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FRAUEN IM SINN

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Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationaler
Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,
historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen
rund um das lesbische Leben

Bitte besuchen Sie uns: www.krugschadenberg.de

Catherine Hall

Rückblende

Roman

Aus dem Englischen
von Andrea Krug

Krug & Schadenberg

Für Sandra D. – in Liebe

Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Danksagung

Die Autorin

Man findet es inmitten all dessen ebenso schwer, seine Worte zu setzen, wie seine Gedanken zu ertragen. Der Krieg hat die Worte erschöpft; sie sind geschwächt, sie sind verkommen … HENRY JAMES, 1915, Zeitungsinterview

»Will vom Krieg leben / Wird ihm wohl müssen auch was geben.« BERTOLT BRECHT, Mutter Courage und ihre Kinder

Eins

Suzie, ich glaube, ich habe ein Problem.

Ich bin nicht mehr in Kabul. Ich bin auch nicht in London. Ich bin in Brighton.

Problem hin oder her, es liegt ein Trost darin, an der äußersten Spitze von England zu sein, an der Küste, dort, wo Land und Meer aufeinandertreffen. Ich könnte meine genaue Position in einer Sekunde auf der Landkarte finden, und nach all den Zeiten, in denen ich keine Ahnung hatte, wo ich war, wo ich irgendwo feststeckte, wo es dunkel war und hoffnungslos und gefährlich, ist das eine echte Erleichterung.

Ich sitze in einem dieser altmodischen Korbsessel – Loom Chair heißen sie, glaube ich – auf einem Balkon. Nun ja, es ist nicht wirklich ein Balkon, sondern eine dieser innenliegenden Veranden, die man in Seebädern findet, wie Gewächshäuser kleben sie an der Wand, im ersten Stock. Eine gulkhana nennen sie es in Afghanistan, ein Blumenzimmer für die Damen, in dem sie sitzen und die Wintersonne genießen können, obwohl Blumenzimmer ein großes Wort für so einen kleinen Raum ist, eben groß genug für einen Sessel und einen kleinen Glastisch und Pflanzen, jede Menge Pflanzen, überall, sie hängen von der Decke, stehen in Töpfen auf jeder freien Fläche, klettern am Fensterrahmen hoch. Fast könnte ich meinen, im Dschungel zu sein, aber nach allem, was geschehen ist, lasse ich es wohl lieber.

Ich kann das irrwitzige Geglitzer des Palace Pier sehen, das auf das Wasser fällt und vom tiefschwarzen Meer zurückgeworfen wird. Warte, ich öffne eben das Fenster, ich möchte die Seeluft riechen, auch wenn es draußen eisig kalt ist. – So, sie strömt herein, als ob die Flut sie in die Wohnung triebe. Ich höre die Wellen brechen, beständig und besänftigend, ruhig.

Ich brauche ein wenig Besänftigung. Ich fühle mich seltsam heute, wie immer, wenn ich zurückkehre, gefangen zwischen unterschiedlichen Welten. Heute Morgen, hoch in den Bergen, hörte ich den Ruf zum Gebet, während ich meine Sachen packte. Jetzt wummernde Musik und die Rufe junger Leute, die in der Stadt unterwegs sind.

Meine Taschen liegen in der Ecke, wo ich sie fallengelassen habe, als ich hier ankam. Ich habe noch nicht ausgepackt. Das hat dich immer verrückt gemacht – stimmt’s? –, wenn ich nach Hause zurückkam und mein Zeug wochenlang in der Ecke lag und ich immer nur das rausgeholt habe, was ich gerade brauchte. Aber auch Geschenke, immer, für dich – darin zumindest war ich gut.

Ich weiß, es hat nicht viel Sinn, zurückzudenken. Ich weiß, dass wir nicht zu dem, was wir einmal waren, zurückkehren können. Doch ich wünschte, ich könnte ins Bett kriechen und meine Arme um dich schlingen und ich wüsste, ich wäre zu Hause.

Ich bin jedoch nicht zu Hause, wo immer das sein mag. Erinnerst du dich an Edith, meine uralte fabelhafte Großtante? Dies hier ist ihre Wohnung, direkt an der Strandpromenade von Brighton. Oder besser gesagt, das war ihre Wohnung – jetzt ist es meine. Sie hat sie mir hinterlassen, als sie starb, heute vor zwei Wochen. Ich wusste nicht, dass Edith Krebs hatte; ich hatte nicht gemerkt, dass etwas nicht stimmte, als ich sie das letzte Mal sah, damals im März. Dafür könnte ich mich jetzt noch treten. Als der Anruf kam, war ich noch in Afghanistan. Ich schaffte es nicht mal rechtzeitig zur Beerdigung – es passierte einfach zu viel. Üble Sachen diesmal, Suze, wirklich üble Sachen, was bedeutete, dass ich nicht wegkonnte.

Ich habe Edith geliebt. Sie hat mir meinen ersten Fotoapparat geschenkt, da war ich acht, um Aufnahmen von den Tieren im Londoner Zoo zu machen. Sie hat mir Geschichten erzählt von den Elefanten, die sie als junges Mädchen in Indien gesehen hatte, alle in zeremoniellen Farben geschmückt, die Köpfe bunt bemalt und Howdahs auf dem Rücken. Ich leckte mein Eis ganz langsam, fasziniert, und beobachtete, wie ihre Armreifen beim Reden klimperten.

Es ist merkwürdig, ohne sie in der Wohnung zu sein – sie passte so gut zu ihr. Jedes Stück Meißener Porzellan, der Perserteppich auf dem Boden, die Jadevase auf dem Sandelholztisch – all diese Dinge haben eine Geschichte, und dort, inmitten all dieser Dinge, saß Edith immer in ihrem Sessel, bereit, mir diese Geschichten zu erzählen, während wir Kaffee tranken, der in winzigen Espressotassen serviert wurde, die sie 1968 in Rom gekauft hatte, in einem Laden gleich um die Ecke der Via Condotti.

Sie rauchte zwei Zigaretten am Tag, eine nach dem Mittagessen und eine am Abend zu ihrem ersten Whisky, den sie ihren chota peg nannte, im Gedenken an ihre Jahre in Indien. Jetzt tue ich das Gleiche – zum Gedenken an sie. Ich habe mir von dem zollfreien Johnnie Walker eingeschenkt und mir eine Marlboro angesteckt.

Auf Edith: Möge sie in ihrem nächsten Leben ebenso außergewöhnlich sein, wie sie in diesem war.

Der Alk und die Ziggis wirken nicht so wie sonst immer. Mein Geist ist aufgewühlt, dreht alles um und um. Gewöhnlich schalte ich das Radio ein, wenn ich irgendwo neu ankomme, um ein Gefühl dafür zu kriegen, was los ist. Ediths alter Radioapparat steht auf dem Sideboard, versehen mit Haftstreifen für Radio 4 und den World Service, aber ich lasse ihn aus. Ich möchte nicht wissen, was in der Welt los ist, zumindest im Augenblick nicht.

