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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

 

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

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Hanna Friedrich

Das Erbe der Lady Eleanor

Roman

 

 

 

K+S digital

For Kimberly
who kept me from writing and filled me with life instead.

Danksagung

Zunächst möchte ich mich bei Andrea Krug und Dagmar Schadenberg für die ausgesprochen angenehme Zusammenarbeit bedanken. Es war mir ein Vergnügen! Ein lieber Dank geht auch an Ulrike, mit der ich die Idee zu der Handlung entworfen habe. Ohne dich würde es diese Geschichte nicht geben. (Das Universum sei gepriesen für den Umfang der Erde und die Dauer von Überseeflügen!) Liebe Patricia, es ist wundervoll, sich auf deine freundschaftliche und hilfreiche Unterstützung stets verlassen zu können. Und Sybille, hab tausend Dank für deine kreativen Ideen und natürlich für die köstliche Korrespondenz mit »Lady Sybilla«. Auch bei dir, liebe Ymke, möchte ich mich herzlich bedanken. Schon so viele Jahre begleitest du mich in liebevoller Freundschaft und nimmst so selbstverständlich an meinen Projekten Anteil. Liebe Claudia, wenn wir es nicht eines Tages gewagt hätten, unsere Gedanken einmal versuchsweise auf dem Papier festzuhalten, dann würden die beiden Heldinnen dieses Romans wohl immer noch lediglich in meinem Kopf herumspuken. Vielen Dank für deine wertschätzende Unterstützung. Und Sigi, dir sei gedankt für deine spontane Hilfsbereitschaft und deine Fähigkeit, die Dinge zum richtigen Zeitpunkt in die Hand zu nehmen. Ich fühle mich von euch allen reich beschenkt! Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Familie, Insa, Fiete, Lutzer, Claudia, Mara und Ida, für das Glück, das Ihr mir seid.

KAPITEL I

8. Februar 1215

Der junge Reiter zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, als der Regen dichter wurde. Über ihm zuckten Blitze und erhellten die Fluten des Dees neben ihm, dessen Tosen die schnellen Hufschläge seines Pferdes übertönte. Besorgt spähte er nach dem Dokument unter seinem Mantel und atmete erleichtert auf, als er es trocken verwahrt fand. Sein Herr würde ihm niemals verzeihen, wenn die Botschaft an die Lady von Chester Schaden nähme, und er konnte von Glück sagen, dass ihm der Wirt bei seiner Rast in Leeds einen ausgedienten Mantel geschenkt hatte. »Michael«, hatte er gesagt und ihm auf die nasse Schulter geklopft. »Dein Herr muss recht zufrieden mit dir sein, dass er dich auserkoren hat, zu Lady Isabelle zu reiten.«

Der Gedanke an die Worte des alten Mannes ließ Michaels Herz höher schlagen. Tatsächlich hatte er es nur der Schnelligkeit seines Pferdes zu verdanken, dass er für diese Mission auserwählt worden war. Als es hieß, Brian Caddington, der Sohn des Earls von York, habe eine Nachricht an Lady Isabelle zu überbringen, hatten sich umgehend sämtliche Boten im Audienzsaal ihres Herrn versammelt. Die Schönheit der Lady war legendär, und ein jeder Bote hoffte inständig, nach Chester hinüberreiten zu dürfen.

In York rankten sich viele Gerüchte um Lady Isabelle, aber natürlich wusste man nie, was von derartigem Gerede zu halten war. Genau genommen war es nämlich bisher nur der alten Mary vergönnt gewesen, die Lady tatsächlich zu Gesicht zu bekommen. Die betagte Köchin war vor vielen Jahren am Hofe von Chester beschäftigt gewesen, und sie schwor, die Schönheit von Lord Trascotts Tochter sei schon in ihren Kindertagen überwältigend gewesen.

Michael hatte oft am Holztisch in der Hofküche gesessen und Marys Geschichten gelauscht. Die alten Augen der Köchin leuchteten jedes Mal, wenn sie von ihren Tagen in Cheshire berichtete, und in ihren Erzählungen erschien das Castle von Chester wie ein riesiger Palast, in dem die freundlichsten Menschen unter der Herrschaft eines edlen Burgherrn und seiner liebreizenden Tochter lebten, einem bezaubernden Burgfräulein mit hellblondem Haar. Ihre grünen Augen hatten die Farbe des Mittelmeeres, und ihre Bewegungen waren anmutig wie die einer arabischen Prinzessin.

Und obwohl jeder wusste, dass diese Schilderungen wohl mehr mit Marys Zuneigung zu Lady Isabelle als mit der Wahrheit zu tun hatten, sehnte man in Yorkshire sehnsüchtig den Tag herbei, die schöne Lady endlich einmal zu Gesicht zu bekommen. Die Chancen standen gut, denn hartnäckig hielten sich die Gerüchte, dass Isabelle die Gattin von Lord Brian werden sollte. Seit Wochen waren die Mutmaßungen um seine Hochzeit Hauptthema am Hofe. Was konnte eine Lady, die laut der Ordensschwestern von St. Claire sechs Sprachen sprach und bei Mönchen in ganz Europa die Kräuterheilkunst studiert hatte, mit einem Mann verbinden, den außer Schlachten und Kriegsführung wenig interessierte? Ganz zu schweigen davon, dass Dorfschmied Toby behauptete, die Lady verfüge über das Zweite Gesicht. Menschen mit einer derartigen Gabe galten als sehr feinfühlig, und nicht nur Michael fragte sich, wie dies mit Lord Brians grobschlächtiger Art zu vereinbaren war.

George, Stallknecht am Hofe von York, war überzeugt, dass die Gründe der Vermählung etwas mit Politik zu tun hatten. Erst in der Woche zuvor hatte Michael mit ihm über das Gerücht um die anstehende Verlobung gestritten, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau, die so schön und so klug war wie Lady Isabelle, gehandelt wurde wie ein Stück Vieh. George hatte nur verächtlich die Augen verdreht. »Das ist Politik, mein Lieber. Davon verstehst du nichts. Wenn eine Lady klug ist, dann fügt sie sich in ihr Schicksal zum Wohle ihres Volkes.«

»Mag sein, dass Lady Isabelles Verhalten etwas mit Politik zu tun hat«, unterbrach ihn Michael. »Aber was hat Lord Brian davon? Welchen Sinn hat es, das kleine Cheshire mit der größten Grafschaft des Landes zu vereinen? Nein, nein, es muss ihre anmutige Erscheinung sein.«

George schüttelte den Kopf. »Unser Herr hat keinen Sinn für Schönheit, das weißt du so gut wie ich. Es ist kein Geheimnis, dass Lord Brian und sein Vater Lancashire in ihre Gewalt bringen wollen, und für die Eroberung von Lancashire liegt das benachbarte Cheshire überaus günstig.«

Michael war Politik ziemlich egal. Für ihn war allein die Vorstellung verlockend, Lady Isabelle als seine zukünftige Herrin zu haben. »Nur weil du ein paar Brocken Französisch sprichst, heißt das noch nicht, dass du was von Politik verstehst.«

»Eine Hochzeit zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein geschickter Schachzug«, beharrte George. »Der alte King John ist geschwächt, und wir haben bereits den dritten Adelsaufstand binnen eines Jahres.«

