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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

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Claudia Rath

Spur zum Fjord

Roman

K+S digital

Ich möchte mich an dieser Stelle für die fachlich fundierten Auskünfte der Mitarbeiter aus dem Wuppertaler Zoo und dem Insektarium des Löbbecke Museums in Düsseldorf herzlich bedanken.

Dieser Roman ist eine rein fiktive Geschichte. Die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie Wandelnden Ästen und Blättern und Gruppen, Organisationen oder Sekten, reinkarnierten Erzengeln, Channeling-Anhängern sowie jenen, die Unmengen von Geld mit Botschaften aus dem Himmel, der Hölle, dem Jenseits oder von anderen unnachweisbaren Orten verdienen, ist unbeabsichtigt, aber ein vielleicht nicht ganz so großer Zufall, obwohl es ja bekanntlich Leute gibt, die behaupten, es gäbe keine Zufälle. Das zu beurteilen obliegt allerdings nicht der Autorin.

1  Kontakt

Es muss einfach funktionieren. Diese Anzeige wird die wichtigste, nein, die allerwichtigste Anzeige meines Lebens werden.

Vor mir auf dem Tisch verströmt die dampfende Teekanne erfolgsorientierte Behaglichkeit. Leise murmelnd lese ich noch einmal den Textentwurf durch:

»Welche Sie möchte zukünftig mit mir gemeinsam die von niedrigen Hecken gesäumte Straße des Lebens bewandern? An ihren Schwellen und Gräben wird es funkeln aus unzähligen kleinen Rinnsalen, deren leise beruhigendes Gegurgel uns begleitet. Die Blüten  (wie gut, dass mir dieser romantische kleine Schlenker noch eingefallen ist) die Blüten der Hecke duften, wie es sich gehört, und im Herbst werde ich uns aus den Hagebutten der Wegrosen einen Tee kochen, dessen Duft sich in die warme Stube kräuselt, während der Wind den Regen gegen die Fensterscheibe treibt und …«

Zugegeben, das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Text für eine Kontaktanzeige, aber ein richtiger Eye-Catcher, wenn ich sie farblich – vielleicht in Rosa – unterlegen lasse. Allerdings zähle ich über 500 Anschläge und die dürften, was die Kosten betrifft, ungefähr die Hälfte meiner privaten Renteneinlage verschlingen.

Aber was ist das schon gegen die Liebe?

Beim Nachdenken über diese Frage gerate ich unvermutet ins Stocken, weil ich sie doch nicht so spontan und schnell beantworten kann wie angenommen.

Der Text verliert hingegen leider an Gehalt und romantischer Wirkungskraft, sobald ich ihn auf finanziell verträgliche Länge kürze:

Welch. Sie. mö. mi. mi. zuk. gem. d. v. niedr. Heck. ust. Str. d. Leb. bewand., Heckro. Blü. Rinns. u. Gegurg. inkl. Hagebu. tee n. ausgeschl. bi. u. Sze. zweckl.

Nein, nein, nein. So geht es nicht. Außerdem ist es generell noch viel zu früh für einen solchen Schritt. Immerhin ist es wirklich noch nicht lange her, dass 

Und: Welche Sie würde schon auf eine Kontaktanzeige antworten, in der von Hagebutten, Heckenrosen, Schwellen, Gräben und Rinnsalen die Rede ist? Eine Garten- und Landschaftsarchitektin vielleicht, eine Fachfrau für Bewässerungsanlagen und Kanalisationstechnik oder eine Agraringenieurin? Das ist zwar immer noch besser, als gar keine Antwort zu bekommen, aber wäre ich wirklich gern mit einer Bäuerin liiert? Unwillkürlich muss ich an Leiterwagen denken, auf denen sich gefährlich hoch das Heu stapelt und mittendrin im Heu wir beide, die Bäuerin und ich, eine sehr schöne, etwas androgyne Bäuerin mit einem schief aufgesetzten blauen Käppi. Natürlich besitzt sie entfernt Ähnlichkeit mit U. F., meiner angebeteten Lieblingskommissarin aus dem Tatort. Der Leiterwagen rumpelt unter einem strahlend blauen Septemberhimmel über holprige Feldwege dahin, geradezu ins Glück hinein.

Andererseits – ich kann nicht umhin, die Augen bei dieser Vorstellung zu schmalen Schlitzen zusammenzukneifen – wenn die unbeschwerten Tage des Glücks irgendwann einmal gezählt sind, werde ich morgens um vier dem Transporter hinterherwinken, in dem die Schweine zur Schlachterei fahren, was ich als Vegetarierin für politisch unkorrekt halte und rein menschlich, eben aus Sicht der Schweine betrachtet, schlichtweg für eine Katastrophe erachte.

Das Telefon klingelt, und schon springe ich auf, lasse mich nur allzu gern ablenken, weil und obwohl ich im Grunde gar keine Hoffnung habe, dass es noch einmal etwas wird mit der ganz großen Liebe, an die höchstens noch die Übernaiven glauben, die der Romantik verfallenen Deppinnen und die Unbelehrbaren. Ich mag nicht darüber nachdenken, zu welcher Kategorie ich wohl gehöre. Und außerdem wird mir in diesem Augenblick endgültig klar, dass das Formulieren meiner Kontaktanzeige nichts weiter ist als das klassische Ausweichmanöver in einer Trennungsdepression. Natürlich will/kann/darf ich mich ausgerechnet jetzt nicht wieder neu verlieben.

Etwas unsicher melde ich mich mit: »Ja?«

»Hallo, Amelie!« ruft Dagmars Stimme am anderen Ende der Leitung. »Kannst du mich hören? – Hier ist immer Funkloch!«

Unwillkürlich möchte ich sie sofort korrigieren. Ein Funkloch gibt es, es existiert zwar, aber es »ist« nicht im eigentlich existentiellen Sinne des »Ist« im Sein. Gerade überlege ich noch, wie ich Dagmar in kurzen Worten den Sachverhalt des Ist im Sein erklären soll, da redet sie schon weiter.

»Hallo-ho! – Ich wo… gu… hör … sag doch mal w…« Zwischen den Funklöchern klingt sie eindringlich. Dann ist die Verbindung abgebrochen. Dagmar verschwindet im Funkloch mit all den anderen Stimmen im Äther, die es nicht rechtzeitig bis zum Satelliten und wieder zur Erde zurück geschafft haben. Ich lege auf und schleiche durch den sich türmenden Müll in meiner Wohnung zurück an den Schreibtisch. Wo war ist stehengeblieben? Beim Gerüstbau der Kontaktanzeige, die mich wahrscheinlich meine Altersrücklage kosten wird. Aus der Teekanne dampft es nicht mehr. Minderwertige und sich zu rasch verzehrende Teelichter im Stövchen machen der Behaglichkeit jäh den Garaus. Alles wirkt plötzlich ungemütlich und trostlos. Dagmar schickt eine SMS. Die kommt wenigstens an:

suse und ich glücklich. haben gestern elch gesehen. norwegen toll. lg daggi. p.s. besteigen heute einen berg.

