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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

 

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de.

Sonja Steinert

Cantando

Roman

K+S digital

Die Figuren und die Begebenheiten in diesem Roman sind natürlich erfunden.

Ich danke den beiden Fotografinnen, der Saxophonistin und dem Saxophonisten, die mich bei meinen Recherchen unterstützt haben.

Den beiden Verlegerinnen danke ich für ihre aufmunternde und sorgsame Begleitung beim Schreiben.

Wofür ich meinen Freundinnen danke, weiß jede von ihnen selbst am besten.

1

Durch die geöffneten Fenster trägt der Wind den Geruch regengesättigter Erde und feuchter Luft. Über den schnell dahinziehenden Wolken werden kleine Fetzen des Himmels sichtbar. Wie Inseln liegen sie eingebettet in ein graues Meer. In dem kleinen Garten auf der windabgewandten Seite des Hauses, gebaut aus den Steinen der Gegend, stehen schon einige Rosen in Blüte. Eine Reihe hellblauer Hortensienbüsche schmiegt sich in die Ecke zwischen der Hauswand und der steinernen Treppe, die in einen windgeschützten Eingang mündet. Die schwere Holztür schwingt leise, vom Wind bewegt. Im Haus selbst ist es kühl. An den Abenden wird es noch so kalt, dass es notwendig ist, den mächtigen eisernen Ofen zu feuern, der im größeren der beiden Räume steht. Die Wärme breitet sich dann allmählich aus, aber die kleine Schlafkammer wird nie so richtig gemütlich warm. In der Küche hingegen sorgt der Herd für Behaglichkeit, und in der eingelassenen kupfernen Kasserolle dampft warmes Wasser. Der dunkle Eichentisch, dessen eine Schmalseite an die Wand zwischen den beiden Fenstern stößt, ist mit Papieren, Büchern und Tüten voller Lebensmittel bedeckt. Dazwischen stehen zwei blaue Steinguttassen mit Milchkaffeeresten und ein metallener Aschenbecher, in dem sich die Asche und die Reste zahlreicher Gauloises angehäuft haben. In einem kleinen Körbchen liegt ein halbes Croissant, daneben steht eine buntbemalte Schüssel mit Bananen und Äpfeln. In der engen Speisekammer, die sich an die Küche anschließt, räumt Ruth aus einer blauen Plastikkiste, die sie mit Anstrengung aus dem Kofferraum des Citroëns herausgehoben und ins Haus getragen hat, die eingekauften Lebensmittel in die staubigen hölzernen Regale. Sie spürt ein leichtes Ziehen in der Magengegend, das sich wie Hunger anfühlt, und überlegt, was sie gleich kochen wird. Ihre Hand gleitet über die Kartoffeln. Es wird wohl wieder ein Gratin mit einer Schüssel voll Salat dabei herauskommen. Viel Lust zum Kochen hat sie nicht, es ist so viel anderes zu tun, und die Zeit ist knapp. Als sie aus der Speisekammer wieder in die Küche tritt, fällt ihr Blick durch eines der beiden Fenster, und sie sieht mit einer tiefen Freude, dass der Himmel jetzt völlig leergefegt ist von den Gewitterwolken und in eben dem intensiven Blauviolett strahlt, das sie mit diesem Ort und keinem anderen verbindet, seit sie vor über sieben Jahren das erste Mal hierher kam. Sie tritt ans Fenster, öffnet die beiden Flügel und atmet die frische Luft ein. Der Wind hat nachgelassen. Sie steht und schaut, und jetzt, zum ersten Mal, seit sie vor zwei Tagen in Mezières angekommen sind, hat sie das Gefühl, zu Hause zu sein. Aber das stimmt ja gar nicht, widerspricht sie sich erschrocken in Gedanken. Monsieur Mathieu fehlt. Nichts stimmt mehr. Gleich am ersten Abend sind sie zu seinem Grab gegangen. Auf einem einfachen Holzkreuz lasen sie seinen Namen, sein Geburts- und Sterbejahr. Schweigend haben sie davorgestanden. In ihre Traurigkeit mischte sich ein Gefühl von Unwirklichkeit.

Ein Poltern vor der Tür unterbricht Ruths Gedanken. Sie dreht sich um und sieht Lilli mit einem Armvoll knorziger Holzstücke, die ihr bis fast unters Kinn reichen, vorsichtig durch die Eingangstür kommen. Lilli ist so auf die Last in ihren Armen und den Weg zum großen Ofen konzentriert, dass sie Ruth gar nicht wahrnimmt. Ihre kurzen blonden Haare stehen in alle Richtungen, ihre Jeans ist an den Knien fleckig, und in ihrem schwarzen Baumwollpullover hängen kleine Rindenstückchen und Gräser. Ruths Blick fällt auf Lillis große, kräftige Hände, die sie so oft in ihren Bewegungen auf dem Saxophon bewundert hat. Lilli leckt sich vor Anstrengung die Lippen. Sie wirft einen schnellen Blick auf Ruth und lächelt. »Gleich wird’s warm«, verspricht sie. Ruth schließt das Fenster, folgt Lilli aus der Küche ins Zimmer und schließt auch dort die Fenster. Dann kniet sie sich neben Lilli, die geschickt beginnt, das Holz in den großen Ofen zu schichten, ein Stück Zeitungspapier greift, es darunter legt und anzündet. Die Flammen züngeln am Papier empor und erfassen das Reisig, das darüber liegt.

»Hoffentlich reicht uns das Holz für die paar Tage, die wir hier sind«, sagt Ruth und sieht fasziniert in die Flammen. Lilli hat sich auf den Dielenboden vor den Ofen gesetzt und richtet den Blick unverwandt auf das Feuer. Ihr Gesicht und ihre Hände werden ganz heiß. Langsam lehnt sie sich ein wenig zurück, stützt sich nach hinten mit den Armen ab.

