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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

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Augenblicke

 

 

K+S digital

Karen-Susan Fessel

Frühauff, Gronbach und Partner

Klar war das vorauszusehen. So was kann ja nicht gutgehen, und das wußte ich auch. Aber ich hab’s eben trotzdem getan.

Wer mit dem Feuer spielt, der kommt darin um, heißt es. Ich bin nicht darin umgekommen. Aber ich habe mich gehörig verbrannt.

Und trotzdem – ich würde es jederzeit wieder so machen.

»Gut«, sagte sie und klappte meine Mappe zu. »Sie möchten also unser Team komplettieren, Frau Schott.«

Die Art, wie sie meinen Namen aussprach, ließ mir einen kleinen Schauer die Wirbelsäule hinunterlaufen. Es lag eine gewisse Bestimmtheit in ihrem Tonfall, aber zugleich auch etwas Weiches, Verführerisches – so etwas wie das Schnurren einer Katze, die einen zum Streicheln auffordert und dennoch zum Kratzen bereit ist.

»Ja, das würde ich gern.« Ich sah ihr nicht ins Gesicht, sondern auf meine Mappe. Wenn ich sie ansähe, würde sie merken, was los war.

Ihre gepflegten Hände lagen ordentlich über der Mappe gefaltet. Sie hatte kurze, sorgfältig gefeilte Fingernägel. Während ich die perfekten runden Halbmonde betrachtete, ging mir auf, daß meine Chancen eventuell gar nicht so schlecht waren.

Frauen mit langen Fingernägeln sind schwerer rumzukriegen als Frauen mit kurzen. Das ist so. Ich weiß es. Frauen mit langen Fingernägeln sind einfach nicht gewohnt, andere Frauen zu berühren. Ich wette, sie denken noch nicht mal daran. Frauen mit kurzen Fingernägeln mögen vielleicht ebenfalls nicht daran denken, aber ich glaube, unbewußt sind sie eher dazu bereit.

Das alles ging mir durch den Kopf, während ich Dorothee Gronbachs gepflegte Fingernägel betrachtete. Und dann hob ich langsam den Blick.

Sie sah mich prüfend an. Und sie lächelte. Ganz leicht nur. Aber es war eindeutig ein Lächeln.

Sie drückte einen Knopf auf der Gegensprechanlage und beugte sich leicht vor, ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Ja?« flötete die Sekretärin aus dem Vorzimmer.

»Frau Holz, bitte seien Sie doch so nett und zeigen Sie Frau Schott ihren künftigen Arbeitsplatz.« Dorothee Gronbachs dunkle Augen glitten an meinem Oberkörper hinab und wieder hinauf. Ich wußte, daß mir mein weißes Hemd ausnehmend gut stand. Ich sah klasse aus, und das stellte sie offensichtlich in diesem Moment auch gerade fest.

»Aber natürlich, Frau Gronbach«, gurrte Frau Holz.

Meine neue Chefin richtete sich auf und faltete die Hände wieder über meiner Mappe. Aus den Augenwinkeln sah ich, daß ihre Daumen leicht über den glatten Pappdeckel strichen. Wieder rann ein Schauer meine Wirbelsäule hinunter.

»Ich freue mich«, sagte ich ruhig.

»Ich freue mich.«

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin nicht gerade die große Nummer in meinem Beruf. Ich vergesse ständig die neuesten wichtigen Paragraphen und Gesetzesänderungen, mir fallen selten konstruktive Vorschläge ein, und wenn, dann kann ich sie schlecht erklären und noch schlechter durchsetzen. Aber ich habe in Ermangelung einer besseren Idee nun mal Betriebswirtschaft studiert, und bis mir eine gute Alternative einfällt, bleibe ich wohl oder übel dabei. Außerdem hat der Job ja auch Vorteile: Ich verdiene nicht schlecht. Und ich komme ganz gut rum in der Gegend. Es gibt Fortbildungen und Strategieseminare und dergleichen, und viele, wenn nicht die meisten Aufträge kommen von außerhalb. Und außerdem lernt man manchmal hochattraktive Frauen kennen. Solche wie Dorothee Gronbach. Das mal ganz nebenbei.