»Sei vorsichtig, was du sagst. Das ist unser König, von dem du da sprichst!« Die Respektlosigkeit des Stallknechts ließ Michael zurückweichen. »Dafür können sie dich hängen!«

»Wenn hier jemand gehängt wird, dann ist es der König selber.« George wedelte wichtig mit dem Zeigefinger. »Wenn Lord Brian die Tochter von Lord Trascott heiratet, hat die Familie Caddington zwei der wichtigsten Grafschaften Englands unter sich. Da wird sich King John warm anziehen müssen.«

»Ich wünschte, die Aufstände würden endlich ein Ende nehmen«, seufzte Michael. »Warum muss unser Herr einen Krieg nach dem anderen führen? Erst Durham, jetzt Lancashire. Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen sinnlos ihr Leben lassen müssen.«

George zuckte die Achseln. »Es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen. Vielleicht wird die Lady ja einen besänftigenden Einfluss auf Lord Brian haben. Und wenn sich der Sohn beruhigt, dann vielleicht auch der Vater.«

Nur drei Tage nach ihrer Unterhaltung wurde am Hofe bekannt, dass Lord Brian eine Nachricht nach Chester zu überbringen hatte, und niemand zweifelte daran, dass diese Nachricht der Vertiefung seiner Beziehung zu Lady Isabelle diente.

So kam es, dass sich alle zehn Boten vor dem Audienzsaal der Caddingtons einfanden und ihre Dienste anboten. Zur Enttäuschung der Bewerber war Lord Brian weniger an der Erfahrung seiner Boten als vielmehr an der Schnelligkeit ihrer Pferde gelegen gewesen, und seine Wahl war auf den Reiter gefallen, der im vorangegangen Monat innerhalb eines Tages nach Manchester und wieder zurück geritten war.

»Gleich hast du’s geschafft, mein Guter!« Michael klopfte auf den nassen Hals seines Hengstes. Sein treuer Gefährte schien zu spüren, dass ihre Reise kurz vor dem Ende stand und mobilisierte die letzten Kräfte. Noch einmal schaute Michael prüfend unter seinen Mantel, als am Horizont die Türme von Chester auftauchten. Das Siegel war fest und trocken wie am Morgen seiner Abreise.

»Guten Abend, mein Herr! Was sucht Ihr noch so spät vor den Mauern der Burg von Chester?«, riss ihn eine helle Stimme aus seinen Gedanken. Als er aufblickte, sah er eine weibliche Gestalt auf einem schneeweißen Ross auf sich zureiten. Die Kapuze ihres Mantels verwehrte ihm einen Blick auf die Züge der Reiterin, ihr Schimmel war jedoch ohne Zweifel ein edles Tier aus bester Zucht. Es passte nicht recht zu der schlichten Gewandung der Reiterin. Als sie näher kam, bemerkte er, dass sie genauso durchnässt war wie er.

»Seid gegrüßt, Milady!«, rief er ihr entgegen. »Ich bin auf dem Weg zur Lady von Chester.«

»Ich bedaure, aber du wirst sie nicht antreffen. Sie ist ausgeritten und wurde vom Unwetter überrascht.« Die Reiterin wendete ihr Pferd und fiel neben ihm in einen leichten Trab. »Was führt dich nach Chester?«

»Mein Name ist Michael.« Er nahm einen geschäftlichen Ton an. »Ich bin ein Bote vom Sohn des Earls von York, und ich habe eine Nachricht für Lady Isabelle.«

»Dann komm mit mir, Michael.« Die Reiterin führte ihn zum Haupttor, wo ihnen die Wärter unverzüglich Einlass gewährten. »Ich werde dich zur Lady führen, aber zunächst begleitest du mich zu den Stallungen. Deinem Pferd wird eine kräftige Portion Hafer guttun.«

Michael hatte in der ihm zugewiesenen Kammer ein weißes Leinenhemd und schwarze Beinlinge vorgefunden. In der trockenen Kleidung fühlte er sich nun wesentlich gewappneter, der Tochter von Lord Trascott gegenüberzutreten, und er verließ neugierig seine Kammer. Auf den Gängen eilten Bedienstete hin und her, die ihn ausnahmslos höflich grüßten. Es schien eine natürliche Freundlichkeit durch die Räume der Burg zu wehen, die auch Fremde mit einschloss und Michael an den Palast erinnerte, von dem die alte Mary ihm so oft erzählt hatte.

Eine rothaarige Dienerin, die bei jedem Schritt ihr linkes Bein nachzog, geleitete Michael zu den Gemächern von Lady Isabelle. Der Raum, in den sie ihn führte, war ein großes, rundes Turmgemach mit zwei schmalen Fenstern in jeder Himmelsrichtung. Rechts von der Tür befand sich eine Feuerstelle, neben der sechs Stühle um einen ovalen Tisch herum angeordnet waren. Links unter den Fenstern stand ein schlichter Holztisch, auf dem nichts weiter als eine Wachstafel und ein Griffel lagen. Die flackernden Kerzen an der Wand hüllten den Raum in ein warmes Licht.

»Es ist ein schöner Ort für Momente der Muße.«

Die sanfte Stimme ließ Michaels Kopf in die Höhe schnellen. Fast wäre er über seine eigenen Füße gestolpert, als er an der Türschwelle die Lady erblickte. Unbeeindruckt von seiner plötzlichen Verlegenheit lächelte sie ihm freundlich zu und begab sich zu einem der Stühle neben dem Kamin. Sie winkte ihn zu sich, als sie sich setzte. »Hier ist es angenehmer.«

Lady Isabelle war kleiner und zierlicher, als Michael sie sich vorgestellt hatte, aber der warme Glanz in ihren Augen war genau so, wie Mary ihn beschrieben hatte. Die alte Köchin hatte wahrlich nicht übertrieben, wenn sie von der Schönheit der Lady geschwärmt hatte. Michaels Blick wanderte verstohlen von dem edlen Gesicht zu dem weißen Gewand mit dem gestickten Wappen der Trascotts. Darüber trug die Lady einen grünen Mantel, der durch zwei silberne Tasseln zusammengehalten wurde und an den Ärmeln ebenfalls mit dem Wappen der Trascotts versehen war. Als Michaels Blick auf die durchnässten Stiefel der Lady fiel, gefror dem jungen Boten das Blut in den Adern. »Milady«, stammelte er. »Ich bitte vielmals um Verzeihung. Ich konnte nicht ahnen …«

»Du hast mich nicht erkennen können«, unterbrach sie ihn beschwichtigend. »Ich wollte dich nicht absichtlich täuschen, aber ich fühlte mich so gar nicht wie eine Lady dort draußen.«

»Ich verstehe.« Michael musste an den schlichten Aufzug der Lady draußen vor den Burgtoren denken. Sich nochmals verneigend überreichte er der Lady das Dokument seines Herrn. »Mit ehrwürdigsten Grüßen von Lord Brian, Milady.«

Als sie das Schriftstück entgegennahm, bemerkte er ein leichtes Zittern ihrer Hand. Ihre Miene ließ jedoch nichts als Freundlichkeit erkennen. »Hattest du eine gute Reise, Michael?«

»Danke der Nachfrage, Milady«, antwortete er vorsichtig. Es war nicht üblich, dass eine Lady Konversation mit einem Boten pflegte. Ihr aufmunterndes Lächeln ließ seine Befangenheit allerdings schnell schwinden, und er wagte es, ihr in die Augen zu sehen. »Es war kalt und hat in einem fort geregnet«, gestand er.

