die Gummibärchen waren zu riesigen glitschigen Gebilden aufgequollen, überall klebten Papier- und Kekskrümel, Bonbons und Lutscher. Es war eine wahre Pracht.«

»Und dann?«

»Ich bin schreiend vor Lachen rausgerannt – und sie hinterher. Sie hat mich durch den ganzen Garten gejagt. Ich bin davon überzeugt, dass sie mich zum ersten Mal in meinem Leben verprügelt hätte, wenn es ihr gelungen wäre, mich einzufangen.«

»Aber das ist nicht passiert?«

»Nein, ich bin bis in die Krone des Birnbaums geklettert, und dahin wollte sie mir dann doch nicht mehr folgen, obwohl sie es anfangs angedroht hatte. Ich saß da oben und hielt mir den Bauch vor Lachen, insbesondere als ich mir ausmalte, sie würde sich wirklich an den Aufstieg machen. Elisabeth – meine strenge, unterkühlte Mutter, die selbst bei der Hausarbeit so korrekt gekleidet ist, dass sie jederzeit Mandanten aus der Anwaltskanzlei meines Vaters empfangen kann – schwingt sich wie Jane von Ast zu Ast, um ihrer Tochter den Hosenboden zu versohlen.«

»Das kann ich mir in der Tat nicht vorstellen«, gab Katharina kichernd zu. »Und wie ist die Geschichte ausgegangen?«

»Mein Vater hat mich gerettet. Er kam eine halbe Stunde später nach Hause und holte mich vom Baum herunter, nachdem er meine Mutter beruhigt hatte. Ich höre noch heute sein Gelächter. Danach wurden keine Süßigkeiten mehr versteckt. Claudia und ich bekamen unsere wöchentlichen Rationen, und das war’s.«

Katharina zog mich so unvermittelt in ihre Arme, dass ich den zweiten Trüffel, den ich mir gerade in den Mund schieben wollte, fallenließ.

»Du schmeckst ganz süß«, murmelte sie, als sie mit ihrer Zunge über meine Lippen gefahren war.

»Du auch«, gab ich zurück.

»Ich will mit dir schlafen.«

»Es gibt Momente, da hast du einfach wundervolle Ideen«, stellte ich fest und biss sie zart in den Nacken.

Wir waren albern und ausgelassen, verstreuten unsere Kleider im ganzen Wohnzimmer und liebten uns dann auf dem Fußboden. Vor langer Zeit hatte ich Katharina mal erzählt, dass mich die Vorstellung, unter einen Tisch zu kriechen und dort wie in einer engen Höhle auf ihr zu liegen, oder auch unter ihr, unwahrscheinlich erregte. Unser niedriger Wohnzimmertisch war aber gänzlich ungeeignet für das Ausleben solcher Phantasien, und nachdem ich mir zwei Mal heftig den Kopf gestoßen hatte, robbten wir kichernd auf den Teppich vor den Fernseher. Katharina war so leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Die ersten Male, die wir uns nach dem Unfall geliebt hatten, waren sehr zärtlich und behutsam gewesen, geprägt von meinem Bemühen, ihr nicht weh zu tun. Die reine Lust war gedämpft gewesen. Diesmal spürte ich jedoch, wie unbändig unsere Körper sich nacheinander sehnten, und es knisterte, als wären wir vollkommen ausgehungert.

»Hast du Lust, morgen mit mir nach Mariental rauszufahren?«, fragte Katharina, als wir später träge auf dem Sofa lagen und uns einen alten Film mit Doris Day und Rock Hudson anschauten. »Die Frauen haben die Scheune winterfest gemacht, und ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis. Außerdem habe ich am nächsten Wochenende keine Zeit, weil ich nach Kassel fahren und meine Eltern und eine ehemalige Kollegin besuchen möchte.«

Ich hatte keine besonders große Lust, aber ich gab mir einen Ruck. »Ja, warum nicht?«

Ich hatte nicht vergessen, dass wir uns vor Katharinas Unfall ziemlich auseinandergelebt hatten – ich war nur noch mit meiner Arbeit in der Buchhandlung beschäftigt gewesen, Katharina hatte neben ihrem Job zunehmend Zeit mit Malen verbracht, und beide wünschten wir uns mehr Aufmerksamkeit von der anderen. Ich wollte verhindern, dass wir wieder in einen ähnlichen Trott verfielen, obwohl ich nicht leugnen konnte, dass mein Zugang zu ihrer Bilderwelt eingeschränkt war. Es gab da für uns beide keine Gemeinsamkeiten, die wir zusammen ausleben konnten. Sie malte, und ich stand außen und betrachtete das Ergebnis. Oftmals berührte mich ihre Ausdrucksstärke, dann wieder verstand ich nicht, was sie sagen wollte. Und die Gespräche mit den anderen Scheunenkünstlerinnen, die Fachsimpeleien, lagen mir nicht. Sie waren mir fremd. Aber dabei konnte und wollte ich es nicht einfach bewenden lassen – ich ging immer wieder auf Katharina zu und zeigte ihr mein Interesse. Die Malerei war wichtig für sie, wurde immer wichtiger, war ein Teil von ihr wie ihr schwarzes, von Grau durchzogenes Haar, wie ihr Lachen, ihre Stimme, ihre Art, die Gabel zu halten, oder der Blick, mit dem sie mich in Momenten innigster Verbundenheit anschaute.

Plötzlich war ich sehr glücklich. Und dankbar. Wir waren auf einem guten Weg.

 

Ich klemmte mir den Hörer zwischen Ohr und Schulter und nahm das Telefon mit in die Küche, wo ich gerade ein Blech mit Bratäpfeln vorbereitete. Meine Gartenarbeit und ein guter Sommer hatten uns in diesem Jahr eine reichliche Ernte beschert. Obwohl sich die Regale im Keller bereits unter Gläsern mit eingekochtem Obst und Gemüse bogen, hatten wir immer noch kistenweise Äpfel, Birnen und Pflaumen, die wir kaum verzehren konnten. Katharina machte sich inzwischen schon lustig über meine Vorratshaltung, aber da sie Kompott liebte und im Grunde froh war, dass ich im Gegensatz zu ihr so gern im Garten arbeitete, hielt sich ihr Spott in Grenzen. Ich streute Zimt über die mit Rosinen und Mandeln gefüllten Äpfel und lächelte in den Hörer. Katharina war am Abend zuvor mit Nadine nach Kassel gefahren und berichtete mir nun von ihren Einkäufen und den Besuchen, die sie bereits erledigt hatte. Da ich an diesem Samstag arbeiten musste und Erik zu einer Geburtstagsfeier eingeladen war, hatten wir die beiden nicht begleiten können.