Irgendwie gelingt es mir nicht mehr, mich auf das Formulieren meiner Kontaktanzeige zu konzentrieren, denn ständig geistern mir die fiktiven Bilder meiner langjährigen Freundin Dagmar und ihrer neuen Lebensgefährtin durch den Kopf. Wie sie zusammen Norwegen erkunden, auf Berge steigen, durch Flüsse waten, wie sie mit einem einzigen, schon in kürzester Zeit symbiotisch verschmolzenen Zeigefinger unisono entzückt auf Elche zeigen, im Zelt übereinander herfallen, ungefähr alle drei Stunden … Das sind Glücksszenarien, die ich augenblicklich nur schlecht ertragen kann, deswegen beschließe ich, mich lieber dem Aufwärmen des Tees zu widmen. Mein von Sekunde zu Sekunde mehr den Verfallserscheinungen des Alters preisgegebener und bedauerlicherweise unbegehrter Körper beugt sich dabei tief nach unten, um in der Schublade mit den Plastiktüten und Gefrierbeuteln nach dem Vorratspack Teelichter zu schürfen. Was ich finde, sind eine aufgerissene Packung mit zwei Lichtern ohne Docht, drei leere Aluschälchen und die Stumpen vom letzten Jahr, aus denen ich immer neue Kerzen schmelzen wollte. Sie verstopfen die Schublade. Ihr Wachs ist mit einem alten Schlüsselanhänger und drei Zwirnfadenspulen verklebt. Irgendwann werde ich hier für Ordnung sorgen müssen.

Fremd komme ich mir in meinem eigenen Leben vor. Und überhaupt. Wer trinkt schon heißen Tee im Hochsommer?

Ich bin dreiundvierzig. Und unterrichte an der Volkshochschule diverse Kurse im Bereich Erwachsenenbildung. Damit habe ich vor fünfzehn Jahren angefangen, als ich müde und ausgelaugt von einem jahrelangen zähen und anstrengenden Studium der Soziologie direkt in die Phase der nicht weniger zähen und anstrengenden Lebenskrise und Verzweiflung stürzte. Es war lange unklar, wohin mich der Zeitgeist treiben würde. Bis zu diesem Punkt hatte ich immerhin schon mit vielem geliebäugelt und dank meines äußerst großzügigen und toleranten Elternhauses reichlich Zeit gehabt, alles auszuprobieren, wonach mir der Sinn stand. Viele Experimente zur Planung der existentiellen Lebenssicherung unterlagen nach und nach einer schleichenden depressiven Verstimmung. Schließlich war ich mit Endzeit-Szenarien aufgewachsen. In einer ziemlich wichtigen Phase meiner politischen Sozialisation glaubte ich streckenweise, mein Ende stünde praktisch jeden Tag bevor. Durch Pershing-II-Raketen, strahlende Atomkraftwerke, das Waldsterben oder Helmut Kohl.

Wenn ich heute durch den Wald gehe, wundert es mich manchmal, dass die Bäume immer noch Blätter tragen. Natürlich ist mir stets bewusst, dass der Wald weiterhin stirbt, aber wenigstens schreit er dabei nicht so laut wie die Schweine auf dem Transport, und die Baumskelette vor schwefelgelbem Himmel sind mir bislang auch erspart geblieben.

Wenn frau in einem rotlilagrünliberalen Lehrerhaushalt groß wird, ist das Leben überhaupt nicht lustig, sondern in erster Linie äußerst ernst zu nehmen. Meine Familie geht in direkter Linie auf den antifaschistischen Widerstand zurück. Dieses Hintergrundwissen wurde mir mit der Muttermilch eingeflößt. Meine Mutter und mein Vater hießen statt Mutti und Papi Vera und Helmut. In der ganzen Wohnung, selbst in meinem Kinderzimmer hingen Plakate von Klaus Staeck. Dürers Bildnis seiner ausgezehrt wirkenden Mutter kannte ich statt aus dem Kunstunterricht zunächst nur von einem der Staeck-Plakate. Provokante Unterschrift des sozialkritischen Künstlers: »Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?« Zweifellos hätten meine Eltern es getan, aber ich vermute, insgeheim waren sie doch froh, dass Frau Dürer schon so lange tot war. In der Küche die Mahnung im rahmenlosen Bildhalter: »Der Himmel gehört allen, die Erde wenigen!«

Ab und an zogen die Schülerinnen und Schüler meines Vaters Helmut in Scharen durch unsere Wohnküche. Es wurde zusammen gekocht und manchmal auch nur mit den Fingern gegessen, während man diskutierte. Es roch immer überreichlich nach Knoblauch. Vampire hätten den Dunstkreis unserer Familie gescheut wie der Teufel das Weihwasser.

Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt und andere Liedermacher sangen mich mit ihren Protestliedern in den Schlaf. Natürlich musste ich niemals aufräumen, pünktlich ins Bett gehen oder den Müll runterbringen. Nur meine Hausaufgaben musste ich machen, obwohl meine Eltern mir vermittelten, dass diese Art von Zwangsmaßnahme nichts mit ihrer persönlichen Einstellung zu tun hatte, sondern ein systemkonformes Zugeständnis an die tradierten pädagogischen Maßstäbe des letzten Jahrhunderts darstellte. Ich wusste nicht genau, was sie damit meinten, es bedeutete aber, dass ich nicht darum herumkam, so wie alle anderen Kinder über die Hausaufgaben zu jammern.

Vera war manchmal unglücklich. Sie stritten oft, meine Eltern, über politische Fragen, pädagogische Konzepte oder über Veras »übertrieben feministische Haltung«, wie Helmut meinte. Ich lauschte spätabends im Flur am Türspalt, aus dem der Rauch waberte. Der Sisalteppich unter meinen Füßen war viel zu hart, um barfuß darauf zu laufen. Die Holzdielen darunter knarrten an verschiedenen Stellen, die ich aber kannte und deshalb meiden konnte. Veras Stimme brüchig und hart, ungeübt darin, die passende Tonlage zu finden. Helmuts hingegen ruhig und souverän erwidernd. Meist verstand ich gar nicht, was er sagte, so leise sprach er.

Meine Mutter Vera war und ist bis heute ein eher emotionseffizienter Typ, um nicht zu sagen, etwas unterkühlt. Ich erinnere mich spontan an drei Gelegenheiten, bei denen sie mich als Kind in den Arm nahm. Einmal Weihnachten ’73, dann als ich mir mit elf den Arm brach und zuletzt bei Helmuts Tod.

Mein Gott, wie lange das her ist. Dieser Abschnitt meines Lebens erscheint mir so unwirklich, als gehöre er zur Biographie eines anderen Menschen.

Nach Beendigung meines Studiums arbeitete ich einige Jahre vorzugsweise als Wen-Do-Trainerin, dann stieg ich auf Yoga um, gerade im richtigen Augenblick. Ich bin die Kursleiterin für die Anfängerinnen und Anfänger, weil ich selbst nie lange bei einer Sache bleibe. Ich gebe Grundkurse im Töpfern, eine Reihe von Textilkursen, zum Beispiel Färben und Seidenmalerei, aber auch Entspannungskurse und was sonst noch gerade anliegt. Außerdem erledige ich einige Arbeiten in einem kleinen Büro für Online-Entwicklungen, das ich mit einem Freund zusammen aufgebaut habe. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, antworte ich manchmal: »Universal-Dilettantin«, weil ich weiß, dass dieser Begriff am besten trifft, was ich tue, und obendrein ist es mir meistens viel zu umständlich, lang und breit erklären zu müssen, was ich alles »ein bisschen« kann.