»Kein Problem«, meint sie sorglos. »Wenn nicht, organisieren wir uns welches.«

Minutenlang bleiben sie auf dem Fußboden vor dem knisternden und prasselnden Feuer sitzen. Jede hängt ihren Gedanken nach. Schließlich lehnt Lilli die beiden schweren Türen des Ofens an, ohne sie indes vollständig zu schließen. »So«, sagt sie zufrieden. »Ich räume jetzt ein bisschen auf, koche Kaffee, und du machst was zu essen, ja? Ich hab einen Wahnsinnshunger!« Lilli dreht sich nach Ruth um und lächelt sie an.

Von außen erweckt das graue Steinhaus mit dem Schieferdach den Eindruck eines riesigen zusammengekauerten Tieres, das mit seinem Rücken Wind und Unwetter von dem kleinen Garten abhält. Die rauhe, weitläufige Gebirgslandschaft bietet während der Sommermonate den Rinder- und Schafherden, die in den Garrigues und an der Küste kein Auskommen finden, Weide und Wasser. Heidekraut und Ginster, dessen blendendes Gelb von weitem leuchtet, wachsen überall. Im Sommer gibt es häufig Gewitter und plötzliche Wetterumschläge; die Winter sind lang und hart, mit Schneestürmen und Nachtfrösten bis in den April. Fast immer gibt es Wind, und an manchen Tagen ist der Himmel blauviolett.

Das Haus von Monsieur Mathieu sieht aus wie die meisten anderen Häuser des Dorfes Mezières, am nördlichen Rand der Cevennen im Département Lozère gelegen, dem Quellgebiet des Tarn. Auf halber Höhe zwischen dem Ortskern, der durch die schiefergedeckte Kirche mit dem niedrigen Turm und den von Kastanien gesäumten rechteckigen Rathausplatz markiert wird, und dem weitgestreckten flachen Granitrücken des Mont Lozère gebaut, bietet es aus den vorderen, dem Ort zugewandten Fenstern – also in nordwestlicher Richtung –, einen offenen Blick übers Land; auf der gegenüberliegenden, dem langgestreckten Hang zugewandten Seite des Hauses liegt ein kleiner, von Monsieur Mathieu liebevoll gepflegter Garten im Windschatten. Ein holpriger Weg, dessen Pflasterung durch den Frost immer wieder aufgebrochen ist und seit Jahren stets nur notdürftig erneuert wird, verbindet das Anwesen mit dem Dorf. In dem gepflasterten Hof, dessen graue Steine unter dem dichten Grasbewuchs fast unsichtbar geworden sind, überragt eine mächtige Kastanie den Dachfirst. Eine sechseckige hölzerne Bank umschließt den Stamm. An einem Brunnen mit einer inzwischen schwarz gewordenen gusseisernen Pumpe und einem windschiefen Schuppen vorbei verläuft ein kaum erkennbarer Weg hinters Haus, wo fünf, sechs ausgetretene steinerne Stufen zur Eingangstür hinaufführen. Links davon, hinter einer zweiflügeligen, mit Eisenbeschlägen versehenen Tür, liegt ein kleiner Keller. Vom Windfang aus, der den Hauseingang an der Ecke zum Garten schützt, betritt man das größere der beiden Zimmer. Das schwere dunkle Eichenbuffet nimmt beinahe die ganze rechte Wand ein. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand, deren beide Fenster den Blick auf den Hof, die Kastanie und in weiterer Entfernung den Ort freigeben, steht eine mit braun-rot gemustertem, durch die Jahre stumpf gewordenem Plüschsamt bezogene Chaiselongue. Ein zierlicher runder Tisch, unter dessen sandfarbener, spitzengesäumter Decke die geschwungenen Füße hervorsehen, befindet sich in der Mitte des Raumes, umgeben von drei verschiedenen Stühlen aus dunklem Holz. Ein Ohrensessel, mit demselben Plüschsamt bezogen wie die Chaiselongue, steht an der Wand links von der Eingangstür, und gleich daneben befindet sich der große gusseiserne Ofen. Rechts davon liegt Feuerholz in einem geräumigen alten Weidenkorb; links führt eine Tür in die Küche. Sie bildet das Herzstück des Hauses: mit dem Herd, dem langen dunklen Eichentisch, dessen Schmalseite an die Wand zwischen den beiden hofseitigen Fenstern stößt, den beiden dunklen Stühlen und der niedrigen Anrichte, daneben die Spüle und der Eingang zur Speisekammer. Der Dielenboden, den man im ganzen Haus findet, ist um den Ofen und den Herd herum durch Steinplatten ersetzt. Hinter der Küche befindet sich ein kleiner Flur mit zwei Türen, die linke führt zu dem kleinen Schlafzimmer, die rechte ins Badezimmer. Mit ihrem dunklen Holz lassen Bett, Kommode und die kleine Bank vor dem nach Nordosten blickenden Fenster die Schlafkammer eng und fast bedrückend wirken. Das Badezimmer hingegen wirkt größer als es ist mit seinen Kacheln, deren Cremeweiß unmittelbar über dem Fußboden und in Schulterhöhe durch eine umlaufende blaue Leiste unterbrochen wird. Der hohe Ofen, der mehr als drei Stunden braucht, um das Wasser für ein heißes Bad zu erwärmen, und die Wanne, deren Emaillierung an einigen Stellen abgesplittert ist, stehen auf leicht geschwungenen gusseisernen Füßen. Eine blau-weiß gestreifte Gardine weht durch das offene Fenster wie eine Fahne.