Ich habe immer damit zu tun, mich neu zu sortieren, wenn ich von einem Job zurückkomme, aber diesmal fühlt es sich anders an. Afghanistan ist nicht der schlimmste Ort, an dem ich gewesen bin … nein, vergiss es – Kriege zu vergleichen ist sinnlos. Was ich meine, ist, dass die Gewalt sich nicht direkt vor mir abspielte. Krieg in Sierra Leone oder im Kongo ist manisch; in Afghanistan ist er mehr wie eine chronische Depression. Ich musste mich nicht vor Scharfschützen wegducken und traf auch nicht auf bekiffte Kids mit wilden Augen und Kalaschnikows. Es gab keine Berge von Leichen, die unter der Sonne verrotteten, keine Bomben, die die ganze Nacht hindurch einschlugen. Aber unter der Oberfläche ahnte man, dass die Dinge köchelten, eine dreckige, gefährliche Suppe, die jeden Moment überkochen und einen siedend heißen Schlamassel anrichten konnte.

Sie kochte über. Sie richtete einen Schlamassel an, der noch nicht beseitigt wurde. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Ich kriege es nicht aus dem Kopf.

Ich habe nach Ablenkung gesucht, habe herumgestöbert und versucht, mich davon abzuhalten, an all das zu denken. Auf einem der Bücherborde steht ein altes Holzkästchen, grob gezimmert und zwischen dem prachtvollen Porzellan und dem erlesenen Silber fehl am Platz. Ich erinnere mich nicht, es je zuvor gesehen zu haben. Vielleicht hat Edith es absichtlich für mich dort hingestellt.

Ich werde es öffnen, Suze. Schauen wir mal, was darin ist.

Gesagt, getan. Es riecht muffig, trocken, nach altem Papier und Tinte.

Ein brauner Umschlag ist herausgefallen, Fotos stecken darin, verblasste Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Ich lege sie auf dem Kaminvorleger aus.

Ein Gruppenbild: förmlich, Männer stehen vor einem indischen Palast, reichlich filigranes Dekor und ziselierte Säulen, Kuppeln, Türme und Minarette. Die Männer tragen Uniform und Turban, die langen Bärte sind sorgsam getrimmt. Sie gucken mit starrer Miene in die Kamera. Sie weisen Verletzungen auf: Beine in Gips, Arme in Schlingen. Manche haben überhaupt keine Beine oder Arme, bloß bandagierte Stumpen.

Eine Krankenstation: lange Reihen von akkurat gemachten Betten, in jedem sitzt aufrecht ein Soldat in weißem Pyjama und mit weißem Turban, passend zum Bettzeug.

Ein Operationssaal: eine Liege im Zentrum unter einer Deckenlampe, ein Waschtisch, Instrumente fein säuberlich ausgelegt, Flaschen mit Desinfektionsmittel auf einem Beistelltisch. Sieben Mitarbeiter in OP-Bekleidung. Allesamt Weiße, bis auf einen, der aussieht, als sei er Inder, wie die Patienten. Allesamt männlich, bis auf eine Frau: eine Krankenschwester.

Am unteren Rand dieses Fotos steht etwas geschrieben:

PAVILION HOSPITAL, BRIGHTON 1915.

In dem Kästchen befindet sich noch etwas – ein kleines Buch, in Leder gebunden, die Seiten gefüllt mit einer engen schwarzen Schrift.

Ich verspüre ein kleines Prickeln der Aufregung – wie immer, wenn mir eine Story begegnet.

Zwei

ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH

1. Dezember 1914

Mit großer Freude beginne ich dieses Tagebuch, das meinen Bericht über diesen Krieg darstellen wird. Ich gebe nicht vor, dass es mehr als das sein soll: Ich spreche nur für mich selbst, ich lege meine Eindrücke und Erfahrungen schriftlich nieder, damit ich in späteren Jahren zurückblicken und mich erinnern kann.

Es ist kein Zufall, dass ich jetzt beginne: Endlich habe ich einen guten Grund zum Schreiben. Morgen werde ich eine Stelle im ROYAL PAVILION antreten. Man könnte sich fragen, wozu an einem Ziel für Tagesausflügler Krankenschwestern benötigt werden sollten. Die Antwort lautet, dass es nicht länger ein Ausflugsziel ist: Der Palast ist jetzt ein Militärkrankenhaus.

Ich hatte das von Hugo erfahren; seine Pfadfindergruppe half letzte Woche beim Ausräumen, um Platz für die Betten zu schaffen. Voller Neuigkeiten kam er nach Hause. Anscheinend hatte der König höchstpersönlich den Bürgermeister angewiesen, ein Lazarett daraus zu machen. Für mich ist das Spannende daran: Die Patienten werden Inder sein – Soldaten, die für uns an der Front gekämpft haben.

Dies war die Ankündigung in der Gazette, die ich ausgeschnitten habe, um sie aufzubewahren:

Tapfere Soldaten aus unserer großen indischen Kolonie sollen nun, nachdem sie so edelmütig für ihren König-Kaiser gekämpft haben, in einem königlichen Palast im berühmtesten britischen Badeort versorgt werden. Es klingt wie ein Kapitel aus einem wundervollen Roman. Es wird der Welt beinahe unglaublich erscheinen. Es wird dem Brighton Pavilion einen Namen verleihen wie nie zuvor. Generationen noch ungeborener Brightoner werden staunen, wenn sie über diese Zeit lesen.

Natürlich habe ich sofort an Robert gedacht. Wenn ich einen Mann heirate, dessen ganzes Leben der indischen Armee gewidmet ist, wie könnte ich es besser nachvollziehen, als indem ich seine Soldaten pflege? Vielleicht stammen einige von ihnen sogar aus seinem Regiment, das erst letzten Monat den langen Weg von Bombay hierhergekommen ist. Als ich davon hörte, bin ich sofort hinunter zur Oberschwester geeilt und habe gefragt, ob mein Name ins Spiel gebracht werden könnte. Anfangs war sie zögerlich und meinte, es hätte einen furchtbaren Aufruhr wegen der ganzen Sache gegeben, aber nach einigem Zureden sagte sie schließlich, dass sie mich für eine Stelle vorschlagen würde, wenn Mama und Papa einverstanden wären. Als ich darum bat, schaute Mama besorgt drein und sagte, sie hoffe, dass die Patienten nicht in einem allzu schrecklichen Zustand seien, und Papa grunzte und raschelte mit seiner Zeitung und meinte, er sei stolz auf mich, weil ich in seine Fußstapfen träte.

Das tue ich natürlich nicht, denn er ist Chirurg und ich bin bloß Krankenschwester, aber ich freute mich trotzdem.