Frühauff, Gronbach und Partner, Management Consulting GbR residieren in einem aufwendig restaurierten Jugendstilhaus neben dem Breitenbachpark und gelten als eine der nobelsten und angesehensten Firmen der Branche. Meinen ehemaligen Kommilitonen blieb fast die Spucke weg, als sie hörten, wo ich gelandet war. Ich für meinen Teil denke, ich habe den Job nur bekommen, weil ich zum richtigen Zeitpunkt anrief, ein gutes Zeugnis vorlegen konnte und Dorothee Gronbach gefiel. Das Zeugnis war übrigens selbst geschrieben, aber das wußte kein Mensch. Mein vorheriger Arbeitgeber war pleite gegangen, und kurz vor dem Konkurs hatte ich mir selbst ein Zeugnis ausgestellt und von Hübner unterschreiben lassen, der damals bereits vollkommen den Überblick verloren hatte.

Neben Dorothee Gronbach gab es noch zwei weitere Chefs, Herrn Frühauff, einen hochgewachsenen Mittfünfziger, der ausschließlich Armani-Anzüge trug, und Herrn Hauck, der seinen leicht ausgeprägten Klumpfuß offenbar durch besonders schnelles Gehen zu kaschieren versuchte. Herr Frühauff war nahezu ausschließlich im Außendienst unterwegs, und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn zu Gesicht bekam, grüßte er wortlos und bedachte mich mit einem ernsten, nachdenklichen Blick. Her Hauck wiederum schien sich nie so recht erinnern zu können, wer ich eigentlich war.

Obwohl ich offiziell eigentlich Herrn Frühauff unterstand, war Frau Gronbach diejenige, die mich eingestellt und eingeladen hatte, mich mit offenen Fragen an sie zu wenden. Ich hatte versichert, bei Bedarf darauf zurückzukommen. Und das würde ich auch mit Sicherheit tun. Ich mußte mir nur noch die passende Frage einfallen lassen.

Wenn Frau Gronbach im Flur an mir vorbeirauschte, hielt ich jedesmal für einen Moment inne, um mich zu sammeln. Ihr Parfum, das vielleicht eine Spur zu blumig duftete, aber dennoch gut zu ihr paßte, war so intensiv, daß ich es noch lange, nachdem sie einen Raum verlassen hatte, riechen konnte.

»Mein Gott, nun bleib doch nicht ständig einfach so stehen«, sagte Kolja, mein Schreibtischnachbar, eines Tages verärgert zu mir, nachdem er im Flur gegen mich geprallt war. Das war der Moment, in dem ich zu handeln beschloß.

Eigentlich bin ich der Meinung, daß man sich möglichst an seinesgleichen halten sollte. Vorausgesetzt, man weiß, wer seinesgleichen sind. Was mich angeht, zählte Dorothee Gronbach jedenfalls bestimmt nicht dazu. Sie war genau der Typ Frau, um den ich normalerweise einen großen Bogen mache: gutaussehend, schlank, mit langen Gliedmaßen, elegant gekleidet, äußerst gepflegt und ziemlich gesittet. Hinter einer derart ansprechenden Fassade vermute ich stets eine mehr oder minder ausgeprägte Biederkeit, die sich nicht zuletzt in einer Art geistigen Enge ausdrückt, und das stößt mich ab.

Aber bei ihr steckte etwas anderes hinter dieser Fassade, und ich wollte herausfinden, was. Ich wollte es nicht nur herausfinden – ich wollte es spüren. Und deshalb tat ich das, was ich tun wollte. Und das ist ein verdammt großer Unterschied zu dem, was ich tun sollte.

»Sie müßten sich in dieser Frage eigentlich an Herrn Frühauff wenden. Herr Frühauff ist für alle Klienten in Süddeutschland der maßgebliche Ansprechpartner, Frau Schott.« Dorothee Gronbach lehnte sich zurück und musterte mich, wieder ein unergründliches Lächeln auf den Lippen.