»Ja, das ist mir nicht verborgen geblieben«, lächelte sie. »Hat man dir schon ein Mahl angeboten?«

»Nein, Milady, das ist nicht nötig.«

»Und ob das nötig ist. Du hast einen langen Weg hinter dir.« Sie klatschte in die Hände, und gleich darauf erschien die rothaarige Dienerin in der Tür. »Ruth, sorg doch bitte dafür, dass unser Gast etwas zu essen bekommt.«

»Sehr wohl, Milady.« Die Dienerin verschwand so leise wie sie gekommen war.

»Leider war die letzte Ernte sehr schlecht«, wandte sich Lady Isabelle wieder an Michael. »Das Gemüse ist nicht so frisch, wie man es sich wünschen würde.«

»Das ist in Yorkshire nicht anders, Milady. Die Ernte war überall schlecht.«

»Das ist wahr«, seufzte sie. »Ich denke, es wird Zeit zu lesen, was Lord Brian zu berichten hat. Ruth wird dir dein Mahl in deine Kammer bringen.«

»Meinen untertänigsten Dank, Milady.«

»Bis zum nächsten Morgen werde ich eine Antwort an Lord Brian verfasst haben. Halte dich zur Abreise bereit.«

»Das werde ich, Milady.« Er verneigte sich und atmete erst wieder ein, als er auf der anderen Seite der Tür stand. »Bei Gott, die Frau ist ein Engel«, murmelte er gegen die Tür. Als er bemerkte, dass die rothaarige Dienerin ihn neugierig beobachtete, riss er sich zusammen und eilte die Treppe hinunter zu seiner Kammer.

Während Michael sich nach einem ausgiebigen Mahl längst im Land des Schlafes befand und von einem Palast mit einem bezaubernden Burgfräulein träumte, saß Lady Isabelle reglos auf ihrem Stuhl und starrte auf das Schriftstück in ihrem Schoß. Jetzt war es also soweit. Lord Brian hielt um ihre Hand an. Seit zwei Jahren hatte sie diesen Tag gefürchtet, und nun war er gekommen.

Eine stille Träne tropfte auf das Siegel des Dokuments, und Isabelle wischte sie sorgsam fort. Wenn es dem Wohle ihres Volkes diente, dann würde sie sich ihrem Schicksal fügen. Die Menschen vertrauten darauf, dass der Hof eine Lösung für die Probleme fand. Sie konnte sie nicht enttäuschen.

Ihre Gedanken wurden vom Klopfen der Dienerin unterbrochen. »Milady, Euer Vater ist auf dem Weg zu Euch.«

Als Lord Trascott in der Tür auftauchte, verwandelte sich die Freude in seinem Gesicht unmittelbar in Sorge. »Ich dachte, der Bote von Lord Brian sei mit einer frohen Nachricht gekommen? Wieso die gefurchte Stirn, mein Kind?«

Isabelle reichte ihm das Dokument. »Lord Brian erwartet umgehend eine Antwort.«

Lord Trascott überflog die Nachricht. »Was für ein großzügiges Angebot. Er schlägt vor, nur die Verlobung in Chester zu feiern und die eigentliche Vermählung in York zu begehen. Dort würde er für sämtliche Kosten aufkommen.«

»Vater, Ihr wisst so gut wie ich, dass dies nur ein Köder ist, damit wir einwilligen. Lord Brian weiß genau, wie schwierig es für uns ist, die Mittel für eine Vermählung aufzubringen.«

»Es ist nur gut, wenn Lord Brian uns einen Schritt entgegenkommt«, widersprach Lord Trascott. »Wir haben das doch alles längst besprochen, Isabelle. Du weißt, dass deine Vermählung unumgänglich ist. Wir hatten drei schlechte Ernten hintereinander, und dieser Frühling ist genauso verregnet wie der letzte. Unser Volk hungert, und es erwartet, dass wir etwas tun.«

»Wir brauchen die Unterstützung des Königs.«

»Mein liebes Kind.« Der Earl von Chester legte den Arm um seine Tochter. »Du weißt sehr wohl, dass King John ganz andere Sorgen hat, als sich um die Menschen in Cheshire zu kümmern. Nicht zuletzt ist es der Earl von York selbst, der mehr Macht von ihm einfordert. Unserem König steht das Wasser bis zum Hals.«

»Lord Brian wird unser Volk in den Krieg schicken, Vater.«

»Wer in den Krieg zieht, bekommt zu essen. Das ist die simple Wahrheit. Sieh selbst.« Er nahm Isabelle den Brief aus den Händen und überflog die Absätze. »Er verspricht, den Menschen in unserer Grafschaft genügend Nahrung für die nächsten fünfzehn Winter zur Verfügung zu stellen.«

»Hat jemals ein Caddington sein Versprechen gehalten?«

»Davon sollten wir uns nicht leiten lassen. Wir wissen, dass Yorkshire mehr Krieger braucht und dass die Caddingtons Cheshire benötigen, um von zwei Seiten in Lancashire einzufallen. Lord Brian braucht unsere Bevölkerung, um seinen Krieg fortzuführen, und er wird sie nicht verhungern lassen.«

»Ich will nicht, dass unsere Menschen wieder in eine Schlacht ziehen müssen. Gerade haben sich die Auseinandersetzungen zwischen Normannen und Angelsachsen einigermaßen gelegt.« Isabelle schüttelte den Kopf. »Vater, Ihr habt Euch Euer ganzes Leben für den Frieden in Cheshire eingesetzt, und jetzt sollen wir ihn wegen drei schlechter Ernten aufgeben?«

»Es sind nicht nur die schlechten Ernten, und das weißt du. Dein Bruder, Gott hab ihn selig, hat mehr als die Hälfte unseres Vermögens verprasst, und ich weiß einfach nicht, wie wir die nächsten Jahre überstehen sollen. Über Walter Caddington und seinen Sohn kann man sagen, was man will, aber uns gegenüber haben sie sich immer als äußerst ehrenwert erwiesen.«

»Kein Wunder, sie wollen ja auch unser Land.«

»Und sie werden es auch bekommen. Ohne Nahrung sind wir zu schwach, um uns zu verteidigen. Yorkshire kann unser kleines Cheshire im Nu vereinnahmen, wenn die Caddingtons es wollen. Mit einer Hochzeit verhinderst du ein Blutbad, und du bewahrst die Menschen von Cheshire vor dem Tod durch Hunger und Seuchen.«

»Ihr verheiratet mich an den Sohn eines Tyrannen, Vater.«

Lord Trascott schüttelte missbilligend den Kopf. »Es ist schwer zu sagen, was an den Gerüchten dran ist …«

»Seine eigene Tochter hat die Vogelfreiheit vorgezogen.«

»Du glaubst den Stimmen, die behaupten, dass er sie nicht verbannt hat, sondern dass sie den Hof von sich aus verlassen hat?«