»Wann kommt Corinna?«, wechselte Katharina jetzt das Thema.

Ich schaute auf die Küchenuhr. »Wenn sie pünktlich ist, in einer halben Stunde.«

»Macht euch einen schönen Abend, und vergiss mich nicht«, sagte sie mit weicher Stimme. »Wir kommen morgen so gegen sechs zurück.«

Ich schluckte und wollte sie bitten, vorsichtig zu fahren, doch Katharina war schneller.

»Keine Sorge«, sagte sie munter. »Mein Vater lässt die Strecke höchstpersönlich von allen verrückten BMW-Fahrern räumen.«

Ich schob mein Unbehagen beiseite. »Dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Bis morgen dann. Ich freue mich auf euch.«

 

Corinna war pünktlich. Als sie eintraf, waren die Backäpfel so gut wie fertig, und auf dem Herd blubberte die Vanillesoße. Corinna schnupperte begierig, und ihre Nasenflügel bebten, als sie den köstlichen Duft tief einatmete.

»Ich wusste gar nicht, dass du eine solche Küchenfee bist«, sagte sie staunend.

»Bin ich im Allgemeinen auch gar nicht. Aber es macht mir Spaß, mein eigenes Obst und Gemüse zu verarbeiten.«

Wir machten uns über die Bratäpfel her und plauderten. Wenig später kam Erik von seiner Geburtstagsfeier nach Hause, und ich hatte keinerlei Mühe, ihn rasch ins Bett zu bringen. Er war abgekämpft, und sein Gesicht zeigte deutliche Spuren von Schokolade und Erdbeerkuchen. Ihm fielen die Augen zu, noch bevor ich das Licht gelöscht und die Tür geschlossen hatte.

»Sag mal, kommt dein Ex-Mann jetzt nicht demnächst aus China zurück?«, fragte Corinna, als ich mich wieder zu ihr setzte.

Ich nickte. »Ja, zu Weihnachten ist Jan wieder da. Dann hat er knapp drei Jahre China hinter sich und bekommt im Wolfsburger VW-Werk vermutlich den Job, den er schon immer haben wollte.«

Corinna schob den Stuhl ein Stück vom Tisch zurück und schlug die Beine übereinander. »Erik freut sich bestimmt darüber, wenn er seinen Vater wieder in der Nähe hat.«

»Natürlich, nur …« Ich schaute sie einen Moment unschlüssig an, bevor ich fortfuhr. »Wahrscheinlich wird ihm erst dann so richtig bewusst werden, dass seine Eltern geschieden sind. Solange Jan Tausende von Kilometern entfernt arbeitet und lebt, ist es ja nicht weiter verwunderlich, dass er ihn höchstens zwei-, dreimal im Jahr sieht. Aber wenn sein Vater quasi um die Ecke wohnt, wahrscheinlich sogar mit einer anderen Frau zusammen, wird er über unsere Trennung nicht mehr hinwegsehen können.«

»Redet er manchmal darüber?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich muss mich demnächst unbedingt mal zu einem längeren Gespräch mit ihm zusammensetzen.«

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, denn es war unübersehbar, dass mein Sohn die Tatsachen verdrängte. Sein Vater war für ihn der große Held, der im fernen China Autos baute und deswegen nicht bei ihm sein konnte. Dass seine Eltern geschieden waren und sich kaum noch etwas zu sagen hatten, wollte er nicht wahrhaben.

Corinna legte mir eine Hand auf den Arm. »So schlimm wird es schon nicht werden. Vielleicht kann Jan es dem Jungen auch klarmachen – du hast doch immer gesagt, dass er als Vater ziemlich einfühlsam ist.«

»Das stimmt«, gab ich zurück. »Wir werden sehen.«

Einen Moment schwiegen wir beide. Corinna war in den letzten Monaten meine engste Freundin geworden. Die Gespräche mit ihr waren nicht immer angenehm, denn obwohl Corinna in ihrer ganzen Art behutsam und rücksichtsvoll war, konnte sie, wenn nötig, auch sehr offene Worte sprechen, die nicht immer schmeichelhaft für mich waren.

»Du hast dich in den vergangenen Wochen ein wenig rar gemacht«, stellte ich nun fest. »Hattest du viel zu tun?«

Corinna antwortete nicht sofort. Ein winziger Schatten flog über ihr Gesicht, aber sie schickte so rasch ein Lächeln hinterher, dass ich dem zunächst keine tiefere Bedeutung beimaß.

»Ziemlich viel, ja.«

»Berufliche Probleme?«

Corinna war Sozialarbeiterin und hatte vorwiegend mit suchtkranken Jugendlichen zu tun. Es fiel ihr oft schwer, nach der Arbeit den Kopf wieder freizubekommen, und manchmal ließ sie Dampf bei mir ab.

»Eigentlich nicht«, antwortete sie.

»Und uneigentlich?« Ich lächelte. Corinna schlich normalerweise nicht um den heißen Brei herum.

Sie warf mir einen langen nachdenklichen Blick aus ihren moosgrünen Augen zu und erhob sich. Sie ging zum Fenster und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Lächeln war mir vergangen. Ich stand ebenfalls auf und stellte mich neben sie.

»Kann ich etwas für dich tun?«, fragte ich leise, während ich darüber nachgrübelte, was sie belasten und warum es ihr auf einmal so schwerfiel, freiweg mit mir darüber zu reden.