Lebenskünstlerin nennen mich meine Freundinnen. Meine Mutter Vera, mittlerweile bereits im Rentenalter, bezeichnet mich als orientierungslos. Meine Ex-Geliebten charakterisieren mich in der Reihenfolge ihres Auftretens auf meiner Lebensbühne als chaotisch, zwanghaft und egoman. Was hat frau von Ex-Geliebten schon zu erwarten? Natürlich sind sie ungerecht. Außerdem gibt es in meinem Leben nicht allzu viele Exen, die meinen Ruf als ein wenig chaotische, aber, wie ich hinzufügen möchte, liebenswerte Lebenskünstlerin ernstlich schädigen könnten. Vielleicht gelingt es mir sogar, ihre Ansichten über mich auf gewinnende Art in die Kontaktanzeige zu integrieren, um allen, die sich für mich interessieren, den zukünftigen Exen also, sozusagen vorab schon einmal den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Egomane Lebenskünstlerin mit liebenswertem Hang zum Chaos, zwanghaft orientierungslos, sucht ebenso nette Sie mit viel Sinn für Humor, um darüber hinwegzusehen …«

Das wären immerhin ziemlich wenige Anschläge, und insofern würde diese Version entschieden preiswerter als der erste Suche-Landwirtin-ohne-Schweine-mit-Sinn-für-Romantik-Versuch. Insgeheim hege ich allerdings den stillen Verdacht, dass sich auch bei dieser Version nur eine sehr überschaubare Anzahl von interessierten Frauen melden wird. Vielleicht auch gar keine. Dann hätte ich das ganz Geld für nichts und wieder nichts zum Fenster hinausgeworfen und eine Schnupperstunde Töpfern lang umsonst beim Anblick von in Würstchentechnik fabrizierten Aschenbechern begeistert mit den Augen gerollt.

Es wird Zeit für eine Zäsur in meinem Leben. Je eher ich damit anfange, desto besser.

Ich bin eine Verlassene. Ich muss mich endlich damit abfinden. Ich muss lernen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Was zum Teufel ist geschehen?

Sie hat sich getrennt. Vor drei Wochen hat Christa sich von mir getrennt. Nach sieben Jahren. Einfach so. Natürlich sagt Christa ihrerseits, es sei keinesfalls »einfach so« geschehen. Nein, wenn es nach ihr ginge, dann war der Abschied nur die unausweichliche Folgeerscheinung langer quälender Zeiten. Dieser unausweichlichen Trennung waren schließlich, wie sie meinte, etliche schreckliche Jahre vorausgegangen, in denen ich offenbar nie hatte begreifen wollen, dass das angeblich harmonische Zusammenleben nur noch ein »atemraubender«, den »Hals zuschnürender Kerker« war. Derart jedenfalls beliebte sich Christa am Abend der Trennung in einem plötzlichen Anfall allumgreifender Erkenntnis und schonungsloser Wahrheitsliebe auszudrücken. Mir scheint es seltsam, dass allein Christa das so empfunden hat. Sieben Jahre lang war ich der Ansicht, Christa und ich seien ein glückliches Paar mit ähnlichen, wenn nicht gleichen, zumindest aber harmonierenden Ansichten in den verschiedensten Lebensfragen. Wie frau sich doch täuschen kann.

Christa jedenfalls hat also vollkommen überraschend an diesem Tag X vor drei Wochen ihre wichtigsten Dinge zusammengepackt: ihre Mondtabellen und die Pendelsammlung, ihre Räucherstäbchen, die Aromaöle und die Kiste, in der sie alles Wichtige für die Horoskoperstellung aufbewahrt. Es ging ganz schnell.

»Liebe Amelie«, sagte sie. Gerade erst war sie zur Tür hereingekommen. Und jetzt wollte sie schon wieder gehen. Und zwar für immer. Sie hatte die Jacke noch an und hielt den Schlüssel in der Hand. »Liebe Amelie, ich will nicht um den heißen Brei herumreden! Ich werde dich verlassen. Unsere Beziehung ist doch schon lange nur noch eine Farce.« Ja, tatsächlich, sie sagte Farce, was wortwörtlich laut Fremdwörterlexikon, ich habe das später nachgelesen, so viel bedeutet wie: derb-komisches Lustspiel, abgeschmacktes Getue, billiger Scherz oder aber Fleischfüllung. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, für welche Definition ich mich entscheiden sollte. Sämtliche Übersetzungen scheinen im Hinblick auf die mit Christa gemeinsam erlebte Beziehungsgeschichte gleichermaßen fehlangebracht.

Ich hielt den Löffel in der Hand, von dem die Tomatensoße auf den Küchenfußboden tropfte. Ich spürte, dass mir ein Stückchen Majoran zwischen den Zähnen steckte. Daran erinnere ich mich merkwürdigerweise noch ganz genau. Christa holte zu einer übertrieben dramatisch wirkenden Geste aus. Die Mondphase sei günstig. Und irgendetwas stehe im Aszendenten Soundso. Zudem breche eine Lichtphase in ihrem Leben an. Ich wusste nicht, was sie damit meinte, wollte aber auch nicht dumm erscheinen und fragte nicht nach. Schließlich teilte sie mir unumwunden mit, dass sie sich seit langem durch mich unterdrückt fühle. Sie bekomme kein Licht und keine Luft mehr. Sagte sie. Ich konnte das Gefühl der Erstickung in diesem Augenblick wunderbar nachvollziehen.

Sie blieb bei diesem Bild und malte es in drastischen Farben aus. Anschließend sank ihre Hand, und sie sah mich an, als warte sie auf eine zustimmende Antwort, wahrscheinlich wie in den alten symbiotischen Zeiten, dachte ich nicht ohne eine Spur von Gehässigkeit, aber dieser boshafte kleine Gedanke war nur ein Anflug und verschwand wie ein Lufthauch vor der Ungeheuerlichkeit, mit der mir Christa an jenem Abend ihren Abschied kredenzte.

Ich begriff nicht, was da gerade geschah. Mir schien wenig später, als habe mich eine unsichtbare Macht gepackt und aus dem Fenster der vierten Etage in einen bodenlosen Abgrund gestoßen. Ich glaubte, mein Leben sei vorbei.

»Leb wohl!« sagte Christa. »Ich packe rasch noch ein paar Sachen. Weißt du, wo meine dicke grüne Strickjacke ist?«

Ich wusste es nicht. Ich sah ihren Rücken, als sie sich abwandte und den Flur hinunterging zu dem großen Schrank. Ich sah, wie ihre weiten Sachen sie bei jeder Bewegung zu umwehen schienen. Sie trug immer mehrere Schichten und Lagen, und die Stoffe waren stets weich und fließend.

»Ah, da ist sie ja«, sagte Christa und zog ihre dicke grüne Strickjacke aus dem Schrank. »Ich habe meinen Job gekündigt und mache eine astrologische Praxis auf. Eine Beratungspraxis, basierend auf den Erkenntnissen aus der Kosmischen Licht-forschung.«

Ich kannte diese Frau nicht. Was tat sie in unserer, nein, in meiner Wohnung?