Ich habe beschlossen, es Robert noch nicht zu erzählen. Ich werde bis zu seinem nächsten Heimaturlaub warten. In unseren Briefen scheinen wir nie das ausdrücken zu können, was wir wirklich meinen, und er ist kein eifriger Schreiber, weshalb ich mich töricht fühle, wenn ich ihm Seiten um Seiten schreibe. Ich werde warten, bis er zurückkommt, dann habe ich mich im PAVILION eingearbeitet und kann ihm zeigen, was ich tue, anstatt zu versuchen, es mit Worten zu erklären.

Drei

Was taten sie hier, diese Soldaten? So weit weg von zu Hause kämpften sie in einem Krieg, der nichts mit ihnen zu tun hatte. Ich vermute, das ist gar nicht so ungewöhnlich. Arme Männer lassen sich immer anheuern – ich habe genug Zehn-Dollar-Taliban gesehen, um das zu wissen. Ich frage mich, was sie davon hielten, zur Genesung in einem Königspalast untergebracht zu sein. Wie seltsam muss ihnen das erschienen sein, vielleicht aber auch nicht seltsamer als die Schützengräben an der Front.

Ich fühle mich auch seltsam, ich kann nicht aufhören, an Kabul zu denken. Heute Morgen beschloss ich, einen Spaziergang zu machen, um den Kopf freizubekommen. Ich zog eine alte Jeans an und meine dicken Stiefel, mummelte mich mit Schal und Handschuhen warm ein und machte mich auf den Weg zum Strand. Der kalte Wind, frisch und salzig, traf mich wie eine Ohrfeige. Mit knirschenden Schritten ging ich über die Kieselsteine, froh, dass es kein Sand war, froh über vieles, froh, nicht um Erlaubnis bitten zu müssen, dort zu sein, nicht von neugierigen Augen angestarrt zu werden, einfach gehen zu können, ohne zu denken, und nicht fürchten zu müssen, in die Luft gesprengt zu werden.

Ich rauchte, während ich ausschritt, wie immer, und dachte an dich. Weißt du noch, wie ich immer gesagt habe, es sei keine Sucht und dass es dort, wo ich arbeitete, praktisch ein Erfordernis sei? Zigaretten sind Schmiergeld, wenn du einen Kontrollpunkt passieren willst. Wenn die Scharfschützen aussetzen und du deinen nächsten Schritt planst, füllt eine Kippe die Pause. Soldaten wollen etwas zu tun haben, während sie auf die nächste Ansage warten. Die fünf Minuten, in denen man zusammen raucht, ist man fast einer von ihnen.

Du wolltest nichts davon hören. Du sagtest, ich sei eine elende Süchtige, die das Rauchen nicht aufgeben wolle, und das seien alles nur Ausreden und am Ende würde es mich umbringen. Du hattest natürlich recht, aber es war schwer, viel darum zu geben. In einem Kriegsgebiet denkst du nicht groß an deine langfristige Zukunft.

Am Strand habe ich auch nicht an meine Zukunft gedacht. Ich dachte an die Vergangenheit, als du mich nach Madrid mitgenommen hast, um mir Goya im Prado zu zeigen, weil er – wie du sagtest – mehr über den Krieg gewusst habe als jeder andere Maler. Wir gingen durch kühle Korridore, eine sanfte Mai-Brise wehte durch die offenen Fenster herein. Wir hatten den Morgen zwischen gestärkten Laken im Bett verbracht, Kaffee getrunken und uns gegenseitig mit Orangen gefüttert. Ich konnte ihren Saft noch auf deiner Haut riechen.

Als Erstes hast du mir Die Erschießung der Aufständischen gezeigt, El tres de mayo de 1808. Ich stand da und betrachtete die riesige Leinwand, ein Erschießungskommando, die Gewehre auf einen hell ausgeleuchteten Mann gerichtet. Er sah ihnen entgegen, auf den Knien aufgerichtet, die Arme ausgebreitet wie Christus am Kreuz. Vor ihm auf dem Boden einige Leichen, an seiner Seite weitere Gefangene, voller Panik, weil sie wussten, was als Nächstes kam. Den Ausdruck auf ihren Gesichtern kannte ich nur zu gut.

»Wenn ich das fotografiert hätte«, sagte ich, »hätte ich mich fragen müssen, ob ich nicht zu nah dran war und sie das Ganze für die Kamera inszenierten.«

Du hast nichts gesagt, hast bloß genickt und mich zu seinen Schwarzen Gemälden geführt, die er direkt auf die Wände seines Hauses gemalt hat, kurz nach den Napoleonischen Kriegen, als er fast wie ein Einsiedler lebte. Er hatte Angst, wahnsinnig zu werden, und als ich diese vierzehn Bilder sah – Saturn, der seinen Sohn verschlingt, Bauern, die mit Knüppeln aufeinander losgehen, eine Enthauptung, ein Hexensabbat, alles in Schattierungen von Schwarz und schlammigem Braun –, begriff ich, warum.

»Werde du nicht so verrückt«, hast du mir ins Ohr geflüstert.

»Nein«, erwiderte ich. »Das werde ich nicht.«

Ich stand am Meeresufer, sann nach, rauchte und schaute zurück auf die Strandpromenade. Kabul ist braun, tausend Schattierungen von Wüstenstaub. Als ich das erste Mal dort war, lag ich abends im Bett, konnte nicht schlafen und hörte das Krachen und Bersten der Luftangriffe, und ich spielte unser Spiel, bei dem wir darum wetteiferten, alle Wörter aufzuzählen, die wir für eine Farbe kannten.

Schokolade, Khaki, Maus. Kastanie, Haselnuss, Beige. Ocker, Kupfer, Bronze.

Brighton ist weiß (Kreide, Käse), vom Schaum der Wellen bis zu den schmutzigen Möwen und den abblätternden Regency-Villen – und heute sogar der Himmel. Ich wanderte den Strand entlang, bis zu dem Abschnitt, der für Nudistinnen und Nudisten reserviert ist. Ein alter Mann saß in einem Liegestuhl, nackt bis auf ein Paar Flip-Flops, abgeschirmt durch einen gestreiften Windschutz, der in der Brise knatterte. Er fing meinen Blick auf, als ich vorüberging.

»Ein schöner Tag dafür«, sagte er.

Und plötzlich war es ein schöner Tag. Ich liebte den Mann und seine unbekümmerte Nacktheit. Als ich in die Wohnung zurückkam, schaltete ich den Gaskamin ein, höchste Stufe, und zog mich komplett aus. Ich holte Elizabeths Tagebuch hervor, setzte meine Sonnenbrille auf und ließ mich in dem Korbsessel in der gulkhana nieder, die Füße auf einem marokkanischen Lederpuff, las und griente vor mich hin und spürte die Wintersonne auf meinem Körper, einfach weil ich es konnte.