2

Nach dem Essen, als es bereits dämmert, gehen Lilli und Ruth ein Stück spazieren. Die Erde ist weich und nachgiebig unter ihren Schritten. Sie nehmen den Weg, der den langgestreckten Hang hinaufführt, zwischen den niedrigen Ginsterbüschen hindurch. Nach der anstrengenden Autofahrt von Berlin hierher in die Cevennen tut es gut, auf den vertrauten Wegen unterwegs zu sein, begleitet von den Geräuschen der anbrechenden Nacht, die Müdigkeit in den Gliedern zu spüren und anzukommen.

Anfang April hatte Ruth den Brief erhalten. Es war ein Brief aus Florac, Département Lozère, von einem Notar, Monsieur Hérault, dessen Name ihr nichts sagte. Nicht die vertraute, in großen Schwüngen den Umschlag bedeckende Schrift von Monsieur Mathieu. Allein das hatte gereicht, ihren Herzschlag für einen Augenblick ins Stocken zu bringen. Ruth hatte den Umschlag hin und her gewendet, ehe sie sich entschließen konnte, ihn zu öffnen. Monsieur Mathieu, so die lapidare Nachricht, sei am 15. März in seinem Haus in Mezières verstorben, das er seinen deutschen Freundinnen, Madame Siebert und Madame Lewinski, vererbte. Am 17. März sei er auf dem Friedhof von Mezières beerdigt worden. Um die Modalitäten des Erbes zu regeln, sei es erforderlich, dass Ruth und Lilli Monsieur Hérault aufsuchten und sich über ihre Pflichten und Rechte informierten. Monsieur Hérault wolle, so schrieb er in seinem korrekten amtlichen Französisch, sie gern beraten, was den Verkauf von Haus und Grundstück betraf. Er freue sich darauf, sie kennenzulernen, und sehe ihrer Antwort entgegen.

Seit sie Monsieur Mathieu damals kennengelernt hatte, hatte sich Ruths Leben von Grund auf verändert. So schien es ihr jedenfalls. Ihre sommerlichen Aufenthalte in Mezières, die Gespräche und Spaziergänge mit Monsieur Mathieu, das allmähliche Ineinandergreifen einer fernen Vergangenheit und ihres jetzigen Lebens, eine Verflechtung, die sie seitdem nicht mehr losgelassen hat – dies alles erlebte Ruth nun, den Brief von Monsieur Hérault in den Händen, wie in einem schnellen Flug rückwärts durch die Zeit, die seitdem vergangen war. Es kam ihr vor, nein, es war so, dass dieses eine Jahr, das jetzt sieben Jahre zurück lag, in ihrem Leben immer einen besonderen Platz einnehmen würde.

Nachdem Ruth den Brief aus Florac gelesen hatte, schien es ihr einen Augenblick lang, als stürze in ihr etwas ein, das sie für unzerstörbar gehalten hatte. War es wirklich so? Oder war jetzt, mit dem Tod von Monsieur Mathieu, etwas zu Ende gegangen, und etwas Neues würde beginnen?

Lilli, mit der sie seit einigen Jahren eine große, etwas heruntergekommene Wohnung in der Hagelberger Straße in Kreuzberg teilt, hatte gerade begonnen, mit ihrer Band, der Akkordeonistin Gabriella, dem Bassisten Robert und dem Gitarristen Leo ein neues Programm auszuarbeiten: eine wilde Mischung aus Tango und Jazz. Das meint jedenfalls Ruth. Seit sie Lilli kennt, ist es genau diese Art Musik, die Lilli zu immer neuen Stücken und Improvisationen inspiriert und ihrem Saxophon diese warmen, rauhen Klänge entlockt, die vor Lebendigkeit vibrieren.

Als Ruth, den Brief aus Florac in der Hand, in den Probenraum stürmte, waren die vier gerade dabei, El Pano Moruno zu spielen. Leos Freundin Beate hatte auf ihr Klingeln geöffnet und stand nun neben Ruth im Türrahmen, der zwecks Schallisolierung zwei Türblätter enthielt, eines davon dick gepolstert. Gelegentlich machte jemand einen Witz darüber, dass aus der einen Tür im Notfall schnell ein Gästebett werden könnte. Lilli wandte sich zur Tür um, und auf ihrem Gesicht spiegelte sich Unwillen ob der Störung. Wenn sie spielte, war sie hochkonzentriert und konnte alles um sich herum vergessen. Jetzt sah und spürte sie die Unruhe, die von Ruth ausging. Diese merkte, dass sie den anderen eine Erklärung schuldig war, und gleichzeitig kroch eine leise Scham in ihr hoch, weil sie mit ihrer ungeduldigen Aufgeregtheit die Arbeit der vier unterbrochen hatte.

Einen Augenblick lang erfüllte schweigendes Unbehagen den Raum, bis Beate schließlich mit weitausholender Geste auf Ruth wies. »Jetzt bist du dran!« meinte sie ein wenig schadenfroh und neugierig darauf, was nun kommen würde.

