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FRAUEN IM SINN

 

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Verlag Krug & Schadenberg

 

 

Literatur deutschsprachiger und internationaler

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Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

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Bettina Isabel Rocha

Buenos Aires, mi amor

Roman

 

 

 

K+S digital

Buenos Aires, 18. Juni 2004

Elena klingelte. Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür öffnete und Ramón ihr, noch im Schlafanzug, gegenüberstand. Er grüßte sie verdutzt, und während er sich unschlüssig über die dunklen Stoppeln an seinem Kinn strich, glitten seine Augen erstaunt über Elenas Gepäck. Bevor Elena etwas sagen konnte, erschien Conchita hinter Ramón im Türrahmen. Sie erfasste die Situation blitzschnell. »Elena, du bist zurück! Wie es aussieht, kommst du gerade vom Flughafen.« Mit einer Handbewegung bedeutete sie Ramón, Elena mit dem Gepäck zu helfen. »Komm rein, Elena. Bienvenido!«

Elena bedankte sich. Sie konnte kaum noch die Augen aufhalten und fragte: »Habt ihr ein Plätzchen, wo ich ein paar Stunden schlafen kann?«

Conchita lotste die übernächtigte Elena in eine kleine Kammer im Erdgeschoss der Tanzschule, die sie gemeinsam mit Ramón betrieb. »Ich freue mich so sehr, dass du zurück bist! Ist das Jahr tatsächlich schon um?«, sagte sie, während sie ein Klappbett aus einer Ecke holte.

»Ja, fast. Elf Monate – also eine Ewigkeit.«

»Elf Monate in der Fremde und du sprichst von einer Ewigkeit. Du bist und bleibst eben eine typische porteña – jeder Tag fernab des Río de la Plata ist ein Tag zu viel!«

Während sie Conchita mit den Laken half, beeilte sich Elena zu erklären: »Es tut mir leid, dass ich hier in aller Frühe aufkreuze …«

»Mach dir keine Gedanken«, versicherte Conchita sofort. Sie ließ sich keine Verwunderung darüber anmerken, warum Elena nicht gleich zu Caridad, ihrer Geliebten, zurückkehrte, sondern half ihr, sich halbwegs in der Kammer einzurichten.

»Ach, Conchita, danke. Du weißt, wann immer ich etwas für euch tun kann, lass es mich wissen«, sagte Elena, froh, dass Conchita ihr jegliche Frage zu ihrem unerwarteten Auftauchen ersparte.

»Vergiss es. Du bist uns nichts schuldig.« Conchita tat das Thema mit einer ungeduldigen Handbewegung ab. Doch dann glitt ein spitzbübisches Schmunzeln über ihr Gesicht. »Das heißt, mir schon … Erinnerst du dich an dein Versprechen, bevor du nach Las Palmas geflogen bist?«

Elena blickte sie einen Moment ratlos an, dann zauberte die Erinnerung für einen Moment alle Müdigkeit fort. Mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die um ihr gutes Aussehen weiß, warf sie sich in Pose und blickte Conchita tief in die Augen. »Mein erster Tango in Buenos Aires gehört dir.«

»¡Exacto! Und wehe, mir kommt zu Ohren, dass du dich nicht an dieses Versprechen gehalten hast.« Nicht minder von sich überzeugt, reckte Conchita ihr Kinn und drohte Elena mit dem Finger. »So und jetzt: buenas noches. Wenn du irgendwann ausgeschlafen hast, möchte ich die ganze Geschichte von Las Palmas, deiner Tante und deiner Suche haarklein erzählt bekommen.«

Elena wachte auf. Die Liege war schmal und durchgelegen, das Zimmer kühl und winzig. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Doch das bläulichgraue Licht eines Herbstnachmittags und das Geschrei der Vögel ließen keinen Zweifel: Sie war zurück in Buenos Aires. Sie streckte sich. Rücken und Beine schmerzten immer noch. Fünfundzwanzig Stunden Reise, davon achtzehn in der Luft, waren kein Vergnügen. Sie blieb eine Weile im Bett sitzen. Nun war sie wieder zu Hause. Sie fröstelte. Die Milde der kanarischen Inseln schien Lichtjahre entfernt. Buenos Aires hatte sie wieder. Ihre Suche nach Spuren ihrer Tante Marí in Las Palmas war beendet. Sie hatte mehr erfahren, als sie bei ihrem Aufbruch zu hoffen gewagt hatte. Einige neue Details aus Marís Leben ließen nun ahnen, wieso Marí trotz ihres großen Talents als Künstlerin erfolglos geblieben war. Wenn auch nicht alle Fragen zu Marís Schaffen und ihrem frühen Tod geklärt waren, so hatte sie dennoch viel erreicht während ihrer Zeit auf Gran Canaria. Elena seufzte und schwang mühsam die Beine aus dem Bett. Dass sie überhaupt so weit gekommen war, hatte sie vor allem einem Menschen zu verdanken: Inés. Elena strich sich mit der Hand über das Gesicht und drückte mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Inés. Eine süße Erinnerung an eine Zeit, die nun vorbei war. Von diesem Tag an würde sie ihr Leben in Buenos Aires wieder aufnehmen. Und das begann mit dem Wiedereinstieg in ihren alten Job. So schnell wie möglich wollte sie mit Ramón besprechen, ab wann sie wieder in seiner Tanzschule unterrichten konnte. Sie blickte auf die Uhr. Es war kurz vor fünf. Eine gute Zeit, um Ramón und Conchita zu suchen, etwas zu essen und vor allem zu duschen. Danach würde sie zu Caridad gehen. Sie hatte sie selten genug angerufen im vergangenen Jahr. Was sie in ihrem alten Zuhause erwartete, wusste sie nicht. Die beiden letzten Male, die sie mit Caridad telefoniert hatte, hatten sie mehr beunruhigt als jedes verkrampfte Gespräch zuvor. Beim ersten Telefonat hatte Elena wie immer zu ergründen versucht, wie es Caridad ging und ob in ihrem Alltag alles glatt lief. Statt der ausweichenden Antworten, die Caridad sonst stereotyp und stoisch herunterleierte, hatte sie plötzlich ihrer Wut über Elenas Fürsorge Luft gemacht. Sie hatte sie angeschrien und mit Vorwürfen überhäuft. Als Elena einige Wochen später wieder anrief, hatte sie es mit einer ungeduldigen Caridad zu tun gehabt. Noch bevor Elena ihre üblichen Fragen hatte stellen können, hatte Caridad entnervt erklärt, ja, es ginge ihr blendend, mit der Arbeit käme sie gut voran, und wenn Elena zurück sei, könne sie sich selbst davon überzeugen. Noch nie zuvor hatte sie von Caridad gehört, es ginge ihr blendend. Was immer es bedeuten mochte – ausgeschlafen und geduscht konnte sie Caridad besser gegenübertreten. Elena schwang sich vollends aus dem Bett und suchte ihre Sachen zusammen.