»Ja, du kannst etwas für mich tun.« Sie drehte sich um und legte mir die Hände auf die Schultern. »Nimm es nicht so schwer.«

Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Du sprichst heute in Rätseln, Corinna. Was ist denn um Himmels willen los?«

»Ich habe einen neuen Job. Und zwar nicht in Wolfsburg.«

Sie nahm die Hände von meinen Schultern, kehrte zum Tisch zurück und setzte sich wieder. Ich blieb, wo ich war. Hinter meinen Schläfen pochte es laut und eindringlich.

»Und wo?«, fragte ich. Meine Stimme klang heiser.

»In Berlin.«

Ich drehte mich abrupt um und öffnete einen der Hängeschränke, holte ein Glas heraus und goss mir Mineralwasser ein.

»Ich werde dort als Streetworkerin arbeiten. Sagt dir das was?«

Jetzt versucht sie, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zu hieven, dachte ich, aber ich sprach es nicht aus.

»Möchtest du auch etwas trinken?«, fragte ich stattdessen.

Sie bat um einen Saft, und ich setzte mich ihr gegenüber an den Tisch.

»So ungefähr schon«, nahm ich den Faden wieder auf. »Das sind Sozialarbeiter, die nicht in ihrem Amt sitzen, sondern unterwegs sind und sich vor Ort um Jugendliche, Obdachlose oder Drogenabhängige kümmern. Mehr weiß ich nicht.«

Corinna nickte, als wäre sie hocherfreut über meine Kenntnisse.

»Genau«, bestätigte sie. »Und ich möchte in einem Programm für Prostituierte mitarbeiten.« Sie wartete auf eine Zwischenfrage, aber ich schwieg. »Wir verteilen Spritzen, Kondome, heißen Kaffee und beraten, wenn es gewünscht wird. Wer aussteigen will, bekommt jede nur erdenkliche Hilfe, aber wir sind nicht unterwegs, um die Frauen mit erhobenem Zeigefinger zu bekehren.«

Sie ist genau die Richtige für einen solchen Job, fuhr es mir durch den Kopf, doch das wäre sie in Wolfsburg auch.

»Und warum ausgerechnet Berlin?«, fragte ich. »Gibt es hier nicht auch genug zu tun?«

»Natürlich, aber ich habe die Chance, einen anderen Bereich der Sozialarbeit kennenzulernen, mit ganz anderen Voraussetzungen und neuen Aufgaben«, erwiderte sie. »Außerdem wird es mir guttun, mal aus dem kleinstädtischen Mief herauszukommen und richtige Großstadtluft zu schnuppern.«

»Wie hast du von dem Programm erfahren?«, fragte ich weiter, obwohl ich die Antwort längst wusste. »Von Tom?«

Tom engagierte sich seit einiger Zeit in Aids-Projekten, und zwar auch in Berlin, wo einige Freunde von ihm lebten.

Corinna trank ein paar Schlucke Saft und stellte das Glas bedächtig ab. »Ja. Eine Bekannte von ihm macht das seit zwei Jahren. Als Tom mir letztens davon erzählte, war ich sofort gefesselt.« Sie blickte mich an. »Der Wunsch, auch so zu arbeiten – ganz direkt, vor Ort, ohne telefonische Terminvereinbarung und ohne Schreibtisch, der sich unter Akten biegt, auf mich selbst gestellt –, war augenblicklich da. Kannst du das verstehen, ein bisschen wenigstens?«

Dem Elend direkt ins Gesicht schauen, dachte ich, ja, das passt zu Corinna, und ich muss sie nicht darauf hinweisen, dass bei einem solchen Job romantische Vorstellungen vollkommen fehl am Platz sind. Sie weiß mit Sicherheit genau, wovon sie spricht und worauf sie sich da einlässt.

»Ich glaube schon«, gab ich unbeholfen zu.

Corinna erzählte, dass sie in der vergangenen Woche für einige Tage in Berlin gewesen war und sich für eine im kommenden Frühjahr freiwerdende Stelle beworben hatte, nachdem sie zwei Nächte als Streetworkerin unterwegs gewesen war. Als sie mir von diesem Erlebnis berichtete, klang ihre Stimme fast beschwörend.

»Ist es denn sicher, dass du die Stelle bekommst?«, fragte ich schließlich, nachdem sie geendet hatte.

»Ja. Zum einen habe ich eine Fürsprecherin in Doris – das ist die Bekannte von Tom –, und zum anderen bin ich von meinem bisherigen beruflichen Werdegang bestens qualifiziert, jedenfalls für einen solchen Job.«

»Wann geht es los?«, fragte ich.

»Am ersten März.«

»Das ist ja schon in wenigen Monaten«, sagte ich leise.

Corinna nickte. »Ja. Und da ist noch etwas.«

Ich blickte sie argwöhnisch an. »So?«

»Tom geht auch nach Berlin. Er macht bei einem neuen Aids-Projekt mit.«

Das überraschte mich um einiges weniger als ihr Plan, und Tom stand mir auch nicht so nah wie Corinna, aber Abschiede wurden auch nicht besser, wenn sie im Doppelpack daherkamen.

Wir schauten uns an, und nach einer Weile nickte ich langsam. Nimm es nicht so schwer, hatte sie mich vorhin gebeten, und mir war klar, was sie sich von mir wünschte. Aber es war alles andere als einfach, ihr freudestrahlend zu gratulieren und sie unbekümmert ziehen zu lassen. Mir saß ein dicker Kloß im Hals, der jedem Versuch, ihn herunterzuschlucken, hartnäckig widerstand.

»Wir werden trotzdem Freundinnen bleiben«, sagte sie schließlich in fast zärtlichem Ton. »Manches wird sich zwischen uns verändern, aber es muss ja nicht zum Schlechten sein. Wir schreiben und besuchen uns regelmäßig, und Telefon gibt’s ja auch noch.«

Der Kloß wurde noch größer, aber ich zwang mich zu einem Lächeln.