»Was für eine Forschung?« fragte ich nach.

»Die Kosmische Lichtforschung, nach den Erkenntnissen des Thantader aus dem Zentrum für Kosmisches Licht. Davon haben selbst Leute wie du wahrscheinlich schon mal gehört.«

»Ist das nicht diese Sekte?« erkundigte ich mich.

Christa schnaubte verächtlich. »Sekte, Sekte … Nicht alles, was anders ist, ist gleich eine Sekte!«

Ich wollte Christa in jenem Moment auf keinen Fall verärgern oder ihr auch nur ansatzweise Grund zu der Annahme geben, ich sei intolerant und wolle ihr die Luft zum Atmen nehmen. Eine kleine Nachfrage jedoch war vielleicht noch gestattet.

»Und du hoffst, von einer astrologischen Praxis leben zu können?« fragte ich ein wenig skeptisch. Ich ging zu ihr. Mit dem Löffel in der Hand, von dem immer noch Tomatensoße tropfte. Mir fiel keine andere Frage ein.

Christa zupfte an den Knötchen der Strickjacke herum.

»Dass Wolle immer so filzen muss!«

Ich begriff, dass mir in den letzten Jahren eine Menge entgangen sein musste. Eine Menge meines eigenen Lebens, aber auch von Christas Leben und ihrer Entwicklung. Und von der Entwicklung ihrer Stricksachen. Doch selbst das blieb nur flüchtige Erkenntnis in jenem Augenblick. Als Nächstes setzte panikartige Angst ein, unmittelbar darauf ein gewaltiges inneres Aufbäumen, der Wunsch, die Zeit anzuhalten, das Leben anzuhalten und vielleicht sogar zurückzuspulen bis zu dem alles entscheidenden Punkt, an dem die Ursache für diese schreckliche Situation verborgen liegen musste.

»Du hast da was zwischen den Zähnen«, sagte Christa.

»Das ist doch jetzt völlig wurscht!« brüllte ich auf einmal los. »Du kannst doch nicht einfach so gehen. Nicht nach sieben Jahren. Wie stellst du dir das vor! – Hey, bleib wenigstens hier, wenn ich mit dir rede!«

Sie fegte meine Hand, die auf ihrem Unterarm lag, mit einer raschen Bewegung beiseite und blickte mich traurig an.

»Es ist vorbei!« sagte Christa. Und da wusste ich, dass es ihr ernst mit der Trennung war.

Sie ging, nachdem sie einige Sachen zusammengepackt hatte. Ich stand daneben. Hilflos. Zu verstört, um irgendetwas zu sagen. Ich wartete oben am Fenster. Christa verstaute ihren bunten Lieblingsschirm und ihre Reisetasche, in der ihre Pendel und Aromaöle, ihre Tarotkarten und diverse andere esoterische Artikel untergebracht waren wie in einer nimmervollen Mary-Poppins-Tasche, im Kofferraum eines dunklen Autos und stieg ein. Ich stand da und wartete, bis der Wagen um die nächste Straßenecke verschwand. Dann legte ich den Löffel ab, der mittlerweile keine Tomatensoße mehr enthielt, und ging ins Bad, wo ich mir mit Zahnseide den Majoran entfernte. Schließlich begann ich darüber nachzudenken, was in solchen Lebenslagen wohl als nächster Schritt vorgesehen war.

Ich dachte an Christas Mary-Poppins-Tasche, den zu diesem Equipment passenden Schirm mit Papageienknauf und intonierte innerlich taub und unzusammenhängend: »Ist ja … superkalifragilistischexpialigetisch!« in den Badezimmerspiegel, bevor ich die Zähne bleckte und akribisch nach weiteren Spuren von mediterranen Kräutern in Zahnzwischenräumen fahndete.

Ich spürte keine Angst. Nur Leere breitete sich in mir aus. Ich ging in die Küche, stellte den Herd aus – die Nudeln waren ohnehin verkocht – und öffnete die Weinflasche.

Ich trank eine Menge, ehe ich endlich losheulen konnte.

Bei den Gedanken an Tag X male ich mit dem Kugelschreiber kryptische Zeichen aufs Papier. Lachende Gesichter und Herzen, Wölkchen, aus denen Blitze zucken, und während ich gedankenverloren vor mich hin kritzele, entstehen weitere Gebilde, Geschöpfe und Gesichte, die sich bald zu einem Ganzen vereinigen. Ja, so war das vor drei Wochen. Christa ist in diesen dunklen Golf gestiegen und aus meinem Leben verschwunden. Seitdem bemühe ich mich, irgendwie und irgendwo Halt zu finden, aber bislang ist mir das nicht gelungen.

»Du wirst sehen, das kommt bald wieder«, sagt Dagmar immer. »Du darfst bloß den Kopf nicht hängen lassen. Geh doch mal raus«, empfiehlt sie, na ja, empfahl sie vielmehr, bevor sie sich Hals über Kopf verliebt hat und meiner Ansicht nach ziemlich überstürzt vor eineinhalb Wochen nach Norwegen verschwunden ist. Seitdem ist sie in meinem Leben praktisch nicht mehr existent, abgesehen von ihren kurzen Glücksbotschaften, die hier manchmal anlanden. Diese Susanne, mit der sie unterwegs ist, kenne ich gar nicht. Alles ging ganz schnell zwischen Dagmar und dieser geheimnisvollen Unbekannten. Sie waren sich wohl auf irgendeinem Wochenend-Workshop begegnet, und einige Tage später hatten sie schon die Reise nach Norwegen geplant.

»Was macht sie denn so?« hatte ich zwischen zwei Weinkrämpfen wissen wollen, aber Daggi hatte nur ausweichend geantwortet, und mein Interesse an Herkunft und Werdegang mir unbekannter Menschen hielt sich kurz nach Christas überstürztem Abschied in bescheidenen Grenzen, so dass ich nicht weiter nachfragte.

Besonders die ersten vierundzwanzig Stunden nach der Trennung werde ich nie vergessen. Sie vergingen praktisch wie im Fluge, und zwar wie bei einem endlos langen Nonstop-Flug ans andere Ende der Welt, bei dem man Angst hat, vor lauter Bewegungsmangel jeden Augenblick an Thrombose zugrunde zu gehen. Ich verbrachte diese Stunden vormittags am Telefon sitzend und hoffend, Christa würde sich plötzlich umentscheiden oder im Bett einer Unbekannten erwachen mit dem Satz »Wo bin ich?« auf den blassen Lippen, um daraufhin festzustellen, man habe sie auf einer esoterischen Party mit Ecstasy-Pillen vergiftet, deren Wirkung darin bestand, dass sie ihre siebenjährige Beziehung im rauschhaften Wahn beendete.