Die traurigen wie aufregenden Neuigkeiten erfuhr Lilli dann aber erst im nächsten Café. Auch sie hatte, wenngleich auf andere Art als Ruth, den wortkargen, dabei gastfreundlichen Pfarrer im Laufe der vergangenen Jahre ins Herz geschlossen, und sein Tod kam ihr trotz seines wahrhaft biblischen Alters – er war beinahe neunzig geworden – wie das jähe, dissonante Ende eines schönen Liedes vor. Monsieur Mathieu hatte, obwohl Lillis Französisch allmählich besser geworden war, mit ihr zusammen mehr geschwiegen als gesprochen. Manchmal hatte er sie gebeten, Saxophon zu spielen, und er mochte es, wenn sie selbstvergessen improvisierte. Es war auch vorgekommen, dass Lilli ihm wortlos bei der Gartenarbeit half oder sonst zupackte, wo irgendeine Last ersichtlich zu schwer für ihn war. Während der sommerlichen Aufenthalte in Mezières war Lilli manchmal ganz plötzlich ihre Zuneigung für diesen alten, immer kleiner und dünner werdenden Mann bewusst geworden. Am liebsten saß sie neben ihm auf der Bank, die er vor Jahrzehnten um den Stamm der alten Kastanie herumgebaut hatte. Ohne dass sie alles verstand, was er ihr, unterbrochen von längeren Pausen, aus Zeiten erzählte, in denen sie noch nicht geboren war, mochte sie es, dem Klang seiner Stimme nachzuspüren. Warf sie dann gelegentlich einen Halbsatz ein, korrigierte er sie hin und wieder beiläufig, ehe er antwortete oder fortfuhr. Auf diese Weise hatte Lillis Französisch zwar schon bald den unnachahmlichen Tonfall der Auvergne angenommen, ohne dass sich allerdings ihr Wortschatz und ihre sprachliche Gewandtheit wesentlich verbessert hätten. Aber das war sowieso eher Ruths Terrain. Lilli fand deren Ausdrucksweise manchmal etwas zu bemüht, zu prononciert; gleichwohl musste sie sich eingestehen, dass in ihre distanzierten Beobachtungen auch eine Spur von Neid einfloss.

Die steile Falte auf ihrer Stirn, die Lilli schon als Kind gehabt hat (wie sie von Fotos wusste), glättete sich, als sie hörte, dass Monsieur Mathieu seinen beiden Freundinnen aus Berlin seine Hinterlassenschaft zugedacht hatte. »Aber was wollen wir in Mezières ohne ihn?« dachte sie laut. Ihre Hand schob das Wasserglas auf dem chromglänzenden Tischchen herum. Ruth erwiderte nichts; wahrscheinlich ging ihr ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf. Lillis Kehle fühlte sich ganz trocken an; sie nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas. »Das heißt also, wir fahren demnächst runter, zu diesem Notar«, sinnierte sie weiter. Was sie nicht aussprach, waren die Überlegungen, die sich unweigerlich daran anschlossen. Noch vierzehn Tage, dann waren ohnehin Osterferien. Ärgerlich aber war: Sie musste die Probenarbeit für mindestens zwei Wochen unterbrechen; die anderen würden davon natürlich nicht begeistert sein. Robert, mit dem sie schon seit Jahren zusammen spielte, würde das wohl verstehen, er war inzwischen zu einem guten Freund geworden, aber Gabriella und Leo … Ruth würde natürlich nicht allein fahren wollen … und überhaupt wollte Lilli das auch gar nicht.

Als sie von ihrem Glas aufblickte, bemerkte sie, dass Ruth sie die ganze Zeit angeschaut hatte. Jetzt lächelte sie. Lilli gab sich einen Ruck. »Also los«, meinte sie energisch. »Auf jeden Fall können wir erst fahren, wenn die Ferien anfangen. Da wird es da unten noch ganz schön kalt sein … Und du, kannst du dir jetzt Urlaub leisten?«

Darüber hatte Ruth noch gar nicht nachgedacht. Fünf Jahre zuvor hatte sie sich Kontraste, einer Gruppe von sechs Fotografinnen und Fotografen angeschlossen, die sich in einem alten Fabrikgebäude am Südstern eine Etage mit Labor und Büro und gelegentlich auch Aufträge teilten. Durch einen Zufall – so erzählt Ruth die Geschichte – oder eben durch ihren beherzten Entschluss, den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen, wie Lilli meint, war Ruth damals zu den Kontraste-Leuten gekommen. Georg Landmann, ein Journalist, der für Reisemagazine arbeitete, brauchte kurzfristig jemanden für eine Reportage über die Cevennen. Er hatte sich an Kontraste gewandt, aber dort war niemand frei gewesen. Über eine Kollegin, die wiederum eine Kollegin von Ruth kannte, nämlich Rita, gelangte diese Anfrage zu Ruth. Ruth hatte, wie Rita wusste, von ihren sommerlichen Aufenthalten in der Auvergne und Exkursionen ins weitere Umland eine reiche fotografische Ausbeute mit nach Berlin gebracht. Ihren Vollzeitjob in dem Fotoatelier in der Bülowstraße hatte sie schon länger auf zwanzig Stunden reduziert, um sich eine Existenz als freie Fotografin aufzubauen – ein Vorhaben, das hauptsächlich mühsam und frustrierend war. Das Wort Freiheit bekommt eine mehr als zweifelhafte Bedeutung, wenn es im Zusammenhang mit freiberuflicher Arbeit gebraucht wird. Dies war eine der ersten Lektionen, die Ruth lernte.

Der neue Auftrag würde gut bezahlt werden, und er würde sie völlig außerhalb der Ferien nach Mezières führen. Weiter dachte Ruth zunächst gar nicht. Lange betrachtete sie diesen und jenen Abzug, ehe sie ihn für das Treffen mit Georg Landmann einpackte; Fotos von der Mexiko-Reise mit Andreas legte sie noch dazu – das Blau wird mir Glück bringen, glaubte sie in ihrer erwartungsvollen Aufregung. Als sie Georg dann die Fotos auf den Tisch legte, sah er Abzug für Abzug wortlos durch. »Gut«, meinte er dann knapp. »Wann fahren wir los?« Die Zusammenarbeit mit Georg wurde für Ruth zu einer wichtigen Erfahrung. Er hatte genaue Vorstellungen von dem Fotomaterial, das er für seine Reportage brauchte, und dann war es Ruths Sache, Ausschnitt, Perspektive und Komposition im Detail zu gestalten. Am Ende ihrer einwöchigen Tour hatten sie beide eine Art und Weise der Kommunikation entwickelt, die sich in ihrer Professionalität und ihrem respektvollen Umgang wohltuend von dem unterschied, was Ruth bei ihren freien Aufträgen bis dahin überwiegend begegnet war. Wenn Georg vor ihr stand, seiner Größe wegen leicht vornübergebeugt, mit den Händen gestikulierte und in schnellen, knappen Sätzen seine Gedanken zu einem Motiv vortrug, merkte Ruth, wie sich nahezu zeitgleich vor ihrem inneren Auge Bilder aufbauten, wieder auflösten, sich neu formierten, bis sie schließlich das sichere Gefühl hatte: So muss es sein. Die Ruhe und Sachlichkeit taten ihr gut, sie fühlte sich wohl.