Vielleicht wird alles gut, Suze. Vielleicht werde ich nicht verrückt, wie ich es dir in Madrid versprochen habe. Vielleicht wird auch mit mir alles gut.

Vier

ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH

5. Dezember 1914

Unsere ersten Patienten sind gut untergebracht.

Es sieht ganz anders aus als bei meiner Pflegevorführung vor einigen Wochen. All die schönen Perserteppiche sind entfernt und durch ziemlich tristes khakifarbenes Linoleum ersetzt worden. Im Bankettsaal und im Musikzimmer wurden Bretter an den Wänden angebracht, um die Tapeten zu schützen, und die Vorhänge wurden abgenommen. Es ist viel praktischer, schätze ich, aber ich vermisse die phantastischen Drachen und die lebensgroßen chinesischen Figuren, die aussehen, als würden sie im Mondschein über die Wände spazieren.

Die Küche wurde in einen Operationssaal verwandelt. Nicht dass ich damit viel zu tun haben werde. Als wir uns zum Dienst meldeten, sagte Colonel MacLeod, unser kommandierender Offizier, dass alle medizinischen Behandlungen von britischen Ärzten und einigen Chirurgen vom Indian Medical Service durchgeführt werden würden, assistiert von indischen Ärzten und Medizinstudenten, die hier studierten, als der Krieg begann.

Uns Krankenschwestern, die Queen’s Nurses, erwähnte er mit keinem Wort. Nach einer Weile konnte ich mich nicht länger zurückhalten und hob die Hand, um nachzufragen. Der Colonel runzelte die Stirn und sagte, man habe beschlossen, dass Engländerinnen nicht in der Pflege tätig sein sollten. Ich wartete auf eine Erklärung, aber er nickte nur, als wäre es damit erledigt. Ich war nicht kühn genug, noch einmal nachzufragen, aber während er fortfuhr, das Krankenhausprotokoll zu erläutern, ging es mir nicht aus dem Kopf, und so folgte ich ihm hinterher in sein Büro.

Ich sagte ihm, dass es mir furchtbar leidtäte, aber dass ich nicht verstünde, was er gemeint habe, denn die Krankenpflege sei schließlich das, wofür wir ausgebildet worden seien. Er schaute mich unter seinen großen weißen Augenbrauen hinweg an und erwiderte, dass es sich nicht schicken würde. Als ich fragte, warum nicht, räusperte er sich umständlich und meinte dann, ich müsse doch verstehen, dass Indien eine unserer Kronkolonien sei und die Bevölkerung daher unter unserer Herrschaft stehe.

Ich sagte, ich wüsste nicht, was das damit zu tun habe, woraufhin er sich erneut räusperte und erklärte, dass die einheimische Bevölkerung in Indien nie von Engländerinnen gepflegt würde, weil sich ein so »vertraulicher Umgang« nicht zieme, und deshalb würden die Queen’s Nurses nur die Aufsicht führen und die Pfleger anhalten, die »höchsten Standards einzuhalten«.

Abschließend sagte er dann sehr bestimmt, wenn ich mit dieser Sachlage nicht glücklich sei, möge ich ihm das lieber gleich sagen, ehe die Patienten kämen.

»Ich … nein, ich bin glücklich«, erwiderte ich.

Das stimmte natürlich nicht. Ich ging schnell fort und war ziemlich verärgert. Es ist wirklich ein gehöriger Schlag. Ich verstehe einfach nicht, was daran unschicklich sein soll. Wie Papa immer sagt: Auf dem Operationstisch sind wir alle gleich. Wenn Robert nicht wäre, wäre ich versucht, in eines der anderen Krankenhäuser zu wechseln, wo ich wirklich von Nutzen sein könnte, aber ich möchte so gern etwas von seiner Welt erfahren, und deshalb beschloss ich, mir auf die Zunge zu beißen und das Beste daraus zu machen.

Heute Morgen bin ich zum Bahnhof gegangen, um unsere Patienten vom Lazarettzug abzuholen. Es war ein trostloser Tag, es regnete seit dem Morgengrauen, und die Straßen waren voller Schlamm, und es tat mir leid, dass dies ihr erster Eindruck von unserer Stadt sein würde, obwohl ich annehme, dass für diese armen Männer jeder Ort besser ist als der, wo sie gerade herkommen.

Zur Begrüßung hatte sich eine Schar wohlgesinnter Menschen eingefunden, die sich unter ihren Regenschirmen vor dem Bahnhofsausgang drängten. Als die ersten Krankenbahrenträger auftauchten, setzte ein Augenblick des Schweigens ein, ungeplant, aber von allen eingehalten – ein Zeichen des Respekts für die Tapferkeit der Soldaten und für das, was sie erlitten hatten. Dann folgten Jubel und Applaus, worüber ich mich gefreut habe, denn die Männer sind so weit weg von zu Hause und es ist schrecklich wichtig, dass sie sich willkommen fühlen.

Die Männer waren in einem furchtbaren Zustand. Mehr als die Hälfte von ihnen musste auf Bahren getragen werden, die anderen humpelten auf Krücken oder taumelten mühsam voran, die Arme um ihre Kameraden geschlungen. Sie sahen erschöpft aus, als wären sie am Ende einer sehr langen Reise angekommen, was natürlich auch der Fall war: eine endlose Reise über den Indischen Ozean, dann zum Kampf hinein in die Schützengräben in Nordfrankreich; dann, wenn verwundet, wieder hinaus in die Feldlazarette und dann in einen Zug und dann auf ein Schiff, um den Kanal zu überqueren, dann in einen weiteren Zug nach Brighton, Endstation der Strecke.

Es war ein seltsamer Anblick; sie sahen so – nun ja – sehr fremd aus. Der einzige Inder, den ich vor dem heutigen Tag je gesehen hatte, war Mowgli in dem Bilderbuch, das ich als Mädchen besaß, aber hier waren nun gut zwei Dutzend von ihnen, die langsam den Weg über den windgepeitschten Bahnsteig zurücklegten. Das Erste, was mir auffiel, waren viele ziemlich große Schnäuzer und Bärte, lang und schwarz, und dunkle Augen unter sorgfältig gewickelten Turbanen. Einige der Männer waren sehr groß und elegant in der Art, wie sie sich trotz ihrer Verletzungen hielten; andere waren klein, ohne Schnäuzer oder Bärte, und sahen furchtbar jung aus.

Wir brachten sie in Sanitätskraftwagen zum PAVILION, WO die Pracht ihrer Umgebung sie noch zerlumpter erscheinen ließ. Ich kann nun in aller Aufrichtigkeit sagen, dass ich den berüchtigten Schlamm der Westfront gesehen habe: blassbraune, klebrige Klumpen, die an ihren zerfetzten Uniformen und Stiefeln hafteten. Die Männer rochen dumpfig und nach altem Schweiß, ihre Finger waren schmutzig, die Nägel lang und verkrustet. Als ich sah, wie sie sich kratzten, vermutete ich Läuse. Die Aufwärter hatten schon in der Morgendämmerung begonnen, Wasser für ihr Bad zu erhitzen, und ich kann mir die Erleichterung vorstellen, die sie empfunden haben müssen, als sie sich hineingleiten ließen. Ihre Uniformen wurden in den hinteren Teil des Gebäudes gebracht und verbrannt.