»Ich komme lieber zu Ihnen.« Ich saß leicht vornübergebeugt und grinste sie an. Voller Befriedigung sah ich, daß sie ein wenig errötete.

»Warum?«

»Aus persönlichen Gründen.«

Sie lachte auf, ein kurzes, glasklares Lachen, und mein Herz fing an, schneller zu klopfen.

Sie faßte sich schnell. »Ich beobachte Sie«, sagte sie leise. Ihre dunklen Augen fixierten mich scharf. »Ich beobachte Sie ganz genau.«

Es war ein heikler Moment, und ich ließ ihn langsam verstreichen. Ich saß einfach da, die Hände locker im Schoß, und erwiderte ihren bohrenden Blick. Ich war unangemeldet hereingekommen und hatte ihr eine fadenscheinige Frage im Hinblick auf einen Klienten gestellt, und wenn sie nicht völlig beschränkt war, mußte ihr klar sein, was los war.

Natürlich war sie nicht völlig beschränkt.

»Wissen Sie eigentlich, daß ich …« Sie zögerte kurz, dann fand sie das richtige Wort. »… daß ich liiert bin?«

»Das stört mich nicht«, sagte ich und grinste sie noch breiter an. Nach einer Weile grinste sie auch.

»Sie sind ziemlich zielstrebig, kann das sein?« fragte sie leise und klopfte mit ihrem Stift auf ihr Knie.

»Kommt ganz darauf an.«

»Und worauf kommt es in diesem Fall an?«

»Auf das, was Sie daraus machen.«

Sie warf den Stift auf den Tisch und verschränkte die Hände darüber. Mit hochgezogenen Brauen starrte sie mich an.

Es war dieser winzige Augenblick in der Schwebe zwischen lassen und tun. Ich hab’s getan.

»Auf Wiedersehen, Frau Gronbach«, sagte ich und stand langsam auf. »Ach ja – eins noch. Manchmal, wenn schönes Wetter ist, gehe ich nach Feierabend gerne die Hofmeisterstraße hinunter und quer durch den Park zum Anlegesteg. Nur so zur Information.«

Sie holte mich mitten im Park ein. Ihr erstauntes Lächeln, als sie mich begrüßte, schien so echt, daß ich für einen Moment irritiert war. Aber dann, als sie mich von unten herauf ansah, gewann ich die Fassung zurück.

»Erst einen Kaffee?« fragte ich.

Sie schüttelte einfach den Kopf, und ihre Augen leuchteten vor unterdrückter Erregung.

Der Fußweg vom Park zu mir nach Hause dauerte knapp zehn Minuten, und in diesen zehn Minuten sprachen wir kaum. Sie ging lässig neben mir her, mit weit ausholenden Schritten, wobei ich mich fragte, wie sie das schaffte, bei den hohen Absätzen. Einmal hörte ich sie leise vor sich hin summen, aber sie verstummte sofort, als ich ihr einen Blick zuwarf.

Sie schwieg, als ich die Haustür aufschloß, und sie schwieg auch, während wir die Treppe hinaufstiegen, ich vorneweg und sie hinter mir, und ihr Blick brannte Löcher in meinen Nacken.

Drinnen setzte sie sich auf das Sofa und verschränkte die Hände über den Knien, genauso souverän wie im Büro, und das gefiel mir. Ich bot ihr Kaffee an, den sie ablehnte, und Wasser, das sie dankend annahm, aber ich ließ sie nicht zu Ende trinken.

Ich nahm ihr das Glas aus der Hand, beugte mich vor und küßte sie, und die Heftigkeit, mit der sie mich ebenso unvermittelt an sich zog, brachte mich schlagartig aus dem Konzept. Sie riß mich an sich und warf sich rücklings aufs Sofa, und dann lag ich schon auf ihr. Ihre Hände zerrten an meinem Hemd, und sie stöhnte in meinen Kragen.