Wenige Wochen nach diesem ersten gemeinsamen Projekt fragte Georg wegen einer Reportage über Lanzarote an, und längerfristig sollte sie überlegen, ob sie Zeit hätte für Recherchen in Barcelona und in Rotterdam. Da wurde Ruth klar, dass das eine einmalige Chance war, und sie griff zu. Jeannette und Axel, Freunde von Rita, die im Team von Kontraste arbeiteten, boten Ruth den Einstieg an. Ein eigenes Atelier mit Labor hätte Ruth sich nicht leisten können. Jetzt kündigte sie ihren bisherigen Job und kaufte sich bei Kontraste ein. In manchem Monat verdiente Ruth allerdings weniger als während ihrer Festanstellung. Aber jetzt – und das war die zweite Lektion – war ihre Freiheit nicht mehr nur eine halbe und deshalb keine, sondern ihr Leben kam ihr jetzt klarer und selbstbestimmter vor. Sie wollte nicht mehr vereinbaren, was nicht zu verbinden war, nämlich zugleich freiberuflich und angestellt zu sein. Jetzt lebte sie nicht mehr gegen Zwänge und Notwendigkeiten an, die sie unzufrieden und unglücklich machten, sondern im Einverständnis mit sich – auch wenn sie manchmal mit der notorischen Geldknappheit haderte. Wenn es allerdings wirklich hart auf hart käme, könnte sie auf das kleine elterliche Erbe zurückgreifen.

Konnte sie sich jetzt Urlaub leisten? Lillis Frage war nur zu berechtigt. Eigentlich nicht. Aber sie würde trotzdem mit Lilli nach Mezières fahren, das war klar.

Lilli war in Gedanken schon dort. Ihre graublauen Augen, die noch vor wenigen Minuten wie von einem Schleier überzogen gewirkt hatten, wurden klar. »Und wenn wir Glück haben und das Haus zu einem anständigen Preis verkaufen können, wird uns schon was einfallen, wofür wir das Geld gebrauchen können.«

Da zuckte Ruth leicht zurück. »Wie kommst du auf diese Idee?« fragte sie gekränkt. »So weit bin ich noch gar nicht. Ich möchte hinfahren. Möchte einfach dort sein.« Sie ließ den Kopf hängen. »Als wir im vorigen Sommer unten waren, kam es mir so vor, als wäre das mein zweites Zuhause. Und jetzt ist das vorbei.«

Lilli hielt die Luft an. War es denn nicht auch für sie so gewesen? Ja, es war eine Art Zuhause und ein vertrauter Ort, an dem sie beide den auf seltsame Weise bewahrten Spuren einer Vergangenheit begegnet waren, die sich mit ihrem wie mit Ruths Leben verbunden hatte. Eine Kette von Zufällen, Fundstücke, aus denen sich wie bei einem Mosaik erst allmählich in schöner Klarheit ein Bild zusammengefügt hatte, Fundstücke, aus denen sich schließlich Geschichten ergaben, von denen ihre eigene Geschichte ein Teil war. Siebeneinhalb Jahre ist das jetzt her.

3

Ein Berliner Winter mit Schnee und Matsch. Ruth ist froh, endlich wieder in ihrer Wohnung zu sein. Ihre Schuhe, an denen noch die Feuchtigkeit der Straßen klebt, lässt sie im Flur. Sie macht sich in der Küche schnell und ohne Licht eine Tasse Tee, mit der sie sich dann in ihren weichen Ledersessel am Erkerfenster des Wohnzimmers setzt. Ihr Blick geht unruhig hinaus, zum bereits fast völlig verdunkelten Himmel, vor dem sich die wenigen hell erleuchteten Fenster der Häuserfront auf der anderen Straßenseite abheben wie die Fensterchen eines Adventskalenders. Ruth steht auf, um eine CD von Misia einzulegen. Die melancholische Stimme erfüllt den Raum, und Ruths Herz kommt allmählich zur Ruhe. Müdigkeit und Erschöpfung ziehen sich in ihr zurück bis auf einen kleinen, harten Punkt in ihrem Inneren, die tiefe Traurigkeit der letzten Wochen und Monate breitet sich aus, und Ruth fühlt sich darin eingehüllt wie in einen warmen Mantel. Vertraut mit dem Schmerz hat sie ihn zu ihrem Verbündeten gemacht, sich ergeben in die abgründige Tiefe von Verlassenheit. Als sie wieder beginnt, ihre Umgebung wahrzunehmen, ist vor ihrem Fenster die Dunkelheit der Nacht aufgestiegen, und sie hat begonnen, sich in ihrer Verlassenheit zu Hause zu fühlen. Die Stille, die sie plötzlich wahrnimmt, stört sie; sie sehnt sich nach einer Stimme, die ihren Namen sagt. Ihr ist bewusst, dass dieser Wunsch jetzt und hier zu den unerfüllbaren gehört. Mit einem Ruck steht sie auf, holt ihre Tasche und beginnt den Packen von Briefen, den sie neben anderem aus der Wohnung ihrer Mutter mitgebracht hat, auf dem Schreibtisch auszubreiten. Ihre Hände streichen über die Umschläge, ihre Augen fangen an, die Briefmarken wahrzunehmen, den kühnen Schwung der Adresse; sie nimmt aus irgendeinem Umschlag mehrere Blätter heraus. Sie sind dicht beschrieben, das dünne Papier raschelt, die Schrift ist kräftig und ausdrucksvoll, einzelne Worte heben sich durch Unterstreichungen hervor. Ruth betrachtet die Briefe, die vor ihr liegen, und fühlt sich eingeladen, an diesem ihr fremden Leben teilzuhaben, aus der sicheren Distanz der Lesenden, die nicht gemeint ist, nicht gemeint sein kann.