Danach ging es darum, ihre Verletzungen so gut wie möglich zu versorgen, und dann brachten wir sie zu Bett, woraufhin sich Stille über den PAVILION senkte, so als ob wir alle, Patienten wie Personal, einen Moment der Ruhe brauchten.

Ich stand im Musikzimmer und schaute zu den außergewöhnlichen Kronleuchtern hinauf, die wie riesige umgedrehte Blumen aussehen, mit gemalten chinesischen Figuren auf jeder einzelnen Glasscheibe. Sie glitzern und funkeln wie magisch und hängen an einer Decke aus Tausenden von goldenen Blättern. Ich glaube, es ist wunderbar für die Patienten, im Bett zu liegen und zu ihnen hinaufzublicken.

Einer der indischen Ärzte sah, wie ich nach oben schaute. »Das sind Lotosblumen«, sagte er.

»Tatsächlich?«, erwiderte ich.

»Ja, sie sind sehr bedeutsam für uns.«

»Für uns?«

Er hüstelte ein wenig. »Inder.«

»Ah.«

»Sie stehen für Reinheit und Ehre.«

»Wie schön«, sagte ich. »Haben Sie –«

In diesem Augenblick stieß einer der Männer ein schreckliches Stöhnen aus, und ich eilte zu ihm. Als ich wieder aufblickte, war der Arzt verschwunden.

Ich könnte es nicht ertragen, wenn Robert so enden würde wie diese Männer hier. Auf dem Heimweg ging ich über die Strandpromenade, lehnte mich an das Geländer und schaute über den Kanal nach Frankreich hinüber, zu ihm hinüber, weniger als hundert Meilen entfernt. Ein starker Wind wehte vom Meer landeinwärts, und ich stemmte mich dagegen und atmete die salzige Feuchtigkeit ein. Plötzlich traf es mich, herbeigetragen vom Wind: ein fernes Grollen, gefolgt von einer Explosion, und ich begriff, dass ich die Kanonen des Schlachtfeldes hörte. Ich lauschte erneut auf das schreckliche krachende Geräusch und erschauderte, denn ich wusste, dass jede dieser Explosionen die sein konnte, die Roberts Leben ein Ende setzte.

Fünf

Ich komme mir ein bisschen lächerlich vor, Suze. Mir scheint, als hätte ich zu früh verkündet, dass es mir gut geht. Es war ein herrlicher Morgen, so klar, dass ich vom Fenster aus fast bis nach Frankreich gucken konnte. Die Leute lächelten, während sie die Strandpromenade entlangspazierten; Kinder spielten auf der Minigolfanlage, Hunde jagten am Strand Stöckchen nach, ein Schwarm Kanuten hüpfte auf den Wellen. Sogar die Vögel amüsierten sich, sie kreisten hoch am Himmel und krächzten laut, als ob sie mitreden wollten. Ich wusste, dass ich raus musste – die Lebensmittel, die ich in dem Laden am Flughafen gekauft hatte, waren alle, und ich war hungrig, richtig hungrig zum ersten Mal seit Wochen. Ich musste bloß meinen Mantel anziehen und zur Tür hinausgehen, aber ich konnte nicht.

Und weißt du, warum nicht? Weil ich Angst hatte.

Ich weiß, es ergibt keinen Sinn: Josephine Sinclair, preisgekrönte Kriegsfotografin, unfähig, das Haus zu verlassen? Ich habe die letzten fünfzehn Jahre damit verbracht, die schlimmsten Orte der Welt aufzusuchen, Orte, wo Angst zu haben heißt, am Leben zu bleiben, wo Angst die einzige Reaktion ist, die Sinn ergibt. Wenn ich dort bin, kann ich es ertragen. Ich bin an Scharfschützen vorbeigerannt, tief geduckt, um nicht getroffen zu werden. Ich habe in Schützengräben neben Soldaten geschlafen, ohne zu wissen, ob wir die Nacht überleben würden. Ich bin mit Minen übersäte Straßen entlanggegangen, Schritt für behutsamen Schritt, und habe zu Gott gebetet oder welch höhere Macht auch immer da draußen sein mag, dass ich keine auslöse. Jedes Mal ermesse ich die Angst, bezwinge sie, damit ich funktionieren kann. Aber heute – ein absolut wunderschöner Tag in Brighton – gelang mir das nicht.

Ich versuchte, rational zu sein, die Risiken abzuwägen, Szenarien durchzugehen, mir selbst zu versichern, dass sie nicht eintreten würden, und mich daran zu erinnern, was ich in all den Kursen gelernt hatte, zu denen mich die Bildagentur geschickt hatte: ›Sicherheitstraining‹, ›Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten‹, ›In Gefangenschaft geraten‹. Das Problem ist, dass es dabei immer darum ging, auf das echte Leben zu reagieren, in dem es wirklich etwas gab, wovor man sich fürchten musste. Niemand hat mir je gesagt, was ich tun soll, wenn das alles nur in meinem Kopf existiert.

Ich brauchte eine Stunde, um mich zu beruhigen und aus dem Haus zu treten, und als ich die Tür hinter mir schloss, war ich immer noch in Alarmbereitschaft, meine Sinne geschärft. Ich hielt mich dicht an den Häusern, bewegte mich langsam und schaute so weit wie möglich voraus, blieb auf der Hut, schätzte die Risiken ein. Natürlich gab es keine. Brighton ging seinen Geschäften nach, Möwen kreischten, Motoren heulten auf, Menschen gingen die Gehwege entlang. Hunde zerrten an ihren Leinen, schnüffelten an Laternenpfählen, strebten auf gepflegte Grünanlagen inmitten von Plätzen zu. Er ist schön, dieser Teil von Brighton, Kemptown, fern vom Stadtzentrum, nah am Yachthafen. Innerhalb von fünf Minuten kam ich an einer kleinen Buchhandlung, einigen Pubs, einer schicken Bäckerei und einem teuer aussehenden Feinkostgeschäft vorbei.

Die St. James’s Street war schäbiger, gesäumt von Billigläden, Sozialkaufhäusern, einem Buchmacher und einem Laden, in dem man ohne Bankkonto am Zahltag ausgestellte Schecks einlösen konnte. Die schmalen Straßen, die hinunter zur Strandpromenade führten, waren gesäumt von altmodischen B&Bs; Schilder, die »Zimmer frei« verkündeten, standen in den mit Tüllgardinen versehenen Fenstern. Es war elf Uhr vormittags, Zeit des Auscheckens, und die Gäste kamen herausgestolpert und blinzelten in die Sonne.