»Komm schon, komm!« murmelte sie und biß mich im nächsten Moment in den Hals. Ich mußte alle Kraft aufbieten, um sie festzuhalten, und einen Moment lang fragte ich mich, ob ich mich nicht überschätzt hatte. Ich hatte Dorothee Gronbach für sexy und attraktiv und eine potentiell heiße Nummer im Bett gehalten, aber sie war weitaus mehr. Sie war ein Orkan, der zunehmend an Intensität gewann und mich glatt überrollen würde, wenn ich nicht aufpaßte. Und das war leichter gesagt als getan.

Sie zog mich vom Sofa zu Boden, und als ich kurze Zeit später nackt über ihr lag, merkte ich, daß ihre Nägel doch nicht ganz so kurz waren, wie ich gedacht hatte. Es tat weh, als sie ihre Finger in meinen Rücken krallte, und als ich zusammenzuckte, lachte sie auf.

»Das hast du nicht erwartet, wie?« flüsterte sie, und so war es ja auch.

Als ich an diesem Abend erschöpft in mein Bett fiel, fühlte ich mich nicht gerade wohl. Mein zerkratzter Rücken tat mir weh, meine Armmuskeln zitterten, und überhaupt war mir flau zumute. Dorothee Gronbach hatte mich über alle Maßen strapaziert, sie hatte mich zu Höchstleistungen angespornt und gelacht, wenn ich schlappzumachen drohte.

»Du wolltest doch, oder? Dann mach auch«, sagte sie ein-, zweimal zu mir, und jedesmal rann mir ein Schauer den Rücken hinunter. Allerdings nicht vor Behagen.

Ich hatte mich tatsächlich überschätzt. Oder vielleicht hatte ich Dorothee Gronbach auch unterschätzt. Jedenfalls beschloß ich, als sie endlich gegangen und ich mit letzter Kraft in mein Bett gekrochen war, daß es bei diesem einen Mal bleiben sollte. Ich hatte bekommen, was ich wollte. Ich hatte das Spielchen gewonnen. Und das reichte mir.

Aber ihr nicht.

Am nächsten Tag bestellte sie mich ins Büro.

»Gehst du zu Frühauff?« fragte Kolja, als ich an seinem Schreibtisch vorbeiging.

»Nein«, sagte ich und hoffte, daß er mir meine Verlegenheit nicht ansah. »Zu Frau Gronbach. Frühauff ist doch verreist, oder?«

»Ich dachte, ich hätte ihn vorhin gesehen. Wie ist es, kommst du heute mal mit in die Kantine?«

Nahezu die ganze Belegschaft ging mittags in der Kantine des gegenüberliegenden Finanzamtes essen, aber ich war selten mit von der Partie. Das firmeninterne Geschwätz langweilte mich unsagbar. Mich interessierte einfach nicht, ob Frühauff Probleme mit seiner Frau hatte und was Haucks Sekretärin mit dem Abteilungsleiter Ausland trieb. Meistens sah ich nur aus dem Fenster, und wenn ich mal zuhörte, war mir kaum einer der Namen, die fielen, geläufig.

Aber diesmal nahm ich Koljas Einladung dankend an. Und sei es auch nur, um Dorothee Gronbach entfliehen zu können, falls nötig.

Mit langsamen Schritten ging ich aus unserem Büro hinaus, nickte Herrn Frühauff zu, der mir mit finsterer Miene aus dem Vorzimmer entgegenkam, und holte tief Luft, bevor ich zu Dorothee Gronbach hineinging.

Ich würde ganz ruhig bleiben, schwor ich mir. Ich würde mir anhören, was sie zu sagen hatte, ihr für die schönen Stunden danken und erklären, daß wir das Ganze am besten dabei belassen sollten und basta.

Und dann würde ich gehen.

Aber so einfach war es dann doch nicht.

Als ich die Tür zu Dorothee Gronbachs Büro öffnete, hockte sie gespannt hinter ihrem Schreibtisch und sah mir erwartungsvoll entgegen. Ihre Augen blitzten, als sie sich vorbeugte.

»Bitte die nächsten zwanzig Minuten nicht stören, Frau Holz«, sagte sie in die Sprechanlage, schaltete sie aus und stand auf. Sie ließ mich nicht aus den Augen, während sie begann, sich langsam die Bluse aufzuknöpfen. Ich sah, wie ihr BH zum Vorschein kam und der obere Rand ihres Slips, als sie den letzten Knopf ungeduldig aufriß.