Am Nachmittag des ersten Tages nach Tag X – ich hatte das Telefon zwischenzeitlich vergessen und alle Hoffnung fahren lassen – brütete ich nur noch dumpf vor mich hin, während ich resigniert einen hundertjährigen deutschen Spielfilm mit Eddi Arent ertrug. Auf dem Herd standen immer noch die aufgeweichten Nudeln und quollen weißlich vor sich hin, während die Tomatensoße langsam verkrustete. Ich war meiner selbst überdrüssig. Und ich befand mich nach wie vor im Schockzustand, weil ich nicht begreifen konnte, was um Himmels willen geschehen war, das Christa zu einer so unvermittelten Entscheidung bewogen hatte. Ich versuchte, sie zu erreichen, aber es meldete sich nur die Mailbox. Ich hörte ihre Stimme und fing an zu weinen.

Einige Tage später rief ich mit Herzklopfen und einer hyperaktiven Gruppe von Nachtfaltern im Magen Monika an, Christas Schwester.

Ich fragte sie, wo Christa zu finden sei und wie ihre neuen Lebenspläne aussähen. Gleichzeitig bemühte ich mich zum Ausdruck zu bringen, dass ich jederzeit bereit wäre, Christa in einer offenen Aussprache zu versichern, dass sie jederzeit zurück… und dass ich wirklich ü-ber-haupt nicht sauer … ganz im Gegenteil … so etwas ist oft ein heilsamer Schock, und man kann je-der-zeit noch mal von vorn anfangen und 

»Christa muss sich jetzt wirklich mal von dir freimachen. Das war doch schon lange abzusehen«, sagte Monika.

»Wieso freimachen?« konnte ich nur flüstern. Was war geschehen in meinem Leben, wovon ich nicht das Geringste mitbekommen hatte?

»Amelie … das wirst du doch gemerkt haben, dass ihr schon lange nicht mehr das Dreamteam wart. Das haben doch alle gemerkt!«

Definiere: Alle! Und: Wieso hatte ich es nicht gemerkt? Ich schüttelte den Kopf, was Christas Schwester am anderen Ende der Leitung natürlich nicht mitbekam.

»Amelie, ich glaube, Christa wäre es nicht recht, wenn du sie jetzt schon anrufst oder wenn ich dir ihre Adresse gäbe, selbst wenn ich wüsste, wo sie steckt.«

»Um Gottes willen … ja … sicher …«, stammelte ich. Ich wollte um keinen Preis aufdringlich sein. Ich hätte nur gerne noch einmal mit ihr geredet. Nur um des besseren Verständnisses willen. Aber das konnte auch warten. Vielleicht war es tatsächlich besser, erst einmal einige Wochen ins Land ziehen zu lassen.

»Aber es geht ihr doch gut, oder?« fragte ich noch einmal nach. »Sie … ähm … sie hat doch alles, was sie braucht, auch … ähm … genug Geld?«

»Soviel ich weiß – ja«, antwortete Monika. »Ich höre auch nicht viel von ihr. Ich glaube, sie muss erst einmal zu sich selbst finden.«

Ihre Stimme klang ein klein wenig gepresst.

»Monika …« Es drängte mich, einige Dinge klarzustellen. »Ich weiß ja nicht, was Christa dir erzählt hat, aber wir haben hier nicht in einer Art Hölle auf Erden gelebt. Das nur am Rande.«

»Ich versteh schon. Sie macht wohl gewissermaßen eine Art Entwicklung durch. Sie will allein sein. Das muss ich ebenso akzeptieren wie du.«

»Ja, ja … allein … vielleicht mit … einer … neuen Freundin?« konnte ich mir nicht verkneifen hinzuzufügen, und gleich darauf hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen.

Das war es dann.

Ich spürte den Umschwung der Stimmung in eisig klirrende Kälte.

»Ich kann es dir beim besten Willen nicht sagen.«

Monika schirmte ihre kleine Schwester vor mir ab, als rechnete sie damit, dass ich sie mit tränenschweren Zwangskontakten belästigen wollte. Dabei war ich doch zu gar nichts mehr imstande, nicht einmal zum Aufräumen der Küche. Ich hatte mir die großen Ferien wirklich anders vorgestellt.

Und selbst heute noch, drei Wochen nach Tag X, schimmeln die Nudeln im Topf vor sich hin, und das Aufgeben dieser Kontaktanzeige erscheint mir plötzlich wie ein Verrat an sieben Jahren Beziehung. Als ob ich mich so schnell in eine andere verlieben könnte. Könnte ich es wirklich nicht? Was hat Christa mir bedeutet? Vor Tag X?

Wo soll ich neu anfangen, wenn ich das Ende noch gar nicht begriffen habe?

»Vielleicht hier bei uns?« rufen mir die Nudeln aus der Küche zu. »Oder hier!« piepsen mit hellen Stimmen die dunklen Tupfer Tomatensoße auf dem Teppich im Flur.

Wie getrocknetes Blut, denke ich dramatisch, derweil ich überlege, wie ich meinen Kreislauf in Schwung bringen soll.

Da kommt eine weitere SMS. Wahrscheinlich eine von Dagmars kleinen Glücksbotschaften, mit denen sie die Welt überschwemmt.

Ich mag sie gar nicht lesen und tue es doch. Sie hat sogar ein Foto mitgeschickt. Es ist so klein, dass ich kaum etwas darauf erkenne:

guck mal, da steigen wir rauf. susanne erzählt unheimliche storys über d. berg. Lasletind oder so heißt der … gar nicht hoch, hat es aber in sich. schicke dir heute abend ein bild von der aussicht. daggi. p.s. glücklich.

Ich starre auf das kleine Bild und zoome es heran. Das ist mehr ein baumarmer karger Hügel als ein Berg. Er sieht reichlich nichtssagend aus, die Gipfel dahinter wirken weit imposanter. Immer näher zoome ich ihn heran. Große Findlinge liegen an den Berghängen herum. Manche von ihnen bieten sich an, Gesichter in sie hineinzuphantasieren. Hoffentlich bricht Dagmar sich nicht irgendwas. Sie ist doch so unsportlich. Andererseits könnte sie sich dann retten lassen, von ihrer neuen Freundin. Das wäre sicher der romantische Höhepunkt für ein frischverliebtes Paar.

Das Handy landet wieder auf der Anrichte neben dem Kochtopf, aus dem es säuerlich riecht. Ich muss hier heute tätig werden, sonst brauche ich spätestens morgen einen Kammerjäger. Gibt es eigentlich auch Kammerjägerinnen?

Wieder streune ich unruhig durch die Wohnung, gehe den langen Flur entlang, bleibe vor ihrer Zimmertür stehen. Vor Christas Zimmertür. Merkwürdig, dass sie in den letzten Wochen nicht noch einige ihrer Sachen abgeholt hat. Aber vielleicht setzte sie alles daran, mir möglichst nicht zu begegnen. Die Vorstellung einer mich unter allen Umständen meiden wollenden Ex-Geliebten schmerzt wie etwas ungeheuer Spitzes, das sich in mein Herz bohrt.

»Du gehst doch da nicht etwa rein, während ich nicht da bin, oder?« hatte Christa am Tag ihres überstürzten Fortgehens ziemlich fordernd nachgefragt. Doch bevor ich noch hatte antworten können, schloss sie ihr Zimmer ab, mit einem vielsagenden Blick, der mich tief beleidigte. Es gehört nicht zu meinen Gepflogenheiten, die persönlichen Gegenstände meiner Mitmenschen zu durchwühlen. Auch nicht, wenn es sich dabei um Ex-Geliebte handelt, die mich überstürzt und völlig unerwartet verlassen.