»Berlin soll ja ziemlich toll sein«, presste ich schließlich hervor. »Zwei Gründe mehr, mal in die Hauptstadt zu fahren.«

Corinna lächelte breit. »Das hoffe ich doch sehr.«

Eine gute Stunde später verabschiedete sie sich, und ich schaute dem davonfahrenden Wagen eine ganze Weile hinterher, bevor ich in die Küche zurückging und mich ans Aufräumen machte. Corinna war dabei, eine neue Aufgabe in Angriff zu nehmen, und als gute Freundin sollte ich sie eigentlich unterstützen und mich mit ihr freuen. Vielleicht hatte sie ja recht, und die räumliche Distanz würde unserer Freundschaft gar nicht viel anhaben. Und wenn doch, sollte es wohl so sein. Ich stellte das Backblech, das ich gründlich gesäubert hatte, in den Ofen zurück und wischte energisch den Tisch ab. Es war inzwischen weit nach Mitternacht. Plötzlich fiel mir ein, wie Corinna mir beim Renovieren in der Buchhandlung zur Hand gegangen war und wie gut wir uns verstanden hatten. Damals waren Katharina und ich uns nicht sehr grün gewesen, und ich hatte Corinna und ihre unaufdringliche Art immer mehr schätzen gelernt. Vielleicht verliebt sie sich ja dann auch mal wieder, dachte ich, fern von Wolfsburg, fern von mir. Ich stutzte. Dann verließ ich eilig die Küche und ging nach oben ins Schlafzimmer.

 

Bettina warf mir einen langen Blick zu, bevor sie ihre neue blaue Hose glattstrich und ein forsches Lächeln aufsetzte.

»Das ist ja mal eine Neuigkeit«, erklärte sie auf meine Mitteilung, dass Tom und Corinna vorhatten, nach Berlin umzusiedeln.

»Allerdings«, gab ich zurück.

Wir saßen vor dem Kamin in ihrem Wohnzimmer, während sechs Kinder durch den Keller tobten und ein Getöse veranstalteten, als gelte es, die Grundmauern zum Einsturz zu bringen. Bettina war so nett gewesen, am Nachmittag Erik und Nadine zu hüten, da Katharina einen wichtigen Termin in Braunschweig hatte und in der Buchhandlung so viel los gewesen war, dass ich die beiden zwischendurch nicht von der Schule hatte abholen können. Ich blickte in die hochzüngelnden Flammen, und plötzlich fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, was so Dringendes bei Katharina anlag. War sie mit Daniel, der an der Braunschweiger Uni lehrte, verabredet? Oder ging es um die neugeplante Ausstellung? Aber warum dann Braunschweig? Vielleicht hatte sie auch einen Termin mit ihrem Anwalt, der in der Schmerzensgeldangelegenheit mit der Versicherung des Unfallverursachers verhandelte. Ich wusste es nicht. Wir sollten uns doch um einen Hortplatz für die Kinder bemühen, überlegte ich, dann muss sich mittags keine mehr von uns abhetzen, um sie abzuholen, und Bettina hat wahrlich genug zu tun mit ihren vieren, der können wir sie nicht ständig aufhalsen, wenn irgendwas ansteht. Und gerade in letzter Zeit hatte häufig etwas angestanden. Außerdem hatte ich mich inzwischen ein weiteres Jahr vom Schuldienst freistellen lassen, um weiterhin in Annas Buchhandlung zu arbeiten, was bedeutete, dass ich auch künftig fast den ganzen Tag aus dem Hause war.

Bettina erhob sich, um den frischaufgebrühten Kaffee zu holen. Ich hatte nicht vorgehabt, mich länger bei ihr aufzuhalten, weil es ohnehin schon spät und ich rechtschaffen müde war. Doch Bettina hatte mich einfach ins Wohnzimmer gezogen und in ihrer resoluten Art genötigt, vor dem Kamin Platz zu nehmen. Und wer kann schon einem anheimelnd knisternden Feuer widerstehen? Als sie mit der Kaffeekanne zurückkam, bemerkte ich, dass der lange, blau-weiß gestreifte Pullover sehr gut zu ihrer Hose passte und sie außerdem dezent geschminkt war. Da sie sonst meist im Hausfrauen-Look herumlief – weite Sweatshirts und ausgewaschene Jeans –, war ich erstaunt.

»Hast du heute noch was vor?«, fragte ich und musterte sie aufmerksam.

Sie folgte meinen Blicken und machte eine wegwerfende Geste. »Ach, die neuen Klamotten meinst du. Sonderangebot aus der Zeltabteilung von Hertie. Nicht weiter wild.« Sie grinste.

Ich musterte sie noch eindringlicher. »Du übertreibst schamlos, Bettina. Außerdem«, ich runzelte die Stirn, »ja, tatsächlich, du hast abgenommen!«

Sie blickte kritisch an sich herunter und setzte sich dann. »Unsinn, und wenn dann höchstens vierundsechzig Gramm.«

»Quatsch.« Je länger ich sie betrachtete, desto mehr fiel mir ihr verändertes Aussehen auf. Frische Gesichtsfarbe, sorgfältig frisiertes Haar und mindestens drei bis vier Kilo leichter.

»Also«, hob sie an und lenkte eilig von sich ab, »Tom und Corinna verziehen sich in die Hauptstadt, dabei gibt es hier doch alles, was das Herz begehrt: eine große Fabrik, einen Fußballverein, der endlich in der ersten Bundesliga spielt, ein Krankenhaus, C&A, nicht zu vergessen ein weites Feld, auf dem man sich sozial engagieren kann. Na ja«, sie nickte verständnisvoll, »es sieht ganz so aus, als wäre bei den beiden die Zeit reif für einen Neubeginn.«

Ich streckte meine Füße in Richtung Kamin aus. »Den Eindruck habe ich auch.«

»Was hat denn Katharina zu den Neuigkeiten gesagt?«, fragte Bettina.

»Was Tom angeht, so hat sie begeistert reagiert, aber bei Corinna war sie ganz schön perplex.«

»Na, bei Tom war eher mit einem solchen Schritt zu rechnen, er reist ja andauernd zwischen Wolfsburg und Berlin hin und her. Was Corinna betrifft, so konnte man nicht unbedingt mit einer solchen Entscheidung rechnen«, stellte sie fest.

Ich nickte.