Sie fand Ramón vor der Tanzschule, wo er gerade eine Gruppe japanischer Touristinnen und Touristen verabschiedete. Die Tangobegeisterten stiegen, sich höflich verbeugend, in den wartenden Bus. Strahlend nahm Ramón Elena in die Arme und drückte sie herzlich. »Ausgeschlafen?«, fragte er. »Schön, dass du wieder hier bist.«

»Ausgeschlafen, geduscht und hungrig. Ich bin froh, wieder hierzusein und euch anzutreffen, als wären nur ein paar Tage vergangen.«

»So, wie du vor mir stehst, kommt es mir nicht viel länger als drei, vier Wochen vor.«

Ramón winkte sie in den kleinen stickigen Raum, der ihm als Büro diente, und holte seinen Kalender hervor. Er runzelte die Stirn und kaute, während er hin und her blätterte, auf einem Kuli. Elena wurde unsicher. Als sie ihn von Las Palmas aus angerufen hatte, schien alles klarzugehen. Er hatte ihr versichert, dass sie nach ihrer Rückkehr wieder bei ihm unterrichten könne. Ramón hatte mühelos einen Ersatz für sie gefunden, als sie damals aufgebrochen war. Die Konkurrenz war groß, denn es gab viele talentierte Tangotänzerinnen und -tänzer, die mit Freude in einer Tangoschule für Touristen arbeiteten, wo eine vergleichsweise gute Bezahlung lockte – auch wenn der Unterricht tänzerisch meist keine Herausforderung bot.

»Ché, wie gesagt, ich möchte dich natürlich wieder einstellen …« Elenas Nervosität stieg beim Klang seiner verhaltenen Stimme.

»… aber im Moment habe ich für alle Kurse jemanden …«

»Oh, ich hatte gedacht, es geht klar …«

»Als du aus Las Palmas angerufen hast, hatte ich nicht alle Termine und die Besetzung parat. Ich dachte, ich könnte dich gleich wieder einsetzen …«

Elena zuckte die Schultern, sie mochte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen. Die Rückkehr in ihre Heimat lief alles andere als glatt. Sie hatte Ramóns Zusage für verlässlich gehalten und mochte sein Blättern im Kalender nicht weiter mit ansehen. »In Ordnung, Ramón, ich hatte dich am Telefon zwar so verstanden, als könnte ich hier problemlos wieder anfangen …« Sie gab sich keine Mühe, ihren Ärger zu verbergen, und fuhr kühl fort: »Aber offenbar habe ich mich geirrt. Ich mache mich dann mal auf, mir was anderes zu suchen.«

Ramón blickte auf und sah Elena erstaunt an. »Was bist du denn so grantig?«, fragte er. »Ich habe dir doch zugesagt, dass du hier auf jeden Fall wieder anfangen kannst. Ich wäre ja schön blöd, wenn ich das nicht täte – ganz abgesehen von dem Ärger, den mir Conchita machen würde. Das Problem ist nur, du warst nicht ein ganzes Jahr fort, sondern nur elf Monate. Manuel, deine Vertretung, hat einen Jahresvertrag, der erst Ende Juli ausläuft. Er macht seine Sache gut, aber ich möchte lieber wieder mit dir zusammenarbeiten, Elena. Leider geht das erst ab August. Tut mir leid, ich habe das damals am Telefon nicht so schnell überblickt.«

Elena fiel ein Stein vom Herzen. Also alles halb so schlimm, sie musste sich keinen neuen Job suchen. Glücklich strahlte sie Ramón an, doch dann kam sie schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Sechs Wochen ohne Arbeit. Zehn Wochen bis zu ihrem ersten Gehalt. Ihr Erspartes aus Las Palmas würde schnell dahinschmelzen.

Der Fahrer des colectivo tat Elena den Gefallen und hielt zwischen zwei Haltestellen. Ein Fahrgast half ihr, das Gepäck aus dem Bus zu hieven, und ehe Elena sich’s versah, stand sie vor ihrem Zuhause. Das zweistöckige Wohnhaus mit seiner bröckeligen mattgrünen Fassade und den verrosteten Balkonen sah aus wie eh und je. Das Schild zu Alfonsos Werkstatt war immer noch dasselbe, und als sie durch den Torbogen in den Hinterhof trat, stieg ihr der altvertraute Geruch von Gummi und Öl in die Nase. Elena schleppte ihr Gepäck über das holprige Pflaster. Zu dieser Zeit war Caridad sicher in der Werkstatt am anderen Ende des Hofes, wo sich auch Alfonsos Ersatzteillager befand. Am besten stellte sie das Gepäck schnell in den Hausflur und lief dann hinüber. Sie griff sich gerade den größeren der beiden Koffer, als ein kleiner Lieferwagen durch die Toreinfahrt kam und auf Elenas Höhe hielt. Der Fahrer ließ das Fenster herunter, grüßte freundlich und fragte: »Ché, kannst du mir sagen, wo die Werkstatt von Caridad Guzmán ist?« Elena deutete auf die andere Seite des Hofes. »Dort drüben.« In dem Moment trat ein Mann in blauer Arbeitskleidung aus Caridads Werkstatt. Er rief dem Fahrer zu: »Hier rüber, Paco! Wende und stell dich mit der Ladefläche direkt vor die Tür dort, damit wir besser einladen können.« Der Fahrer hob grüßend die Hand und nickte Elena zu, dann fuhr er an. Elena blickte dem Lieferwagen nach. Dann entdeckte sie zwei Männer, die schwer an einem unförmigen, in Decken gehüllten und verschnürten Ding trugen. Elena beobachtete die Szene. Was taten sie da? Was hatten sie in Caridads Werkstatt zu suchen? Womöglich war es gar nicht mehr Caridads Werkstatt? Doch der Fahrer hatte ausdrücklich nach Caridad Guzmán gefragt. Merkwürdig. Mittlerweile war er ausgestiegen und half den anderen Männern, ein weiteres verpacktes Objekt auf die Ladefläche zu heben. Nach und nach holten sie weitere große Gegenstände aus der Werkstatt. Das konnten nur Caridads Skulpturen sein – Größe und Ausmaß und das offensichtlich hohe Gewicht deuteten darauf hin. Elena ging auf die Werkstatt zu. Was geschah hier? Hatte Caridad beschlossen auszuziehen? Die Werkstatttür stand offen. Elena zögerte kurz, bevor sie eintrat. Am anderen Ende des Raumes sah sie Caridad, die ein weiteres Objekt verpackte. Konzentriert zog sie an einem groben Strick. Schweiß perlte von ihrer Stirn. Elena stand einfach da, ohne ein Wort zu sagen, und blickte zu ihr hinüber. Caridad war völlig vertieft in ihre Arbeit, doch der abwesende Ausdruck, früher so typisch für sie, war fort. Kraftvoll zog sie an dem Strick, prüfte, indem sie daran zerrte, zog ihn noch etwas fester und fluchte vor sich hin. Elena starrte sie an. Sie sollte sich bemerkbar machen, zu ihr hinübergehen und sie begrüßen. Doch kein Wort kam ihr über die Lippen. Wie angewurzelt stand sie da und schaute Caridad an. Irgendetwas an ihr war vollkommen anders. Sie wirkte so kraftvoll. Aber das war es nicht wirklich. Der Anblick von Caridad, wie sie mühelos mit Schweißgerät, Stemmeisen, Beitel und Klüpfel hantierte, war ihr wahrhaftig vertraut. Es war etwas anderes. Caridad hielt inne und verzog ein wenig das Gesicht, als sie beide Fäuste ins Kreuz stemmte und den Rücken durchdrückte. Sie zog einen Handschuh aus und wischte sich über die Stirn. Dann glitt ihr Blick zur Tür, und sie entdeckte Elena. Elena öffnete den Mund und ging einen Schritt auf Caridad zu. Die Überraschung in Caridads Gesicht verschwand, und sie lächelte Elena an.