Als sie in den vergangenen Tagen die persönlichen Unterlagen ihrer Mutter durchzusehen und zu sortieren begann, noch benommen von dem dumpfen Schmerz, waren ihr diese Briefe, sorgfältig gebündelt und hinter einer Bücherreihe im Schlafzimmer Hannas verborgen, gänzlich unerwartet in die Hände gefallen. Während ihrer Krankheit hat Ruths Mutter alle Zeit der Welt gehabt, das, was sie der Tochter überlassen wollte, zu ordnen und zu erklären. Manches Mal war es für Ruth unerträglich gewesen, die beinahe heitere Gelassenheit Hannas zu spüren, mit der sie sich auf den Tod vorbereitete und ihr Leben hinter sich ließ, als wäre es nur mehr eine vage Erinnerung. Es gab keine Geheimnisse und Unklarheiten in diesem Leben, alles hat offen vor ihnen beiden gelegen. Ruth war vertraut mit der Geschichte der Mutter, mit Kindheit und Jugend im großbürgerlichen Elternhaus, den Jahren der Berufstätigkeit in verschiedenen Bibliotheken und der Ehe mit einem Mann, ihrem Vater, der als Jurist aufsehenerregende Prozesse führte.

Diese Briefe, die nun lose ausgebreitet auf dem hellen Holz ihres Schreibtisches schimmerten, gehörten offenbar zu einem anderen Teil des Lebens ihrer Mutter; sie waren Fundstücke, die, von Hanna vielleicht aus Gedankenlosigkeit, vielleicht aber auch mit Bedacht zurückgelassen, nun in Ruths Hände gelangt waren. Allmählich erwachte sie aus ihrer Ratlosigkeit und begann zu lesen.

… eine wunderbare Nacht voller Sterne, und es ist mir unvorstellbar, wie jenseits dieses stillen Friedens Artilleriefeuer dieselbe Nacht gnadenlos zerfetzt 

… mein Heimweh ist grenzenlos, und ich weiß nicht, was ich heftiger vermisse, die ungeduldigen, derben Flüche der Zeitungsfrau am Nollendorfplatz oder Deine leisen Liebesworte, in meine Augen hineingesprochen wie einen Segen 

… warum kannst Du nicht das Geld bei Deiner Schwester leihen? Komm, komm doch, wie soll ich leben ohne Dich!

Ruth zieht die Hand von den Blättern weg, als habe sie sich verbrannt. Sie spürt dem Schrecken nach. Splitter aus einer Vergangenheit, an der sie keinen Anteil hat, liegen da vor ihr, ein Teil des Lebens ihrer Mutter, von dem sie keine Ahnung hatte. Konnten das Briefe ihres Vaters sein? Ruth sucht nach Ort und Datum und liest Paris, im Februar 1938 … Pamiers, 4. September 1940 … bei Pau, Juni 1942 

Eine Landkarte entsteht vor ihrem inneren Auge; sie weiß genug, um darin die Spur einer Flucht erkennen zu können. Aber wessen Flucht? Hanna, rekonstruiert sie, lebte damals in Berlin und war, Jahrgang 1918, eine ganz junge Frau gewesen und offensichtlich verliebt in einen Mann, den die Nazis zur Emigration gezwungen hatten. Ihren späteren Ehemann, Ruths Vater, hatte sie erst nach dem Krieg kennengelernt. Ruth »erinnert« sich an den Beginn dieser Liebe, an die viele Male erzählte Geschichte, so als wäre sie selbst dabeigewesen. Über frühere Liebesgeschichten ihrer Mutter hingegen hat Ruth nie etwas zu hören bekommen. So vorsichtig und listig sie auch danach fragte, Hanna gab stets nur vage Antworten. Ruth war neugierig gewesen wie die meisten Kinder. Wenn die Mutter ihr die langen dunkelbraunen Haare geduldig und behutsam kämmte und zu festen Zöpfen flocht, wenn Hanna sich den Korb mit Bügelwäsche vornahm und das Bügelbrett aufstellte oder wenn sie beide an Winterabenden gemütlich nebeneinander auf dem ausladenden weinroten Sofa mit den nachgiebigen Polstern saßen – das waren die Momente, in denen Ruth die Versunkenheit der Mutter in die jeweilige Tätigkeit geschickt nutzte, um »eine Geschichte von früher« zu erfragen. Dann erzählte die Mutter die eine oder andere kleine Begebenheit, zum Beispiel wie Hanna und ihre zwei Jahre ältere Schwester Marta den geschmückten Weihnachtsbaum beim Fangenspielen umwarfen und schreckensstarr zusahen, wie er umfiel – aber wie durch ein Wunder war keine einzige der hauchdünnen silberglänzenden Kugeln zerbrochen.