»Wie läuft es eigentlich mit den neuen Referendaren?« Diesmal wollte ich das Thema wechseln. Bettina konnte sich über die »Studis« genauso überschäumend ereifern wie über ihren Mann Markus oder seine Verwandtschaft, und in der Regel amüsierte ich mich köstlich über ihre Geschichten.

Sie winkte ab. »Du kennst das ja noch. Die Jungpädagogen haben die Weisheit mit Löffeln gefressen, und wir, die altgedienten Lehrerinnen und Lehrer, sind eigentlich nur noch dazu da, andächtig und mit offenem Mund ihren Erörterungen zu lauschen. Aber wenn es darum geht, eine Klasse mit knapp dreißig Neunjährigen zur Ruhe zu bringen, sind sie mit ihrem Latein ganz fix am Ende und starren dich hilfesuchend an. Aber immerhin«, sie wiegte besonnen den Kopf, »ein recht begabter junger Mann ist diesmal unter den vier Frischlingen.«

Ich rechnete mit einer bissigen Anekdote über ein besonders irregeleitetes Exemplar und beugte mich erwartungsvoll vor. Doch ich hatte mich getäuscht, Bettina hatte es nicht die Spur ironisch gemeint.

»Der Junge macht das wirklich gut«, lobte sie. »Er hat ein Gespür für Kinder, und er ist nicht davon überzeugt, nach einigen Jahren an der Uni unfehlbar zu sein.«

»Das muss ja ein wahrer Musterknabe sein«, entgegnete ich verblüfft. »So lange wir uns kennen, habe ich dich noch nicht ein einziges Mal positiv über einen Referendar reden hören.«

Bettina nahm den Schürhaken und stocherte im Kamin herum.

»Er macht seine Sache eben wirklich gut«, gab sie ungerührt zurück. Dann fing sie an zu kichern. »Und er hat es nicht mal besonders leicht. Er kommt nämlich aus den neuen Bundesländern.«

»Und?«

»Ich schwöre dir – allein schon beim tiefen Ein- und Ausatmen hört man seinen sächsischen Dialekt!«

Ich fing an zu lachen. »Und wie geht er damit um?«

»Er lacht mit und zieht damit alle auf seine Seite.«

Ich hob die Augenbrauen und warf meiner Freundin einen süffisanten Blick zu. »Aha! Und dich offensichtlich ganz besonders.«

Bettina schleuderte ihre Haare mit einer energischen Bewegung über die Schulter zurück. »Na und? Du müsstest ihn mal sehen – er ist eine leibhaftige Mischung aus Johnny Weissmüller, Tom Cruise und Björn Engholm. Meinst du, das lässt mich kalt, nur weil ich sechsunddreißig bin, einen Ehemann und vier Kinder habe und meine Figur unter die Rubrik ›Muttchen langt halt gerne zu‹ fällt?« Ihre Stimme klang verdrossen, und gleichzeitig bemühte sie sich, ihren Worten die Ernsthaftigkeit zu nehmen, indem sie rasch eine Grimasse zog.

»Bettina«, entgegnete ich verblüfft. »Warum genau ereiferst du dich eigentlich so? Das hört sich in meinen Ohren aber sehr verdächtig an.«

Sie stand auf und griente mich an. »Ich geh mal nach den Kindern gucken.« An der Tür drehte sie sich noch mal um. »Denk, was du willst – aber es macht mir einen irren Spaß, von einem klugen und gutaussehenden Siebenundzwanzigjährigen angehimmelt zu werden, zumal ich überhaupt nicht weiß, womit ich das verdient habe. Vielleicht hat er einen Mutterkomplex.« Damit verschwand sie im Keller.

»Ich denke, du himmelst ihn an?«, rief ich ihr einen Moment später verdattert hinterher, aber sie antwortete nicht.

Kurz danach waren die Kinder oben und verhinderten jede Fortführung des Gesprächs, was Bettina offensichtlich ganz recht war. Meine fragenden Augen übersah sie geflissentlich, und erst als wir uns an der Haustür voneinander verabschiedeten, griff sie das Thema noch einmal auf.

»Es ist ein netter kleiner Flirt«, sagte sie aufrichtig. »Und er tut mir so gut, dass mich das eigentlich nachdenklich stimmen sollte. Verstehst du?«

Eine nachdenklich gestimmte Bettina war ungewöhnlich. Und beunruhigend.

»Aber …«

Sie legte mir den Finger auf den Mund. »Kein Aber, keine tiefschürfende Grübelei. Danach steht mir ganz und gar nicht der Sinn. Warum auch? Ich fühle mich wundervoll beschwingt, und du hast ganz recht – ich habe abgenommen. Zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Jahren habe ich mehrere Kilo abgenommen, und zwar ohne Diätplan. Ist das vielleicht nichts?«

Sie setzte ihr gewohntes Grinsen auf, und ich beeilte mich, es zu erwidern.

»Er heißt übrigens Hardy«, rief sie mir noch nach, als ich bereits im Auto saß und die Tür schließen wollte.

 

Als ich Katharina beim Zubettgehen von Hardy und Bettina erzählte, schüttelte sie den Kopf und lachte vergnügt.

»Das gönne ich ihr, das gönne ich ihr von ganzem Herzen«, sagte sie und kuschelte sich ein. »Und ihr Geschmack ist nicht schlecht – Hardy versprüht jede Menge Charme und ist ein kluger Kopf. Jetzt weiß ich auch, warum sie in den Pausen neuerdings immer anderweitig beschäftigt ist.«

Ich legte mich neben sie, machte das Licht aber nicht aus, sondern schaute sie aufmerksam an.

»Du meinst, ein bisschen Abwechslung von Markus tut ihr mal ganz gut?«, fragte ich.