»Elena! Da bist du ja!« Mit diesen Worten zog sie auch den anderen Handschuh aus und kam ihr entgegen. Sie strich sich das dunkelblonde Haar aus der Stirn, trat nahe an Elena heran und schloss sie ohne zu zögern in die Arme.

Ein wenig befangen erwiderte Elena die Umarmung. So entspannt hatte sie Caridad selten erlebt, dachte sie, während sie ihr Gesicht in Caridads Haar drückte und den vertrauten Geruch einatmete. Caridad löste sich und hielt Elena auf Armeslänge von sich. Sie lachte sie an und fragte: »Wie war der Flug? Du musst hundemüde sein.«

Elena zögerte, dann sagte sie: »Der Flug war scheußlich. Mein Rücken, meine Beine, alles ist ein einziger Schmerz.«

Caridad nickte und ließ Elena los. »Kann ich mir vorstellen.« Sie betrachtete Elena und wartete.

Unschlüssig stand Elena da. Wie ging es nun weiter? Die neue und doch so vertraute Caridad verunsicherte sie. Mit einer unbestimmten Geste, die die ganze Werkstatt einschloss, fragte sie: »Was ist hier los?«

Caridad lächelte und antwortete nicht gleich. War auch ihr aufgefallen, dass die Frage womöglich mehr umfasste als das Verladen ihrer Skulpturen?

»Die Männer bringen meine Sachen in die Galeria Leró. In vier Wochen wird dort meine Ausstellung eröffnet, Elena. Eine Ausstellung ausschließlich mit meinen Werken.« Ihre Augen leuchteten.

In der Galeria Leró? Elena staunte. Die Galerie genoss hohes Renommee. Viele argentinische sowie einige ausländische Künstlerinnen und Künstler von Rang wurden von ihr vertreten. Die beiden Galeristen Elias Amado und Javier Cuevas besaßen beste Kontakte zum internationalen Kunstmarkt. Wer es in die Galeria Leró brachte, hatte es geschafft und genoss Aufmerksamkeit und Respekt. Es war ein riesiger Schritt aus der Anonymität ins Licht der nationalen und vielleicht auch internationalen Kunstszene. Caridad trat diesen Weg offenbar gerade an, und sie, Elena, erfuhr jetzt erst davon. Wieso hatte Caridad keine Silbe darüber verloren? Elena dachte an ihre seltenen und verkrampften Telefonate im vergangenen Jahr. Beim letzten Gespräch hatte Caridad versichert, es ginge ihr blendend und sie käme mit ihrer Arbeit bestens voran. Elena war zu perplex gewesen, als dass sie nachgehakt hätte. Jetzt fühlte sie sich unbehaglich und schämte sich. Sie hatte Caridad nicht wirklich geglaubt. Sie hatte – wenn überhaupt – etwas anderes dahinter vermutet. Sie suchte nach Worten und sagte schließlich: »Das ist wunderbar, querida … Ich bin so beeindruckt – ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

Caridad lächelte wieder. »Du meinst, du bist erstaunt«, stellte sie fest.

»Nein, nein. Einfach völlig platt … und ja, überrascht. Die Galeria Leró ist ja nicht irgendeine Galerie.« Unter Caridads forschend-amüsiertem Blick meinte Elena sich rechtfertigen zu müssen. Vermutlich ahnte Caridad, dass sie eine solche Leistung, einen so unglaublichen Erfolg nicht im Traum für möglich gehalten hatte, hatte sie doch immer nur Caridads Leid gesehen und nicht die Kraft, die auch in ihr steckte. Sie blickte Caridad an, mit der sie nun – das knappe Jahr in Las Palmas eingerechnet – schon neun Jahre zusammen war. Sah in ihre blauen Augen, in denen ein längst verlorengeglaubter Glanz lag, und sagte schlicht: »Ich freue mich wahnsinnig für dich, Caridad.«

Caridad strahlte. »Danke.«

»Wie hast du das geschafft? Ich meine, wie hast du sie auf dich aufmerksam gemacht und es fertiggebracht, eine Einzelausstellung zu bekommen?«

»Das ist eine längere Geschichte. Aber letztlich war es dann doch gar nicht so schwer. Alles fügte sich ineinander …«

Einer der Männer trat zu ihnen und sagte an Caridad gewandt: »Der Wagen ist voll, wir fahren jetzt los. Morgen Vormittag kommen wir und holen den Rest. Beim Auspacken sollen Sie aber dabei sein, lässt Señor Amado ausrichten. Am besten, Sie rufen ihn noch mal an.« Er grüßte und ging hinaus.

»Elias Amado – ist das dein Ansprechpartner?«

»Ja. Einer der beiden Chefs«, sagte Caridad mit Stolz in der Stimme.

»Wahnsinn …« Elena war zutiefst beeindruckt. Wirklich fassen konnte sie es immer noch nicht. »Also erzähl, wie hast du das fertiggebracht?«

»Es ist wirklich eine längere Geschichte, Elena …« Caridad zögerte. »Du spielst auch eine Rolle darin …« Sie grinste schief. »Ich erzähl dir alles, aber ich denke, du solltest dich erst einmal ausschlafen. Du musst wahnsinnig müde sein.«

Elenas Gedanken überschlugen sich. Sollte sie zugeben, dass sie schon in der Tanzschule geschlafen hatte, bevor sie es gewagt hatte, zu Caridad zurückzukehren? Und was wollte Caridad damit sagen, dass auch sie, Elena, eine Rolle in der Geschichte spielte?

»Ich habe schon geschlafen … Ich war bei Conchita und Ramón, nachdem ich heute früh gelandet bin …« Elena vermied es, Caridad in die Augen zu schauen. Stattdessen kickte sie mit dem Fuß etwas Unsichtbares durch den Raum.

Caridad schwieg einen Moment, dann sagte sie: »Du wolltest nicht sofort hierher kommen – das verstehe ich … Wir haben viel zu besprechen. Komm, hol dein Gepäck. Ich helfe dir. Lass uns hinaufgehen.«

Elena nickte. Sie hatte einen Kloß im Hals. Schweigend trugen sie die Sachen nach oben, und Elena setzte sich an den alten Küchentisch. Sie blickte sich um. Die Wohnung hatte etwas tröstlich Vertrautes. Caridad stellte einen Teller mit kalten empanadas vor Elena und bereitete mate. Dann setzte sie sich Elena gegenüber.