»Bestimmt hat sie sich zuerst von ihm losgesagt, und dann hat er sie nachträglich verstoßen, um sein Gesicht zu wahren.« Isabelle schauderte es bei dem Gedanken an solch einen Vater. »Werde ich an einem Hof leben, von dem die eigenen Familienmitglieder fliehen?«

»Das ist eine Familienfehde, über die wir uns kein Urteil erlauben können, mein Kind.«

»Die Caddingtons befinden sich im Krieg gegen Lancashire, und vermutlich werden sie bald einen weiteren Aufstand gegen den König organisieren. Wollt Ihr, dass unser Name damit in Verbindung gebracht wird, Vater?«

»Du wirst großen Einfluss bei Hofe haben, Isabelle. Du kannst etwas bewirken. Du kannst den Aufständen ein Ende machen.«

»Ich?« Isabelle fuhr sich durch ihre blonden Haare. »Wie sollte ich das zuwege bringen?«

»Niemand kennt deine Durchsetzungsfähigkeit besser als ich, meine Liebe. Dir kann niemand etwas abschlagen. Hast du vergessen, wie du zwei Edelmänner davon überzeugt hast, dir ihre kostbaren Gürtel zu schenken?«

»Da war ich zehn.«

»Eben«, entgegnete er. »Und seitdem ist deine Überzeugungskraft noch um einiges gewachsen. Niemand kann deinem Charme widerstehen.«

»Ich habe es Euch ohnehin längst versprochen«, seufzte Isabelle. »Es nützt nichts, weiter zu lamentieren.«

»Sehr richtig, mein Kind. Es ist das einzig Vernünftige, und Gott wird es dir lohnen.«

»Ich werde schon einen Weg finden, um die Ehe mit Lord Brian zu ertragen. Mir ist bewusst, dass nicht jede Frau ihren Gatten lieben kann wie meine Mutter Euch geliebt hat.«

»Gott hab sie selig, meine Eleanor.« In Lord Trascotts Stimme lag tiefe Wehmut, als er seine Tochter an sich zog. »Manchmal, wenn ich dich ansehe, ist es, als stünde sie vor mir.«

»Würde sie meine Vermählung wohl gutheißen, Vater?«

»Liebes Kind, es wird höchste Zeit, dass du heiratest. Seit deinem dreizehnten Geburtstag haben elf Edelmänner um deine Hand angehalten. Nun zählst du bereits neunzehn Lenze, und die Leute werden bald sagen, du seist wie eine dieser Frauen, die auf die Insel Cyane verbannt wurden.«

»Du meinst die Amazonen aus den irischen Sagen? Ich muss gestehen, ich finde die Idee recht verlockend, als Kriegerin für eine gute Sache zu kämpfen.«

»Ohne einen Gatten?« Lord Trascott sah seine Tochter entsetzt an. »Das ist nicht dein Ernst! Wozu habe ich dir eine solch gute Erziehung angedeihen lassen? Jedes Weib braucht einen Mann, so hat Gott es bestimmt.«

Isabelle war sich nicht so sicher, was Gott alles bestimmt hatte, aber sie ließ das Thema fürs Erste ruhen. Es galt jetzt eine Verlobung vorzubereiten.

In dieser Nacht träumte Isabelle wirr und unruhig. Szenen von der geplanten Verlobung vermischten sich mit Bildern von Amazonen. Im Traum knieten sie vor ihr nieder wie zu einer Huldigung, dann setzten sie sie auf ein golden schimmerndes Pferd mit weißer Mähne. Gemeinsam ritten sie durch die Wälder, bis sich plötzlich ein weißer Nebel über die Landschaft breitete, der Isabelle von den Amazonen trennte. Sie rief nach ihnen, aber der Nebel schluckte ihre Stimme. Als sie sich umsah, befand sie sich im Hof ihrer Burg. Das Gemäuer war bunt geschmückt, und Menschen jubelten Rittern zu, die in voller Rüstung über den Platz ritten. Sie sah in tiefblaue Augen, die sich plötzlich in Lord Brians graue Augen verwandelten, und dann spürte sie, wie ihr das Herz herausgerissen wurde.

Sie fuhr schweißgebadet aus dem Schlaf hoch und sank schwer atmend zurück in ihr Kissen. Verkaufte sie ihre Seele um ihres Volkes willen? Es gab keine andere Lösung als diese. Gleich am folgenden Tag würde sie die Kosten anlässlich der bevorstehenden Verlobung mit dem Kämmerer besprechen. Er hatte den besten Überblick über die Ausgaben am Hofe und vermochte eine erste Einschätzung abzugeben, die sie in ihre Antwort an Lord Brian einbeziehen konnte.

Es dauerte lange, bis ihre aufgewühlten Gefühle sich beruhigten und sie wieder in einen oberflächlichen, aber traumlosen Schlaf fiel.

Als Michael am Morgen des nächsten Tages Chester verließ, war er vortrefflicher Stimmung. Lady Isabelle hatte ihn nochmals zu sich gerufen und ihm ein Paket für die alte Mary übergeben, in dem sich vermutlich Erbstücke von Marys verstorbener Mutter befanden. Bis zu ihrem Tode hatte diese in der Küche des Hofes von Chester gearbeitet, und Michael konnte sich noch gut erinnern, wie untröstlich Mary gewesen war, als sie vom Dahinscheiden ihrer Mutter erfahren hatte.

Seine Kameraden würden vor Neid erblassen, wenn er ihnen erzählte, dass er der Lady nicht nur von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, sondern sich sogar in ihren Gemächern aufgehalten hatte. Zwei Mal, um genau zu sein. Und nun ritt er zurück nach York mit einer guten Nachricht unter seinem Mantel. Sein Pferd war ausgeruht, das Wetter war klar, Frühling lag in der Luft, und sein Herr würde sehr zufrieden mit ihm sein. Alles in allem war das Leben eine gute Sache.

KAPITEL II

»Das ist nicht Euer Ernst, Milady!«

»Es ist mein voller Ernst, Lady Ann.« Isabelles Ton duldete keinen Widerspruch. »Wir sprechen jetzt schon das dritte Mal darüber, dabei sind die Einladungen bereits letzte Woche verschickt worden. Es gibt zu dieser Entscheidung nichts mehr zu sagen.«

»Wenn Ihr darauf besteht«, seufzte die Hofdame und begann mit ihrem Taktstock einen Viervierteltakt zu klopfen. »Jetzt der Andro, Milady. Erst zwei Schritte nach links, dann dreimal stampfen.«

Isabelle ging zwei Schritte nach links und tippte dreimal auf der Stelle.

»Stampfen, Milady. Nicht sachte mit dem Fuß auftippen.« Lady Ann machte Isabelle die Bewegungen vor. »Es ist ein gewöhnlicher Bauerntanz. Also bitte stampfen.«

Isabelle vollzog mit ihren Armen eine kreisförmige Bewegung und stützte ihre Hände in die Hüften, während sie dreimal heftig auf den Boden stampfte.

»Gemach, gemach. Ihr sollt Euch nicht die Füße dabei brechen.« Lady Ann schüttelte den Kopf über die ungewöhnliche Zerstreutheit ihrer Schülerin. »Dann sagt mir wenigstens, warum es Lord Brian sein muss.«

»Weil er um meine Hand angehalten hat.« Isabelle hakte ihren kleinen Finger bei Lady Ann ein. Gemeinsam gingen sie zwei Schritte nach links, während ihre Arme eine kreisförmige Bewegung vollzogen.