»Komm her«, flüsterte sie drängend.

In diesem Augenblick hätte ich noch ablehnen können. Aber ich hab’s nicht getan. Weiß der Teufel, warum.

»Bist du sicher?« fragte ich vorsichtig.

»Halt den Mund und komm her«, sagte sie leise. Ihre Lippen waren feucht und glänzten, und als sie sich mit der Zunge darüberfuhr, setzte ich mich in Bewegung.

Noch während ich auf sie zuging, wurde mir klar, daß ich im Begriff war, einen Fehler zu machen. Dies hier war eine Nummer zu groß für mich. Das hier war ein Spiel, dessen Regeln ich nicht mehr bestimmte.

»Hör mal …« begann ich, aber dann verstummte ich wieder. Einen halben Meter vor ihr blieb ich stehen. Ich wußte nicht mehr, wie ich sie ansprechen sollte. Dorothee? Doro? Oder lieber Frau Gronbach? Für den Fall, daß die Sprechanlage doch noch an war?

»Mach dein Hemd auf«, sagte sie grob.

Ich erstarrte.

Sie trat einen Schritt nach vorn, packte mich am Kragen und zerrte mich zu sich heran. Reflexartig stieß ich sie weg. Ihre Hand zitterte unter meinem Griff, und auf ihren Wangen erschienen rote Flecken.

»Komm schon«, zischte sie. »Wir haben nur zwanzig Minuten.« Ihre dunklen Augen fixierten mich.

Ich wußte einfach nicht, was ich tun sollte, geschweige denn, was ich tun wollte. Der Unterschied hatte sich verwischt. Dorothee Gronbach war zweifellos eine heiße Nummer. Nur – mir war sie entschieden zu heiß.

Aber das sah sie anders.

»Komm schon«, zischte sie erneut, beugte sich vor und biß mich in den Hals, und ihr heißer, feuchter Mund auf meiner Haut machte mich wehrlos. Ich preßte sie an mich. Mit einer Hand fuhr ich unter ihren BH, mit der anderen in ihren Slip, und bereitwillig öffnete sie die Beine und schob ihr Becken nach vorn.

Ich bugsierte sie näher an den Schreibtisch, so daß sie sich abstützen konnte, und dann legte ich los.

Ich glitt so schnell und mühelos mit drei Fingern in sie hinein, daß sie nach Luft schnappte.

»Ja, mach«, keuchte sie und hob den Kopf. Ihre Augen waren wie dunkle, scharf geschliffene Pechsteine. Ich stieß zu, und dann noch mal, und dann ballte ich meine Finger zur Faust. Sie lachte, und dann zog sie ein Bein an, um mir Platz zu schaffen, und im nächsten Moment passierte alles auf einmal.

Dorothee Gronbach verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten, und mich zog sie mit sich. Mit einem Riesengetöse warfen wir den Schreibtisch, ein elegantes Chromgebilde, um. Die Glasplatte zerbrach zwar nicht, dafür aber die Lampe, die darauf gestanden hatte, und der Scherbenregen unterlegte das dumpfe Gekrache mit einem hellen Geklirr, in dem auch das Knallen der Tür unterging.

Als ich mich aufgerappelt und umgedreht hatte, stand ich Herrn Frühauff gegenüber. Hinter ihm lugte Frau Holz verwirrt in den Raum.

Dorothee Gronbach setzte sich schwer atmend in ihren Bürostuhl und zog ihre Bluse über dem offenen BH zusammen, ohne mich anzusehen. Herr Frühauff schwieg, während er das Chaos betrachtete und seine Augen schließlich auf seine Geschäftspartnerin richtete. Seine Lippen waren fest zusammengepreßt.

»Frau Holz«, sagte er schließlich, ohne sich zu ihr umzudrehen. »Seien Sie doch so nett und schließen Sie die Tür. Aber von außen.«

Frau Holz zuckte zusammen und zog leise die Tür hinter sich zu.

Dann herrschte Stille.