Eine Weile sagte keine von beiden etwas. Sie aßen und tranken den bitteren Tee. Elena ließ die alte Umgebung auf sich wirken. Den Geschmack von Caridads empanadas, den Geruch der Küche und den Anblick des alten Tisches. Sie hatte nicht das Gefühl, fast ein Jahr fortgewesen zu sein. Sie sog den mate durch die bombilla, den metallenen Halm, und musterte Caridad verstohlen, die ihre empanada konzentriert in mundgerechte Stücke zerteilte. Sie sah gut aus. Ihre Augen hatten nicht den in sich gekehrten unsteten Ausdruck, den Elena früher nur zu oft gesehen hatte. Ihr Haar war anders frisiert, und offenbar hatte sie endlich ein paar Kilo zugenommen, was ihre attraktive Figur besser zur Geltung brachte. Auch wenn dieses erste gemeinsame Mahl nach Elenas Rückkehr beide ein wenig befangen machte, wirkte sie ruhig und ausgeglichen. Elena fühlte sich geborgen. Für den Moment war Las Palmas und alles, was sie dort erlebt hatte, weit weg. Hier gehörte sie hin. Elena griff nach einer weiteren empanada. Sie wollte Caridad sagen, wie sehr sie sich darauf freute, ihr Leben an ihrer Seite wieder aufzunehmen. Doch die richtigen Worte kamen ihr nicht in den Sinn. Aber sie mussten reden. Es war wichtig, schließlich ging es um den Neubeginn ihrer Beziehung. Sicher, es gab einiges zu klären. Ihre letzten Telefonate, die Vorwürfe, die Caridad Elena gemacht hatte, standen zwischen ihnen. Elena öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie räusperte sich, und Caridad blickte von ihrem Teller auf. Elena spürte: Dies war ein entscheidender Moment. Jetzt musste sie etwas sagen. Fieberhaft überlegte sie. »Ich …« war alles, was sie hervorbrachte.

Caridad schob ihren Teller von sich. »Wir müssen reden, Elena.« Sie zögerte. »Ich möchte, dass du ausziehst.«

Der Satz stand im Raum. Elena starrte Caridad an, die ihrem Blick standhielt. Keine sprach. Von der Straße her klang das stete Brummen des Verkehrs, hier und da unterbrochen von ungeduldigem Hupen.

»Aber …«, setzte Elena an. Was hatte Caridad da gesagt? Sie wollte, dass sie auszog?

»Im Prinzip könnte auch ich ausziehen, aber ich brauche die Werkstatt. So einen Raum finde ich so schnell nicht wieder. Wenn du aber auf dieser Wohnung bestehst, dann bin ich auch bereit auszuziehen, möchte die Werkstatt aber behalten. Es wäre also einfacher, du suchst dir etwas Neues.« Caridad hatte sehr schnell gesprochen, und bevor Elena zu Wort kam, fügte sie hinzu: »Natürlich bleibst du erst einmal hier. Du musst in Ruhe suchen, bis du etwas Passendes gefunden hast.« Caridad lehnte sich zurück. Sie schien erleichtert, schaute Elena gleichzeitig jedoch voller Sorge an.

»Du schmeißt mich raus?« Elena hatte sich zumindest soweit gefasst, dass sie einen klaren Satz formulieren konnte. Immer noch ungläubig starrte sie Caridad an. »Aber wieso? Ich verstehe das nicht!«

»Wir können nicht mehr zusammenleben wie bisher. Wir sind schon lange kein Paar mehr – kein Liebespaar«, präzisierte Caridad. »Se nos rompió el amor.« Dann sagte sie: »Ich denke, das weißt du auch, Elena.«

Elena schwindelte, in ihrem Kopf rauschte es. Ein riesiger Knoten saß in ihrer Brust, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie schluckte, nur das jetzt nicht. Sie wollte nicht heulen, also schrie sie: »Ich bin noch keine Stunde hier, Caridad, und du setzt mich vor die Tür und sagst, dass es aus ist! Schön. Dann weiß ich ja jetzt Bescheid. Bis eben habe ich das nicht gewusst – was immer du auch dachtest, dass ich wüsste!«

Sie sprang auf und stieß den Stuhl dabei um. Die Tränen, die eben noch in ihren Augen brannten, waren fort. Ihr Blick spie Feuer. Caridad schaute sie reglos an.

»Komm, setz dich wieder. Lass uns reden. Ich will dir so vieles sagen und erklären …« Caridad machte eine kleine Pause und blickte die zornige Elena an. »Ich weiß, es wirkt herzlos. Du bist gerade zurückgekommen und ich bitte dich auszuziehen.« Sie holte Luft. »Während der Zeit, die du fort warst, ist viel passiert … Ich meine, mit mir passiert, und ich habe viel nachgedacht – gerade auch über uns. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen, aber dass es vorbei ist, musste ich gleich sagen. Ich hätte sonst nie den passenden Moment gefunden … Und irgendwie ist es doch der richtige Zeitpunkt – bevor wir wieder anfangen, etwas zu leben, das nicht mehr existiert …« Caridad fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen.

Elena stand noch einen Moment reglos neben dem umgefallenen Stuhl, dann stürzte sie aus dem Raum, schnappte sich ihr gesamtes Gepäck auf einmal und fiel damit die Treppe eher hinunter, als dass sie ging.

Conchita staunte nicht schlecht, als Elena binnen weniger als vierundzwanzig Stunden das zweite Mal mit Sack und Pack vor ihrer Tür stand.

»¿Qué pasa? Was ist los?«, fragte sie und ließ Elena eintreten.

»Sie hat mich rausgeworfen.«

Conchita hob die Brauen. »Das ging aber schnell …« Sie nahm Elena eine Tasche ab. »Nun – das Klappbett steht noch da.«

Elena nickte. »Danke, Conchi.« Das war es, was sie an Conchita mochte, sie machte nie viel Aufhebens.

Sie gingen schweigend durch den dunklen Tanzraum an Ramóns Büro vorbei zu der Kammer, die Elena vorfand, wie sie sie vor ein paar Stunden verlassen hatte. Conchita lächelte Elena an: »Morgen ist ein neuer Tag. Versuch zu schlafen, Elena. Buenas noches