Lady Ann warf ihr einen prüfenden Blick zu. »Allein in den letzten zwei Jahren haben fünf Vasallen um Eure Hand angehalten. Warum nehmt Ihr nicht einen von denen?«

»Sie waren alle Wüstlinge.«

»Wenn Ihr auf die Liebe wartet, werdet Ihr ewig eine Jungfrau bleiben.«

Isabelle ging zwei weitere Schritte nach links, den kleinen Finger in den der Hofdame gehakt. »Ich warte nicht auf die Liebe, Lady Ann. Ich weiß, dass sich das für Damen meines Standes nicht geziemt. Ich bin willens, mich meinen Pflichten zu unterwerfen, aber wie jede Frau wünsche ich mir einen Gemahl, mit dem ich ohne Abscheu zusammenleben kann.«

»Und das ist bei Lord Brian der Fall?«

»Nein. Das war die Antwort auf Eure Frage, warum ich die früheren Bewerber nicht erhört habe. In Bezug auf Lord Brian spielen diese Überlegungen keine Rolle.«

»Ihr begeht einen schweren Fehler, Milady«, beharrte Lady Ann. »Ein Caddington wäre der Letzte, bei dem ich Euch wissen möchte.«

Isabelle seufzte, als sie erneut aus dem Takt kam. Es war ihr schwer genug gefallen, das Antwortschreiben an Lord Brian zu verfassen. Umso mehr hätte sie jetzt die Unterstützung ihrer älteren Freundin nötig und nicht ihren unnachgiebigen Widerstand. »Warum seid Ihr so entschieden gegen meine Vermählung, Lady Ann? Ihr wisst, dass es das Beste für Cheshire ist.« Isabelle hielt in ihrer Bewegung inne und musterte die Hofdame. »Verschweigt Ihr mir etwas?«

»Natürlich nicht, Milady«, beeilte sich Lady Ann zu versichern. »Verzeiht mir, ich war im Unrecht.« Sie stellte den Tanzstab zur Seite und deutete einen Knicks an. »Darf ich jetzt gehen? Lady Divora wird jeden Moment eintreffen.«

»Ja, geht nur. Wir können morgen mit dem Tanz fortfahren.«

Isabelle sah der Hofdame kopfschüttelnd nach, als diese ungewohnt eilig den Raum verließ. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrer Freundin.

Ein Klopfen an der Tür hielt sie davon ab, den Gedanken weiterzuverfolgen. Auf ihre Antwort hin steckte Ruth den Kopf zur Tür herein. Ihre Miene verhieß nichts Gutes. »Lady Divora wegen des Turniers, Milady.«

»Bitte sie herein.«

Isabelle hatte ihren Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da stand Lady Divora schon in der Tür. Wie gewohnt war ihre Erscheinung ausgesprochen auffällig. Vielleicht war es ihre unerhört bunte Art, sich zu kleiden, oder ihre verrückten Frisuren, die sie wechselte wie andere Leute Gewänder. Vielleicht war es ihr überfetteter Hund, ohne den sie nie gesichtet wurde, oder ihr dramatischer Akzent, der einen glauben machen könnte, sie käme direkt aus Byzanz (dabei war sie die Tochter eines angelsächsischen Vasallen), oder auch ihr ordinäres Lachen, das so laut durch das Castle von Chester schallte, dass man ihm kaum entrinnen konnte. Vermutlich war es alles zusammen, das es unmöglich machte, Lady Divora zu übersehen. Gemeinsam mit Kämmerer Edgar, der die finanziellen Ausgaben streng im Blick behielt, war sie die ideale Besetzung für die Vorbereitung der Verlobung, doch sie konnte einem den letzten Nerv rauben. Und Letzteres tat sie mit Inbrunst.

Isabelle zog sich einen Mantel über ihren erhitzten Körper und wappnete sich innerlich für den Redeschwall, der unweigerlich auf sie einprasseln würde. »Lady Divora, tretet doch ein.«

Das ließ sich die Lady nicht zweimal sagen. Ihren Hund im Schlepptau trällerte sie los. »Diese Verlobung wird eine Sensation. Man wird noch Jahre davon sprechen. Mehr als vierzig Ritter haben bereits zugesagt. Wir brauchen eine Bleibe für über hundertzwanzig Gäste. Lady Madhill und ihr Gatte wünschen eine Unterkunft im Nordflügel, weil sich die Lady bei ihrem letzten Besuch von der Sonne belästigt fühlte. Wir werden das Blaue Zimmer für sie herrichten. Der Hof von York wird mit zwanzig Bediensteten anrücken. Ich weiß gar nicht, wo wir die alle unterbringen sollen. Unser eigenes Gesinde wird in die Ställe ausquartiert werden müssen. Was sagt Ihr dazu, dass die Earls von Nottingham und Stafford bereits zugesagt haben? Und das, wo es sich hier noch gar nicht um die Hochzeit, sondern nur um die Verlobung handelt.«

»Habt Ihr die Wirtsleute in der Umgebung gefragt, wie viele Gäste sie aufnehmen können?« Isabelle nutzte den Augenblick, als Lady Divora nach Luft rang.

»Zu wenige. Wir rechnen damit, dass mindestens dreihundert Menschen aus den umliegenden Dörfern der Verlobungsfeier beiwohnen möchten. Mit Verlaub, Ihr seid sehr beliebt bei den Menschen, Milady.«

»Die Leute sind froh, wenn sie etwas Abwechslung geboten bekommen. Das lässt sie ihre Sorgen vergessen.« Isabelle legte die Stirn in Falten. »Lady Divora, ich befürchte, dass die Feierlichkeiten, wie Ihr sie jetzt geplant habt, etwas zu opulent sind. Die Leute werden denken, dass wir prassen, während sie hungern.«

»Es handelt sich um Euren Abschied aus Cheshire, Milady! Ihr gestattet …« Lady Divora nahm unaufgefordert auf einem Stuhl Platz und hob den Hund auf ihren Schoß. Er quiekte wohlig, als er sich dort ausbreitete. »Die Verlobungsfeier wird Euer letzter öffentlicher Auftritt in Chester sein, und die Menschen kommen, um Euch Lebewohl zu sagen. Sie erwarten eine große Feier.«

Ihre Worte versetzten Isabelle einen Stich. Es war unvorstellbar für sie, ihr Volk zu verlassen und an einen fremden Hof zu gehen. Aber dieser Schritt musste getan werden, sie war jahrelang auf ihn vorbereitet worden. »Was habt Ihr denn bisher für das Turnier vorgesehen?«

Lady Divora war nun endlich bei ihrem Lieblingsthema angelangt. Sie bereitete leidenschaftlich gern Turniere vor und hatte in den letzten Jahren wenig Gelegenheit dazu gehabt. »Alle edlen Gäste sind geladen, einen Tag vor dem Turnier einzutreffen«, begann sie und griff nach der Wachstafel auf dem Tisch. »Das Turnier im Burghof wird den Auftakt der Festivitäten bilden, die Verlobungszeremonie wird am darauffolgenden Tag vollzogen. Das anschließende Fest wird für die geladenen Gäste im großen Saal und für das gemeine Volk im Burghof zelebriert. Das Turnier beginnt nach Sonnenaufgang mit dem Verlesen der Regeln, dann kommt die Helmschau und danach das Vorturnier, die Vesperie.«