Als kleines Kind war Ruth wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass das Leben ihrer Eltern mit ihrem eigenen begonnen hatte. Ein Davor schien es nicht zu geben, und weder ihre Mutter noch ihr Vater hatten bereitwillig oder gern von ihrer eigenen Kindheit und Jugend erzählt. Als Ruth eingeschult wurde, zeigte ihr die Mutter ein Foto, wie sie selbst, eine große Schleife in den dunklen Locken und eine riesige Schultüte im Arm, mit ernstem, abwesendem Gesichtsausdruck am ersten Schultag auf der Treppe vor ihrem Elternhaus stand. Aber zu diesem kleinen, an den Rändern eingerissenen Foto gab es keine Geschichte. Erst später, da war sie schon erwachsen, brachte Ruth das Datum der Einschulung Hannas mit dem Unfalltod von Hannas geliebtem Großvater in Verbindung. Dieser war Anfang April 1924 von einem Ausritt im Tiergarten nicht zurückgekommen; man fand ihn besinnungslos neben seinem Pferd. Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, starb er wenige Tage später. Seiner Enkelin Hanna stand der Schock über den Verlust des Großvaters auf dem Einschulungsfoto ins Gesicht geschrieben. Doch die Mutter hat Ruth nie davon erzählt. Auch der Vater, obwohl von lebhafterem Temperament und schon von Berufs wegen wortgewandt, außerdem rhetorisch begabt, geriet höchstens anlässlich von seltenen Familienfeiern, bei denen Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen zusammenkamen, in jene heitere, gelöste Stimmung, in der dann Anekdoten in den immer gleichen Worten erzählt wurden. Ruth hat mit Neugier und Aufmerksamkeit zugehört, bis sie eines Tages merkte, dass alle diese Geschichten so festgefügt und blankpoliert waren wie das Medaillon ihrer Großtante Henriette. Wenn man es aufklappte, war ein kleines Foto drin, das einen ernst blickenden und sehr aufrecht stehenden Soldaten zeigte, der »gefallen« war. Über diesen Ausdruck hat Ruth als Kind oft nachgedacht.

Wenn der Vater von »früher« erzählte, kam es Ruth stets so vor, als sei dieses unbestimmte »Früher« ein großes dunkles Loch, in das alles Geschehene und Erlebte versunken war, und in dieser Vergessensdunkelheit lagen irgendwo die fertigen Geschichten und warteten darauf, dass man sie hervorholte. Wie ein unergründlicher, unerschöpflicher Schatz erschien Ruth diese Vergangenheit.

Je älter sie wurde, um so leerer und unzufriedener ließen sie diese Familiengeschichten, die, wenn sie einmal begonnen waren, sich gleichsam selbst erzählten. Als Jugendliche fragte sich Ruth manchmal, ob diese Anekdoten nicht wie eine spanische Wand waren, die mit ihren bunten, heiteren Bildern verstellten, was dahinter existierte. Mit solchem Argwohn, für den sie sich im Grunde ihres Herzens schämte, hatte Ruth schon früh die Erzählung vom Kennenlernen der Eltern bedacht. Die ging so: Bei einem Fastnachtsball im Februar 1946 hatte Hanna, im Kostüm einer ägyptischen Tänzerin, wozu sie die schwarzgelockten Haare und die mandelförmigen Augen als anmutiges Geschenk der Natur bereits mitbrachte, sich in einen Mann verliebt, dessen selbstbewusste Haltung sie beeindruckt hatte. Das war Lorenz Siebert. Sie tanzten und tanzten und ließen einander von dieser Nacht an nicht mehr los. Der unausgesprochene Titel für diese Geschichte war »Glück«. Hanna hat, wenn sie sie erzählte, stets hinzugefügt, wie froh sie war, dass sie ihren Mann nicht früher kennengelernt hatte. Mit wieviel Angst und Schrecken hätte sie seine Spur durch Frankreich, Belgien und die Niederlande bis in die Ukraine verfolgt! Aber das war ihr erspart geblieben.

Die glückliche Unbeschwertheit des Anfangs der Liebe ihrer Eltern hatte sich in den alltäglichen Mühen und kleinen Widrigkeiten des Lebens verbraucht. Die jahrelange Kinderlosigkeit der Ehe hatte Hanna, soviel wusste Ruth aus Andeutungen ihrer Tante Marta, schwer auf der Seele gelegen. Die unerwartete Geburt Ruths, der einzigen Tochter, hatte sie davon endlich erlöst. Ruths Kindheit war, noch in ihrem Empfinden als erwachsene Frau, von diesem Gefühl des Glücks, das sie für ihre Eltern bedeutete, getragen und eingehüllt. Erst als Jugendliche hatte sie gespürt, dass es auch eine Schwere gab in diesem Glück, vielleicht einen Schmerz, eine Traurigkeit, verborgen hinter der spanischen Wand der heiteren Erinnerungsbilder. Aber es gab keine Gespräche darüber, keine Erklärungen, auch nicht, als ihr Vater starb und die Mutter, weich geworden durch den Verlust, die Nähe Ruths suchte und oft von einem unbestimmten »Früher« erzählte. Ruth genoss diese Stunden, die sich meistens an ihr gemeinsames Teetrinken anschlossen, wenn Ruth manchmal am frühen Abend zu Besuch kam, abgehetzt von der Arbeit. Die allmählich einsetzende Dämmerung wirkte auf Ruth wie eine schützende Hülle, die die Außenwelt ausschloss und sie beide in einem unsichtbaren Raum zu Hause sein ließ. Ruth hörte dann einfach nur zu. Sie fragte nichts; sie hatte Angst, ein Wort von ihr könnte die wie zu sich selbst gesprochenen Erinnerungen der Mutter ein für allemal unterbrechen.