Elena machte sich nicht die Mühe, sich auszuziehen. Sie ließ sich auf das Bett fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Caridad hatte sich von ihr getrennt und sie kurzerhand aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Sie konnte es nicht fassen. Das war das Letzte, was sie erwartet hätte, ach was, es lag jenseits dessen, was sie sich hätte vorstellen können. Wut und Selbstmitleid ließen sie laut aufheulen. Sie drehte sich um und boxte in ihr Kopfkissen, bis sich ein Federkiel durch den Bezug drückte und sie schmerzhaft in die geballte Faust piekste. Sie weinte, bis sie Schluckauf bekam und einen ganz trockenen Mund hatte. Sie holte sich ein Glas Wasser. In ihrem Kopf herrschte das reinste Chaos. Bilder von Inés verschmolzen mit Bildern von Caridad, wie sie glücklich in ihrer Werkstatt stand und Elena von der bevorstehenden Ausstellung erzählte. Ihre Augen strahlten, und sie sah wunderschön aus. Das war nicht die Caridad gewesen, die sie elf Monate zuvor zurückgelassen hatte. Nein, diese Caridad erinnerte sie an die Frau, die sie neun Jahre zuvor kennen und lieben gelernt hatte – auch wenn sie damals längst nicht so zuversichtlich und selbstsicher gewesen war. Dann sah Elena Inés vor sich. Inés, die sie zurückgewiesen hatte, um ihr altes Leben in Buenos Aires wiederaufzunehmen. Inés, die sie unendlich traurig anschaute und schließlich die Hoffnung auf eine Liebe aufgab. Was war nur passiert? Sie hatte Buenos Aires verlassen und eine unglückliche, mit dem Leben hadernde Caridad zurückgelassen. Für das Leid, das Caridad mit sich trug, konnte Elena nichts; sie hatte sich immer gewünscht, etwas von der Last auf sich nehmen zu können. Doch kaum war sie fort gewesen, hatte Caridad sich vollkommen gewandelt. Dafür hatte sie eine unglückliche Inés in Las Palmas zurückgelassen, die, als sie sie kennenlernte, fröhlich und unbeschwert gewesen war. Irgendetwas lief verdammt schief in ihren Beziehungen. Es musste etwas mit ihr, Elena, zu tun haben. Sie weinte, bis sie vollkommen erschöpft einschlief.

Am nächsten Morgen wachte Elena, obwohl sie kaum geschlafen hatte, schon um sieben Uhr auf; die Zeitumstellung forderte ihren Tribut. Übermüdet schaute sie aus dem winzigen Fenster der Kammer und blickte auf einen tristen, engen Hinterhof. Nichts rührte sich, und Elena starrte unschlüssig auf ihre schmale Liege und das zerwühlte Bettzeug. Die Erinnerungen an den vorherigen Tag erwachten und bohrten sich schmerzhaft in ihren Kopf. Sie musste mit Caridad reden. Das alles war wie ein schlechter Traum. Sollte so die Rückkehr in ihr Leben in Buenos Aires aussehen? Sie musste Ordnung und Klarheit schaffen. Sicherlich konnte sie mit Caridad nicht dort weitermachen, wo sie vor ihrer Abreise nach Las Palmas angelangt waren. Dafür war zu viel passiert. Sie griff nach ihrer Kleidung und ging in das kleine Bad hinter Ramóns Büro.

Geduscht und angezogen stand sie unschlüssig auf der Schwelle zu ihrer Kammer. Es war viel zu früh, um zu Caridad zu gehen. Aber hier hielt sie es keine Minute länger aus. Es war Zeit für einen Kaffee und frische Luft. Elena trat aus der Tanzschule und lief durch San Telmo in Richtung Montserrat. Sie mochte das morgendliche San Telmo, aus dem die Nachtschwärmer seit ein paar Stunden verschwunden waren, das Arbeitsleben jedoch noch nicht begonnen hatte. Nur wenige Bars und Cafés hatten geöffnet, über allem lagen eine relative Ruhe und Trägheit. Genussvoll sog sie den Geruch der feuchten Herbstluft ein. Die frische Luft in ihren Lungen tat gut. Der Winter stand vor der Tür. Bald würde es heftig regnen, etwas, das sie in Las Palmas nie erlebt hatte. Sie schritt zügig aus und wäre beinahe mit einem Mann zusammengestoßen, der Gemüsekisten aus einem Lieferwagen lud und in ein Geschäft trug. Einen Moment überlegte sie, ob sie weiter in Richtung Zentrum, jenseits der Plaza de Mayo, laufen sollte, um bei einem Kaffee zuzuschauen, wie emsige Bankangestellte und Börsianer zur Arbeit eilten, doch sie entschied sich, in die Avenida Belgrano abzubiegen. Sie mochte die Gegend südlich der Plaza del Congreso. Es war ein Teil der Stadt, der keine spektakulären Attraktionen bot und daher auch von Touristinnen und Touristen kaum besucht wurde. Dennoch war es schön hier. Ein buntes Gemisch aus Wohnhäusern, kleinen Geschäften und Büros, Läden und Werkstätten prägte das Viertel, in dem neoklassizistische Gebäude neben Häusern mit gesichtslosen Fassaden aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert standen, sich Jugendstil an Bauhaus lehnte und gemeinsam ein dennoch harmonisches Ganzes bildeten. Anders als in San Telmo herrschte hier bereits mehr Leben auf der Straße. Geschäftsinhaber spritzten den Gehweg vor ihren Schaufenstern ab, und Werkstätten öffneten ihre Pforten.

Elena bog in die Straße San José ein. Je näher sie der Plaza del Congreso kam, desto mehr Menschen waren unterwegs. Sie ging am Büro der Zeitung Página/12 vorbei und wäre beinahe über einen Haufen prallgefüllter Plastiktüten gestolpert. Eine Gruppe von cartoneros, Papiersammlern, hockte an der Straßenecke und blockierte den Bürgersteig mit der Ausbeute der vergangenen Nacht. Sie tranken aus Pappbechern und diskutierten lautstark miteinander. Das war nun schon der zweite Beinahezusammenstoß an diesem Morgen. Was war nur mit ihr los?, fragte sich Elena und wechselte die Straßenseite. Ein Taxi fuhr haarscharf an ihr vorbei, und sie beschloss, sich an der Plaza del Congreso einen café con leche zu gönnen. An der Ecke zur Avenida de Mayo saß ein Scherenschleifer auf einem aufgebockten Fahrrad, mit dessen Hilfe er den Schleifstein drehte, und schliff ein Messer. Neben ihm legte ein Straßenhändler sein Angebot von Uhren, Sonnenbrillen und Steckdosenadaptern aus. Elena wandte sich nach links und bewunderte das verfärbte Laub der Platanen. Die subte-Station Sáenz Peña spukte einen Schwall Angestellte aus, die in typischer Businesskleidung in Richtung Congreso strömten, ohne das Angebot der Straßenhändler zu beachten. Auch der Duft der Räucherstäbchen, für die asiatische Straßenverkäufer eine Schwäche zu haben schienen, konnte zu dieser Zeit niemanden zu Kauf verführen.

Elena betrat die erstbeste Kaffeebar und setzte sich ans Fenster. Der Verkehr draußen nahm stetig zu. Neben den vielen schwarz-gelben Taxis bahnten sich colectivos, Pkws und Lieferautos ihren Weg. Fußgänger schlängelten sich unbekümmert zwischen den Fahrzeugen hindurch. Elena genoss den Anblick ihrer zum Leben erwachenden Stadt. Das war Buenos Aires. Sie liebte es. Im Verlauf des Vormittags würde das Verkehrsaufkommen in diesem Teil der Stadt einen ersten Höhepunkt erreichen und gegen elf, zwölf Uhr in den ersten Staus gipfeln. Doch jetzt zu Tagesbeginn floss der Verkehr noch, und die Gesichter der Menschen waren erwartungsvoll. Die Atmosphäre war betriebsam, doch ohne Hektik, und so dauerte es auch eine gute Weile, bis einer der Kellner Elena seine Aufmerksamkeit schenkte. Als seien sie alte Bekannte erkundigte er sich, wie es ihr ginge und schlug ihr das Angebot des Tages, café con leche mit zwei medialunas für zehn pesos vor. Kaum stand das Gewünschte vor ihr, biss Elena in die köstliche, nach Butter duftende medialuna und schloss für einen Moment die Augen. Ja, diesen Geschmack hatte sie vermisst. Die Croissants in Las Palmas waren nichts dagegen. Ihr Blätterteig zerbröselte, und statt mit Butter, wie dieses wunderbare Gebäck, waren sie mit Öl gebacken. Vorsichtig trank sie ein Schlückchen heißen Kaffee und schaute zufrieden aus dem Fenster. Sie war wieder zu Hause. Nachher würde sie mit Caridad sprechen und die Dinge wieder ins Lot bringen. Vor Aufregung zog sich ihr Magen zusammen, und sie legte das angebissene Gebäck zurück auf den Teller.