»Streicht die Vesperie.«

»Streichen? Die Leute lieben die Vesperie!«

»Bei den letzten Turnieren gab es während der Vesperien so viele Verletzte, dass die meisten Ritter gar nicht mehr zum Hauptturnier antreten konnten. Ich möchte nicht, dass die Gäste auf den Höhepunkt des Festes verzichten müssen. Setzt statt des Vorturniers einen Buhurt an, der von den Knappen bestritten wird.«

»Wie Ihr wünscht, Milady. Die Vesperie wird gestrichen.« Lady Divora fügte sich missmutig. Es fiel ihr offensichtlich schwer, ihren sorgsam entworfenen Plan zu ändern. »Dann findet also am Vormittag der Buhurt mit zwei Mannschaften statt, und am Nachmittag folgt der Tjost für die Ritter. Ihr müsstet Euch noch einen Preis für den Sieger überlegen, Milady.«

»Was schlagt Ihr vor?«

»Einen Kuss natürlich! Der ideale Preis – einer Lady Eures Standes angemessen.«

»Dann schreibt für den Tjost einen Kuss als Belohnung aus.«

»Mit Vergnügen, Milady.« Lady Divora machte sich eifrig Notizen. »Und am nächsten Tag findet dann die eigentliche Verlobungsfeier statt. Der Tag beginnt mit einer Wagenfahrt nach Northwich, wo die Arbeiten an der großen Saline bewundert werden können. Anschließend gehen die Männer zur Jagd, und wenn sie zurück sind, beginnt der Ball im Saal, während das gemeine Volk sich unten im Hof vergnügen kann.«

Isabelle nickte zufrieden. »Ich möchte, dass jeder, der es wünscht, an den Festivitäten teilnehmen kann.«

»Natürlich, Milady. Lediglich die Anfrage des wappenlosen Ritters nach der Teilnahme an dem Turnier haben wir zurückgewiesen. Alle anderen werden auf Eurem Fest herzlich willkommen geheißen. In den Dörfern werde ich Euren Wunsch noch besonders bekanntgeben. Ich werde gleich nach Maxwell schicken lassen, dass er …«

»Einen Moment bitte.« Isabelle gelang es, Lady Divoras Ausführungen zu unterbrechen. »Ihr habt die Anfrage des wappenlosen Ritters zurückgewiesen?«

Lady Divora legte theatralisch ihre Wachstafel zur Seite. »Ich wollte Euch damit nicht behelligen. Der wappenlose Ritter hat seine Teilnahme an dem Turnier angefragt. Macht Euch aber deswegen keine Sorgen, wir haben uns schon darum gekümmert.«

»Warum habt Ihr ihm abgesagt?«

»Warum?« Lady Divora sah sie irritiert an. »Der wappenlose Ritter kann auf gar keinen Fall an dem Turnier teilnehmen. Der Earl von York hat seine letzten drei Schlachten verloren, weil dieser Unhold mit seinen Kriegern aufgetaucht ist.«

»Macht die Absage rückgängig.«

»Rückgängig?« Der Hund sprang erschrocken vom Schoß seiner aufgebrachten Herrin. »Das ist unmöglich! Es wird einen Eklat geben auf Eurer Verlobung!«

»Meine Verlobung soll ein friedliches Fest sein, und jeder ist geladen, ob Freund oder Feind. Die Menschen werden das Zeichen verstehen.«

»Durch Euer Zeichen werdet Ihr den ersten Ehezwist haben, noch bevor Ihr verlobt seid, Milady!«

»Die Hochzeit im Sommer wird in York stattfinden – da können die Caddingtons gern die Gäste bestimmen. Hier sind wir in Chester, und ich bleibe bei meiner Meinung.« Isabelles Ton machte deutlich, dass das Thema für sie beendet war.

»Wollt Ihr das nicht noch einmal mit Eurem Vater besprechen?«, fragte Lady Divora mit flehender Stimme. Offenbar sah sie ihr schönes Fest in Rauch und Asche aufgehen.

»Es ist meine Feier, und ich bestimme, wer geladen wird. Und ich sage, jeder Gast ist willkommen.«

»Woher wollt Ihr wissen, dass der Ritter nicht auf einen Hinterhalt aus ist und die Burg in Besitz nehmen will? Er hat kein Wappen, Milady. Er ist weder einem Edelmann verpflichtet, noch gibt er seinen wahren Namen preis. Womöglich ist er ein Gesetzloser und nur auf Euren Familienschmuck aus. Ich würde diesem Mann keine zehn Fuß über den Weg trauen.«

»Der Ritter könnte unsere Burg gar nicht stürmen, weil er nicht die notwendigen Leute dafür hätte.«

»Man sagt, er nimmt es mit zwanzig Männern auf einmal auf, Lady Isabelle. Ihr seid mitnichten vor ihm geschützt.«

»Er ist ein Ritter, und das bedeutet, er hat Ehre. Er wird die Regeln nicht brechen.«

»Euer Wort in Gottes Ohr, Milady.« Lady Divora ließ resigniert den Griffel fallen. »Ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn es statt einer Freudenfeier einen Skandal gibt.«

»Ihr braucht Euch nicht zu sorgen. Ich übernehme die volle Verantwortung.« Isabelle lächelte der Lady besänftigend zu. »Ich danke Euch für Eure Mühe.«

Lady Ann schritt rastlos in ihrer Kammer auf und ab. Ihre Finger verkrampften sich in ihrer Tunika, während sie ein Zitat aus der Bibel vor sich hin murmelte. »Si potes credere omnia possiblia credenti. Alles ist möglich dem, der da glaubt.«

Seit dem Tod von Lady Eleanor schwebte das Versprechen, das die Sterbende ihr abgenommen hatte, wie ein Damoklesschwert über ihr. Bisher war sie nie in Versuchung gekommen, es zu brechen, aber die jetzige Situation machte die Einhaltung geradezu unmöglich. Sie hatte das Unheil kommen sehen in den letzten Jahren, aber sie hatte gehofft, dass ihre Gebete erhört würden und ihre Isabelle nicht in die Lage geriet, den Avancen des künftigen Herrschers von Yorkshire nachgeben zu müssen.

Lady Ann wusste nicht, warum es so wichtig war, dass Isabelle noch nichts von dem Geheimnis ihrer Mutter erfuhr, aber sie vertraute darauf, dass ihre verstorbene Freundin diese Anweisung aus gutem Grund gegeben hatte. Isabelle war noch ein Kind gewesen, als Lady Eleanor von einer schweren Lungenerkrankung heimgesucht worden war, und Lady Ann hatte ihr am Sterbebett geloben müssen, bis ans Ende ihrer Tage schützend die Hand über ihre Tochter zu halten. Und daran hatte sie sich gehalten. Sie hatte sich große Mühe gegeben, Isabelle die Mutter zu ersetzen, und Isabelle dankte es ihr von ganzem Herzen.