Ich als Kompagnon wäre in einer derart kompromittierenden Situation sofort wieder gegangen, um meine Partnerin nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, aber Herr Frühauff blieb da. Er starrte Dorothee Gronbach an, und sie starrte zurück. Keiner von beiden beachtete mich.

Ich stopfte mein Hemd in die Hose, so unauffällig wie möglich, und trat näher zur Tür.

»Frau Schott, Sie gehen am besten zu Tisch«, sagte Dorothee Gronbach schließlich. Herr Frühauff starrte sie immer noch an, und sie starrte immer noch unbewegt zurück. Die beiden schienen ihr ganz persönliches Ding miteinander laufen zu haben, und ich war heilfroh, daß ich mich davonmachen konnte. Obwohl ich fand, daß Dorothee Gronbach mich durchaus eines Blickes hätte würdigen können. Immerhin hatte sie mich ja quasi verführt, wenn man so wollte. Und ich wollte das so.

»Sag mal, hast du nicht eigentlich noch Probezeit?« fragte Kolja und biß in seine Ofenkartoffel.

»Ja.« Ich war gerade noch rechtzeitig gekommen. Die anderen aus unserer Abteilung waren schon in die Kantine gegangen, als ich aus Dorothee Gronbachs Büro gekommen war, aber Kolja hatte netterweise auf mich gewartet. Ich hatte allerdings keinen Appetit. Auf meinem Tablett stand nur ein Kaffee, und auch den hatte ich noch nicht angerührt.

Kolja unterdrückte ein Rülpsen. »Und – wie sieht’s aus? Möchtest du bleiben?«

»Och«, antwortete ich und sah aus dem Fenster. »Vielleicht.« Bis vor einer Stunde hätte ich diese Frage auf jeden Fall mit ja beantwortet, aber jetzt war ich mir nicht mehr so sicher.

Kolja kümmerte sich nicht weiter um meine vage Antwort. »Hast du Frühauff gerade gesehen?« fragte er weiter. »Mann, der hat ja gedampft.«

Frühauff war im Flur grußlos an uns vorübergestürmt. Schon der Gedanke an ihn machte mich nervös, und deshalb hob ich die Tasse und nippte am Kaffee, um mich abzulenken.

»Ich glaube, die haben einen heftigen Ehekrach«, sagte Kolja und schob sich ein Stück Kotelett in den Mund.

Ich verschluckte mich fast an meinem Kaffee. »Ehekrach? Wieso Ehekrach?«

Kolja blickte ungläubig auf. »Na, Frühauff ist doch mit der Gronbach verheiratet«, sagte er. »Wußtest du das denn nicht?«

»Wie … aber wieso heißt sie denn Gronbach?«

»Mein Gott«, sagte Kolja und sah mich mitleidig an. »Noch nie was vom neuen Namensrecht gehört, wie? Kann doch jetzt jeder bei der Heirat seinen Namen behalten. Na, ist ja der Hammer, daß du das nicht wußtest! Kommt davon, wenn du nie mit uns in der Kantine sitzt.«

Ich schluckte die Spitze, und dann stand ich auf und ging einfach weg. Meinen Kaffee ließ ich stehen.

Auf meinem Schreibtisch lag ein gelber Notizzettel: »Herr Frühauff wünscht Sie unverzüglich im Büro von Frau Gronbach zu sprechen.«

Die anderen waren alle noch in der Kantine. Leise schloß ich die Tür, setzte mich auf Koljas Platz, schaltete den Computer ein und fing an zu schreiben. Eine Viertelstunde später verließ ich das Büro. Meine Tasche nahm ich gleich mit.

Frühauff lehnte an der Wand, und Dorothee Gronbach saß mit gefalteten Händen hinter ihrem Schreibtisch. Von dem Chaos, das hier noch vor einer guten halben Stunde geherrscht hatte, war fast nichts mehr zu sehen. Der Schreibtisch war bis auf ein paar Kratzer an den Beinen unversehrt, die zerbrochene Lampe war fort und der Teppichboden ordentlich gesaugt.