Elena ging über den Hof zu Caridads Werkstatt. Wie am Tag zuvor stand die Tür weit offen, und der Lieferwagen, den sie schon kannte, parkte davor. Unschlüssig blieb sie stehen und überlegte, ob sie warten sollte, bis die Männer die restlichen Werke aufgeladen hatten. In dem Augenblick trat Caridad mit drei Männern, die etwas Längliches trugen, vor die Tür. Ihren angespannten Körpern und den konzentrierten Gesichtern nach zu urteilen, musste das verschnürte Objekt sehr schwer sein. Wahrscheinlich eine von Caridads Skulpturen aus gegossenem Beton, dachte Elena. Als das Objekt sicher auf der Ladefläche verstaut war, entdeckte Caridad Elena. Sie stutzte, dann winkte sie Elena herbei, und ein vorsichtiges Lächeln glitt über ihr Gesicht. Elena trat zögernd näher, nickte den Männern zu und sagte an Caridad gewandt: »Guten Morgen.« Sie trat von einem Bein aufs andere und hatte das Gefühl, noch etwas sagen zu müssen, aber ihr wollte nichts einfallen. Also schwieg sie und schaute Caridad an.

Caridad kannte Elenas hilfloses Schweigen nur zu gut. »Komm rein. Die Jungs müssen nur noch eine Skulptur verladen, dann sind sie fertig. Drüben auf der Fensterbank steht heißes Wasser und mate. Nimm dir, wenn du magst. Ich helfe hier noch schnell ein wenig, dann komme ich.«

Caridad dirigierte die schnaufenden Männer durch die Tür bis zum Wagen und wartete, bis auch das letzte Objekt verladen war. Sie war froh, dass Elena so schnell wiedergekommen war. Sie hatte sich die ganze Nacht mit Selbstvorwürfen geplagt, weil sie Elena so überstürzt mit ihrer Entscheidung, sich zu trennen, konfrontiert hatte. Das war in der Tat ziemlich radikal gewesen, obwohl sie auch erleichtert war, es gleich gesagt zu haben. So war es ehrlicher. Nach Elenas überstürztem Aufbruch am Abend zuvor hatte sie erwartet, dass Elena eine Weile abtauchte, bevor sie sie wieder zu Gesicht bekam. Auch wenn sie miteinander reden mussten. Die Tatsache, dass Elena gleich am nächsten Tag vor der Tür stand, zeigte, dass auch sie so dachte. Sie musste behutsamer sein als am Abend zuvor. Es gab zu vieles, das Elena nicht verstehen konnte, zu vieles, was sie ihr in all den Jahren ihres gemeinsamen Lebens nicht hatte begreiflich machen können, weil sie, Caridad, keine Worte gefunden hatte, für das, was sie durchlitt. Das Meiste davon hatte nichts mit Elena zu tun und wenn, dann nur insofern, als Elena Caridads Trauer über den gewaltsamen Tod ihrer Schwester hilflos gegenüberstand. Caridads unbändiger Zorn auf die Mörder hatte wie ein schleichendes Gift auch ihre Liebe angegriffen. Elena hatte versucht, sie aus ihrem Leid zu reißen, hatte ihr Mut gemacht und sie in ihrer Arbeit als Künstlerin bestärkt. Und sie hatte für sich Möglichkeiten gefunden, Aufmerksamkeit, Ausgelassenheit und unbeschwerte Stunden zu finden. Caridad seufzte. Es hatte sie geschmerzt, als Elena irgendwann begonnen hatte, bei anderen Frauen das zu suchen, was sie ihr nicht hatte gegeben können. Doch der Schmerz darüber war nichts im Vergleich zu dem, der seit ihrer Jugend in ihr nagte. Und so hatte sie die Augen verschlossen vor Elenas Affären, was Elena gewiss als Gleichgültigkeit gedeutet hatte. Letztlich hatte sie sich nur gegen weiteren Schmerz abgeschirmt und damit auch vor der Liebe.

Caridad winkte den Männern zum Abschied, dann wandte sie sich um und ging zurück. Sie sah sich Elena gegenüber, die auf der Fensterbank hockte und den Becher mate mit beiden Händen umfing.

»Ich hoffe, das ist nicht dein erstes warmes Getränk heute Morgen«, sagte Caridad.

Elena schüttelte den Kopf, reichte Caridad den Becher und antwortete: »Ich war in aller Frühe draußen in San Telmo und Montserrat und habe dann einen großen café con leche an der Plaza del Congreso getrunken und meine ersten medialunas genossen.«

Caridad lächelte. Zu gut kannte sie Elenas Vorliebe, frühmorgens durch die Stadt zu wandern. »Ah, kaum zurück und schon spazierst du wieder durch das erwachende Buenos Aires. Hast du solche Ausflüge auch in Las Palmas unternommen?«

Elena nickte. »Das eine oder andere Mal. Aber Las Palmas kann auch an einem Sonntagvormittag noch vergleichsweise ruhig und friedlich sein – man muss nicht unbedingt so früh aufstehen, um die Atmosphäre einer stillen Stadt zu erleben.«

Caridad nickte und sog an der bombilla. Zumindest hatte sie es schon einmal geschafft, zwanglos ein Gespräch zu eröffnen. Ihr Herz begann zu klopfen, als sie an Elenas Reaktion am Abend zuvor, an ihre Wut und Empörung dachte.

»Ich hoffe, du bist letzte Nacht gut untergekommen …? Wie gesagt, bleib erst mal hier, bis du wieder Fuß gefasst hast.«

»Ich war wieder bei Conchita und Ramón. Ich komme schon klar.«

Caridad seufzte, dann stellte sie den Becher neben sich auf die Fensterbank und blickte Elena geradewegs an. »Ich war wohl gestern etwas ungeschickt …« Sie schwieg.

»Sagen wir mal, es kam etwas plötzlich«, antwortete Elena leise und zuckte die Schultern. »Aber die Botschaft ist angekommen«, fügte sie hinzu und starrte auf einen Punkt zu ihren Füßen.

»Bueno, in der Sache schon, aber ich möchte, dass du mich verstehst. Ich will dir erklären, wie …«

Elena winkte ab. »Du bist mir keine Erklärung schuldig«, antwortete sie schroff und vertiefte sich in die Struktur des Betonbodens.