Umso unerträglicher war es nun, in dieser dringlichen Sache nicht die Wahrheit sagen zu können. Das letzte Versprechen, das man Sterbenden gab, durfte unter keinen Umständen gebrochen werden. So etwas brachte Unglück über die ganze Familie. Im Sommer zuvor hatte Baron Wollester das letzte Versprechen, das er seiner dahinscheidenden Tante gegeben hatte, missachtet. Drei Monate später war in seinen Ställen ein Feuer ausgebrochen, das auf die Räume des Gesindes übergegriffen und den halben Hof in Schutt und Asche gelegt hatte. Nein, sie würde sich nicht mit dem Herrgott anlegen. Doch wie nur konnte sie die Vereinigung von Isabelle und Lord Brian verhindern?

Lady Ann seufzte tief, als ihre Hände über das schamanische Amulett strichen, das Lady Eleanor ihr auf dem Sterbebett anvertraut hatte. Und mit ihm ein Geheimnis, das nun schwerer denn je auf ihrer Seele lastete. Lady Eleanor hatte ihr von einer Begebenheit erzählt, die weit in die Vergangenheit zurückreichte, bis in das Jahr 813. Damals war der berühmte Magier Balthazar nach Irland gesegelt, um ein hundert Seiten starkes Buch in Sicherheit zu bringen, das nicht in falsche Hände geraten durfte. Es enthielt das gesamte Wissen der Weißen und der Schwarzen Magie, »denn beide speisen sich aus derselben Quelle«, hatte Lady Eleanor erklärt. Nur ein Mensch, der über die vollkommene Balance zwischen Gut und Böse verfüge, sei in der Lage, mit diesem Wissen umzugehen, ohne Tod und Vernichtung über die Menschheit zu bringen. Viele Jahre lang hatte der alte Balthazar einen Nachfolger gesucht, aber seine Bemühungen waren erfolglos geblieben.

Deswegen beschloss Balthazar, das Buch von der Menschheit fernzuhalten. Er vergrub es auf der Insel Cyane, die auf keiner Seekarte zu finden war. Die einzigen Menschen, die auf Cyane lebten, waren ein Stamm Amazonen. Deren Besitz- und Machtstreben war von jeher nicht sehr ausgeprägt, was sie zu bestens geeigneten Wächterinnen über das Buch machte. Als Gegenleistung sicherte Balthazar ihnen ein mildes Klima und Nahrung in Hülle und Fülle bis ans Ende ihrer Tage zu.

Nur sehr selten gelangten Seefahrer auf die Insel, und wenn sie es taten, durften sie die Insel nie wieder verlassen. Auch den Amazonen war es nicht gestattet, sich von der Insel zu entfernen. Dies war allein den Schamaninnen vorbehalten. Sie lebten unerkannt unter den Menschen auf dem Festland und trugen das Wissen über die dortigen Entwicklungen zurück zu ihrem Stamm.

So erfuhr Lady Ann, dass die Lady von Cheshire eine Schamanin war, deren Gabe in jeder Generation von Mutter zu Tochter vererbt wurde. Und plötzlich verstand sie auch, wieso Lady Eleanor so häufig von quälenden Erscheinungen heimgesucht wurde. Auch ihre Tochter Isabelle besaß diese Gabe, aber noch wusste sie nicht, dass es sich bei ihren Vorahnungen um schamanische Visionen handelte. Erst an ihrem zwanzigsten Geburtstag würde sie die Wahrheit erfahren und Trägerin des Geheimnisses werden. So hatte es Balthazar verfügt.

»Nun sterbe ich, ehe ich ihr ihre Bestimmung erklären kann«, hatte Lady Eleanor mit schwacher Stimme geflüstert. »Deswegen müsst Ihr das übernehmen, meine liebe Freundin. Ihr dürft keiner Menschenseele etwas davon erzählen. Auch nicht meinem lieben Gemahl. Die Botschaft darf nur unter Frauen weitergegeben werden. Wartet Isabelles zwanzigsten Geburtstag ab, erst dann dürft Ihr ihr alles erzählen. Versprecht Ihr mir das?«

Natürlich hatte Lady Ann es ihr versprochen und ihr versichert, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Lady Eleanor könne sich vollkommen auf sie verlassen. Ein schwaches Lächeln war über das bleiche Gesicht von Lady Eleanor gehuscht, als sie der Hofdame das Amulett überreichte. Es war ein ausgesprochen schönes Amulett, aus rötlichem Holz gefertigt und geformt wie eine Blüte, in die ein Symbol geschnitzt war, das einen Bogen mit drei übereinanderliegenden Pfeilen darstellte. Auf der Rückseite waren Zeichen eingeritzt, die Lady Ann nicht verstand, aber Lady Eleanor hatte ihr versichert, dass Isabelle eines Tages in der Lage sein würde, sie zu deuten.

In der Nacht vor ihrem Sterbetag hatte Lady Eleanor noch eine letzte Vision ereilt. Sie sah die Vermählung ihrer Tochter, und im Hintergrund blitzte das grün-weiße Wappen der Caddingtons auf. Sie hatte gespürt, dass diese Hochzeit großes Unglück über England bringen würde. »Ihr müsst verhindern, dass meine Isabelle einen Caddington heiratet! Versprecht mir das, Lady Ann.«

Auch dieses Versprechen hatte Lady Ann gegeben, und so blieben ihr angesichts der neuen Entwicklungen am Hofe nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie hielt ihr Versprechen, Isabelles zwanzigsten Geburtstag abzuwarten, doch in dem Fall konnte sie nichts gegen die Vermählung mit Lord Brian unternehmen, oder sie brach ihr Versprechen und weihte Isabelle ein. Das würde die Hochzeit verhindern, aber Balthazars Gebot missachten und dadurch möglicherweise unermesslichen Schaden anrichten.

Wie auch immer Lady Ann es drehte und wendete, stets kam ein Unglück dabei heraus. Und so war es nicht nur Isabelle, die in dieser Nacht von schlechten Träumen heimgesucht wurde, sondern auch die engste Vertraute ihrer verstorbenen Mutter.

KAPITEL III

Es war der 2. Mai 1215, und im Castle von Chester war alles so reich geschmückt wie zuletzt bei der Hochzeit des Earls mit seiner Lady Eleanor. An den Türmen hingen Wimpel und Fahnen mit dem Wappen der Familie Trascott, unten im Hof waren bunte Bänder gespannt, und Händler hatten ihre Stände aufgebaut. Man konnte Krüge, Töpfe, Körbe und Bürsten erstehen, und es gab eine reiche Auswahl an Gewandungen für Jung und Alt. Daneben reihten sich Stände mit Brot, Wein, Obst und Gemüse.

An der Ostwand der Burg spielten Kinder mit den Schweinen und Ziegen, die später zum Verkauf angepriesen würden, und über den gesamten Hof zog der Duft von gebackenen Äpfeln, die ein altes Mütterchen aus ihrem Bauchladen anbot. Abseits der Stände, in der Nähe der Stallungen, wurde das Gelände für das Turnier abgesteckt. Mitten im Gewühl hastete Lady Divora, eine Wachstafel in jeder Hand, von einem Bediensteten zum anderen. Es war nicht zu überhören, dass die beleibte Dame mit den bisherigen Vorkehrungen noch nicht zufrieden war. »Ach, ihr Dummköpfe! Muss man euch denn alles dreimal sagen? Nicht hier ist das Feld für den Buhurt, sondern dort drüben!« Sie gab dem Diener David einen Klaps mit ihrer Wachstafel.