Ich spähe kurz, ganz kurz nur, durch das Schlüsselloch. Als wenn dieser winzige Ausschnitt mir eine Antwort auf die brennendsten Fragen geben könnte. Natürlich kann er das nicht. Nur ein kleiner Teil von Christas aufgeräumtem Zimmer ist einzusehen. Wahrscheinlich liegt die Antwort, die eine gewisse Antwort auf meine allerallerdrängendste Frage unmittelbar neben dem sichtbaren Ausschnitt, entweder auf dem Schreibtisch oder auf der Kommode. Mein Gott, ich will doch nur Gewissheit. Gewissheit über das Warum, den Grund ihres Fortgehens. Ist das denn verwunderlich? Ist es denn verwerflich, dass die Verlassene nach Antworten sucht, ja, forscht, denke ich, derweil ich schon in der Küchenschublade nach dem Bund mit Ersatzschlüsseln fahnde. Ich kehre wie ferngesteuert zu Christas Zimmertür zurück. Mit Ersatzschlüssel. Pah, denke ich mit einer Verachtung, die imstande ist, alle Scham aufgrund meines Verhaltens zuzudecken. Außerdem muss es nie jemand erfahren. Ich trete ein. Tief einatmend. Christas Geruch ist wie eine Atmosphäre, die nicht nur diesen Raum durchdringt, sondern auch mich binnen Sekunden. Es ist dieser intensive Duft nach Räucherwerk und Öllampen, nach Kräutertee und beinahe auch nach Klangkugeln, die, wenn sie riechen würden, genau so röchen wie die Luft in Christas Zimmer. Ich öffne sofort das Fenster. Nicht weil ich diesen Geruch unangenehm finde, sondern weil er mir die Tränen in die Augen treibt. Er drängt mir den Gedanken an Christas Haut auf, die Art, wie das Licht in ihren Augen spielte, wenn wir miteinander schliefen. Zugegeben, in letzter Zeit ist es nur noch selten dazu gekommen, aber … Ich reiße beide Fensterflügel weit auf.

Auf Christas Fensterbank liegen einige Heftchen und Broschüren: Werden Sie Lichtheiler nach den Gesetzen des Kosmischen Lichts oder Heilen mit Licht, Fasten mit Licht, Leben mit Licht, Licht ist Liebe, alle verfasst von diesem Thantader. Auf dem rückwärtigen Einband steht bei allen Broschüren, welche Kurse zu dem jeweiligen Thema angeboten werden und was sie kosten. Ich stelle fest, sie kosten ein Vermögen. Und habe gleich eine gute Titel-Idee für einen weiteren Band: Reich werden mit Licht. Als ich die Machwerke wieder beiseite lege, gleitet mir eines aus der Hand, und ein Zettel fällt heraus: eine Vorankündigung für ein neues Seminar: Reich werden mit Licht.

Resigniert seufzend sehe ich durch das Fenster auf die Straße hinaus. Im Haus gegenüber wehen bunte Vorhänge im lauen Luftzug. Mir ist, als hörte ich Lachen. Warum auch nicht? Immerhin haben wir Hochsommer. Nur in meiner Wohnung herrscht November. Das Missverhältnis zwischen dem da draußen und meinem Innenleben besitzt nichts Aufbauendes oder gar Tröstliches, im Gegenteil: Das starke Gefälle lässt mich in einen emotionalen Abgrund rutschen. Ich kann mich nirgends halten. Ich stürze, und etwas in mir, von dem ich annehme, es könnte meine Seele sein, gleitet in tiefe Dunkelheit 

2  Auferstehung

Ich darf mich nicht so hängen lassen, muss mich einfach wieder ins Leben statt in den Abgrund stürzen, denke ich, als ich am nächsten Morgen nach drei langen Wochen selbstauferlegter Trennungstrauer-Isolation zum ersten Mal wieder zu Piet ins Büro fahre. Wenigstens mit dem großen Zeh mal die Wassertemperatur hier draußen im Alltag ertasten. Ich fühle mich geradezu erlöst, den heimischen November-Käfig verlassen zu können, der vom Sommer umzingelt ist. Die Sonne besitzt Kraft.

Was ich das Büro nenne, ist ein Berufsprojekt, das ich zusammen mit Piet, einem Ex-Journalisten und damals arbeitslosen Grafiker auf die Beine gestellt habe. Zusätzlich zu meinen Kursen und Kürschen arbeite ich hier mit ihm zusammen. Wir beschäftigen uns mit der Erstellung von Internet-Auftritten. Der Werbe- und Computer-Fachmensch ist zweifellos er, obwohl er nach wie vor davon träumt, einmal die große, die ganz große Geschichte zu entdecken und wieder in den Journalismus einzusteigen. Meine Aufgabe besteht darin, hier und da ein wenig Kreativität einzubringen, die Buchhaltung zu erledigen, unsere Werbung zu gestalten, und außerdem stelle ich mich für die Hilfsarbeiten am Computer zur Verfügung. Das hält uns beide finanziell über Wasser, und darüber hinaus macht die Zusammenarbeit mit ihm einfach Spaß.

Weil wir eine sehr kleine Firma sind, verbringen wir die Hälfte unserer Zeit damit, Papierkram mit jenen Behörden und Institutionen aus dem Weg zu räumen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, bürokratische Hürden für Existenzgründerinnen und -gründer aufzurichten. Die restlichen fünfzig Prozent der zur Verfügung stehenden Zeit bleiben dann für unsere tatsächliche Arbeit und den täglichen Kampf, die Firma einigermaßen rentabel zu halten. Wir haben das Glück gehabt, dass wir in den ersten beiden Jahren gute Aufträge an Land ziehen konnten, die wiederum weitere Aufträge nach sich zogen. Seit einem Jahr allerdings läuft das Geschäft nicht mehr ganz so gut, und ich fürchte, es kommen noch knappere Zeiten auf uns zu. Wir haben uns zwar gelobt, durchzuhalten, aber es ist ein beruhigender Gedanke, dass Töpfern für Anfängerinnen und Anfänger quasi ein Dauerbrenner ist und für mich die Garantie auf eine Art finanzielle Grundsicherung bedeutet.

Seit vielen Monaten arbeiten wir wie die Besessenen, um mit mehr Zeitaufwand mehr Aufträge abzuwickeln, für die wir weniger Geld bekommen. Eine verrückte Entwicklung. Wie viele Wochenenden habe ich in der Firma gehockt oder daheim in meinem Arbeitszimmer und mit Christa nicht mehr als zehn Worte gewechselt?

Da ist er, der erste Dolchstoß dieses Tages, den ich mir mit eigener Hand versetze: Ich bin selbst schuld. Ich habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Weder im Beruf, noch in meiner Beziehung. Und jetzt ist es zu spät.

Der Wagen hinter mir hupt wild, und ich stelle fest, dass die letzten Wochen mich für die Teilnahme am Straßenverkehr endgültig untauglich gemacht haben.

Vor dem Fahrstuhl begegne ich dann auch noch ausgerechnet Piets Schwester Nina, der neuen Freundin meiner alten Stammtisch-Freundin Ruth.

Und richtig!