»Doch! Und ich möchte, dass du mich verstehst, und ehrlich gesagt, denke ich nicht, dass es so plötzlich war …«

»Ach, nein? Wie würdest du es denn nennen, wenn jemand nach einem knappen Jahr nach Hause kommt und noch am selben Tag abserviert wird?«

Caridad schaute sie erst zweifelnd, dann ärgerlich an. Natürlich – Elena war verletzt und verschloss sich. »Und warum bist du dann überhaupt heute gekommen, wenn schon alles gesagt ist?«

Elena zuckte wieder die Schultern und schwieg. Sie kämpfte offenkundig mit den Tränen. Nach einer Weile sagte sie: »Was ist falsch gelaufen, Caridad?«

»Eine Menge, fürchte ich … Letztlich lag es an mir, weil ich mit meinem eigenen Leben nicht klar kam. Ich konnte dir nicht wirklich eine Partnerin sein … Und du hast begonnen, in mir nur noch jemanden mit Problemen zu sehen, der Hilfe brauchte. Irgendwann war es nicht mehr Liebe, sondern nur noch Fürsorge. Du hast geglaubt, Verantwortung für mich übernehmen zu müssen. Und ich habe es zugelassen. Ich war verunsichert und …«

»Es ging dir total schlecht, und ich wollte dir helfen …«, sagte Elena mit erstickter Stimme. »Aber kaum bin ich fort, gelingt dir offenbar das, was nicht möglich war, als wir zusammen lebten.«

»Ich weiß, dass du mir helfen wolltest – dafür werde ich dich immer lieben! Aber deine Fürsorge hat mich erdrückt, auch wenn das nicht in deiner Absicht lag. Ich habe mich nur noch elender gefühlt als ohnehin schon und bin völlig unselbstständig geworden. Aber niemand hätte mir helfen können, nur ich selbst. Wobei – der Auslöser, etwas zu ändern, warst du.«

»Ach ja?« Elena wagte es nicht, Caridad anzusehen.

»Weißt du noch, der Tag, an dem wir telefoniert haben und ich dich angeschrien habe, dass du mich erdrückst und nichts verstehst? Am Tag darauf habe ich einen Text zu fünf meiner Skulpturen verfasst und bin samt Fotos in die Galeria Leró marschiert und habe nach Javier Cuevas oder Elias Amado verlangt. Ich muss so entschlossen gewirkt haben, dass binnen zwei Minuten Elias vor mir stand. Ich habe tief durchgeatmet und gesagt, was ich zu sagen hatte. Zwei Tage später kam er hierher. Den Rest der Geschichte kennst du. Ich war so wütend auf dich am Telefon, aber die Wut hat sich irgendwie in Mut verwandelt. Deine ewige Sorge um mich hat mir vor Augen geführt, was für ein kraftloser Mensch ich mittlerweile war. Und das wollte ich nicht sein. Ich werde den Tod meiner Schwester nie verwinden. Ihr Leben haben sie zerstört, aber ich werde nicht zulassen, dass die Mörder und Folterknechte noch länger Macht über meines haben. Meine Arbeit hat mir immer geholfen. Ohne sie wäre ich zerbrochen. Du hast mir den endgültigen Anstoß gegeben, wieder einen Versuch zu starten, jemanden auf mein Werk aufmerksam zu machen.«

»Gut zu wissen, dass ein Haufen Stahl und Beton dir mehr helfen konnten als ich«, murmelte Elena.

»Concha de la lora, verdammte Scheiße! Hör auf, so ein hirnverbranntes Zeug zu reden!«, schrie Caridad, und Elena brach in Tränen aus. Sie weinte und weinte. Die Macht, mit der sich die Tränen ihren Weg bahnten, ließ sie am ganzen Körper beben. Caridad schloss sie in die Arme. Ihren Kopf an Caridads Schulter gelehnt, wurde Elena binnen weniger Augenblicke von einem hartnäckigen Schluckauf geplagt.

Nach einer Weile blickte sie auf. »Es ist wirklich vorbei.«

»Ja, Elena. Schon lange. Du hast keine Schuld. Versuch nicht wieder die Verantwortung zu übernehmen. Aber etwas wird bleiben von all dem Schönen und Guten, das auch zwischen uns war. Ich weiß es.«

Es war Elenas erster Arbeitstag in der Tanzschule von Ramón und Conchita. Sie freute sich, mit dem Unterrichten beginnen zu können. Endlich wieder eine sinnvolle Aufgabe. Erwartungsvoll und ein wenig aufgeregt blickte sie den neuen Schülerinnen und Schülern entgegen, die sich nach und nach einfanden. Eine Gruppe, die hauptsächlich aus Deutschen und Holländern bestand, wie ihr Ramón gesagt hatte. Ein paar Schweden oder Norweger wären womöglich auch dabei, er hatte es nicht mehr genau gewusst. Die letzten Wochen waren schlimm gewesen. Elena hatte ein wenig im Lebensmittelladen eines entfernten Bekannten ausgeholfen und ansonsten Trübsal geblasen. Am Tag zuvor hatte sie ihre winzige neue Wohnung in Boedo bezogen. Bis dahin war sie bei Rafaela, einer langjährigen Freundin, die ihr immer die Haare schnitt, und deren Tochter untergekommen. Nach all den tristen Wochen, in denen ihre Gedanken endlos um Inés und Caridad gekreist waren und sie Rafaelas kluge Kommentare zu Caridad abgeblockt hatte, war die neue Wohnung ein echter Lichtblick. Vom Treppenhaus im fünften Stock trat man direkt in einen kleinen Flur mit Herd und Spüle. Dahinter befand sich ein recht großes Zimmer mit zwei hohen Fenstern, die einen weiten Blick über die Dächer des Viertels freigaben. Unmittelbar vor den Fenstern war das Flachdach eines angrenzenden Neubaus. Ihr Vormieter hatte eine kleine Treppe unter eines der Fenster gebaut, so dass man, schwang man sich geschickt über die Fensterbank, auf das Dach treten konnte. Er hatte ihr einige Blumenkübel und zwei klapprige Stühle hinterlassen, die nun die Grundausstattung ihrer Dachterrasse bildeten. Natürlich war die Inbesitznahme des Daches auf diese Weise illegal und ein wenig gefährlich – schließlich ging es von der ungesicherten Kante vier Stockwerke hinab – aber der Mann hatte ihr versichert, dass er während der fast fünf Jahre, die er dort gewohnt hatte, nie Ärger mit Nachbarn oder Hausbesitzern hatte. Das Bad teilte sie sich mit einer Nachbarin, die sie noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Doch es befand sich direkt neben ihrer Wohnungstür – besser hätte es kaum sein können. Wohnungen in halbwegs zentraler Lage und angenehmer Umgebung, die über reguläre Küchen und Bäder verfügten, waren außerhalb ihrer Preiskategorie.

Conchita balancierte auf acht Zentimeter hohen Absätzen, während Elena sie sicher im Arm hielt und ihren Schülerinnen und Schülern erklärte: »Sehen Sie, wie Conchita sich mit einen Großteil ihres Gewichts gegen mich lehnt? In einer umarmenden Tanzhaltung sind die Oberkörper eng beieinander – wie eng, das bestimmt die Folgende. Dazu gleich mehr.« Elena trat erst links, dann rechts neben Conchita, die auf der Stelle verharrte. So zog sie Conchita mit sich, die ohne den Halt, den Elena ihr bot, sofort umgefallen wäre, da sie ihren Schwerpunkt auf Elenas Körper verlagert hatte.