Isabelle betrachtete das Treiben unten auf dem Hof von ihrem Turmfenster aus. Alles war so beschäftigt, dass niemand die eigentliche Hauptperson der bevorstehenden Feier beachtete. Ihr war es nur recht, wenn die Menschen sie in Ruhe ließen, und zum Glück erwartete niemand, dass die Braut höchstpersönlich die von weither angereisten Gäste begrüßte.

Wieder einmal zeigte sich, dass Isabelle sich auf ihr Gesinde verlassen konnte. Die Küche bereitete sich seit Tagen auf den großen Besuch vor, Betten und Räumlichkeiten waren wider Erwarten genügend gestellt worden, und der Kämmerer hatte sämtliche Kosten für das Fest abgesegnet. Die Familie Caddington und ihre Dienerschaft würden erst am Abend anreisen, so dass Isabelle noch ein wenig Muße hatte, bevor sie Konversation mit ihrer zukünftigen Familie betreiben musste.

Isabelle fragte sich, ob ihr wohl noch genug Zeit für einen Ausritt zu ihrer Lieblingsstelle am Chester See blieb. Nicht mehr oft würde sie die Gelegenheit haben, dort ungestört ihren Gedanken nachzugehen. Sicher gab es auch in York schöne Flecken Erde, aber kein Ort der Welt bewahrte so viele ihrer Erinnerungen wie das Ufer dieses Sees. Wie oft hatte sie sich nach dem Tod ihrer Mutter dorthin geflüchtet, und es war Ruhe und Zuversicht in sie eingekehrt.

Seufzend stieß sie sich von der warmen Fenstermauer ab. Sie würde sich beeilen, und es würde gar nicht auffallen, dass sie fort war. Hastig zog sie sich feste Schuhe und ihr Reitgewand an und machte sich auf zum hinteren Tor der Stallungen. Von weitem waren die Rufe der Bediensteten zu hören und mittendrin das hohe Kläffen von Lady Divoras Hund. Isabelle musste lächeln bei dem Gedanken, dass sie die quirlige Dame vermissen würde. So einiges hier würde ihr fehlen. Wie gut, dass sie wenigstens ihre Felicia mitnehmen konnte.

Als Isabelle geräuschlos die Stalltür öffnete, empfing sie der typische Geruch von Heu, Mist und warmen Pferdeleibern. Felicia schnaubte freudig, als sie ihre Herrin erkannte. »Still, Felicia, still.« Isabelle vergrub ihr Gesicht in der Mähne ihrer treuen Stute. »Wir stehlen uns jetzt einfach davon und kommen nie wieder. Was hältst du davon?«

Felicia rieb ihren Kopf an der Schulter ihrer Herrin, so als wolle sie ihre Zustimmung geben. Isabelle griff nach dem Zaumzeug an der Wand, hielt jedoch in ihrer Bewegung inne, als sie am anderen Ende des Stalles ein Geräusch vernahm. Auch Felicia spitzte aufmerksam die Ohren. Isabelle strich ihr beruhigend über den Hals, bevor sie zum anderen Ende des Stalles schlich.

Hier waren die Pferde der Ritter untergebracht, also musste es sich bei dem Eindringling entweder um einen Dieb oder um einen Knappen handeln. Im Schutz eines Stützpfeilers beobachtete Isabelle, wie in der Nähe der vorderen Stalltür ein Mann neben einem Pferd niederkniete. Das sah nicht nach einem Eindringling aus, sondern eher nach einem Knappen, der von seinem Herrn geschickt worden war. Isabelle wollte wieder zu ihrer Stute zurückkehren, aber etwas an der Art, wie der Knappe mit dem Pferd umging, ließ sie innehalten. Er schien die rechte Hinterhand des Tieres zu untersuchen und sprach leise Worte, während seine Hände tastend über das Sprunggelenk des Pferdes glitten. »Ganz ruhig, mein Junge. Ganz ruhig. Lass mich mal sehen … Sehr gut machst du das … Ganz ruhig … Sieh an, es ist weniger schlimm, als ich befürchtet habe.«

Der Rappe zuckte leicht, als die Hand des Knappen vorsichtig über eine empfindliche Stelle fuhr. Dabei redete der Mann weiter behutsam auf das Pferd ein. Welch ein Vertrauen das Tier ihm entgegenbrachte. Obwohl es offensichtlich Schmerzen litt, blieb es ruhig stehen und wartete, bis er die Untersuchung beendet hatte.

Die Schönheit des Pferdes war atemberaubend. Sein glänzendes schwarzes Fell passte wunderbar zu dem rabenschwarzen Haar, das, vermutlich von dem Knappen unbemerkt, unter dessen Kopfbedeckung hervorquoll. Er trug einen schwarzen Umhang über einer roten Tunika von edler Machart. Seine schwarzen Stiefel, die über ebenfalls schwarze Beinlinge gezogen waren, reichten bis zum Knie und waren offenbar frisch geputzt.

Beide, Pferd und Knappe, hoben abrupt den Kopf, als Isabelle hinter ihrem Stützpfeiler hervortrat. Der Knappe schoss in die Höhe. »Milady.« Er verbeugte sich. »Verzeiht, ich habe Euch nicht kommen hören.«

Isabelle war so eingenommen von der Schönheit des Pferdes, dass sie auf seine Entschuldigung gar nicht einging. »Dein Herr kann sich glücklich schätzen, solch ein prachtvolles Tier zu besitzen«, sagte sie bewundernd.

»Er schätzt sich glücklich.« Weiße Zähne blitzten, als der Knappe lächelte. »Ein treueres Tier kann man sich nicht vorstellen.«

Isabelle spürte, wie die blauen Augen des Mannes sie aufmerksam beobachteten, als sie näher trat. Die ganze Haltung des Knappen hatte etwas von einer Katze, stolz und ruhig, doch stets zum Sprung bereit. Sein Gugel verhüllte die Hälfte seines Gesichtes, und doch hatte Isabelle das seltsame Gefühl, als wäre sie ihm schon einmal begegnet.

»Wie ist dein Name, Knappe?«

»Mein Name ist Ross, Milady.«

»Ross, meinst du, dein Herr erlaubt, dass ich mir sein Pferd einmal näher ansehe?«

»Gewiss, Milady. Sagt einfach seinen Namen – Aymon. Dann lässt er Euch an sich heran.«

Isabelle tat, wie ihr geheißen. Sofort spitzte der Hengst die Ohren und wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu.

»Ihr könnt jetzt getrost auf ihn zugehen.« Ross zog einen halben Apfel hervor und reichte ihn Isabelle. »Hier. Zur Unterstützung Eures Vorhabens.«

»Wir werden sehen, ob Aymon sich mit einem Stück Obst bestechen lässt.« Isabelle sah andächtig zu, wie das Pferd den Apfel vorsichtig aus ihrer Handfläche nahm.

»Aymon ist nicht bestechlich. Wenn er Euch nicht trauen würde, ließe er das Apfelstück unberührt.« Ross kraulte den Rappen zwischen den Ohren. Bei der Bewegung öffnete sich sein Umhang und gab den Blick auf einen weißen Gürtel frei.

»Sir!« Isabelle wich zurück. Aymon wieherte erschrocken.