»Ja, natürlich. Sie wird es genießen, von Hardy beachtet zu werden, das Gefühl zu haben, attraktiv zu sein und erotisch anziehend – Gefühle, die Markus meist nicht gerade in ihr hervorruft, soweit ich das sehe. Das wird auch ihrer Ehe neuen Schwung geben.«

»Bist du sicher?«

Katharina nickte. »Natürlich. Für Markus, den Pascha, ist es doch ganz selbstverständlich, dass sein Frauchen immer für ihn da ist, und er käme nicht im Traum darauf, dass Bettina sich in der Bewunderung eines jungen Mannes sonnt. Er wird ganz schön große Augen machen, wenn Bettina ihm mit neuem Selbstbewusstsein gegenübertritt.«

»Aber so was kann auch schiefgehen«, wandte ich vorsichtig ein.

»Was meinst du mit schiefgehen?« Katharina lächelte verträumt.

»Na, was ist, wenn mehr daraus wird?«

»Du meinst, wenn Bettina mit ihrem Referendar ins Bett geht?«

Ich bemühte mich um einen gleichmütigen Gesichtsausdruck. »Ja, zum Beispiel. Setzt sie damit nicht ihre Ehe aufs Spiel?«

»So absolut und dramatisch würde ich das nicht betrachten. Wenn sie tatsächlich mit dem Typen schlafen will, dann soll sie es tun. Ich denke nicht, dass sie am nächsten Tag ihre Klamotten packen und das Leben mit Markus aufgeben würde. Vielleicht müsste sich ihr Mann ein bisschen mehr um sie kümmern, und das kann ja nur gut für die beiden sein, oder etwa nicht? Vielleicht kapiert er dann endlich, dass Bettina nicht ausschließlich dazu da ist, ihm seinen Kram hinterherzuräumen und die gemeinsamen Kinder quasi allein großzuziehen.«

Natürlich, dachte ich, das wäre ein wundervoller Effekt, aber wie wahrscheinlich ist das? Siegfried, mein Vater, hatte seit Jahren eine Affäre mit einer sehr viel jüngeren Frau, und ich hatte nicht den Eindruck, dass dadurch neuer Schwung in die Ehe meiner Eltern gekommen war, im Gegenteil – eher ein noch größeres Maß an Entfremdung. War es nicht ein sehr bequemer und egoistischer Weg, Beziehungsprobleme auf diese Weise zu ignorieren? Wenn es in der Partnerschaft nicht mehr klappte, suchte man sich die Bestätigung eben woanders – in der Hoffnung, damit einen Funken zu entzünden, der auch auf die nicht mehr so spritzige Beziehung übersprang. Und wenn das nicht funktionierte, hatte man immer noch sein Vergnügen gehabt.

»Mach doch nicht so ein ernstes Gesicht, Linda«, forderte Katharina mich mit sanfter Stimme auf und rückte näher zu mir heran. »Bettina flirtet ein bisschen, und es geht ihr sehr gut dabei.«

Ich gab ihr einen Kuss und seufzte leise. »Vielleicht hast du ja recht, und ich sehe Probleme, wo gar keine sind.« Ich nahm eine Strähne ihrer langen schwarzen Haare und ließ sie durch meine Finger gleiten. »Was war das heute eigentlich für ein wichtiger Termin?«

Sie hob mit einer raschen Bewegung den Kopf und zog sich die Decke bis über die Schultern.

»Ich hatte in Braunschweig einiges zu erledigen«, antwortete sie ausweichend. »Machst du das Licht aus? Ich bin ziemlich müde.«

Ich streckte die Hand aus, zögerte aber, die Nachttischlampe auszumachen. Plötzlich hatte ich das kränkende Gefühl, Katharina könnte mir jegliches Weiterfragen als unangemessene Einmischung auslegen. Ich holte tief Luft und knipste das Licht aus.

»Schlaf gut«, sagte ich.

»Du auch.« Sie tastete im Dunkeln nach meiner Hand, und ich überließ sie ihr zögernd. Mir war kalt.

 

Als ich in die Auffahrt einbog, stand ein roter Golf mit Helmstedter Kennzeichen auf meinem Parkplatz – Nicoles Wagen. Die Scheunenkünstlerinnen waren bereits eingetroffen. Ich seufzte, weil ich insgeheim gehofft hatte, mich nach einem anstrengenden Tag in der Buchhandlung noch eine Stunde hinlegen zu können, bevor Ilona, Ruth und Nicole eintrafen. Katharina hatte die drei eingeladen, um ein neues Projekt zu besprechen und ihre Genesung mit ihnen zu feiern.

In der Küche waren Ilona und Ruth in eine hitzige Diskussion über das ästhetisch korrekte Belegen des Pizzateigs vertieft. Ich blieb in der Tür stehen und betrachtete die beiden. Ilona trug ihren üblichen grünen Overall, und ich verstand einmal mehr ihren Spitznamen Pumuckl. Sie war klein und drahtig, die kurzen roten Haare standen ihr wirr vom Kopf, und sie konnte sich genauso temperamentvoll ereifern wie der kleine Kobold. Neben ihr wirkte Ruth wie ein Fels in der Brandung – groß, breit, ihren fülligen Körper unter einem buntgemusterten weiten Hemd verborgen und das Haar so kurz geschnitten, dass es wie eine Bürste wirkte.

Ich wandte mich um, als plötzlich jemand hinter mich trat.

»Wir dachten uns, wir kommen schon etwas eher und helfen beim Pizzabacken«, sagte Nicole zur Begrüßung. »Wenn die beiden allerdings so weitermachen, haben wir Weihnachten noch nichts im Magen«, fügte sie missbilligend hinzu.

»Na, hör mal, du kannst doch nicht einfach die Zutaten auf den Teig knallen, und das war’s dann. Wie heißt es so schön: Das Auge isst mit. Als Künstlerin müsste dir das doch bewusst sein, oder bringst du es fertig, dir morgens einfach so ein Marmeladenbrot zu schmieren und herunterzuschlingen?«, erwiderte Ruth und blinzelte mir zu. Ruth liebte es, Nicole aufzuziehen. »Also, ich mache regelmäßig eine Performance daraus.«

Nicole winkte ab. »Das kann ich mir gut vorstellen«, gab sie frostig zurück und schob ihre Brille nach oben.

Ilona kicherte und verteilte die letzten Tomatenscheiben schwungvoll auf dem Blech, während Nicole sich umdrehte und im Wohnzimmer verschwand.