Nina erinnert mich daran, dass ich der Informations- und Aufklärungspflicht in meinem Freundinnen- und Bekanntenkreis noch nicht gebührend nachgekommen bin. Sobald sie mich entdeckt hat, setzt sie eine mitleidige Miene auf und produziert diese grässlichen kleinen Kummerfalten auf der Stirn, die sie, weil sie erst neunundzwanzig ist, nach Belieben ein- und wieder ausknipsen kann.

Ich weiß, dass sie weiß … Sie kommt auf mich zu und fährt sich ein wenig verlegen durch das kurze Haar.

Kein »Hey, wie geht’s?« oder »Na, du?«, stattdessen die Hand, die behutsam nach meiner greift. Und ihre Stimme voll empathischer Betroffenheit, die sie sich besser sparen sollte.

»Amelie, ich hab es erst letzte Woche von Christas Schwester erfahren. Das mit Christa und dir. Aber weil du dich nicht gemeldet hast, wusste ich nicht, ob ich dich anrufen sollte.«

Das hätte mir noch gefehlt, denke ich und bin froh, dass mir Kondolenzkontakte in den letzten drei Wochen weitestgehend erspart geblieben sind.

»Warum hast du dich denn nicht gemeldet?« flüstert Nina kaum noch hörbar.

Ich räuspere mich unbehaglich. Muss ich auf diese Frage antworten?

Aber Nina nimmt mir die Entscheidung ab.

»Nicht dass du denkst, ich hätte es weitererzählt. Du wirst sicher deine Gründe haben. Nicht mal Ruth habe ich gesagt, dass ich Monika getroffen habe.«

»Du willst zu Piet?« frage ich mit gespielter Munterkeit.

So ein kleiner Themenwechsel bringt Nina jedoch nicht von der Spur ab. Sie nickt.

»Ja, ich wollte euch die neuen Foto-CDs bringen. Für die Werbung von diesem Wurst-Fritze. – Du, ich versteh schon … Du bist wirklich tapfer. Sieben Jahre, nicht?«

Ich nicke gequält. Mit Wurst-Fritze meint Nina unseren augenblicklich einzigen Kunden. Der Wurst-Fritz bedeutet den Abstieg in der Werbe-Branche. Wir haben den Auftrag nur angenommen, weil wir ihn annehmen mussten. Warum kann Nina nicht endlich den Mund halten? Aber sie lässt nicht locker.

»Das muss wirklich furchtbar für dich sein!« erklärt sie mitleidsvoll. »Du tust mir so leid, Amelie!«

Ich will das nicht hören. Wo bleibt denn bloß der Aufzug? Ich hämmere auf den Knopf und lausche an der Tür. Es tut sich nichts im Schacht. »O Himmel!« bete ich stumm. »Erlöse mich von dem Geschwätz!« Noch einmal versuche ich das Thema zu wechseln: »Hast du den Job bei der Zeitung eigentlich bekommen?«

Nina hat sich, genau wie einst ihr älterer Bruder Piet, für Journalismus als Studienfach entschieden. Piet war zwar dagegen, dass Nina in seine Fußstapfen trat, weil er meinte, der Markt würde immer enger, aber daraufhin musste sie sich natürlich erst recht einschreiben.

»Ja, ja … Nach den Sommerferien kann ich anfangen, und in den nächsten Wochen mach ich wirklich einfach mal gar nichts und spanne so richtig aus. Aber zurück zu dir …«, unterbricht Nina sich selbst, um unmittelbar darauf aufzuzählen, wie viele ihrer Freundinnen schon eine ähnlich grauenvolle Trennungserfahrung hinter sich haben wie ich.

Was findet Ruth nur an Nina, frage ich mich und wünsche mir klappbare Ohrmuscheln, weil ich nicht unhöflich werden will.

»Ruth hat gestern noch gesagt, dass sie sich Sorgen um dich macht, weil sie gar nichts mehr von dir hört!« erklärt Nina gerade. Sie hat seit fünf Monaten eine Beziehung mit Ruth. Ich hingegen kenne Ruth seit zwanzig Jahren. Wenn Ruth sagt, dass sie sich Sorgen um mich macht, hat das nicht mehr zu bedeuten, als wenn ein Kieselstein einen Berg hinabrollt. Ruth macht sich keine Sorgen um andere Menschen, höchstens um sich selbst. Aber sie liebt es, dieses Image von Philanthropie und Anteilnahme aufrechtzuerhalten. Nichtsdestotrotz ist sie eine Freundin. Lediglich die Zeit der Illusionen ist endgültig vorbei. Wir haben es nicht mehr nötig, uns gegenseitig etwas vorzumachen. Es ist ein wenig still zwischen uns geworden. Die Berührungspunkte schwinden mit den Jahren.

Ninas Stimme in meinem mentalen Background berichtet derweil für mich wenig Wissenswertes aus ihrem ebenfalls von Trennung betroffenen Freundinnengefolge. Ich kenne diese Menschen nicht. Es sind junge Frauen, die gerade ihre ersten Erfahrungen sammeln. Die wissen doch noch nichts vom Leben, denke ich verbittert, während Ninas Worte an mir vorbeiplätschern.

»… und die Clara dann auch. Sie hat Rieke gesagt, dass sie es einfach nicht mehr aushält, wenn sie den ganzen lieben langen Tag …«

»Nina!« unterbreche ich sie.

Sie sieht mich an, mit großen strahlenden Augen. Fragend und verwundert. »Ja? Was ist denn?«

»Ich bin unheimlich müde.«

»Ouhkäii?« singt sie auf eine unnachahmliche Weise, fragend und doch voller Zustimmung, so sanft, als tue sie mir einen Gefallen, einfach »Okay!« zu sagen und den Redefluss zu stoppen. »Aber du kommst doch heute Abend zum Stammtisch, oder? Bitte! Alle freuen sich bestimmt wie irre, wenn sie dich wiedersehen. Christa kommt bestimmt nicht. Oh, entschuldige … Ich wollte nur … Wenn du willst, sag ich es den Frauen, bevor du kommst, ich meine, dass du getrennt bist … O bitte Amelie, ich wollte dir damit nicht weh tun.«

Ich überlege kurz, dann wird mir klar, dass ich die Pressekonferenz ohnehin nicht werde vermeiden können.

»Schon gut! Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, komme ich noch auf einen Sprung vorbei. Und von mir aus sag es ihnen, wenn du schon eher da bist.«

Insgeheim hoffe ich bei diesen Worten, sozusagen en passant die Fakten auf den Tisch legen zu können, ohne dass es zu einer inflationären Anhäufung guter Ratschläge und angeblich tröstlich gemeinter Beileidsbekundungen kommt.

Da höre ich den rettenden Aufzug.

»Nimmst du die CDs mit nach oben? Ich bin spät dran«, lächelt Nina, und ich frage mich, ob sie dieses Lächeln ernst meint.

Aber sicher. Ich tue ihr gern den Gefallen und winke zurück, als sie winkt. Ich finde sie so derartig unbedarft im Umgang mit Menschen.

Einmal tief durchatmen. Ich fühle mich unglaublich erschöpft und uralt.