Das Schweigen im Raum war so dicht, daß mir das Atmen schwerfiel.

Dorothee Gronbach wich meinem Blick aus. Ihr Haar saß nicht ganz richtig – die linke Außenwelle war verstrubbelt und am Ansatz ein wenig eingedellt –, und außerdem war es ihr nicht gelungen, sich wieder perfekt zu schminken. Ihr Lippenstift war am rechten Mundwinkel verschmiert, und wenn die Situation nicht derart angespannt gewesen wäre, hätte ich mit Sicherheit darüber gegrinst.

»Ich sehe, Sie haben Ihre Tasche dabei«, sagte Herr Frühauff.

»Da sehen Sie richtig.«

»Darf ich das so deuten, daß Sie Frühauff, Gronbach und Partner in beiderseitigem Einvernehmen verlassen?«

»Sie dürfen. Der Laden gefällt mir nicht, wissen Sie. Zu spießig hier.«

Frühauff sah säuerlich drein, aber ich ließ ihn links liegen und wandte mich Dorothee Gronbach zu. »Aber mit Ihnen, Frau Gronbach, hat’s Spaß gemacht.«

Als ich das Aufleuchten in ihren Augen sah, ahnte ich, daß die Ehekrise noch längst nicht vorbei war. Und selbst wenn, sie würde immer wieder aufflackern. Keine Ahnung, ob ich die erste für Dorothee Gronbach gewesen war. Die letzte würde ich mit Sicherheit nicht sein.

»Wenn Sie mir noch diese letzte Anweisung unterschreiben würden. Ich lege sie dann auf Kolja Michelbergs Schreibtisch.« Ich schob ihr das Blatt hin, und sie überflog den Text. Irritiert hob sie die Brauen, unterschrieb aber widerspruchlos.

An der Tür drehte ich mich noch einmal um. »Eins noch …«

Frühauff und Dorothee Gronbach sahen mich ausdruckslos an.

»Ihr Haar sitzt nicht ganz richtig, Frau … Frühauff.«

Letzte Woche haben Liebst & Renken mich eingestellt. Liebst & Renken gehören zu den renommiertesten Firmen der Stadt, und sie haben mich mit Kußhand genommen. Herr Liebst war sehr angetan von meinen Zeugnissen, vor allem von dem von Frühauff, Gronbach und Partner. Es ist in der Tat das beste Zeugnis, das ich mir je ausgestellt habe, und noch dazu ist es original unterschrieben. Dorothee Gronbachs Unterschrift ist ein wenig verwischt, genau wie ihr Lippenstift beim Unterzeichnen.

Meine neue Chefin, Frau Renken, habe ich noch nicht kennengelernt. Aber sie soll verdammt attraktiv sein – und ledig, wie meine Kollegen erzählen. Ich hab’ extra gefragt.

Dorothy Allison

Lesbische Gelüste

In dem Jahr, als die große Feministinnenkonferenz im Südosten stattfand, trabte ich Lee immer noch hinterher. Sie hatte uns freiwillig gemeldet, für die zweihundert Frauen, die erwartet wurden, zu kochen. Lee wollte, daß wir »gesunde Kost« anboten – ihre vegetarische Spaghettisauce, Vollkornnudeln und Salat aus frischem Gemüse. Als Zwischenmahlzeiten sollte es Granola-Müsli geben, frisches Obst und Erdnußbutter auf Siebenkornbrot. Zum Frühstück sollte ich in einem Zwanzig-Liter-Topf Hafergrütze kochen, obwohl Lee nicht sicher war, ob Margarine nicht vielleicht doch gesünder war als Butter und die meisten Frauen nicht vielleicht ohnehin Müsli wollten.

»Sie werden Donuts und Kaffee wollen«, sagte ich ihr rundheraus. Ich hatte die Vision, vor hundert zornigen Lesben zu stehen, die nach Kaffee und weißem Zucker schrien. Lee besänftigte mich mit Küssen und Mohnkuchen, aus glutenfreiem Mehl gebacken, und versicherte mir, daß es Spaß machen würde, mit ihr das Catering zu übernehmen.