»Hat sie ein Problem?«, fragte ich Ruth und blickte mich skeptisch in der Küche um, die sich seit dem Morgen auf nahezu beängstigende Weise verändert hatte. Der Tisch und die Arbeitsplatten waren übersät von Mehl, Teigresten, winzigen Salami- und Schinkenstücken, Gewürzstaub, Peperoni, Ölflecken … Ich würde ganz schön zu tun haben, um wieder Ordnung zu schaffen.

»Nicole hat immer ein Problem«, antwortete Ruth lakonisch und begann zu meiner großen Erleichterung mit dem Aufräumen. »Sie ist entweder unglücklich verliebt oder es ist gerade Schluss. Diesmal ist es eine verheiratete Frau – Finanzbeamtin wie sie. Nicole schmachtet sie seit drei Monaten an und versteht nicht, warum die Angebetete nicht zurückschmachtet. Ach, ich wünschte, sie würde endlich mal eine vernünftige Frau finden.«

Ruth meinte das bitterernst. Nicole schien in Liebesdingen vom Pech verfolgt zu sein und ertränkte ihren Kummer dann häufig in Alkohol.

Pumuckl grinste sie herausfordernd an. »Vielleicht klappt es einfach nie, weil sie in Wirklichkeit gar nicht lesbisch ist, sondern sich nach einem handfesten Kerl sehnt.«

Ruth stemmte die Hände in die Hüften und grinste zurück. »Damit du endlich nicht mehr die einzige Hetera unter uns bist?«

Ich schlängelte mich zwischen den beiden hindurch und angelte mir den Lappen aus der Spüle.

»Gib es endlich zu«, fügte Ruth hinzu, »du bist doch heilfroh, wenn dein süßer kleiner Bernd sich ausgerechnet dann mit seinen Badminton-Freunden trifft, wenn ein Tatort mit Ulrike Folkerts läuft. Da kannst du ganz unbeobachtet deine heimlichen Sehnsüchte ausleben und die schnuckelige Kommissarin mit den Augen verschlingen.«

Pumuckl blies empört die Wangen auf und tippte sich an die Stirn. »Nur weil du noch nie …«

»Hört auf«, unterbrach Katharinas Stimme das Geplänkel. Sie betrat von der Gartentür aus die Küche und gab mir im Vorübergehen einen Kuss. »So kommen wir nie zu unserem Essen.« In der Hand hielt sie einen Schraubenschlüssel und Flickzeug. Eines der Kinderfahrräder hatte offensichtlich mal wieder einen Platten gehabt.

Kurz darauf saßen wir in einer großen Runde um den Tisch. Pumuckl, die dreiundzwanzig war und seit einigen Monaten mit Corinnas Sohn Bernd zusammenlebte, kümmerte sich zu Katharinas und meiner Erleichterung eifrig um die Kinder. Sie übt schon mal ein wenig, dachte ich, als ich sah, wie sie Nadines Pizzastück in kleine Häppchen zerschnitt, während die Kleine sie mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Mitleid anstarrte, aber kein Wort sagte. Leider reagierte mein Sohn nicht so zurückhaltend. Er drehte sich zu mir um und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. Ich hob mahnend den Zeigefinger an den Mund. Pumuckl bekam den wortlosen Dialog jedoch mit.

»Habe ich was falsch gemacht?«

»Ja«, antwortete Ruth trocken. »Du musst die Pizza so zerkleinern, dass sie in ein Fläschchen passt.«

Pumuckl wurde rot bis über beide Ohren, fiel aber trotzdem in unser Gelächter ein. Nach dem Essen setzte ich Kaffee auf, und die Frauen begannen über ihre nächste Ausstellung zu sprechen, die zwischen Weihnachten und Neujahr eröffnet werden sollte. Sie diskutierten die Auswahl der einzelnen Arbeiten, und jede musste sich die Kritik der anderen anhören. Als ich kurz ins Bad ging, entdeckte ich im Flur Katharinas neuestes Bild und blieb wie gebannt davor stehen. Es war eine Flusslandschaft, und die explodierenden Farben schrien mir förmlich entgegen. Aber ich verstand nicht, was sie sagten.

 

Eine Hand strich mir zärtlich über den Rücken. Ich schreckte auf und brauchte einen Augenblick, um mich zurechtzufinden. Neben mir schlief Erik. Sein Mund stand weit offen, und er schnarchte leise. Katharina saß auf der Bettkante und lächelte auf mich herunter.

»Du liegst im falschen Bett«, flüsterte sie.

»Ach je.« Ich richtete mich langsam und vorsichtig auf. Ich hatte die Kinder ins Bett gebracht und war einfach neben meinem Sohn eingeschlafen. »Wie spät ist es denn?«

»Gleich halb zwölf.«

Wir gingen nach nebenan ins Schlafzimmer. Katharina umschlang meine Taille, als müsste sie mich stützen.

»Sind die Frauen schon lange weg?«, fragte ich.

»Seit einer halben Stunde ungefähr.«

Ich schlüpfte in meinen Schlafanzug und kroch unter die Decke. Eine perfekte Gastgeberin war ich sicherlich nicht gewesen.

»Tut mir leid, Katharina«, murmelte ich, und die Augen fielen mir schon wieder zu. »Ich war plötzlich so müde und wollte nur ein paar Minuten vor mich hin träumen. Nimm es mir nicht übel.«

»Nein«, sagte Katharina mit ungewöhnlich klarer Stimme. »Wovon hast du denn geträumt?«

Ich schlug die Augen wieder auf. Katharina saß neben mir auf dem Bett und schaute mich an.

»Wie meinst du das?«, fragte ich zögernd.

»So, wie ich es sage: Wovon träumst du, wenn du dich zurückziehst und nach innen schaust?« Sie strich über das Kissen und neigte den Kopf zur Seite. »Liegst du unter Palmen und hörst das Meer rauschen oder reitest du auf einem Elefanten durch den Dschungel? Wohin träumst du dich?«

Ich richtete mich auf. Der letzte Rest an Schläfrigkeit fiel von mir ab. Katharinas blaue Augen funkelten hellwach. Sie wollte eine konkrete Antwort auf ihre Frage, keine spielerische Erwiderung.