Der Supermarkt war am Ende der St. James’s Street. Ich hatte mir die Lage gemerkt, als ich mit dem Taxi angekommen war. Macht der Gewohnheit, Suze, das Kartieren von unbekanntem Terrain.

In einem Kriegsgebiet ist Essen Treibstoff, eine funktionale Sache. Wenn man an der Front ist, ist es normalerweise kalt und mitnehmbar, etwas, das man in die Tasche stecken kann, um es hervorzuholen, wenn man es braucht. Müsliriegel, Fertiggerichte, Schmelzkäseecken. Es spielt eine große Rolle und gar keine – bei Lebensmittelknappheit nimmt man, was man kriegen kann, aber eine gute Fundsache wird mehr geschätzt als alles andere: ein winziges Stück Schokolade, das man im letzten Winkel einer Rucksacktasche findet, oder das Tütchen Nüsse, das man in Heathrow gekauft und vergessen hatte.

Weißt du noch, wie ich immer in den Supermarkt gegangen bin, wenn ich zurückkam? Ich wachte früh auf, zu aufgedreht zum Schlafen, also standen wir auf und frühstückten, dann gingst du in dein Atelier und ich zog los, um mir die beruhigenden Auslagen von Obst und Gemüse anzuschauen. Bunte Packungen, alle vor Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums, verlockende Snacks. Das Beste war, dass ich sie ohne menschlichen Kontakt einfach so nehmen konnte. Ich schob meinen Wagen durch die Gänge und legte Waren hinein ohne Feilschen, ohne ein Wort zu wechseln, abgesehen von einem Hallo zu dem Menschen an der Kasse. Ich weiß, heutzutage ist es cool, in kleine Läden zu gehen, auf Bauernmärkte, die LadeninhaberInnen mit Namen zu kennen, aber wenn ich von einer Reise zurückkomme, will ich Anonymität, keine Verbindung knüpfen.

Ich betrat den Supermarkt, nahm mir einen Korb und schlenderte umher, wählte Äpfel aus, ein paar Birnen, ein paar Weintrauben, eine Gurke, Brunnenkresse. Ich wollte frische Sachen, Salat, den ich essen konnte, ohne mich zu fragen, ob ich davon krank werden würde. Als ich an der Käsetheke verweilte und versuchte, mich zwischen einem Brie und einem verlockenden Wensleydale zu entscheiden, begann ich mich besser zu fühlen. Ich würde mir ein schönes Abendessen gönnen, etwas Gesundes, und es mit Wasser statt mit Whisky runterspülen.

Pasta, Tomaten, Mozzarella; einen kleinen Topf Basilikum, den ich in die gulkhana stellen würde. Ich summte vor mich hin, während ich alles in den Korb legte und dem Duft von frischgebackenem Brot nachschnupperte. Ich fügte ein Schokoladentörtchen hinzu, nahm eine Flasche Orangensaft aus dem Regal.

Es lief alles gut, bis ich die Fleischtheke erblickte, mit ihren Fleischbatzen, die kalt und blutig dalagen, marmoriertes Rindfleisch, Rippen, die aus einem Stück Lammbrust ragten. Glitschige Leber, bauchige Nieren, ausgeweidete Organe. Ich hörte auf zu summen. Jetzt kam mein Atem in kleinen Japsern heraus.

Plötzlich waren zu viele Menschen in dem Laden, zu viel Farbe in den Regalen, zu viel Licht, zu viel von allem. Eine Lautsprecheransage ertönte, irgendetwas war in Gang 4 verschüttet worden, und ich ließ meinen Korb fallen, hielt mir die Ohren zu, meinte Männer zu hören, die in Lautsprecher schrien, Befehle gaben, Drohungen ausstießen.

Ich ließ meinen Korb, wo er war, und rannte zur Tür hinaus, um mich irgendwo zu verstecken. Die Straße war voller Leute, die zur Mittagspause aus ihren Büros kamen. Ich lehnte mich gegen die Wand neben dem Supermarkt, mein Herz hämmerte, und ich versuchte, mich aufrecht zu halten, weil ich wusste, dass mir jeden Moment schlecht werden würde.

Ich versuchte, mich zu beruhigen, es würde nichts Schlimmes passieren, ich befand mich auf einer ganz gewöhnlichen Straße in einer ganz gewöhnlichen englischen Stadt. Ich versuchte, langsam zu atmen, und zählte beim Ausatmen bis zehn.

Eine Gruppe junger Frauen kam aus einer Seitenstraße; sie trugen Stirnbänder mit Hörnern, hauchdünne Feenflügel, enge T-Shirts mit dem Aufdruck »Cazs letzte Eskapade« auf dem Rücken. Caz war ganz in Pink gekleidet, mit einem großen L-Schild für »Learner« auf der Brust. Sie sahen aus wie ein Schwarm betrunkener Schmetterlinge, deren Flügel im Wind flappten, und ich wandte mich panisch ab, um ja nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Eine von ihnen bemerkte mich trotzdem. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte sie, und ich nickte. Ich wollte nur, dass sie ging.

»Tja, wenn Sie meinen«, erwiderte sie.

Als sie an mir vorbeizogen, begann ich zu würgen. Normalerweise übergebe ich mich nicht in der Öffentlichkeit, nicht mehr. Ich habe mir antrainiert, der Übelkeit nicht nachzugeben, egal, was sich vor meinen Augen abspielt. Ich habe gelernt, meine Kamera zu heben und vor mich zu halten und einfach das Foto zu machen; ich habe gelernt, alles einzuhalten, bis ich allein bin, in meinem Hotelzimmer oder auf einer Toilette, irgendwo, wo ein Schloss an der Tür ist. Gedemütigt machte ich mich auf den Rückweg die St. James’s Street entlang, langsam, mein Bauch leer und schmerzend. Die Panik war einem dumpfen Kopfschmerz gewichen. Ich kehrte zu dem noblen Feinkostladen in der Nähe der Wohnung zurück und kaufte Brot und Suppe, einen Pint Milch und Kaffee. Wieder drinnen, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, stand ich einen Moment da und lauschte der Stille, froh, allein zu sein.

Sechs

ELIZABETH WILLOUGHBYS TAGEBUCH

15. Dezember 1914

Meine Güte, bin ich erschöpft. Ich schlafe fast ein, während ich dies im Bett schreibe, Kissen im Rücken, das Tagebuch auf den Knien balancierend.

Die nächste Ladung (was für ein schreckliches Wort, um Menschen zu beschreiben, als wären sie eine Postzustellung, aber ich bin zu müde, um mir ein anderes zu überlegen) ist eingetroffen, mehr als dreihundert Patienten, noch übler zugerichtet als die vorherigen. Einige von ihnen trugen tropische Uniformen: und das im Dezember, unglaublich! Andere hatten nicht einmal Stiefel, ihre Füße waren so stark geschwollen, dass sie Sandalen trugen, die bloß aus einer Sohle und Leinenstreifen bestanden. Wir wickelten sie sofort in Decken und brachten sie so schnell wie möglich zum PAVILION.