Die Liebe und Geborgenheit ihrer Kindheit und Jugend hatten nicht verhindern können, dass Ruth nach der Trennung von Andreas in einen Abgrund von Verlassenheit gefallen war, in den sie der Tod Hannas erneut zurückstieß, kaum dass sie wieder Boden unter den Füßen gespürt hatte. Manchmal, wenn Ruth in der Nacht nicht schlafen konnte, stellte sie sich vor, dass Andreas zu ihr zurückkäme, dass er sie in die Arme nähme, streichelte und küsste und alles wieder wäre wie damals. Diese Bilder wurde Ruth nicht los. Sie stellten sich ein mit einer Selbstverständlichkeit, als warteten sie darauf, dass Ruths Kopf leer würde von den Gedanken über den vergangenen Tag und ihnen Platz machte. So lebenswichtig, wie ihr zuvor die Liebe zu Andreas vorgekommen war, so lebenswichtig schien jetzt diese Sehnsucht danach zu sein, der Schatten, der geblieben war von der Liebe.

Ruth friert, aus Müdigkeit oder einfach aus dem plötzlichen Gefühl des Unglücklichseins, das sie mit Macht überfällt und lähmt. Die melancholischen Lieder Misias sind ihr auf einmal zu traurig. Ruth steht auf, geht hinüber zur Stereoanlage, nimmt ein paar CDs in die Hand, entscheidet sich dann für eine Brahms-Sonate, die sie besonders liebt. Sie spürt den Klängen der Geige und des Klaviers nach. Langsam geht sie durch die Flügeltür, die weiß schimmert, zu ihrem Bett, legt sich hin und wickelt ihre Beine in den langen weiten Wollrock wie in eine Decke. Sie schließt die Augen. Sie merkt nicht, dass sie weint.

4

Jana Solms wartet ungeduldig vor der Tür von Professor Böschenstein. In immer kleiner werdenden Abständen wendet sie die Augen von dieser Tür ab und dreht sich herum, so dass sie durch das gegenüberliegende Fenster in den Innenhof des Gebäudes schauen kann. Allerdings ist sie zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, um wirklich wahrzunehmen, was sie sieht: den kleinen, an den Rändern vereisten Teich, in dem moosbewachsene Steine liegen, die dürren, mit Schneeresten bedeckten Zweige der wenigen spillerigen Bäume, die verschneiten Plastikstühle. Sie sieht, was sie kennt; unzählige Male hat sie, vor Professor Böschensteins und anderen Türen dieser Universität wartend, die Einzelheiten des Blicks durch dieses und jenes Fenster studiert.

Schneller, als sie sprechen könnte, jagen sich Satzfetzen in ihrem Kopf. Endlich hat sie ihr Dissertationsthema gefunden. Sie kann es nicht erwarten, ihre Entdeckung dem Professor bildlich gesprochen auf den Tisch zu legen. In Erwartung seiner zurückhaltend und mehr gemurmelt als gesprochen ausgedrückten Anerkennung, die auch eine Anerkennung dafür sein wird, dass sie seine Unterstützung nicht wirklich braucht, sondern sich schon allein zurechtfinden wird. Janas Ehrgeiz war dahin gerichtet, über eine jener Autorinnen zu schreiben, die im Kanon der herrschenden Literaturgeschichte nicht vorkamen, weil sie als unbedeutend, ihre Texte als zu subjektiv, ästhetisch minderwertig, nicht repräsentativ für eine Epoche oder Stilrichtung galten – schreibende Frauen eben. In der literarischen Wertung unumstritten, was die Bedeutung ihres Werkes betraf, waren nur wenige Autorinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Anna Seghers, Ingeborg Bachmann oder Christa Wolf. Und selbst diese benötigten ein Beiwort, wenn von ihnen die Rede war: »die« Droste, »die« Bachmann … Sprach man hingegen über einen Autor, genügte ein einziges Wort, und alles war klar: Goethe. Brecht. Müller.

In einem der Seminare von Professor Böschenstein über Prosa aus der Weimarer Republik hatte Jana gleich in der ersten Sitzung kritisiert, dass keine einzige Autorin im Programm vertreten war. Auf die süffisante Aufforderung des Professors, doch mal wenigstens eine wirklich bedeutende Autorin zu nennen, sprudelte sie vier, fünf Namen hervor, von denen jeder einzelne, mit einem ebenso knappen wie vernichtenden Kommentar aus dem Munde des Professors bedacht, gleich wieder in der Versenkung verschwand, aus der Jana ihn hervorgezaubert hatte. Professor Böschenstein bildete in dieser Hinsicht übrigens keine Ausnahme am Germanistischen Institut. Im Unterschied zu anderen Studentinnen war Jana allerdings nicht so leicht zu entmutigen. Es interessierte sie, welche Perspektiven und Schreibweisen den Texten von Autorinnen eingeprägt waren, wie sie mit den überlieferten Motiven und Mustern umgingen, in welchen literarischen Formen sie ihre Erfahrungen gestalteten. Da gab es Neues, ganz Unbekanntes und Wesentliches für sie zu entdecken. Jedenfalls war es ihr gelungen, die müde Arroganz von Professor Böschenstein in einen enormen Energieschub zu verwandeln, der beinahe drei Wochen angehalten hat und nun, zu Janas unendlicher Zufriedenheit, zu einem, wie sie glaubt, beachtlichen Erfolg geführt hat.

Grete Herzberg, eine junge jüdische Autorin, hat sie »ausgegraben«. Mit ihrem ersten Roman, Unruhe, der 1931 erschienen war, hatte Herzberg die literarische Öffentlichkeit auf sich aufmerksam gemacht und den renommierten Kleist-Preis erhalten. Ein zweiter Roman, Stadt am Fluß L’Amour dans le Métro,