»Hm. So genau weiß ich das gar nicht. Dschungel? Nein, eher nicht. Ich habe Angst vor Schlangen. Palmen und Meer, das klingt schon besser.« Plötzlich klopfte mein Herz unangenehm schnell, aber ich bemühte mich um ein gleichmütiges Lächeln. Katharina sollte meine kindische Aufregung nicht mitbekommen. Ja, so könnte mein Traum aussehen – mit ihr zusammen am Meer liegen, nackt, nach Sonnenöl duftend, weit und breit keine Menschenseele, die Wellen rollen mit lautem Getöse über den Strand heran und hinterlassen weißen Schaum, wie Eischnee. Ausgesprochen kitschig, dachte ich, aber trotzdem schön.

»Und du?«, fragte ich unvermittelt. »Möchtest du auf einem Elefanten durch den Dschungel reiten?«

Katharina verzog den Mund, aber es war nicht das amüsierte Lächeln, das ich erwartet hatte. Ihre Unterlippe zitterte ein wenig.

»Nein«, sagte sie. »Ich habe einen anderen Traum. Aber lass uns morgen darüber reden, es ist schon spät.«

»Du hast das Thema angeschnitten«, entgegnete ich erstaunt. »Außerdem bin ich jetzt hellwach. Erzähl!«

»Wirklich?«

»Nun leg schon los«, erwiderte ich. »Mach es doch nicht so spannend.«

Katharina verschränkte die Beine im Schneidersitz und stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel.

»Ich träume von Paris«, antwortete sie schließlich. »Schon als junges Mädchen habe ich mich nach dieser Stadt gesehnt, obwohl ich nie dort war und gar nicht so recht wusste, was mich an ihr eigentlich faszinierte. Nach der Schule ist dieser Wunsch immer wieder in den Hintergrund getreten, und erst als ich mit Petra zusammen war, sind wir mal für eine Woche in Paris gewesen.«

»Und? Hat es dir gefallen?«

Katharina strich mit beiden Händen massierend über ihre Beine. Dann schaute sie mich wieder an. »Ja. Es war einfach wundervoll.«

Ich war auf eigentümliche Weise erleichtert. Was für ein harmloser Traum! Ich legte meine Hand auf ihr Knie und lachte sie leise an. »Möchtest du nach Paris?«

Sie hob den Kopf und starrte mich an.

»Vielleicht im nächsten Frühjahr, zu Ostern? Wenn wir Glück haben und es gut organisieren, können wir die Kinder bei ihren Vätern unterbringen und allein fahren. Was meinst du – wir beide in Paris, Champs-Elysées, Louvre, Seine-Rundfahrt bei Nacht, wär das nichts?«

Katharina schloss kurz die Augen, und als sie sie wieder öffnete, stahl sich meine Begeisterung wie ein unerwünschter Gast davon.

»Mein Traum sieht anders aus. Ganz anders. Aber lass uns lieber morgen weiterreden.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nun sag schon.« Ich hätte jetzt sowieso nicht friedlich neben ihr einschlafen können, denn spätestens in diesem Augenblick war mir klar, dass unser anfänglich harmlos anmutendes Geplauder einen ernsten Hintergrund hatte.

Katharina streckte die Beine wieder aus.

»Ich möchte nach Paris«, hob sie an. »Aber nicht als Touristin. Nicht für eine Woche oder zwei.«

Meine Knöchel stachen weiß hervor, als ich die Hände zu Fäusten ballte.

»Ich möchte dort leben, arbeiten, malen, studieren, und zwar ungefähr für ein, anderthalb Jahre.«

Es war so still, dass ich das leise Summen der Nachttischlampe hörte. Der Wecker zeigte kurz vor Mitternacht. Ich grub die Fingernägel in die Handballen und stand langsam auf.

»Wir sollten doch heute noch ausführlich miteinander reden«, sagte ich mit hohler Stimme, bevor ich das Zimmer verließ und nach unten in die Küche ging.

Katharina kam kurz darauf nach und brachte mir meinen dicken Wollpullover und Socken mit. Erst da fiel mir auf, dass ich nur meinen dünnen Schlafanzug trug, und ich zog beides an, während Katharina die Heizung hochdrehte und die Kaffeemaschine in Gang setzte. Als wir einander schweigend gegenübersaßen und in unseren Tassen herumrührten, hätte ich am liebsten zynisch aufgelacht. Gemeinsam unter Palmen am Meer? Ha! Wir hockten mitten in der Nacht in unserer nur langsam warm werdenden Küche, und Katharina würde mir nun erklären, warum sie nach Paris wollte. Allein und für sehr lange Zeit.

Sie trank einen großen Schluck und sah mich an.

»Paris also«, sagte ich.

»Ja, Paris.« Sie griff über den Tisch nach meinen Händen und hielt sie fest. »Ich bitte dich, versuch, mich zu verstehen. Ich weiß, dass es schwer ist, aber versuch es.« Ihre Stimme war dunkel und eindringlich.

Ich kniff die Augen zusammen und schluckte. »Was hast du vor?« Die Frage nach dem Warum sparte ich mir an dieser Stelle. Ich entzog ihr meine Hände und legte sie in den Schoß.

»Ich möchte in Paris an einer Grundschule Deutsch unterrichten und mich gleichzeitig als Gasthörerin an einer Kunstakademie einschreiben.«

Mir fielen tausend Fragen gleichzeitig ein, aber ich stellte nicht eine einzige von ihnen, weil ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Katharina klang, als wäre sie sehr gut vorbereitet. Die vielen Termine in letzter Zeit, fuhr es mir durch den Kopf. Sie hat längst alles in die Wege geleitet, und ich bekomme jetzt bloß noch das Ergebnis präsentiert. Bleib ruhig, forderte mich eine innere Stimme auf – denk dran, was sie hinter sich hat. Aber die Stimme war sehr schwach.

»Einfach so?«, entgegnete ich.

»Nein, nicht einfach so.«