Wieder hatte sich zu ihrer Begrüßung eine Menschenmenge am Bahnhof eingefunden, wieder war es ein trüber Tag. Die Inder scheinen die Phantasie der Menschen wirklich gefangenzunehmen. Vor allem die Damen von Brighton sind gefesselt von ihnen. Jeden Tag warten sie in Scharen an den Eingängen des PAVILION-Geländes, um einen Blick auf die »Dunkelhäutigen Krieger«, wie die Gazette sie genannt hat, zu erhaschen. Ich sage ›Damen‹, aber ich glaube nicht, dass Colonel MacLeod sie für Damen hält. Heute gab er den Befehl, alle Eingangspforten mit Brettern zu vernageln und Sichtblenden aus Holz entlang des Zaunes anzubringen, damit niemand mehr hineinschauen kann. Einige von ihnen kletterten trotzdem hoch, hockten sich oben auf den Zaun und spähten hinein, als wären die Patienten exotische Tiere im Zoo.

Die Männer scheint das nicht sonderlich zu stören. Sie verlassen den PAVILION nur zum Beten. Die Sikhs gehen in ihren Tempel, der ein Zelt auf dem Gelände ist, und die Mohammedaner in ihren, gleich nebenan. Fünfmal am Tag suchen diejenigen, die in der Lage dazu sind, ihr Zelt auf und vollziehen ihre jeweiligen Rituale. Es muss furchtbar kalt sein, aber sie gehen dennoch hinaus und beschweren sich nie auch nur im Geringsten.

Ich höre mir gerne die mohammedanischen Gesänge an, die ich sehr schön finde. Heute Morgen trat der Arzt von neulich, der mir von den Lotosblumen erzählt hat, auf mich zu, als ich draußen vor dem Eingang zu ihrem Zelt stand.

»Was singen sie?«, fragte ich.

»Allahu-akbar. Das bedeutet: ›Gott ist groß‹.«

»Wollen Sie nicht mitsingen?«

»Ich bin Hindu.«

Es war mir peinlich, und ich entschuldigte mich. Wie es scheint, bringe ich diese Dinge immer durcheinander. Es ist so schwierig zu wissen, wer was ist, und ich bin mir doch gewahr, dass es furchtbar wichtig ist. Alles hier ist geteilt, von den Stationen für Patienten aus verschiedenen Stämmen oder Kasten, über die Küchen – neun insgesamt –, die Toiletten und Bäder bis hin zum Besteck und den Wasserhähnen! Es ist wirklich schrecklich kompliziert und schwer zu merken, egal wie oft sie es einem auch erklären.

Ein Lächeln huschte über seine Lippen, und ich fragte mich, ob er mich für dumm hielt.

»Alle geben sich enorm viel Mühe.« Ich fühlte mich ein wenig in die Enge getrieben. »Alles richtig zu machen, meine ich. Um niemanden zu kränken.«

»In der Tat.«

»Ich bin übrigens Schwester Willoughby«, sagte ich eilig. »Elizabeth Willoughby.«

»Und ich bin Hari Mitra. Fast Arzt, aber noch nicht ganz.«

Die Leiden der Patienten sind vielfältig; manche verursacht durch Schüsse und Granaten, andere einfach dadurch, dass sie so lange in den winterlichen Schützengräben festgesessen haben. Es gibt einen schrecklichen Zustand namens Grabenfuß, der durch das Stehen in geschlossenem Schuhwerk in kaltem Wasser und Schlamm entsteht. Es beginnt mit Frostbeulen, dann runzelt sich die Haut der Füße wie nach einem langen Bad, sie fängt an zu faulen, und die Zehen werden fühllos. Schließlich wird der gesamte Fuß taub, und man kann nicht mehr gehen. Viele unserer Patienten hatten Amputationen, bevor sie zu uns kamen, und haben einen Fuß oder sogar den Unterschenkel bis zum Knie verloren.

Es stehen immer noch viele Operationen aus. Heute Nachmittag war ein Mann namens Mohan Ram an der Reihe, der schreckliche Wunden an Bauch und Brust aufwies. Ein und derselbe Granatsplitter durchschlug beide Stellen und durchbohrte seine Eingeweide. Die französischen Chirurgen hatten es geschafft, ihm das Leben zu retten, aber jetzt war die Wunde infiziert. Ein schrecklicher Geruch drang durch seine Verbände – der Gestank von totem und verfaulendem Fleisch.

Major Williams, unser zuständiger Offizier, stand an seinem Bett und sprach mit ihm auf Hindustani. Beide schienen ziemlich aufgebracht zu sein. Mr. Mitra stand in der Nähe und sagte mir, dass Major Williams versuche, Mohan Ram zu überreden, uns die Wunden unter Narkose untersuchen zu lassen und sie dann zu reinigen und neu zu verbinden, aber Mohan Ram sehe die Dinge anders: Er finde, wir sollten dem Schicksal seinen Lauf lassen, und wenn es an der Zeit für ihn sei zu sterben, dann solle es so sein. Nach einem Moment fügte er hinzu, dass Mohan Ram wahrscheinlich auch Angst habe, aufgeschnitten zu werden, denn er stamme aus einem winzigen Dorf im Himalaya und verstehe die Wirkungsweise der modernen Medizin nicht.

Der Streit ging noch einige Zeit weiter. Schließlich wandte sich Major Williams an Mr. Mitra und fragte ihn, ob dieser irgendetwas tun könne, um Mohan Ram umzustimmen.

Mr. Mitra dachte einen Augenblick nach und trat dann nah an Mohan Rams Bett. Er beugte sich hinunter und sprach mit leiser Stimme zu ihm. Mohan Ram runzelte die Stirn und antwortete dann. Mr. Mitra sagte wieder etwas. Eine kurze Pause folgte, und dann wiegte Mohan Ram den Kopf.

Danach folgte hektische Betriebsamkeit. Die Pfleger kamen, um ihn in den OP zu rollen. Beeindruckt wandte ich mich an Mr. Mitra.

»Wie haben Sie es geschafft, ihn zu überreden?«

»Izzat.«

»Izzat?«

Es sei schwer zu erklären, sagte er. Die beste Übersetzung, die ihm einfalle, sei »Ehre«, aber es bedeute viel mehr als das: Ansehen, Reputation, das Gesicht wahren, Prestige. Es war einer der Hauptgründe, warum die Männer zugestimmt hatten, für Großbritannien zu kämpfen, ebenso wichtig wie das Geld, das sie dafür bekamen, denn es war glorreich, in der Schlacht zu sterben. Wenn man so kämpfte, dass man sein izzat mehrte, erklärte er, würden die Menschen auch nach seinem Tod noch von einem Mann sprechen und sich seiner erinnern.