»Wenn Ihre Tanzpartnerin es nicht wagt, sich auf den Halt zu verlassen, den Sie ihr anbieten, ist es vermutlich auch mit ihrer Bereitschaft, sich führen zu lassen, nicht weit her«, erklärte Elena. Sie schritt in einem Halbkreis um Conchitas Achse, die nach wie vor keinen Schritt machte, sondern sich von Elena bewegen ließ. Dabei hielt sie vom Scheitel bis zur Sohle ein hohes Maß an Spannung, reagierte aber auf Elenas Bewegungen flexibel wie ein Grashalm in Wind. Elenas Demonstration wurde von den Schülerinnen und Schülern mit aufgeregtem Murmeln begleitet. Sie lächelte – für die meisten sah es wahrscheinlich höchst gefährlich aus, wie sich Conchita auf ihren hohen Absätzen in gefährliche Schräglagen begab. Es war offensichtlich, dass sie sich ganz und gar auf Elena verließ. Mit einer tirada brachte Elena Conchita wieder in eine aufrechte Position.

»Nun zum Abstand zwischen den Tanzenden. Es gibt zwei grundsätzliche Möglichkeiten, den Abstand zu verringern. Zum einen können Sie insgesamt enger oder weiter voneinander entfernt tanzen, zum anderen können Sie nur den Abstand zwischen den Oberkörpern verringern, während der sonstige Abstand gleich bleibt. Um diese Tanzhaltung einzunehmen, ist ein gewisser Druck von Körper gegen Körper hilfreich, wenn nicht gar notwendig. Ohne diesen leichten Druck ist die Führung im Tango schwierig, denn mehr noch als bei den meisten anderen Paartänzen führen Sie mit dem ganzen Oberkörper. Von ihm gehen die Impulse aus. Die Dame kann ihre Hand auf den Oberarm ihres Partners oder ihren linken Arm um seine Schulter legen, den ganzen Körper und auch den Kopf an ihn lehnen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einander zu berühren und festzuhalten, wir sprechen dabei von abrazo, Umarmung. Jedes Paar muss die ideale Tanzhaltung für sich finden und entscheiden, wie viel Nähe es zulässt. Die linke Hand der Folgenden reguliert den Abstand zwischen den beiden Körpern. Sie ist es, die mehr Nähe erlaubt oder mehr Abstand fordert. Führende, die glauben, ihre rechte Hand sei nur dazu da, die Partnerin möglichst eng an sich zu ziehen oder sie gar in eine Richtung zu schieben, haben das Grundprinzip der Führung im Tango nicht begriffen. Es geht darum, in einem stummen Dialog der Körper zu ergründen, wie weit sich die Dame auf die Bewegungen und Schritte ihres Tanzpartners einlassen mag. Männer, die das nicht glauben mögen, sollen sich einmal von ihren Tanzpartnerinnen – oder gerne auch von mir – ein paar Takte durch den Raum führen lassen.« Elena ließ Conchita los und strich sich das Haar aus der Stirn. »Auch wenn Sie wahrscheinlich in der üblichen Konstellation tanzen, bei der der Herr führt und die Dame folgt, können Sie sich während des Unterrichts vielleicht ab und an zu einem Rollentausch durchringen.« Ein paar Männer und Frauen kicherten. Das war die übliche Reaktion auf diesen Vorschlag. Elena und Conchita verzogen keine Miene. »Nur wer wirklich weiß, wie es ist, die Kontrolle abzugeben und sich völlig auf den anderen zu verlassen, kann umsichtig führen und genug Vertrauen für eine innige Kommunikation aufbauen«, beendete Elena ihre Erklärung.

»Glauben Sie mir«, ergänzte Conchita, »ich habe mit meinem Mann erst Turniere getanzt, nachdem er sich beim Training regelmäßig von mir führen ließ. Er kannte es zwar, von seinem Tangolehrer geführt zu werden, aber sich von seiner Frau führen zu lassen hat ihm anfangs einiges abverlangt. Unserem Tanzen ist es jedoch sehr gut bekommen.« Sie lächelte in die Runde. »Ja, Tango ist ein Tanz für machos, ohne klare Ansagen macht das Paar eine schlechte Figur auf dem Parkett, aber ohne die Bereitschaft der Frau, sich darauf einzulassen, läuft überhaupt nichts, da können Sie sicher sein.«

»Bevor Sie gleich selbst tanzen, werden Conchita und ich Ihnen bei einem langsamen Tango noch einmal demonstrieren, wie wir gemeinsam ausloten, inwieweit die Folgende bereit ist, auf schwierige, ganz auf dem Schwerpunkt der Führenden basierende Figuren einzugehen. Achten Sie dabei auch darauf, wie der Abstand zwischen den Tanzenden immer wieder neu bestimmt wird.« Bevor sie zum Mischpult ging, fragte Elena Conchita leise: »Willst du führen oder soll ich?«

»Führ du, dann brauche ich nicht die Schuhe zu wechseln.«

Elena nickte und wählte einen Tango von Astor Piazzolla aus, Vuelvo al Sur. Dann trat sie zu Conchita und bot ihr die linke Hand.

Die Musik setzte ein. Auftakt und ersten Takt ließ Elena ohne einen einzigen Schritt verstreichen und gab Conchita, die sich eng an sie lehnte, so die Möglichkeit, eine gemeinsame Tanzhaltung zu finden. Mit dem Einsetzen des Bandoneons machte sie einen Schritt zur Seite und dann zwei lange Schritte nach vorn. Sie setzte den Tanz mit ein paar einfachen gradlinigen Schrittkombinationen fort und führte Conchita dann in eine langsame ocho rückwärts. Mit dem Schwung aus der Drehung vollführte Conchita einen gancho, einen Haken, bei dem sie ihren Unterschenkel kurz zwischen Elenas Beine gleiten ließ und dann ebenso schwungvoll wieder fortzog. Elena durchteilte den Raum mit kleinen Vorwärts- und Seitwärtsschritten. Sie führte Conchita abwechselnd in ochos und cruzes, die Conchita nutzte, um mit ihrem unbelasteten Bein boleos in die Luft zu schreiben und ihren Fuß in schwingenden Kreisbewegungen über den Boden gleiten zu lassen. Dabei hakte sie ihr Bein immer wieder um die Innen- und Außenseite von Elenas Beinen, bis sie es schließlich um Elenas Taille legte. Das war der Moment, in dem ein Raunen durch die Schülerschar ging. Ohne dass Elena dieses Bein festhielt, drehte sie Conchita ein Stück um ihre Achse. Ihre Gesichter waren einander zugewandt, und die Bewegung erschien unendlich langsam. Sie wussten, alle Schülerinnen und Schüler waren von dieser Figur beeindruckt. Versuchten sie es selbst, sah es zu Beginn meist aus, als wäre die Frau eher ein Storch als eine tanguera. Dabei war der piernazo