Piet erwartet mich an diesem Morgen bleich und unrasiert. Außerdem riecht er ein wenig, als habe er seit Wochen seine Klamotten nicht gewechselt. Als ich hereinkomme, telefoniert er gerade, und ich bemerke nicht nur, dass es in unserem Büro aussieht wie im Schweinestall – ich fühle mich sofort an zu Hause erinnert –, sondern registriere auch die schludrig herumliegende Wolldecke in der Sitzecke im Zimmer nebenan.

Aus Piets hastig eingeworfenen Satzfetzen schließe ich, dass er mit dem Wurst-Fritz telefoniert, der ihn kaum zu Wort kommen lässt. Der Wurst-Fritz ist ein lokales Biobauernoriginal mit konservativer Gesinnungsherkunft. In seinem Probierstübchen hängt ein vergilbtes eingerahmtes Foto von Franz Josef Strauß mit Trauerflor neben einem Wahlplakat der Grünen. So was gibt’s. Für den Wurst-Fritz ist das kein Widerspruch. Er ist der inzwischen unübersehbar alternde, aber auch letzte Spross einer Landwirtsfamilie, die seit der Bronzezeit ihre eigene Scholle beackert. Seinen Bauernhof hatte er bereits vor den Grünen Zeiten auf Bio umgestellt. Einmal in der Woche verkauft er seine Produkte, hauptsächlich Wurst aus eigener Schlachtung, in einem Marktwagen, auf dem schon seit seines Vaters Vaters Zeiten (alle trugen immer den gleichen Vornamen) Wurst-Fritz steht. Jetzt will er einen Online-Shop eröffnen, um den regionalen Erfolg auszuweiten und die ganze Republik mit seinen Wurstwaren zu beglücken.

Wir haben seinen Auftrag, ihm einen eigenen Webauftritt zu verschaffen, angenommen. Er bezahlt gut, und wir können uns die Kundinnen und Kunden nicht mehr aussuchen. Ich mag ihn nicht in seiner laut dröhnenden Großspurigkeit. Sein aufgedunsenes bluthochdruckrotes Gesicht mit den tief im eigenen Speck eingebetteten wässrigblauen Augen weckt bei mir nicht unbedingt Sympathie. Nicht einmal der gezwirbelte Bart hilft, mit dem er irgendwann einmal sogar einen Bart-Wettbewerb gewonnen hat.

Ich winke mit den CDs, die Nina mir gegeben hat. Ab und zu erledigt sie einen Fotoauftrag für uns. Manchmal habe ich den Verdacht, sie will sich irgendwie in unseren kleinen Zwei-Personen-Betrieb einschmuggeln. Ich nehme mir vor, wachsam zu sein. Für drei Leute wirft der Laden hier auf keinen Fall genug ab. Und dann ist sie auch viel zu jung, und überhaupt verursacht der Gedanke, sie ständig um mich zu haben, eine ausgesprochene Unruhe in mir.

»Sind gerade reingekommen«, sagt Piet beim Blick auf die Foto-CDs.

»… ja … machen wir heute noch … ja, klar … alles … nein … doch … gut dann … ja … bis …« Er legt auf. »Bis dann«, murmelt er in Richtung Telefon, bevor er sich einen Ruck gibt und etwas ähnliches wie ein Lächeln auf sein von dunklen Bartstoppeln umschattetes Gesicht zaubert.

»Du siehst schlecht aus«, meint er.

»Danke, du auch«, gebe ich zurück. Es ist noch Kaffee in der Thermoskanne. In unserem Büro herrscht das Chaos. Und Piet in seiner ganzen Hagerkeit neben halb gegessenen Pizzas und umgeworfenen Pappbechern vor einem Ascher, der seit tausend Jahren nicht geleert worden ist und dessen Kokelgefahr wohl mittels der bereitgestellten Flasche Pernod mehrmals auf ein Minimum reduziert worden ist, wirkt mitten darin wie der König über alle Chaos-Reiche. Er grinst gewinnend oder doch zumindest so, dass er selbst es wahrscheinlich dafür hält.

»Ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen.«

»Sehe ich.«

Piet steckt eine der CDs in das Laufwerk. Der Wurst-Fritz hat seine Würste wirklich höchst zahlreich von Nina fotografieren lassen. Es sind Hunderte in hochauflösender Qualität. Würste, mit denen er am liebsten die internationalen Märkte beherrschen und vielleicht, welch kühner Gedanke, sogar die Weltherrschaft erringen will?

»Wir sollen die schönsten aussuchen für seine Website«, brummt Piet und fügt hinzu: »Tut mir leid, dass es hier aussieht wie im Saustall. Ich werde heute aufräumen. Versprochen! Ich habe in den letzten Tagen hier geschlafen. Es geht mir nicht besonders gut, weißt du.«

»Was ist passiert?«

»Du hast dich hier drei Wochen lang nicht blicken lassen«, entgegnet er flapsig. »Das Gleiche könnte ich also dich fragen!«

»Ich meine es ernst«, ermahne ich ihn milde. »Außerdem habe ich mich wenigstens per Postkarte bei dir abgemeldet, wohingegen du mich mit keiner Silbe auf dieses Chaos hier vorbereitet hast.«

Piet dreht sich auf dem noch nicht abbezahlten Designer-Stuhl mehrmals um sich selbst. Ich verabscheue es, wenn er herumzappelt wie ein Kasperle. Daher stoppe ich ihn kurzerhand. Er sieht mich nicht an.

»Du hast mir gefehlt«, sagt er.

»Und du mir erst!« Piet ist mein Freund, ich mag ihn.

»Ich hab meine Wohnung verloren«, meint er leise.

»Christa hat mich verlassen!« rutscht mir unvermittelt heraus.

Wir sehen uns an.

»Schöner Mist!« murmelt Piet.

»Du sagst es!«

Das Erfreuliche an meiner Beziehung zu Piet ist, dass wir einander recht gut kennen. Ich weiß, dass er es verabscheut, sein Innerstes nach außen krempeln zu müssen, um zu erklären, warum es ihm schlechtgeht. Darin sind wir uns ziemlich ähnlich. Dass es ihm schlechtgeht, ist ihm deutlich anzusehen. Piet war immer schon hager, jetzt aber ist er magerhager, was in meinen Augen eine beträchtliche Steigerung darstellt. Piet also reflektiert circa drei Minuten über das Thema Wohnungsverlust und innere Chaoszustände, dann sieht er mich mit seinen sehr hellblauen Augen an.

»Und jetzt?« will er wissen.

»Dann wohnst du eben vorerst im Büro«, antworte ich knapp, aber entschlossen. »Bis du etwas anderes gefunden hast. Aber du darfst dich hier nicht so gehen lassen.«

Natürlich ist Piets Einquartierung im Büro keine Dauerlösung, und die Misere mit seinen Mietschulden ist traurig, doch sie wird schließlich nicht besser, wenn wir uns hinsetzen und munter drauflos jammern. Zudem muss der Webauftritt für den Wurst-Fritz ins Netz. Körbe hochauflösender Würstchen müssen zum Server geschickt werden.

Piet sieht auf die Uhr.

»Und du? Und Christa?«

Ich hebe die Schultern und bleibe stumm.

»Hat sie vielleicht eine andere?« will Piet wissen.

Erneut erntet er ein hilfloses Achselzucken.