In der Woche vor der Konferenz lief Lee von Kirche zu Campus und borgte riesige Töpfe, Siebe und Backbleche aus. Zehn Backbleche überzeugten sie davon, daß das zweite Mittagessen, das wir zubereiten mußten, Tofu-Lasagne mit Mozzarella aus entrahmter Milch und Bergen von Karotten sein sollte. Ich verbrachte die Woche in Jays Wohnung, saß vor dem Billardtisch und putzte Gemüse, schnippelte Karotten, Kartoffeln, Zwiebeln, grüne und rote Paprika, Lauch, Tomaten und Kürbisse. Das geschnittene Gemüse wurde in Vierzig-Liter-Müllsäcken verstaut und in Jays praktischer Gefriertruhe gelagert. Ich legte ein Tischtuch über den Billardtisch, um den grünen Filz zu schonen, und häufte in allen vier Ecken Gemüseberge an. Jeder von ihnen, der kleingeschnitten in einen Müllsack wanderte, war ein Sieg. Ich gewann die Gemüseschlacht, bis das Komitee, von Lee aufgescheucht, für Nachschub sorgte.

Ich trank Kaffee und hackte Karotten, aß Hühnchen-Pastete und schälte Kartoffeln, trank Eistee und schnippelte Paprika. Ich schälte Zwiebeln, hackte sie aber nicht, sondern warf sie in einen Zuber mit kaltem Wasser, damit sie sich hielten. Auf der Veranda hinter dem Haus fand ich ein Schlachtermesser und benutzte es, um die Zucchini und die Kürbisse zu zerkleinern; ich tat, als übe ich Karate und spalte Holzbretter.

»Bißgerecht«, ermahnte mich Lee im Vorüberhasten. »Alles soll bißgerecht sein.« Ich hätte am liebsten sie gebissen. Ich trank kalten Kaffee und warf die Tomaten, eine nach der anderen, in kochendes Wasser, um die Schale zu lösen. Andere Frauen sollten helfen, doch nur eine von ihnen tauchte auf, und sie ging nach Hause, als sie von den Tomaten Ausschlag bekam. Ich holte mir ein Bier, stellte das Radio laut, wechselte zwischen Rock’n’ Roll- und Country & Western-Sendern und sang mit, während ich schnitt.

Ich arbeitete in einem fort. Das einzig Eßbare im Haus war Gemüse. Ich wünschte mir eine Pizza vom Lieferservice, hatte aber kein Geld. Wenn ich hungrig wurde, aß ich Karotten auf Weißbrot mit Mayonnaise, Tomaten zwischen rohen Kürbisscheiben und Lauchstangen, die ich in ein Glas ungesalzene Erdnußbutter stippte. Ich kotzte dreimal, aber ich arbeitete weiter. Vier Stunden bevor die ersten Frauen eintreffen sollten, trug ich den letzten Riesenkorb voller Karotten in den Garten und versteckte ihn unter der Segeltuchabdeckung des Rasenmähers. Dabei lachte ich in mich hinein, schwankend, auf Gummibeinen. Lee fuhr mit zwei Frauen, die aus Atlanta gekommen waren und ihre Hilfe angeboten hatten, in einem geliehenen Pick-up vor. Eine der beiden Frauen erzählte beim Beladen des Wagens ausführlich von einer schleimfreien Diät. Ich ging ins Badezimmer, kotzte erneut und setzte mich anschließend einfach auf die Stoßstange in die Sonne, während die anderen drei den Wagen zu Ende beluden.

»Wirst du faul, Mädel?« neckte Lee mich. »Komm in die Gänge, wir müssen noch kochen.« Ich wischte mir über den Mund und stellte mir vor, wie ich sie unter einer Lastwagenladung Karotten begrub. Ich fühlte mich, als hätte ich Whiskey getrunken, doch mein Magen war leer und flach. Auf dem Weg zum Campingplatz der Pfadfinderinnen schien das schwarze Wagendach von der Sonne zu wogen und zu schwanken. Lee erzählte unablässig von der Küche im Camp, dem riesigen schwarzen Gasherd und den Kühlkammern.