Die Kehrseite der Medaille war jedoch, dass es einem, wenn man durch sein Verhalten sein izzat beschädigte – durch Fahnenflucht oder Feigheit oder Illoyalität –, schreckliche Schande einbrachte. Er hatte Mohan Ram einfach nur darauf hingewiesen, dass seine Angst vor einer Operation genau das bewirken würde, und so hatte dieser seine Meinung geändert, denn in den Augen eines anderen an izzat zu verlieren, bedeutete bereits, es verloren zu haben, und wenn Mr. Mitra auch nur dachte, dass es so war, reichte das schon.

Ich hätte Mr. Mitra gerne näher dazu befragt, aber wir waren beim Operationssaal angekommen. Ich beschloss, hineinzugehen und zuzuschauen.

Major Williams schüttelte den Kopf, als die Verbände abgenommen wurden.

»Ich dachte, der Burenkrieg war schon schlimm«, sagte er leise. »Diese multiplen Wunden sind furchtbar. Dieser Granatbeschuss ist eine ganz neue Art, Schaden anzurichten, und das gefällt mir nicht – das gefällt mir ganz und gar nicht.«

Ich betrachtete den Patienten, der auf dem Operationstisch lag, und die chirurgischen Instrumente, fein säuberlich auf einem Tuch ausgebreitet, und hatte eine schreckliche Vision des Operationssaals, als er noch die Küche des ROYAL PAVILION war: von ganzen Schweinen, die auf dem Tisch lagen, bereit, am Spieß gebraten zu werden, oder ganze Rinderkeulen, die darauf warteten, zerlegt zu werden. Ich schluckte schwer, um mich zu fassen, und wartete auf den ersten Schnitt.

Major Williams säuberte die Wunden, denen der Lazarettbrand furchtbar zugesetzt hatte. Wir versorgten sie mit dem neuen Verbandsmaterial aus Torfmoos. Es war eine befremdliche Kombination: ein indischer Patient, der in der Küche eines englischen Königs lag, verwundet in Frankreich und mit schottischem Moos versorgt. Plötzlich erschien die Welt sehr klein.

Sieben

Ich bin übel zugerichtet, Suze. Nicht wie Elizabeths Patienten – weder fehlen mir Gliedmaßen, noch leide ich an Wundbrand –, aber was meinen Kopf anbelangt. Ich versuche, es unter Kontrolle zu halten. Ich darf nicht zulassen, dass ich mich in Erinnerungen an Dinge verliere, die in Kabul geschehen sind. Ich weiß, das ist rutschiges Gefälle. Ich mag es nicht, wenn ich nicht funktioniere – so bin ich nicht.

Gestern Abend wurde mir klar, dass ich mit keinem Menschen gesprochen habe, seit ich hier bin, abgesehen von dem Mann im Feinkostladen. Das ist nicht gut. Ich beschloss, mir eine Bar zu suchen, um etwas zu trinken und jemanden zum Plaudern zu finden.

Es gab viele Orte zur Auswahl. Brighton ist nicht wie die Städte, in denen ich normalerweise lande: Städte, in denen man sein Gepäck aus einem Haufen, der sich auf dem Boden im Flughafen türmt, herausfischt und sein eigenes Vorhängeschloss für das Hotelzimmer dabeihat. Brighton hat absolut alles, was man für einen unbeschwerten Urlaub braucht. Tagsüber ist die Strandpromenade voller Menschen, die für einen Tag aus London herkommen, am Strand spazieren gehen und sich auf dem Pier vergnügen. Paare jeder Art lachen und küssen sich, machen Selfies mit ihren Handys. Am späten Nachmittag tritt eine Flaute ein, wenn die Gäste, die sich ein heißes Wochenende machen, in ihre Hotels zurückkehren und die Tagesgäste aus London den Zug nach Hause nehmen. Später am Abend wird es dann wieder lebendig.

Ich habe mir ein bisschen Mühe gegeben, ehe ich rausging, und den letzten Rest von Ediths Sandelholzöl im Bad aufgebraucht, mir die Beine rasiert, mir die Haare gemacht. Nicht für jemand anderen, sondern allein für mich. Es war lange her, dass ich das getan hatte, und es war schön, sich die Mühe zu machen. Ich roch nach Badeöl und fühlte mich gut, als ich durch Kemptown schlenderte – tausendmal besser als bei meinem verrückten Stolpergang zum Supermarkt. Unterwegs schaute ich in die Fenster, sah Menschen, die zu Abend aßen, fernsahen oder sich zum Ausgehen fertig machten. Ich erblickte eine nackte Brust in einem Dachzimmer, einen Mann, der vor einem Spiegel Posen einstudierte. Es war ein stiller Abend, ohne Wind, und die Fenster der hohen georgianischen Häuserfronten standen offen, Musik erscholl, Stimmen, die sich übertrumpften, aufgeregt bei dem Gedanken an den kommenden Abend. Der Geruch von Seeluft vermischte sich mit dem süßen Geruch von Joints, der von den Balkonen herüberzog.

Brighton bereitete sich auf den Freitagabend vor – Junggesellenabschiede, Hühnerpartys, Jungs in gebügelten Hemden und mit ordentlicher Frisur, die Mädels mit hohen Absätzen und winzigen Kleidchen taxierten, Studentinnen und Studenten in Jeans. Schwule Jungs nahmen die Terrassen der Bars am Meer in Beschlag, selbst jetzt, in der Herbstkälte, rauchend, flirtend, auf Aufriss aus.

Ich beschloss, die Bars an der Strandpromenade zu meiden. Ich suchte etwas Ruhigeres, wo der flippigste Cocktail ein Gin Tonic war, und nicht etwas Pinkes, Perlendes mit einer Wunderkerze. Schließlich entschied ich mich für eine Kneipe, von der ich vor Jahren gehört hatte, an der Old Steine, wo einst die Fischer ihre Netze zum Trocknen ausbreiteten, heute die Hauptverkehrsstraße ins Stadtzentrum.

Das Marlborough Pub, ein Backsteinhaus mit Erkerfenstern, sah nett aus. Es gab zwei Türen zur Auswahl, und einen Moment zögerte ich, verspürte diese kleine Welle aus Nervosität und Verheißung, die immer noch in mir aufkommt, wenn ich allein in eine lesbischwule Bar gehe. Aber dann sagte ich mir, nicht albern zu sein, und wählte die Tür auf der rechten Seite.

Drinnen war viel los, es war heiß und laut von den Stimmen, die mit der Musik von der DJ-Station im Fenster wetteiferten. Die meisten der Frauen waren jung und trugen eine inoffizielle Uniform aus Jeans und ärmellosen Tops. Sie drängten sich an der Bar, um den Billardtisch, tranken große Gläser Lager und kippten Tequila Shots.